RICHARD SORGE – DER MANN, DER HITLER BELAUSCHTE UND STALIN VOR BARBAROSSA WARNTE: AUFSTIEG, SPIONAGENETZ, VERRAT UND TOD IM SUGAMO-GEFÄNGNIS

RICHARD SORGE – DER MANN, DER HITLER BELAUSCHTE UND STALIN VOR BARBAROSSA WARNTE: AUFSTIEG, SPIONAGENETZ, VERRAT UND TOD IM SUGAMO-GEFÄNGNIS

TEIL 1 – DER SPION MIT DEM PERFEKTEN GESICHT

Wenn Richard Sorge am 20. Juni 1941 seine letzte wichtige Nachricht nach Moskau schickte, wusste er nicht, ob sie dort ernst genommen werden würde. Er wusste nur, dass Deutschland in wenigen Stunden oder Tagen die Sowjetunion angreifen könnte. Er hatte seine Informationen aus einem der bestmöglichen Orte bekommen: aus dem Inneren der deutschen Botschaft in Tokio. Die deutschen Diplomaten vertrauten ihm. Japanische Politiker kannten ihn. Er war Mitglied der NSDAP und trat öffentlich als überzeugter deutscher Journalist auf. Hinter dieser Fassade arbeitete er jedoch für den sowjetischen Militärgeheimdienst. Sein Codename lautete „Ramsay“. Was ihn von vielen anderen Spionen unterschied, war nicht nur sein Zugang zu geheimen Informationen. Es war seine Fähigkeit, Menschen davon zu überzeugen, dass sie genau das Bild von ihm sahen, das er ihnen zeigen wollte. Und während Berlin seine Berichte über einen bevorstehenden Angriff auf die Sowjetunion vorbereitete, versuchte Sorge in Tokio, eine Frage zu beantworten, von der das Schicksal Stalins abhängen konnte: Würde Japan gleichzeitig aus dem Osten angreifen?

Fetched image 1

Richard Sorge wurde am 4. Oktober 1895 in Baku geboren, damals Teil des Russischen Reiches. Sein Vater Gustav Wilhelm Richard Sorge war deutscher Bergbauingenieur und arbeitete im Kaukasus. Seine Mutter Nina war Russin. Richard war das jüngste von neun Kindern. Die Familie lebte zunächst in einer Umgebung, die weit entfernt von den politischen Zentren Europas lag. Doch 1898 kehrte sie nach Deutschland zurück, nachdem der Vertrag seines Vaters ausgelaufen war. Der junge Richard wuchs damit in einem Haushalt auf, in dem deutsche und russische kulturelle Einflüsse nebeneinander existierten. Sein Vater war politisch konservativ, nationalistisch und monarchistisch eingestellt. Der Sohn sollte später einen völlig anderen Weg einschlagen.

Als im Sommer 1914 der Erste Weltkrieg begann, war Sorge gerade neunzehn Jahre alt. Wie viele junge Männer seiner Generation meldete er sich freiwillig zum Militärdienst. Er wurde einer Artillerieeinheit zugeteilt und an die Westfront geschickt. Dort erlebte er den Krieg nicht aus Büchern oder Zeitungen, sondern aus nächster Nähe. Artilleriefeuer, zerstörte Landschaften und verwundete Kameraden veränderten sein Weltbild. Im März 1916 wurde Sorge selbst schwer verwundet. Ein Granatsplitter riss ihm mehrere Finger ab und brach beide Beine. Die Verletzungen waren so schwer, dass er später dauerhaft hinkte. Für seine militärischen Leistungen erhielt er das Eiserne Kreuz und wurde zum Gefreiten befördert, doch der Krieg hatte seinen Preis gefordert.

Während seiner langen Genesung begann sich seine politische Einstellung grundlegend zu verändern. Der junge Mann, der sich 1914 noch als deutscher Nationalist verstanden hatte, fragte sich zunehmend, welchen Sinn dieser Krieg eigentlich hatte. Er las Marx und Engels. Er beschäftigte sich mit sozialistischen und revolutionären Schriften. Die Vorstellung, dass Millionen Menschen sterben sollten, damit Staaten Grenzen verschieben konnten, erschien ihm immer weniger akzeptabel. Als er 1918 die revolutionären Unruhen in Deutschland erlebte, war seine politische Entwicklung bereits weit fortgeschritten.

Sorge schloss sich der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei an und näherte sich dem Kommunismus. 1919 promovierte er in Politikwissenschaft. Er hatte damit eine akademische Grundlage, die später für seine Tätigkeit als Journalist und politischer Beobachter äußerst nützlich werden sollte. Doch seine politischen Überzeugungen machten ein normales Berufsleben schwierig. Er verlor zunächst eine Stelle als Lehrer und später eine Tätigkeit im Bergbau. Seine kommunistischen Aktivitäten hatten Konsequenzen.

Für die sowjetischen Nachrichtendienste war ein Mann wie Sorge jedoch interessant.

Er war gebildet.

Er sprach mehrere Sprachen.

Er kannte Deutschland.

Er konnte sich in politischen Kreisen bewegen.

Und er war bereit, Risiken einzugehen.

In den frühen 1920er-Jahren wurde er für den sowjetischen Geheimdienst angeworben. 1924 zog er nach Moskau. Dort erhielt er eine systematischere Ausbildung und begann, sich auf seine zukünftige Tätigkeit vorzubereiten. Seine Ehe mit Christiane Gerlach, der früheren Frau eines kommunistischen Professors, verband ihn zusätzlich mit politischen Kreisen in Deutschland.

1929 wurde Sorge in die Nachrichtendienststruktur der Roten Armee aufgenommen. Die sowjetische Militärnachrichtendienstabteilung, die später unter verschiedenen Bezeichnungen bekannt wurde, setzte auf Agenten, die Informationen aus politischen und militärischen Zentren beschaffen konnten. Sorge erhielt den Auftrag, sich zunächst im Ausland unauffällig zu bewegen. Seine politische Vergangenheit durfte nicht zu einer offenen Verbindung mit Moskau führen.

Seine erste große Aufgabe führte ihn nach Großbritannien.

Dort untersuchte er die Arbeiterbewegung, die Kommunistische Partei und die wirtschaftliche Situation. Es ging nicht nur um politische Schlagzeilen. Sorge sollte verstehen, wie Großbritannien funktionierte. Wer beeinflusste die Gewerkschaften? Welche Positionen vertraten die politischen Parteien? Wie stark war die kommunistische Bewegung? Welche wirtschaftlichen Probleme könnten die britische Regierung schwächen?

Er lernte dabei eine wichtige Lektion:

Ein guter Geheimdienstler muss nicht unbedingt im Zentrum des Geschehens stehen.

Oft ist es besser, so zu wirken, als gehöre man überhaupt nicht dazu.

Im November 1929 wurde Sorge nach Deutschland geschickt. Seine Aufgabe war diesmal besonders heikel. Er sollte Kontakt zur NSDAP aufnehmen, durfte aber gleichzeitig nicht zu seinen früheren linken Bekannten zurückkehren. Seine kommunistische Vergangenheit hätte seine Tarnung zerstören können.

Als Deckung arbeitete er für eine landwirtschaftliche Zeitschrift.

Es war eine perfekte Rolle.

Niemand erwartete von einem Fachjournalisten über Landwirtschaft, dass er militärische Geheimnisse sammelte.

Sorge lernte, wie man Fragen stellte, ohne neugierig zu wirken.

Er lernte, wie man Informationen erhielt, ohne erkennen zu lassen, dass man überhaupt Informationen suchte.

Und dann kam der nächste Auftrag.

China.

1930 reiste Sorge nach Shanghai. Offiziell arbeitete er als Redakteur für eine deutsche Nachrichtenagentur. In dieser Rolle konnte er durch China reisen, mit Geschäftsleuten sprechen, Landwirtschaft beobachten und politische Entwicklungen verfolgen. Gleichzeitig baute er Kontakte zu chinesischen Kommunisten auf.

Shanghai war damals ein gefährlicher Ort.

Japanische Interessen wuchsen.

China war politisch zersplittert.

Kommunisten und Nationalisten kämpften um Macht.

Ausländische Mächte mischten sich ein.

Und Sorge befand sich mitten in diesem komplizierten Geflecht.

Im Januar 1932 berichtete er über Kämpfe zwischen japanischen und chinesischen Truppen in Shanghai. Die Informationen waren für Moskau wertvoll. Gleichzeitig zeigte seine Arbeit, dass er in der Lage war, sich in einem fremden Land zu bewegen, ohne als sowjetischer Agent enttarnt zu werden.

Doch China war nur ein Schritt.

1933 kehrte Sorge nach Moskau zurück.

Adolf Hitler war inzwischen in Deutschland an die Macht gekommen.

Die politische Lage Europas veränderte sich dramatisch.

Im Januar 1933 wurde Hitler Reichskanzler. Innerhalb weniger Monate begann die Zerstörung der deutschen Demokratie. Politische Gegner wurden verfolgt. Die NSDAP kontrollierte zunehmend Staat und Gesellschaft. Deutschland wurde zu einem zentralen Faktor in der sowjetischen Sicherheitsplanung.

Doch gleichzeitig wuchs im Fernen Osten eine zweite Bedrohung.

Japan.

1931 hatte die japanische Armee die Mandschurei besetzt und dort den Marionettenstaat Mandschukuo errichtet. Dadurch entstand eine direkte strategische Nähe zwischen Japan und den sowjetischen Gebieten im Fernen Osten. Teile des japanischen Militärs betrachteten Sibirien und die sowjetischen Rohstoffgebiete als mögliche Ziele.

Für Moskau stellte sich deshalb eine entscheidende Frage:

Wenn Deutschland im Westen und Japan im Osten gleichzeitig angreifen würden, konnte die Sowjetunion überhaupt überleben?

Sorge sollte diese Frage beantworten.

1933 erhielt er den Auftrag, ein Nachrichtennetz in Japan aufzubauen.

Bevor er dorthin reiste, musste er jedoch seine deutsche Tarnung perfektionieren.

Er kehrte nach Berlin zurück.

Dort näherte er sich erneut nationalsozialistischen Kreisen.

Er las Hitlers „Mein Kampf“.

Er führte Gespräche mit überzeugten Nationalsozialisten.

Er ging in Biergärten.

Er nahm an gesellschaftlichen Treffen teil.

Er spielte die Rolle eines deutschen Journalisten, der die Sowjetunion ablehnte.

Und er spielte sie so überzeugend, dass selbst hochrangige NS-Funktionäre keinen Verdacht schöpften.

Sorge trank schließlich keinen Alkohol mehr.

Nicht aus gesundheitlichen Gründen.

Er hatte Angst, im betrunkenen Zustand etwas zu sagen, das seine Tarnung zerstören konnte.

Das war eine der wichtigsten Regeln seines Lebens:

Niemals die Kontrolle verlieren.

Niemals vergessen, wer man vorgibt zu sein.

Seine Tarnung wurde so glaubwürdig, dass Joseph Goebbels, der nationalsozialistische Propagandaminister, bei seiner Abschiedsfeier anwesend war.

Ein sowjetischer Agent hatte gerade die deutsche Hauptstadt verlassen.

Und niemand dort wusste es.

Am 6. September 1933 erreichte Sorge Yokohama.

Japan sollte seine größte und gefährlichste Mission werden.

Seine offizielle Identität war die eines deutschen Journalisten.

Er arbeitete als Korrespondent der „Frankfurter Zeitung“, einer angesehenen deutschen Zeitung.

Diese Position war Gold wert.

Ein deutscher Journalist konnte Zugang zu Diplomaten bekommen.

Er konnte Fragen stellen.

Er konnte Veranstaltungen besuchen.

Er konnte reisen.

Und er konnte mit Menschen sprechen, die einem offen auftretenden sowjetischen Agenten niemals begegnet wären.

Sorge begann damit, sein Netzwerk aufzubauen.

Er brauchte Menschen mit unterschiedlichen Fähigkeiten.

Jemand musste Informationen aus politischen Kreisen liefern.

Jemand musste Nachrichten übermitteln.

Jemand musste die technische Seite des Funkverkehrs übernehmen.

Jemand musste japanische Quellen beobachten.

Einer der wichtigsten Kontakte wurde Ozaki Hotsumi, ein japanischer Journalist und politischer Berater mit Zugang zu hohen Regierungskreisen. Ozaki war kein einfacher Informant. Seine Position erlaubte ihm, Informationen über die japanische Politik aus nächster Nähe zu erhalten.

Sorge hatte damit etwas geschaffen, das Geheimdienste normalerweise nur schwer erreichen:

Ein Netzwerk, das nicht ausschließlich auf Geld beruhte.

Die Mitglieder vertrauten einander.

Sie glaubten an eine gemeinsame politische Idee.

Und sie wussten, dass ein Fehler für alle tödlich sein konnte.

Sorge selbst wurde in Tokio bald zu einer auffälligen Persönlichkeit.

Er lebte in einem guten Viertel.

Er fuhr Motorrad.

Er trank viel.

Er war charmant.

Er war selbstbewusst.

Und er hatte den Ruf, Frauen anzuziehen.

Genau diese Persönlichkeit half ihm.

Menschen erwarteten von einem Spion oft einen stillen, unscheinbaren Mann.

Sorge war das Gegenteil.

Er war laut, gesellschaftlich aktiv und manchmal rücksichtslos.

Sein Verhalten wirkte nicht wie das eines Geheimagenten.

Es wirkte wie das eines Journalisten, der ein aufregendes Leben führte.

Der deutsche Botschafter Herbert von Dirksen erkannte bald, dass Sorge erstaunlich viel über Japan wusste.

Doch noch wichtiger wurde Eugen Ott.

Ott war deutscher Militärattaché und später Botschafter in Japan. Sorge näherte sich ihm und wurde zu einem wichtigen Gesprächspartner.

Ott wusste, dass Sorge eine Affäre mit seiner Frau hatte.

Trotzdem tolerierte er die Beziehung.

Warum?

Weil Sorge für ihn zu wertvoll war.

Er verstand die japanische Politik besser als viele andere Ausländer.

Er kannte Namen.

Er kannte Gerüchte.

Er kannte politische Strömungen.

Und er konnte Informationen liefern, die offizielle diplomatische Kanäle nicht erreichten.

Ott vertraute Sorge schließlich so weit, dass Sorge Zugang zu vertraulichen Nachrichten erhielt.

Teilweise konnte er sogar Telegramme beeinflussen oder vorbereiten, die unter Otts Namen nach Berlin gingen.

Damit hatte ein sowjetischer Agent Zugang zum Informationszentrum der deutschen Botschaft.

Das war ein außergewöhnlicher Erfolg.

Sorge konnte deutsche Berichte lesen.

Er konnte Informationen aus Berlin erhalten.

Er konnte erfahren, wie Deutschland Japan einschätzte.

Und er konnte gleichzeitig beobachten, wie Japan selbst auf Deutschland reagierte.

1935 übermittelte er nach Moskau eine wichtige Einschätzung:

Japan plane kurzfristig keinen Angriff auf die Sowjetunion.

Gleichzeitig erwartete er, dass Japan seine Expansion in China fortsetzen würde.

Im Juli 1937 griff Japan China erneut großflächig an.

Sorge hatte die Entwicklung richtig eingeschätzt.

Für Moskau wurde sein Netzwerk immer wertvoller.

Doch Sorge wusste, dass eine falsche Einschätzung tödlich sein konnte.

Die zentrale Frage blieb:

Würde Japan nach Norden gehen?

Oder würde es nach Süden expandieren?

Wenn Tokio die Sowjetunion angreifen würde, müsste Stalin große Truppenverbände im Fernen Osten stationieren.

Wenn Japan jedoch neutral bleiben würde, könnten sowjetische Einheiten nach Westen verlegt werden.

Und genau diese Entscheidung sollte 1941 über die Verteidigung Moskaus mitentscheiden.

Inzwischen war der Zweite Weltkrieg ausgebrochen.

Am 1. September 1939 griff Deutschland Polen an.

Sorge berichtete weiter über die deutsch-japanischen Beziehungen.

Der Molotow-Ribbentrop-Pakt hatte die internationale Lage scheinbar verändert. Deutschland und die Sowjetunion hatten einen Nichtangriffspakt geschlossen. Doch Sorge wusste, dass solche Abkommen keine Garantie für dauerhaften Frieden waren.

Im Hintergrund bereitete Hitler bereits einen Krieg gegen die Sowjetunion vor.

1941 verdichteten sich die Hinweise.

Deutsche Truppen wurden zusammengezogen.

Die deutsche Botschaft in Tokio erhielt Informationen.

Und Sorge hatte Zugang zu Teilen dieses Informationsflusses.

Am 30. Mai 1941 schickte er eine Nachricht nach Moskau.

Berlin habe seine Botschaft informiert.

Der deutsche Angriff werde in der zweiten Junihälfte beginnen.

Sorge war zu etwa 95 Prozent sicher.

Er nannte sogar den 20. Juni als möglichen Zeitpunkt.

Zwei Tage vor dem tatsächlichen Angriff meldete er erneut, dass ein Krieg zwischen Deutschland und der Sowjetunion unmittelbar bevorstehe.

Für ihn war es kein Gerücht mehr.

Es war Realität.

Er hatte jahrelang darauf gewartet.

Nun wusste er, dass sein Land des Vertrauens vor dem größten Krieg seiner Geschichte stand.

Doch Sorge hatte ein Problem, das er nicht lösen konnte.

Er konnte die Wahrheit nach Moskau schicken.

Er konnte sie begründen.

Er konnte sogar seine eigene Sicherheit riskieren.

Aber er konnte Stalin nicht zwingen, ihm zu glauben.

Und genau hier sollte seine Geschichte eine dramatische Wendung nehmen.

Denn am 22. Juni 1941 überschritten deutsche Truppen die sowjetische Grenze.

Die Operation Barbarossa begann.

Sorge hatte recht gehabt.

Doch die sowjetische Führung hatte seine Warnungen nicht rechtzeitig in eine ausreichende Vorbereitung umgesetzt.

Jetzt musste Sorge die nächste Frage beantworten.

Würde Japan Deutschland folgen?

Würde die Sowjetunion auch im Osten angegriffen werden?

Denn wenn die Antwort „Ja“ lautete, könnte die sowjetische Hauptstadt bald zwischen zwei Fronten eingeschlossen sein.

Und Sorge wusste:

Seine nächste Nachricht könnte für Moskau ebenso wichtig sein wie die Warnung vor Barbarossa.

FORTSETZUNG FOLGT …