Sie standen vor 45 Gästen, als meine Schwiegertochter mich als „jemanden, der ein bisschen hilft“ vorstellte – in einem Haus, dessen Mietvertrag auf meinen Namen läuft und für das ich zwölf Jahre…

Sie standen vor 45 Gästen, als meine Schwiegertochter mich als „jemanden, der ein bisschen hilft“ vorstellte – in einem Haus, dessen Mietvertrag auf meinen Namen läuft und für das ich zwölf Jahre...

Zum zwölfjährigen Jubiläum der Pension Fischerstube stand meine Schwiegertochter mit einem Glas Sekt vor 45 Gästen und dankte allen, die zum Erfolg beigetragen hatten: dem Fischhändler, der Reinigungsfirma, der neuen Aushilfe, die erst seit acht Monaten an der Rezeption saß. Dann kam sie zu mir und sagte: „Und das ist Rosemarie, meine Schwiegermutter. Sie hilft noch ein bisschen an der Rezeption aus. Für ihr Alter ist sie wirklich fit.

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“ Es gab höfliches Lachen. Ich stand in einem Gebäude, dessen Mietvertrag auf meinen Namen lief, und lächelte mit. Mein Name ist Rosemarie Albrecht. Ich bin 71 Jahre alt und lebe in Passau an der Fischergasse, dort, wo die Ilz in die Donau fließt.

Bevor ich erzähle, was fünf Monate später aus diesem Haus wurde, möchte ich wissen, woher du mir zuhörst. Schreib deine Stadt in die Kommentare. Ich muss wissen, dass ich nicht allein bin. Dass irgendwo jemand versteht, wie es sich anfühlt, unsichtbar zu werden in etwas, das man selbst aufgebaut hat.

Es begann 2013. Mein Sohn Matthias war Koch, arbeitete immer in Restaurants an der Donau, immer als Angestellter, immer mit demselben Traum: ein eigenes Haus, mit Frühstück, mit Zimmern für Touristen, die die Altstadt besuchen. Er fand ein Gebäude an der Fischergasse, direkt am Fluss. Drei Stockwerke, acht Gästezimmer, ein kleiner Frühstücksraum im Erdgeschoss.

Der Eigentümer, Herr Brandner, wollte es vermieten, aber Matthias bekam den Vertrag nicht. Herr Brandner verlangte Sicherheit, eine Bürgschaft, einen Nachweis. Matthias hatte nichts davon. Er hatte einen Autokredit, keine eigene Wohnung, keine Geschäftserfahrung.

Ich hatte etwas. Mein Mann Alfons war gestorben, und ich hatte unsere Wohnung abbezahlt. Außerdem hatte ich 34 Jahre lang bei der Sparkasse in der Kreditabteilung gearbeitet, zuletzt als Teamleiterin. Ich kannte Kreditprüfungen, ich kannte Bürgschaften, ich wusste, worauf ich mich einließ.

Herr Brandner sagte, wenn ich als Mieterin unterschreibe und die Bürgschaft für den Kredit übernehme, bekommt Matthias das Haus. Ich unterschrieb zweimal: einmal den Mietvertrag für das Gebäude und einmal die Bürgschaft für ein Darlehen von 120. 000 Euro, wobei ich meine eigene Wohnung als Teil der Sicherheit einsetzte. Das ist der wichtigste Satz dieser ganzen Geschichte.

Deshalb sage ich ihn noch einmal klar: Seit 2013 läuft der Mietvertrag für die Pension Fischerstube auf den Namen Rosemarie Albrecht, geboren 1954. Nicht auf Matthias. Ich sah das damals nicht als Macht. Ich sah es als Hilfe.

Eine Mutter unterschreibt für ihren Sohn. So einfach ist das. Die Pension eröffnete im März 2014, und ich war von der ersten Woche an dabei. Der Plan war, dass ich nur gelegentlich vorbeischaue.

Aber Matthias konnte kochen und mit Gästen reden, aber er wusste nichts von dem, was ein Gasthaus sonst noch braucht. In der zweiten Woche fehlte die Anmeldung bei der Stadt wegen der Kurtaxe. In der vierten Woche kam eine Kontrolle vom Gewerbeaufsichtsamt, weil das Meldebuch nicht ordentlich geführt wurde. In Bayern muss jeder Übernachtungsgast namentlich mit einem Formular registriert werden.

Das ist Pflicht, keine Empfehlung. Im zweiten Monat rief Matthias den Steuerberater an und fragte, was eine Kurtaxe-Erklärung überhaupt sei. Ich habe 34 Jahre lang Kreditanträge geprüft, Sicherheiten bewertet und mit Handwerkern und kleinen Gaststätten über Finanzierungen verhandelt. Also fing ich an, das zu tun, was mein Sohn nicht konnte – und das war ziemlich viel.

Ich übernahm die gesamte Buchhaltung. Kassenbuch, Belege, Vorbereitung für den Steuerberater, die monatlichen Kurtaxe-Meldungen an die Stadt. Ich führte die Gästeregistrierung, jedes einzelne Meldeformular, Jahr für Jahr, damit bei einer Prüfung nichts fehlt. Ich koordinierte die Reservierungen, verhandelte mit dem Fischhändler und dem Bäcker und organisierte die Reinigungsfirma.

Ich sperrte um 6:30 Uhr die Türen auf, damit der Bäcker liefern konnte, weil Matthias um 6:30 Uhr nicht aufsteht. Ich zählte abends die Tageseinnahmen und brachte sie zur Bank. Zwölf Jahre lang, sechs Tage die Woche, zuletzt etwa 32 Stunden. Und jetzt kommt der Punkt, der später alles entschieden hat.

Ich hatte keinen Arbeitsvertrag, keine Anmeldung, keine Lohnabrechnung, keine Sozialversicherung. Nichts. Ich habe kein Gehalt bekommen, nicht einmal in zwölf Jahren. Am Anfang hieß es: „Mama, wenn es läuft, bekommst du etwas.

“ Dann hieß es: „Mama, wir müssen erst die Kreditbürgschaft abbezahlen. “ Und irgendwann hieß es gar nichts mehr, weil niemand mehr davon sprach. Ich lebte von meiner Rente, 960 Euro im Monat, und arbeitete in einem Betrieb, der zuletzt einen Jahresumsatz von über 420. 000 Euro hatte.

Denise kam 2017 dazu. Sie ist Matthias‘ Frau und hatte vorher im Einzelhandel gearbeitet. Sie kümmerte sich um das, was sie „die Außenwirkung“ nannte. Instagram, Speisekarte, Webseite, Zimmerdekoration.

Das kann sie gut, das muss ich zugeben. Die Zimmer sehen schön aus. Die Leute fotografieren das Frühstück. Aber mit Denise änderten sie, wie sie mich behandelten.

Es passierte schleichend. Als sie kam, sagte sie noch: „Rosemarie, du bist unglaublich mit den Zahlen. “ Nach einem Jahr sagte sie zu einer neuen Aushilfe in meiner Gegenwart: „Rosemarie macht ein bisschen das Büro. “ 2019 änderte sie die Frühstücksroutine, ohne mich zu fragen.

Als ich sagte, dass die Lieferzeiten dann nicht mehr funktionieren, sagte sie: „Rosemarie, du bist da vielleicht ein bisschen altmodisch. “ Es funktionierte nicht. Nach fünf Wochen waren wir zurück bei meiner Routine. Sie kaufte ein neues digitales Buchungssystem mit automatischer Gästeanmeldung.

Sie sagte, das mache jetzt alles einfacher. Ich fragte, ob es mit den Vorgaben des Meldegesetzes kompatibel sei. Sie schaute mich an, als hätte ich versehentlich ein Fremdwort benutzt. Es war nicht kompatibel.

Das merkten wir bei der nächsten Kontrolle. Aber ich wurde nicht mehr gefragt bei Entscheidungen. Ich sperrte weiterhin um 6:30 Uhr auf. Ich meldete weiterhin die Kurtaxe, rief den Fischhändler an und führte die Meldeformulare.

Aber wenn etwas besprochen wurde, saßen Matthias und Denise zusammen, und ich erfuhr es hinterher. Im Sommer kam eine Journalistin von der Passauer Neuen Presse für eine Serie über familiengeführte Häuser in der Altstadt. Denise gab das Interview. Matthias stand daneben, und im Artikel stand: „Das junge Paar Trautmann-Albrecht führt die Pension Fischerstube seit über einem Jahrzehnt gemeinsam, unterstützt von einem eingespielten Team.

“ Ich war das eingespielte Team. Ich schnitt den Artikel aus und legte ihn in eine Schublade. Ich weiß bis heute nicht, warum. Das Jubiläum war am 13.

April. Zwölf Jahre Pension Fischerstube. Sie machten ein großes Ereignis daraus. Abends war das Haus für Gäste geschlossen, mit Sekt und Häppchen.

45 Leute, Lieferanten, Stammgäste, jemand vom Tourismusbüro. Ich hatte drei Wochen daran gearbeitet, die Einladungen verschickt, die Getränke bestellt, mit dem Caterer verhandelt, die Buchhaltung gemacht. Ich hatte mir ein neues Kleid gekauft, dunkelgrün, das erste seit fünf Jahren. Und dann hielt Denise ihre Rede.

Wenn du diese Geschichte kennst, wenn du weißt, wie es ist, da zu stehen in einem Kleid, das du für diesen Abend gekauft hast, in einem Haus, dessen Vertrag auf deinen eigenen Namen läuft, und trotzdem übersehen zu werden, dann klicke jetzt auf Abonnieren. Denn für das, was jetzt kommt, brauche ich Zeugen. Sie sprach gut, über die Anfänge, über die Pandemie, über Momente, in denen sie nicht wussten, ob sie im nächsten Monat noch aufhaben würden. Ich wusste genau, welche Momente sie meinte, denn ich war es, die im Frühjahr 2020 mit der Bank verhandelte, als der Dispo fast ausgeschöpft war.

Ich fuhr dreimal zur Filiale, bis der Berater das Limit erhöhte. Matthias wusste damals nicht einmal, wie hoch der Kredit war. Dann fing sie an, Leute vorzustellen und sich zu bedanken. Den Steuerberater, den Fischhändler Herrn Wiesinger, der seit zwölf Jahren liefert, die Aushilfe, die seit acht Monaten da ist.

Ohne die Aushilfe, sagte sie, wären sie letzten Sommer untergegangen. Dann kam sie zu mir. Ich lachte mit. Ich nickte und machte eine Handbewegung, als wollte ich sagen: „Ach, das ist nichts, nicht der Rede wert.

“ Das werfe ich mir bis heute vor. Ich lachte mit in einem Kleid, das ich für diesen Abend gekauft hatte, in einem Haus, dessen Mietvertrag auf meinen Namen läuft. Und dann räumte ich noch zwei Stunden lang Gläser ab, weil die Aushilfe früher gehen musste. Herr Wiesinger, der Fischhändler, kam später zu mir und sagte: „Frau Albrecht, das war nicht richtig.

“ Ich sagte: „Ach, sie hat es nicht so gemeint. “ Er sah mich an und sagte: „Frau Albrecht, ich beliefer dieses Haus seit zwölf Jahren, und ich spreche immer mit Ihnen am Telefon, nicht mit den beiden, mit Ihnen. “ Dieser Satz wirkte länger in mir nach als die ganze Rede. Ich ging an dem Abend nach Hause, setzte mich an meinen Küchentisch, und dann passierte etwas, das ich nicht steuern konnte.

Ich fing an zu rechnen. Nicht aus Wut, aus Gewohnheit. 34 Jahre lang habe ich gerechnet, wenn ich nicht wusste, was ich sonst tun sollte. Ich rechnete aus, was ich in zwölf Jahren gearbeitet hatte.

32 Stunden die Woche, 6 Tage, etwa 46 Wochen im Jahr, weil ich manchmal Urlaub hatte. Zwölf Jahre, das sind 15. 456 Stunden. Ich schaute nach, was ein Profi mit meiner Qualifikation in Buchhaltung und Gastgewerbe verdient.

Der Satz liegt bei etwa 21 Euro pro Stunde. Das macht gut 325. 000 Euro. Ich habe für 325.

000 Euro gearbeitet und nichts bekommen. Und meine Schwiegertochter sagte vor 55 Leuten, dass ich ein bisschen helfe. Am nächsten Morgen rief ich einen Anwalt an. Ich möchte hier etwas klarstellen, weil es mir wichtig ist.

Ich bin nicht zum Anwalt gegangen, um Geld zu bekommen. Ich ging hin, weil ich wissen wollte, was ich eigentlich bin. Ob ich jemand bin. Dr.

Huber, Kanzlei am Stadtplatz, Fachanwalt für Bank- und Kapitalmarktrecht. Ich bekam einen Termin für Donnerstag und nahm alles mit. Den Mietvertrag, die Bürgschaftserklärung, zwölf Ordner Buchhaltung, den Zeitungsartikel. Dr.

Huber brauchte fast drei Stunden. Er sah sich alles genau an und sprach kaum. Nur einmal fragte er: „Und das haben Sie alles selbst gemacht? Auch die Verhandlungen mit der Bank?

“ Ich sagte: „Ja. “ Dann schob er die Papiere zusammen, legte die Hände darauf und sah mich an. „Frau Albrecht“, sagte er, „ich muss Ihnen etwas erklären, und Sie werden es zuerst nicht glauben. Sie sind nicht die Aushilfe in diesem Betrieb.

Sie sind die Schlüsselfigur in dreifacher Hinsicht, und jede einzelne davon würde genügen. Erstens: der Mietvertrag. Das Gebäude ist an Sie vermietet. Sie sind die Mieterin.

Ihr Sohn nutzt es, weil Sie es dulden. Es gibt keinen schriftlichen Untermietvertrag. Wenn Sie kündigen, verliert der Betrieb sein Zuhause. Zweitens: die Bürgschaft.

Sie haften der Bank mit Ihrer eigenen Wohnung, wenn der Kredit nicht bedient wird. Das bedeutet auch, dass Sie das Recht haben, von der Bank eine Freistellung zu verlangen, sobald der Betrieb seine eigene Kreditwürdigkeit nachweisen kann. Bislang hat das niemand verlangt. Sie sitzen seit zwölf Jahren auf einem Risiko, das eigentlich längst hätte abgebaut werden müssen.

Drittens, und das ist der Punkt, an dem Sie verstehen, wie die Dinge wirklich stehen: Wer meldet die Gäste an? Wer setzt die Kurtaxe mit der Stadt ab? Wer geht zu den Bankterminen? “ Ich sagte: „Ich.

“ Er lehnte sich zurück. „Frau Albrecht, dieser Betrieb läuft nicht mit Ihrer Hilfe. Er läuft, weil Sie ihn führen. Ihr Sohn kocht, Ihre Schwiegertochter dekoriert, und Sie führen das Unternehmen.

Ich saß in diesem Büro und weinte. Zum ersten Mal seit dem Jubiläum. Nicht aus Trauer, sondern weil zum ersten Mal seit zwölf Jahren jemand laut sagte, was ich bin. Wir besprachen, was ich will.

Ich sagte, ich will nicht kämpfen, ich will gehen. Dr. Huber fragte, ob ich es mir gut überlegt habe. Ich sagte, ich bin 71.

Ich stehe seit Jahren um 6:30 Uhr auf. Ich will nicht um meine Rechte in diesem Haus kämpfen. Ich will raus, und zwar ordentlich. Erstens: Ich werde den Mietvertrag zum frühestmöglichen Zeitpunkt kündigen.

Aber ich biete Herrn Brandner an, einen neuen Vertrag direkt mit Matthias zu schließen, vorausgesetzt, er kann seine Kreditwürdigkeit nachweisen. Zweitens: Ich verlange von der Bank die Freistellung aus der Bürgschaft, was eine ordentliche Kreditprüfung des Betriebs voraussetzt. Drittens: Ich werde meine Tätigkeit mit einer viermontatigen Übergabefrist beenden, in der ich alles dokumentiere. Viertens: Ich fordere keine Nachzahlung für zwölf Jahre, aber ich verlange ein formelles schriftliches Zeugnis darüber, was ich in diesem Betrieb getan habe.

Dr. Huber sah mich lange an. „Frau Albrecht, das ist die zurückhaltendste Forderung, die ich in über 20 Jahren gehört habe. Und wenn ich ehrlich bin, ist es auch die härteste.

“ Ich fragte warum. Er sagte, weil sie ihnen nichts wegnehmen, was ihnen einen Grund gäbe, sie zu hassen. Sie hören einfach auf, und dann sieht jeder, was sie tatsächlich waren. Die Briefe gingen am 25.

April raus: einer an Herrn Brandner mit der Kündigung und dem Angebot, den Vertrag zu übernehmen; einer an die Bank mit der Bitte um Freistellung aus der Bürgschaft; einer an Matthias mit der Mitteilung, dass ich meine Arbeit im Mai beende, mit dem Angebot einer ordentlichen Übergabe. Matthias rief noch am selben Abend an. Er schrie nicht. Er lachte.

„Mama, was ist los mit dir wegen dieser Rede? Das war doch nur so dahingesagt. “ Ich sagte: „Matthias, ich höre im Mai auf. Ich will, dass wir die vier Wochen für eine ordentliche Übergabe nutzen.

“ Und dann sagte er den Satz, in dem ich wusste, dass es richtig war. „Mama, reg dich ab. Das ist doch keine Rocket Science. “ Zwölf Jahre Buchhaltung, Kurtaxe, Bürgschaft, Bankverhandlungen – keine Rocket Science.

Ich sagte: „Gut, dann brauchst du keine Übergabe. “ Und legte auf. Das war ein Fehler von mir, das gebe ich zu. Ich hätte die Übergabe machen sollen, egal was er sagt.

Ich habe es nicht aus Trotz gelassen, und das war nicht meine feinste Stunde. Aber ich habe etwas anderes getan, von dem ich glaube, dass es richtig war. In diesen vier Wochen habe ich eine Übergabemappe vorbereitet, über 60 Seiten. Alle Zugangsdaten, alle Kontakte mit Telefonnummern, alle Kurtaxe-Termine, Steuerberater-Fristen, Meldefristen.

Ich legte sie am 23. Mai um 6:30 Uhr an der Rezeption ab, zusammen mit dem Schlüssel, und dann ging ich. Ich hatte vorher die 14 Lieferanten informiert, jeden einzelnen angerufen. Herr Wiesinger, der Fischhändler, sagte: „Frau Albrecht, dann höre ich auch auf.

“ Ich sagte: „Das müssen Sie nicht meinetwegen tun. “ Er sagte: „Ich tue es nicht Ihretwegen. Ich liefer seit zwölf Jahren um 6 Uhr, weil Sie da sind und aufmachen. Ich steh nicht vor einer verschlossenen Tür.

Was in den Wochen danach passierte, weiß ich teils von Angestellten, teils aus Erzählungen in der Altstadt. In der ersten Woche scheiterte die Frühlieferung zweimal, weil niemand um 6:30 Uhr da war. In der zweiten Woche kam ein Brief vom Ordnungsamt, weil die Kurtaxe-Erklärung für April nicht eingereicht worden war. Nicht weil kein Geld da war, sondern weil niemand wusste, wann die Frist war.

Es wurde ein Bußgeld von 2. 000 Euro angedroht. In der dritten Woche gab es einen Vorfall mit den Löhnen. Die Lohnabrechnung war nicht gemacht worden.

Zwei Aushilfen bekamen ihr Geld zu spät. Ende Juni kam dann die lang angekündigte Prüfung durch das Statistische Landesamt bezüglich der Gästeregistrierung, verbunden mit einer Kontrolle der Gästeblätter durch die Stadt. Ich weiß nicht genau, was dabei herausgekommen ist. Ich habe nicht gefragt, und Matthias hat es mir nicht erzählt.

Ich weiß nur, dass der Steuerberater danach das Mandat niederlegte. Er rief mich selbst an und sagte: „Frau Albrecht, ich wollte Ihnen nur sagen, dass ich immer wusste, wer diese Unterlagen erstellt hat. Seit zwölf Jahren bin ich mit Ihnen am Telefon. Es war mir eine Freude.

Dann kam der Brief von Herrn Brandner. Er hatte mein Angebot geprüft und eine Kreditauskunft von Matthias verlangt. Sie war nicht ausreichend. Herr Brandner schrieb mir sehr höflich, dass er den Mietvertrag nicht auf Matthias übertragen könne und das Gebäude nach Ablauf meiner Kündigungsfrist neu vermieten werde.

Ich las diesen Brief und rief dann Dr. Huber an und fragte, ob ich die Kündigung zurückziehen könne. Er sagte: „Sie können, wenn Sie wollen. “ Ich habe eine Nacht darüber nachgedacht und es nicht getan.

Nicht aus Härte, sondern weil ich verstand, dass ich sonst genau dort landen würde, wo ich zwölf Jahre war. Die alte Frau, die unterschreibt, damit es weitergeht, und dann vor 45 Gästen als jemand vorgestellt wird, der ein bisschen hilft. Wenn du bis hierher zugehört hast, wenn diese Geschichte etwas in dir berührt hat, dann drücke jetzt auf Abonnieren. Ich will, dass mehr Menschen erfahren, wozu das alles am Ende geführt hat.

Die Pension Fischerstube schloss am 19. August. 11 Jahre und 5 Monate. Das ist jetzt etwa ein halbes Jahr her.

Ich will nicht so tun, als wäre das ein Triumph gewesen. Es war schrecklich. Mein Sohn hat etwas verloren, das er selbst aufgebaut hatte, zumindest in seiner Vorstellung. Und ich habe nicht seine Hand gehalten.

Ich weiß nicht, ob ich das Richtige getan habe. Ich denke fast jeden Tag darüber nach, aber ich weiß, dass ich nicht anders hätte handeln können. Matthias arbeitet jetzt wieder als angestellter Koch in einem Hotel an der Donau zwischen Passau und Regensburg. Er verdient anständig.

Er ruft alle paar Wochen an, und wir reden über Belangloses. Er hat sich nie entschuldigt, und ich glaube inzwischen, dass er es auch nicht versteht. In seinem Kopf hat seine Mutter ihm das Geschäft weggenommen. Denise spricht nicht mit mir.

Im Oktober rief mich Herr Wiesinger, der Fischhändler, an. Er fragte, ob ich nicht zwei Tage die Woche in seinem Büro aushelfen wolle. Seine Tochter macht die Buchhaltung, kommt aber nicht hinterher. Und er suche seit einem Jahr jemanden.

Ich sagte: „Herr Wiesinger, ich bin 71. “ Er sagte: „Frau Albrecht, ich weiß, was Sie können. Ich habe es zwölf Jahre lang am Telefon gehört. “ Ich arbeite jetzt dienstags und donnerstags bei der Fischgroßhandlung Wiesinger auf Minijob-Basis, mit ordentlichem Vertrag, Lohnabrechnung und Anmeldung.

Ich verdiene 550 Euro im Monat. Es ist nicht viel, aber es ist das erste Geld, das ich für meine Arbeit bekomme, seit ich damals in Rente ging. Als die erste Lohnabrechnung kam, habe ich sie an den Kühlschrank gehängt. Sie hängt immer noch dort.

Ich möchte dir einen Rat geben, und er ist sehr praktisch. Wenn du in einem Familienbetrieb arbeitest, sorge dafür, dass du angemeldet bist, selbst wenn es nur ein paar Stunden sind. Gerade dann, wenn es deine eigenen Kinder sind. Ein Vertrag ist kein Zeichen von Misstrauen.

Ein Vertrag ist das Einzige, was bleibt, wenn die Dankbarkeit weg ist. Ohne Vertrag bist du rechtlich niemand. Du hast keinen Anspruch auf Lohn. Du bekommst keine Rentenpunkte.

Wenn du auf einer Leiter in diesem Betrieb fällst, ist es ein privater Unfall. Zwölf Jahre, 15. 456 Stunden, null Rentenpunkte, und etwas anderes, das noch schwerer wiegt. Wenn du für jemanden unterschreibst, einen Gesellschaftsvertrag, eine Bürgschaft, irgendetwas, schreib auf, dass du es getan hast, und lies es einmal im Jahr.

Ich habe diesen Vertrag 2013 unterschrieben und zwölf Jahre lang nicht wirklich darüber nachgedacht. Ich wusste es, aber ich wusste es nicht. Wenn ich es die ganze Zeit gewusst hätte, hätte ich vielleicht im dritten Jahr etwas gesagt. Vielleicht wäre das Gästehaus dann noch offen.

Ich bin Rosemarie Albrecht. Ich bin 71 Jahre alt. Wenn ich dienstags zur Fischgroßhandlung fahre, komme ich manchmal an der Fischergasse vorbei. In dem Gebäude ist jetzt eine kleine Anwaltskanzlei.

Sie haben die Rezeption herausgerissen und die Wände hell gestrichen. Ich schaue kurz hinüber, aber ich halte nicht an, denn ich muss um 8 Uhr im Büro sein. Bei einem Mann, der mich zwölf Jahre lang am Telefon hatte und genau wusste, wer da eigentlich mit ihm sprach.

Ja.