Regen prasselte auf den rissigen Asphalt des Parkplatzes am Rasthof, als Lena die schwere Lederbörse unter dem übervollen Container fand. Es war 3 Uhr morgens, ihre Schicht war längst vorbei, aber Karin, die Filialleiterin, hatte verlangt, dass jemand den Grill schrubbt. Lena brauchte jede Überstunde, die sie kriegen konnte. Ihr Rücken pochte, während sie die Müllsäcke verschnürte.

Als der zweite Sack am gezackten Rand des Containers aufriss und Kaffeesatz über ihre Jeans spritzte, weinte sie nicht. Weinen kostete Energie, die sie für ihren sechsjährigen Sohn Finn brauchte, der gerade auf dem durchgesessenen Sofa einer genervten Nachbarin schlief, die ihr dafür 8 € die Stunde abknöpfte. Sie biss die Zähne zusammen, kniete sich in die Pfütze und begann, den Müll mit bloßen Händen aufzusammeln. Da berührten ihre Finger etwas Schweres, kein Müll, kaltes nasses Leder an einer zerrissenen Stahlkette.
Sie zog die Geldbörse aus dem Matsch, dick, schwer, durchtränkt vom Geruch nach Motoröl und Tabak. Unter dem schwachen Licht der Sicherheitslampe klappte sie die Lasche auf. Dicke, ungeordnete Bündel 100 € Scheine. Ihr Atem stockte.
Der ferne Lärm der Autobahn schien zu verstummen, übertönt vom eigenen Pulsschlag in ihren Ohren. Sie hastete zu ihrem 15 Jahre alten Opel Corsa, sperrte sich ein und kippte den Inhalt der Börse auf den Beifahrersitz. 3200 €. Ihr Kopf zersplitterte sofort in ein Dutzend verzweifelte Rechnungen.
Zwei Monate Mietrückstand, Finns Winterjacke, die erschreckend hohe Heizkostenabrechnung auf der Küchenablage, das metallische Kreischen ihrer Bremsen. 3200 € waren ein Wunder. Sie könnte die Börse einfach in einen Gulli werfen. Wer würde es je erfahren?
Doch dann fiel ihr Blick auf den Führerschein hinter der Plastikhülle. Der Name lautete Berntsorge. Das Foto zeigte kalte tote Augen, einen grau melierten Bart und Narben am Kiefer. Hinter der Karte steckte ein Mitgliedsausweis, unverkennbar, die rote Schrift auf weißem Grund, der geflügelte Totenkopf, Stahlwölfe Motorradclub.
Das war kein liegen gelassenes Portemonnaie eines nachlässigen Geschäftsmanns. Das war Bandengeld und Männer, die dieses Zeichen trugen, hatten 3000 € nicht einfach als Pech ab. Sie suchten, sie fanden Dinge. Die Fantasie, endlich die Miete zu bezahlen, verschwand, ersetzt durch kalte uralte Angst.
Wenn sie auch nur einen einzigen Schein ausgab und sie es zu ihr zurückverfolgten, würde man sie nicht bloß rauswerfen. Finn wäre weise. Moral hatte damit nichts zu tun. Lena brachte die Börse nicht zurück, weil sie ein guter Mensch war.
Sie brachte sie zurück, weil sie eine Überlebende war. Und überleben bedeutete genau zu wissen, welchen Raubtieren man aus dem Weg ging. Sie packte das Geld sorgfältig zurück, wickelte die zerrissene Kette darum und starrte auf die Adresse auf Berns Ausweis. 12 km entfernt im alten Industriegebiet am Rangierbahnhof von Duisburg.
Am Vormittag wirkte das Gewerbegebiet nicht freundlicher. Rostige Wellblechhallen, Stacheldraht, verrostete Tore. Lena hielt um 10 Uhr am Bordstein, nachdem sie Finn zur Schule gebracht hatte, ohne eine Minute geschlafen zu haben. Die Adresse gehörte zu einem fensterlosen Betongebäude, mattschwarz gestrichen.
Hinter einem schweren Stahltor standen ein Dutzend umgebaute Harleys in makellosen Reihen, glänzend wie Waffen. Es roch nach heißem Auspuff und Benzin. Drei lange Minuten saß Lena im Wagen, die Hände so fest um das Lenkrad gekrallt, dass ihre Knöchel weiß wurden.
„Fahr einfach weg


