Am 10. Mai 1940 überfällt Nazideutschland die Niederlande. Fallschirmjäger besetzen Brücken und Flugplätze, die Luftwaffe bombardiert Städte. Am 14.

Mai wird Rotterdam zerstört, am nächsten Tag kapituliert das Land. Kurz darauf beginnen die deutschen Behörden mit der Verfolgung der jüdischen Bevölkerung. Jüdische Unternehmen werden beschlagnahmt, Tausende müssen sich registrieren lassen. Ab Juli 1942 rollen die Deportationszüge in die Vernichtungslager.
Viele Juden tauchen unter, doch ihr Überleben hängt nicht nur von ihrer eigenen Vorsicht ab, sondern auch davon, nicht verraten zu werden. In Amsterdam machen sich kriminelle Banden, Kollaborateure und bezahlte Informanten auf die Jagd nach Juden – gegen Geld, Wertgegenstände und den Schutz der Deutschen. Einer der gefürchtetsten unter ihnen wird als „der niederländische Al Capone“ bekannt: Dries Riphagen. Riphagen wird am 7.
September 1909 in Amsterdam als achtes Kind einer zerrütteten Familie geboren. Seine Mutter stirbt, als er sechs Jahre alt ist. Sein Vater, ein Alkoholiker, kümmert sich kaum um die Kinder. Die schwierige Kindheit prägt ihn tief.
Mit vierzehn Jahren tritt er in die Handelsschule ein, fährt als Matrose auf Frachtschiffen und verbringt zwei Jahre in den USA, wo er für Standard Oil arbeitet. Dort lernt er die Methoden der amerikanischen Unterwelt kennen. Sein auffälliger Lebensstil, seine Spielleidenschaft und seine Kontakte zur organisierten Kriminalität bringen ihm später den Spitznamen ein. Mit achtzehn kehrt er zurück und taucht in die kriminelle Unterwelt Amsterdams ein.
Er tritt der nationalsozialistischen Niederländischen Arbeiterpartei bei, einer stark antisemitischen Splitterpartei. Rund um den Rembrandtplein arbeitet er als Zuhälter, handelt mit Schmuck und Gebrauchtwagen, betreibt Schwarzmarktgeschäfte und illegale Glücksspiele. Er ist viermal verheiratet, aus erster Ehe hat er eine Tochter, aus vierter Ehe einen Sohn. Nach der Besetzung der Niederlande führen die Deutschen unter Reichskommissar Arthur Seyß-Inquart antisemitische Maßnahmen ein.
Juden werden aus dem öffentlichen Dienst entfernt, ihre Unternehmen und Vermögen müssen registriert werden. Im Januar 1941 wird die Registrierung aller Juden angeordnet – angeblich zu ihrem Schutz, tatsächlich zur Vorbereitung der Deportationen. Mehr als 100. 000 Menschen werden erfasst, darunter viele Flüchtlinge aus Deutschland und Österreich.
Am 29. April 1942 wird der gelbe Davidstern eingeführt. Wer ohne ihn angetroffen wird, muss mit Verhaftung und Deportation nach Mauthausen rechnen – ein nahezu sicheres Todesurteil. Im Juli 1942 beginnen die Deportationen.
Zwischen 1942 und 1944 werden über 107. 000 niederländische Juden deportiert, nur etwa 5. 200 überleben. Tausende tauchen mit Hilfe des Widerstands unter.
Die Besatzung eröffnet Kriminellen, die bereit sind, mit den Nazis zusammenzuarbeiten, völlig neue Möglichkeiten. Dries Riphagen nutzt sie skrupellos aus. Er arbeitet eng mit dem SD zusammen, dem Sicherheitsdienst der SS. Gemeinsam mit anderen Unterweltlern spürt er Schwarzmarktgeschäfte und versteckte jüdische Vermögen auf.
Als Gegenleistung erhalten die Männer fünf bis zehn Prozent des beschlagnahmten Vermögens, viele unterschlagen zusätzlich Wertgegenstände. Bald beteiligt sich Riphagen an der Jagd auf Juden, zusammen mit der berüchtigten Familie Oley. 1943 schließt er sich der Henneicke-Kolonne an, einer Gruppe von etwa fünfzig Berufsverbrechern, die untergetauchte Juden aufspürt. Allein zwischen dem 4.
und 31. März 1943 liefert die Kolonne 3. 190 jüdische Menschen an die Deutschen aus, die sie in Vernichtungslager deportieren. Für jede Person erhalten die Täter eine Prämie zwischen 7,50 und 40 Gulden.
Bis Ende 1943 hat Riphagen ein beträchtliches Vermögen angehäuft, das er auf Konten in Belgien und der Schweiz versteckt. Er profitiert auch direkt von der Deportation: Einer jüdischen Frau verspricht er, ihr bei der Flucht nach England zu helfen, eignet sich dann aber ihr luxuriöses Haus an. In dem Moment, in dem sie deportiert wird, zieht er mit seiner Familie ein. Während der Besatzung arbeitet er außerdem für die Zentralstelle für jüdische Auswanderung in Amsterdam, die für die Deportationen verantwortlich ist.
Im letzten Kriegsjahr ist er für den SD in Assen tätig, wo er untergetauchte alliierte Piloten aufspürt und Waffenabwürfe überwacht. Der Krieg endet am 8. Mai 1945. Danach wird Riphagen wegen des Verrats an Juden gesucht.
Die Staatsanwaltschaft hält ihn für den Tod von mindestens 200 Menschen verantwortlich. Doch statt verhaftet zu werden, nimmt er Kontakt zu einem ehemaligen Widerstandskämpfer und Polizeichef auf, der bereit ist, mit ihm zusammenzuarbeiten. Riphagen kommt als „Privatgefangener“ unter Hausarrest und liefert im Gegenzug Informationen über Kollaborateure und NS-Unterstützungsnetzwerke. Im Februar 1946 gelingt ihm mit Hilfe zweier Unterweltfreunde die Flucht.
Er wird in einem Sarg in einem Leichenwagen über die niederländische Grenze nach Belgien geschmuggelt. Von dort flieht er durch Belgien und Frankreich bis nach Spanien – nach Aussagen seines Sohnes legt er die Strecke in drei Monaten mit dem Fahrrad zurück. Im Mai 1946 wird er in Huesca ohne gültige Papiere festgenommen, kommt ins Gefängnis, wird aber wieder freigelassen, nachdem sich ein Jesuitenpriester für ihn einsetzt. Er erhält einen Nansenpass für Staatenlose.
Ein Freund versorgt ihn mit Kleidung und Schuhen, in denen Diamanten versteckt sind, die Riphagen zuvor bei ihm deponiert hatte. Als die niederländischen Behörden ihn in Madrid aufspüren, flieht er im März 1948 mit einem Freund nach Argentinien. Die Adresse, die er dort angibt, gehört einem Jesuitenpriester. Ein direkter Zusammenhang mit den sogenannten Nazi-Rattenlinien kann nie nachgewiesen werden.
Der niederländische Botschafter in Buenos Aires versucht, Riphagens Auslieferung zu erreichen, scheitert aber, weil die Anklagepunkte sich überwiegend auf ältere Straftaten wie Autodiebstahl und Raub beziehen. Es fehlen Beweise für eine strafrechtliche Verfolgung wegen Kriegsverbrechen. Im Mai 1951 berichtet eine argentinische Zeitung, der Oberste Gerichtshof habe entschieden, die verbliebenen Anklagen seien verjährt. Dass Riphagen der Justiz entkommt, verdankt er vor allem seinen Beziehungen zu Rodolfo Valenzuela, einem Richter am Obersten Gerichtshof und engen Vertrauten von Präsident Juan Perón.
Durch ihn knüpft er enge Kontakte zu Perón und dessen Frau Isabelita, die er bis an sein Lebensende pflegt. Riphagen lässt sich im Stadtteil Belgrano in Buenos Aires nieder, betreibt eine Pressebildagentur, arbeitet für den Geheimdienst Peróns und organisiert Boxveranstaltungen für seinen alten Bekannten Jan Oley. Nach dem Sturz Peróns 1955 reist er quer durch Europa, vor allem zwischen Spanien, der Schweiz und Deutschland, wo er als Gigolo von wohlhabenden Frauen lebt. Dries Riphagen, der als schlimmster Kriegsverbrecher Amsterdams gilt, stirbt am 13.
Mai 1973 im Alter von 63 Jahren an Krebs in einer Privatklinik in Montreux, Schweiz.


