Ich kam aus einem Kloster, um Lehrerin in München zu werden. Stattdessen brachte mich ein fremder Chauffeur zu einem abgelegenen Gutshof, wo mich ein Mann mit eisigen Augen zur Gouvernante seiner…

Ich kam aus einem Kloster, um Lehrerin in München zu werden. Stattdessen brachte mich ein fremder Chauffeur zu einem abgelegenen Gutshof, wo mich ein Mann mit eisigen Augen zur Gouvernante seiner...

Die Morgensonne fiel durch die bunten Fenster des Klosters St. Katharina, hoch über Garmisch-Partenkirchen. Alina Hartmann, vierundzwanzig Jahre alt, kniete zum letzten Mal im Andachtsraum. Seit dem Tod ihrer Eltern mit sechs Jahren hatten die Nonnen sie aufgezogen.

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Heute verließ sie dieses Zuhause für immer. Schwester Margareta stand im Türrahmen. „Bist du sicher, mein Kind? “, fragte sie mit warmer Strenge.

„Ich muss herausfinden, wer ich außerhalb dieser Mauern bin“, antwortete Alina und glättete ihr dunkelblaues Kleid. Margareta drückte ihr einen Umschlag in die Hand – ein Empfehlungsschreiben für eine Lehrstelle an einem Mädchengymnasium in München. Drei Stunden später saß Alina im Bus, die Stirn an die Scheibe gepresst, während die Berge hinter ihr kleiner wurden. Am Münchener Hauptbahnhof drängten Menschen an ihr vorbei.

Der Geruch von Diesel und gebrannten Mandeln erfüllte die Luft. Mit zitternden Fingern tastete sie nach dem Brief in ihrer Stofftasche. „Fräulein Hartmann? “

Eine tiefe Männerstimme ließ sie herumfahren.

Ein älterer Herr in makellosem schwarzem Anzug stand vor ihr, sein Namensschild zeigte „Thomas Reiter“. „Ja, das bin ich“, antwortete sie erleichtert. „Ich erwarte jemanden von der Sankt-Anna-Schule. “

„Planänderung“, sagte Thomas ruhig.

„Herr Westhoff schickt mich, um Sie abzuholen. Bitte folgen Sie mir. “

Zu verdutzt, um zu widersprechen, folgte sie ihm zu einem schwarzen Mercedes. Lederduft und poliertes Holz empfingen sie.

Vielleicht war Herr Westhoff ein Sponsor der Schule, dachte sie. Doch je weiter sie fuhren, desto weniger passte das Bild. Sie verließen die Stadt, vorbei an prächtigen Villen, bis sie durch eine Allee alter Eichen zu einem herrschaftlichen Gutshof kamen. Drei Stockwerke aus grauem Stein, von Efeu überwuchert, ein sprudelnder Brunnen in der Einfahrt.

„Das ist sicher ein Irrtum“, flüsterte sie. Thomas öffnete bereits die Tür. „Herr Westhoff erwartet Sie im Hauptgebäude. “

Mit wackligen Knien stieg Alina die Marmorstufen hinauf.

Bevor sie klingeln konnte, öffnete sich die massive Holztür. Eine strenge Frau in den Sechzigern musterte sie von oben bis unten. „Sie sind zu spät. Herr Westhoff duldet keine Unpünktlichkeit.

Ich bin Frau Brenner, die Hausdame. Folgen Sie mir. “

„Moment, bitte“, stammelte Alina. „Ich glaube, es liegt ein Missverständnis vor.

Ich bin wegen einer Lehrstelle hier. “

Frau Brenner runzelte die Stirn. „Mein Kind, Sie sind für die Gouvernantenstelle gekommen. Herr Westhoff braucht dringend eine Aufsicht für seine Nichten.

Bevor Alina antworten konnte, führte Frau Brenner sie durch lange, dunkle Flure voller Gemälde, deren Augen sie zu verfolgen schienen. In einem holzgetäfelten Arbeitszimmer stand ein Mann am Fenster. Er drehte sich erst um, als die Tür ins Schloss fiel. Alexander Westhoff war jünger als erwartet, Mitte vierzig, mit scharf geschnittenen Zügen und kühlen grauen Augen.

Er musterte sie, ohne eine Miene zu verziehen. „Fräulein Hartmann. Ihre Unterlagen weichen etwas von dem ab, was ich erwartet habe“, sagte er. „Aber Frau Brenner hat recht – ich brauche jemanden, der sich um meine Nichten kümmert.

Sie haben Erfahrung mit Kindern? “

„Ich komme aus einem Kloster“, antwortete Alina. „Ich habe viele Jahre mit jungen Mädchen verbracht. Aber ich wurde für eine Lehrstelle nach München geschickt, nicht als Gouvernante.

Westhoff lächelte dünn. „Das Kloster hat Sie geschickt. Was bedeutet, dass ich entscheide, was aus Ihnen wird. Und ich brauche eine Gouvernante.

Sie ziehen heute ein. “

„Heute? Ich kann nicht einfach –“

„Sie können, und Sie werden“, unterbrach er sie, seine Stimme wurde eisig. „Ich biete Ihnen ein Dach, Verpflegung, ein angemessenes Gehalt.

Im Gegenzug übernehmen Sie die volle Verantwortung für meine Nichten. Sie fragen nicht nach meinen Angelegenheiten. Sie versuchen nicht, mich zu beeinflussen. Und Sie verlassen niemals das Anwesen ohne meine ausdrückliche Erlaubnis.

Alina schluckte. „Und wenn ich ablehne? “

Westhoff trat näher, sein Blick bohrte sich in ihren. „Dann steigen Sie in den nächsten Zug zurück in Ihr Kloster.

Ohne Empfehlung, ohne Stelle, ohne Perspektive. Die Entscheidung liegt bei Ihnen. “

Draußen hörte sie das Lachen von Kindern. Es klang hell und unbeschwert, und plötzlich wusste sie, dass sie nicht gehen konnte.

Nicht, bevor sie wusste, warum diese Mädchen in diesem kalten Haus lebten. „Ich bleibe“, sagte sie leise. Westhoff nickte zufrieden. „Kluge Entscheidung.

Frau Brenner wird Ihnen Ihr Zimmer zeigen. “

Am Abend, als das Haus in Stille versank, hörte Alina aus dem oberen Stockwerk ein leises Weinen. Sie lauschte, das Geräusch kam aus einem verschlossenen Zimmer am Ende des Flurs. Die Tür war abgeschlossen.

Am nächsten Morgen fragte sie Frau Brenner danach. Die Hausdame wurde sichtbar blass. „Das Zimmer bleibt zu. Fragen Sie nicht weiter danach, Fräulein Hartmann.

Einige Dinge in diesem Haus sollten nicht ans Licht kommen. “

Doch Alina konnte nicht aufhören zu fragen. Vor allem, als die Nichten, zwei Mädchen von acht und elf Jahren, eines Abends beim Abendessen verstummten, sobald der Name ihrer Mutter fiel. „Sie ist gestorben“, flüsterte die kleine Marie.

„Ihr Onkel sagt, sie hat uns verlassen“, korrigierte die ältere Sophie und sah Alina mit einem Blick an, der viel zu erwachsen war. „Glaubst du ihr das? “, fragte Alina. Bevor Sophie antworten konnte, betrat Westhoff den Raum.

Die Mädchen starrten schweigend auf ihre Teller. Wochen vergingen. Alina unterrichtete die Mädchen, spielte mit ihnen im Garten, las ihnen Geschichten vor. Aber immer wieder kehrte ihre Aufmerksamkeit zu diesem verschlossenen Zimmer zurück.

Und zu der Frage, die sie nicht losließ: Warum weinte dort nachts eine Frau? Eines Nachts stand sie erneut davor. Diesmal hielt sie einen alten Schlüsselbund in der Hand, den sie aus Frau Brenners Schublade genommen hatte, während die Hausdame schlief. Der Schlüssel drehte sich mit einem Klicken.

Die Tür öffnete sich. Im Mondlicht stand ein Fotografie auf einem Nachttisch – eine Frau mit dunklen Haaren und den Augen der Nichten, die Alina jeden Abend beim Essen ansahen. „Das ist sie“, sagte eine Stimme hinter ihr. Alina fuhr herum.

Sophie stand im Türrahmen, im Nachthemd, barfuß. „Unsere Mutter“, flüsterte das Mädchen. „Sie ist nicht gestorben. Sie ist verschwunden.

Und ich glaube, unser Onkel weiß, was mit ihr passiert ist. “

Alina sah das Foto an, dann Sophie. „Woher weißt du das? “

„Weil ich sie vor drei Jahren nachts habe wegbringen sehen.

Sie hat geschrien. Onkel Alexander hat sie in ein Auto gezerrt. Und seitdem – niemand hat sie je wieder gesehen. “

Alina starrte auf das Bild in ihren Händen.

Ihr Herz schlug so laut, dass sie das eigene Blut in den Ohren rauschen hörte. Sie sah Sophie an, dann das Foto, dann zurück zu dem Mädchen. „Was wollen wir tun? “, fragte Sophie flüsternd.

Alina erkannte jetzt zum ersten Mal die volle Wahrheit: Es gab keine einfache Wahl mehr für sie. Es gab nur noch das, was sie jetzt tun würde – oder für immer bereuen.