STUTTHOF: DIE AUFSEHERINNEN, DIE AUS EINEM LAGER EINEN ORT DES TERRORS MACHTEN

STUTTHOF: DIE AUFSEHERINNEN, DIE AUS EINEM LAGER EINEN ORT DES TERRORS MACHTEN

TEIL 1 – DIE FRAUEN HINTER DEM STACHELDRAHT

Am 4. Juli 1946 warteten auf einem Hügel bei Danzig fast zweihunderttausend Menschen auf elf Todesurteile. Unter den Verurteilten befanden sich fünf Frauen. Eine von ihnen war Wanda Klaff. Sie war erst vierundzwanzig Jahre alt. Wenige Monate zuvor hatte sie noch gehofft, in der Wohnung ihrer Eltern unterzutauchen und ein gewöhnliches Leben zu führen. Nun sollte ihr Leben öffentlich enden. Doch bevor der erste Lastwagen den Hügel erreichte, wusste kaum jemand, wie diese junge Frau von einer Fabrikarbeiterin und Straßenbahnschaffnerin zu einer Aufseherin im Konzentrationslagersystem geworden war. Und noch weniger Menschen wussten, dass hinter ihrer Geschichte ein ganzes System stand, das aus gewöhnlichen Menschen Täter machte. Wenn du verstehen willst, wie dieser Weg begann, bleib bis zum Ende dieser Geschichte.

Fetched image 1

Am Morgen des 1. September 1939 veränderte sich Europa für immer. Das nationalsozialistische Deutschland griff Polen an. Innerhalb kürzester Zeit begann neben dem militärischen Angriff eine zweite, systematische Operation: die Zerschlagung der polnischen Gesellschaft. Lehrer verschwanden. Priester wurden verhaftet. Beamte, Intellektuelle und lokale Führungspersönlichkeiten gerieten ins Visier. Menschen wurden aus ihren Häusern geholt, in Gefängnisse gebracht oder erschossen. Die Besatzungsmacht errichtete ein Netz aus Haftstätten, Arbeitslagern und Konzentrationslagern. Eines der ersten Lager außerhalb der damaligen Reichsgrenzen entstand nur einen Tag nach Kriegsbeginn.

Es trug den Namen Stutthof und lag in einem Waldgebiet östlich von Danzig, dem heutigen Gdańsk. Anfangs war es als ziviles Internierungslager gedacht. Doch die Funktion des Ortes veränderte sich schnell. Unter der Kontrolle der SS wurde Stutthof Teil des Konzentrationslagersystems. Die ersten Häftlinge mussten selbst an dem Ort arbeiten, an dem sie gefangen gehalten wurden. Sie fällten Bäume, errichteten Baracken, zogen Zäune und bauten die Infrastruktur des Lagers auf. Schon diese ersten Tage machten deutlich, was Stutthof werden sollte: ein Ort, an dem Menschen ihrer Freiheit, ihrer Würde und schließlich ihres Lebens beraubt wurden.

Wanda Kalinski wurde am 6. März 1922 in der Freien Stadt Danzig geboren. Ihre Eltern waren deutscher Nationalität. Ihr Vater Ludwig arbeitete bei der Eisenbahn. Wanda wuchs in einer Zeit auf, in der politische Spannungen in Danzig immer stärker wurden. Als sie sechzehn Jahre alt war, beendete sie ihre Schulzeit und begann in einer Marmeladenfabrik zu arbeiten. Nichts an dieser jungen Frau deutete damals darauf hin, dass sie wenige Jahre später an einem Ort arbeiten würde, an dem Tausende Menschen sterben sollten. Ihr späterer Lebensweg zeigt gerade deshalb, wie wichtig es ist, nicht nur auf die großen politischen Führer zu schauen, sondern auch auf jene Menschen, die innerhalb des Systems konkrete Aufgaben übernahmen.

Nach dem deutschen Überfall auf Polen wurde Gewalt zum Bestandteil des Alltags. Die nationalsozialistischen Behörden verfolgten polnische Eliten und Menschen, die als politische Gegner betrachtet wurden. In den besetzten Gebieten entstanden Arbeits- und Haftstätten. Die Gefangenen mussten unter unmenschlichen Bedingungen arbeiten. Hunger und Krankheiten schwächten die Menschen. Gewalt wurde eingesetzt, um Gehorsam zu erzwingen. Das System war darauf ausgelegt, Menschen zu brechen und ihre Arbeitskraft auszunutzen, solange sie noch vorhanden war. Wer nicht mehr arbeiten konnte, verlor häufig auch den letzten Schutz vor dem Tod.

Stutthof wuchs mit dem Krieg. Werkstätten, landwirtschaftliche Betriebe und Produktionsstätten wurden Teil des Lagersystems. Häftlinge wurden in der Rüstungsproduktion und bei anderen Zwangsarbeiten eingesetzt. Die Zahl der Gefangenen stieg. Menschen aus verschiedenen europäischen Ländern kamen nach Stutthof und in seine Außenlager. Besonders 1944 veränderte sich die Zusammensetzung der Gefangenen. Viele jüdische Häftlinge wurden aus anderen Konzentrationslagern nach Stutthof deportiert. Frauen und Kinder kamen hinzu. Die Gewalt, die bereits zuvor Alltag gewesen war, erhielt nun eine noch größere Dimension.

Für die SS war der Körper eines Häftlings vor allem Arbeitskraft. Wer stark genug war, wurde eingesetzt. Wer krank wurde, konnte als nutzlos betrachtet werden. Selektionen entschieden darüber, wer weiterarbeiten durfte und wer zurück ins Hauptlager geschickt wurde. Dort wartete für viele der Tod. Mit der Einführung der Gaskammer 1944 wurde die Vernichtung noch unmittelbarer. Tausende Menschen wurden ermordet. Andere starben an Hunger, Krankheiten, Erschöpfung, Misshandlungen oder Erschießungen. Stutthof war nicht nur ein Gefängnis. Es war ein System, das Menschen systematisch ausbeutete und vernichtete.

Die Bedingungen in den Baracken waren katastrophal. Typhus breitete sich aus. Menschen lebten dicht gedrängt. Sauberes Wasser und ausreichende Nahrung waren Mangelware. Wer krank war, erhielt häufig keine angemessene Behandlung. Die Krankenstation war für viele kein Ort der Rettung, sondern ein weiterer Ort der Angst. Gefangene konnten durch tödliche Injektionen ermordet werden. Andere wurden einfach liegen gelassen, bis ihre Körper den Kampf gegen Krankheit und Hunger verloren. Überlebende berichteten später von Bildern, die sie ihr Leben lang verfolgten: Menschen, die auf dem Boden lagen, Körper, die weggetragen wurden, und die ständige Angst vor dem nächsten Appell.

Die Gewalt war nicht auf die eigentlichen Tötungen beschränkt. Sie begann bereits beim Aufstehen. Appelle konnten stundenlang dauern. Gefangene mussten bei Kälte, Regen oder Schnee stehen. Wer sich bewegte oder zusammenbrach, riskierte Schläge. Gruppen konnten kollektiv bestraft werden. Ein einzelner vermeintlicher Verstoß konnte dazu führen, dass mehrere Menschen geschlagen oder ihnen Nahrung entzogen wurde. Hunde wurden eingesetzt. Knüppel und Gewehrkolben wurden zu Instrumenten des Terrors. Für die Häftlinge bedeutete dies, dass es keinen normalen Alltag mehr gab. Jeder Moment konnte zur Gefahr werden.

Auch Hunger wurde bewusst eingesetzt. Die Rationen waren zu klein, um die schwere Arbeit auszugleichen. Brot konnte mit Füllstoffen gestreckt werden. Die Suppe war oft kaum mehr als heißes Wasser mit wenigen Bestandteilen. Ein geschwächter Körper konnte keine schwere Arbeit leisten. Wer langsamer wurde, wurde bestraft. Wer zusammenbrach, konnte als arbeitsunfähig gelten. So entstand ein Kreislauf, in dem Hunger zur Ursache und gleichzeitig zum Werkzeug des Todes wurde. Menschen verloren Gewicht, Kraft und schließlich die Fähigkeit, sich selbst zu schützen.

Inmitten dieses Systems arbeiteten Männer und Frauen als Wachpersonal. Frauen wurden vor allem eingesetzt, um weibliche Häftlinge zu beaufsichtigen. Einige waren zuvor Hausangestellte gewesen, andere hatten als Friseurinnen, Straßenbahnschaffnerinnen oder in anderen Berufen gearbeitet. Ihre soziale Herkunft war unterschiedlich. Manche wurden angeworben, andere meldeten sich freiwillig. Für einige spielte Geld eine Rolle. Für andere die Aussicht auf eine gesicherte Stellung. Doch sobald sie Teil des Systems waren, erhielten sie Macht über Menschen, die keinerlei Möglichkeit hatten, sich zu wehren.

Wanda Klaff heiratete 1942 Willy Klaff. Nach ihrer Hochzeit war sie zeitweise Hausfrau und arbeitete als Straßenbahnschaffnerin. Ihr Leben verlief zunächst weit entfernt von den Lagerbaracken. Doch 1944 suchte die SS verstärkt nach weiblichem Personal. Die Zahl der Gefangenen stieg und neue Außenlager benötigten Aufseherinnen. Wanda wurde als Aufseherin eingesetzt. Ihr erster Einsatz führte sie in das Außenlager Praust. Später kam sie in ein weiteres Außenlager, wo sie am 5. Oktober 1944 eintraf. Dort sollte sie eine Gruppe von ungefähr dreihundert Frauen beaufsichtigen.

Diese Frauen mussten schwere Arbeiten verrichten. Sie verlegten Gleise, reparierten Schienen und arbeiteten unter Bedingungen, die selbst für gesunde Menschen belastend gewesen wären. Viele der Häftlinge waren jedoch bereits durch Hunger und Krankheit geschwächt. Sie mussten trotzdem das Arbeitstempo halten. Wer langsamer wurde, konnte bestraft oder gemeldet werden. Für die Aufseherinnen war die Leistungsfähigkeit der Gefangenen ein Teil ihrer täglichen Aufgabe. Für die Häftlinge konnte eine einzige Meldung bedeuten, dass sie nie wieder zurückkehrten.

Überlebende beschrieben Wanda Klaff später als besonders brutal. Sie soll Frauen ohne erkennbaren Anlass geschlagen und getreten haben. In Zeugenaussagen wurde von Misshandlungen berichtet, bei denen Gefangene zu Boden geschlagen wurden. Klaff selbst schilderte später einen Umgang mit Häftlingen, der Gewalt als selbstverständliches Mittel erscheinen ließ. Ihre Aussagen zeigen nicht nur, dass sie Gewalt ausgeübt hatte. Sie zeigen auch, wie sehr die Grenzen des Erträglichen innerhalb des Lagers verschoben worden waren.

Klaff gab später an, dass sie Frauen schlagen ließ oder selbst schlug, wenn diese ihrer Arbeit nicht schnell genug nachkamen. Gefangene konnten an einen SS-Mann übergeben werden, der die Misshandlung fortsetzte. Damit wurde Gewalt zu einem arbeitsteiligen Prozess. Eine Aufseherin konnte eine Frau bestrafen, ein Vorgesetzter konnte die Strafe verschärfen und anschließend wurde die Gefangene wieder zur Arbeit geschickt. Es war ein System, in dem niemand nach menschlicher Schwäche fragte. Der Körper musste funktionieren. Wenn er es nicht mehr tat, wurde er aussortiert.

Besonders erschütternd waren die Selektionen. Klaff erklärte später, dass sie nach einiger Zeit wusste, was mit den Frauen geschah, die als zu schwach zurückgeschickt wurden. Die Auswahl erfolgte regelmäßig. Erschöpfte Frauen wurden durch jüngere und kräftigere Gefangene ersetzt. Wer nicht mehr arbeiten konnte, verlor damit nicht nur seine Aufgabe, sondern häufig auch jede Chance auf Überleben. Klaff gab an, ungefähr hundert Frauen persönlich ausgewählt zu haben. Damit wurde ihre Rolle innerhalb des Systems besonders deutlich.

Für die Häftlinge war die Auswahl ein Moment des Schreckens. Eine Frau konnte morgens noch in der Arbeitsgruppe stehen und wenige Stunden später wissen, dass sie nicht zurückkehren würde. Eine andere, vielleicht etwas jünger und kräftiger, nahm ihren Platz ein. Niemand konnte sich sicher fühlen. Selbst wer mehrere Monate überlebt hatte, wusste nicht, ob der eigene Körper am nächsten Tag noch als ausreichend arbeitsfähig gelten würde. Das Lager machte den Menschen damit klar, dass ihr Leben nicht mehr ihnen gehörte.

Die Gewalt traf auch Kinder und Mütter. Stutthof war 1944 zunehmend ein Ort, an dem Menschen aus verschiedenen Verfolgungsgruppen zusammenkamen. Jüdische Frauen und Kinder wurden deportiert. Viele hatten bereits andere Lager überlebt. Nun standen sie erneut vor Selektionen, Hunger und Krankheit. Die SS behandelte die Menschen nicht als Individuen. Familien konnten auseinandergerissen werden. Kinder wurden nicht geschützt. Alter und Krankheit konnten zum Todesurteil werden.

Wanda Klaff war nicht die einzige weibliche Aufseherin, die nach dem Krieg angeklagt wurde. Im späteren Prozess standen mehrere Frauen auf der Anklagebank. Unter ihnen befanden sich Jenny-Wanda Bergmann, Elisabeth Becker, Eva Paradies und Gerda Steinhoff. Die Aussagen über diese Frauen unterschieden sich in Einzelheiten, doch das gemeinsame Bild war erschütternd: Einige hatten Häftlinge geschlagen, andere waren an Selektionen beteiligt oder hatten Gefangene unter besonders harten Bedingungen beaufsichtigt.

Jenny-Wanda Bergmann fiel während des Prozesses durch ihr Auftreten auf. Während Überlebende über Gewalt und Tod berichteten, schien sie sich um ihr eigenes Erscheinungsbild zu kümmern. Sie erschien gepflegt, achtete auf ihre Kleidung und soll mit Gefängniswärtern geflirtet haben. Dieser Kontrast zwischen äußerer Normalität und den Vorwürfen gegen sie wirkte auf Beobachter verstörend. Es zeigte, wie weit Menschen ihre Vergangenheit von ihrem gegenwärtigen Auftreten trennen konnten.

Elisabeth Becker wurde ebenfalls beschuldigt, Frauen und Kinder misshandelt und an Selektionen beteiligt zu sein. Eva Paradies wurde vorgeworfen, Häftlinge im Winter unter entwürdigenden Bedingungen behandelt zu haben. Die Geschichten der einzelnen Angeklagten unterschieden sich, doch gemeinsam zeichneten sie das Bild eines Systems, in dem weibliche Aufseherinnen keineswegs nur Zuschauerinnen waren. Einige hatten direkte Macht über das Leben und Sterben von Menschen.

Auch sogenannte Funktionshäftlinge, darunter Kapos, spielten innerhalb des Lagersystems eine Rolle. Einer der im Prozess angeklagten Männer war Wacław Kozłowski. Die Kapos standen zwischen den Häftlingen und der SS. Sie konnten Aufträge weitergeben und andere Gefangene kontrollieren. In manchen Fällen entwickelten sich daraus Formen extremer Gewalt. Das Lager teilte Menschen gegeneinander auf und schuf damit eine Hierarchie, in der manche Gefangene selbst Macht über andere erhielten.

Währenddessen rückte die Rote Armee immer näher. Anfang 1945 wusste die SS, dass Stutthof nicht mehr lange gehalten werden konnte. Das Lager sollte geräumt werden. Für die Häftlinge bedeutete dies keine Befreiung. Es bedeutete eine neue Katastrophe. Am 25. Januar 1945 begann die Räumung. Tausende Gefangene wurden gezwungen, das Lager zu verlassen und sich auf den Weg nach Westen zu machen.

Die Kolonnen bestanden aus Hunderten oder Tausenden Menschen. Die SS organisierte die Märsche in Gruppen. Zwischen den Kolonnen lagen Abstände. Wachmannschaften begleiteten die Gefangenen. Schnee lag auf dem Boden. Die Temperaturen waren niedrig. Nahrung gab es kaum. Wer nicht mehr Schritt halten konnte, wurde erschossen oder blieb zurück. Die Gefangenen mussten weitergehen, obwohl ihre Körper bereits durch monatelangen Hunger und Krankheiten geschwächt waren.

Die geplante Dauer des Marsches reichte nicht aus, um die tatsächlichen Bedingungen zu überstehen. Was auf dem Papier organisiert wirkte, wurde für die Menschen zu einer tödlichen Prüfung. Jeder Schritt kostete Kraft. Schuhe rissen. Füße wurden wund. Menschen stürzten. Wer einem anderen half, riskierte selbst zurückzufallen. Manche versuchten, sich gegenseitig zu stützen. Andere mussten weitergehen, weil die Bewacher keinen Stillstand zuließen.

Am 31. Januar kam es zum Massaker von Palmnicken. Tausende jüdische Gefangene aus dem Stutthof-System wurden an die Ostseeküste getrieben. Viele wurden erschossen. Nur sehr wenige überlebten. Das Massaker wurde zu einem der dunkelsten Ereignisse der letzten Kriegsmonate. Menschen, die bereits Hunger, Kälte und Zwangsarbeit überlebt hatten, wurden kurz vor dem Ende des Krieges noch einmal Opfer organisierter Gewalt.

Während die Häftlinge starben, zerfiel das Dritte Reich. Für die Täter bedeutete der Zusammenbruch jedoch nicht automatisch das Ende ihrer Verantwortung. Einige versuchten zu fliehen. Andere versteckten sich. Manche wechselten ihre Kleidung und hofften, in der Menge unterzugehen. Wanda Klaff kehrte nach Danzig zurück. Sie ging in die Wohnung ihrer Eltern. Dort hoffte sie offenbar, unauffällig bleiben zu können.

Doch Stutthof war nicht vergessen.

Überlebende erzählten.

Namen wurden weitergegeben.

Gesichter wurden wiedererkannt.

Die Ermittler sammelten Zeugenaussagen und Dokumente.

Und eines Tages stand jemand vor der Tür der Wohnung ihrer Eltern.

Am 11. Juni 1945 wurde Wanda Klaff verhaftet.

Die Frau, die wenige Monate zuvor andere Menschen kontrolliert hatte, war nun selbst Gefangene.

Der Krieg war vorbei.

Aber für sie begann jetzt ein anderer Weg.

Der Weg zum Gericht.

Und dort sollte sie den Menschen begegnen, die ihre Taten nicht vergessen hatten.

ENDE TEIL 1