TEIL 1 – VON DER ARMUT ZUM GLANZ DES RITZ
Paris, Juni 1940. Deutsche Soldaten marschierten über die Champs-Élysées, während Frankreich nach nur wenigen Wochen militärischen Zusammenbruchs seine Hauptstadt verloren hatte. Hinter den Fenstern standen Menschen und beobachteten schweigend, wie die Besatzungsmacht in Paris einzog. Für Millionen Franzosen begann eine Zeit der Angst, der Lebensmittelknappheit, der Verfolgung und der Unsicherheit. Doch mitten in dieser besetzten Stadt lebte eine Frau in einem der luxuriösesten Hotels der Welt. Sie trug elegante Kleidung, bewegte sich in den höchsten gesellschaftlichen Kreisen und war bereits eine internationale Berühmtheit. Ihr Name war Coco Chanel. Die Frau, die aus bescheidenen Verhältnissen gekommen war und die Modewelt revolutioniert hatte, sollte nun eine Beziehung mit einem deutschen Geheimdienstmitarbeiter beginnen. Später würden freigegebene Dokumente zeigen, dass sie selbst unter einem Decknamen geführt wurde. Aber wie war eine Frau, die einst als Symbol moderner Weiblichkeit gefeiert wurde, in diese Welt geraten?

Bevor ihre Geschichte mit dem Nationalsozialismus begann, musste Gabrielle Bonheur Chanel einen langen Weg zurücklegen. Sie wurde am 19. August 1883 in Saumur geboren. Ihre Kindheit war von Armut geprägt. Ihr Vater arbeitete als Händler und war häufig unterwegs. Die Familie lebte nicht im Luxus, und Chanel erfuhr schon früh, wie unsicher das Leben sein konnte. Als ihre Mutter starb, war Gabrielle erst zwölf Jahre alt. Der Verlust veränderte ihr Leben. Kurz darauf verschwand auch der Vater weitgehend aus ihrem Alltag. Die Töchter kamen in ein katholisches Waisenhaus in Aubazine. Dort herrschten strenge Regeln, feste Tagesabläufe und eine Atmosphäre, in der Disziplin wichtiger war als persönliche Wünsche.
Doch genau dort erlernte Gabrielle eine Fähigkeit, die später den Grundstein für ihr Imperium legen sollte: das Nähen. Sie lernte, Stoffe zu verstehen, Schnitte zu verändern und aus einfachen Materialien etwas Elegantes zu schaffen. Was zunächst nur eine handwerkliche Fertigkeit war, sollte später zu einer der mächtigsten Marken der Welt werden. Die junge Frau verließ das Waisenhaus mit wenig Geld und ohne gesellschaftliche Absicherung. Sie hatte keinen großen Namen. Keine mächtige Familie. Keine Erbschaft. Nur ihren Ehrgeiz.
Zunächst arbeitete Gabrielle als Näherin. Doch sie wollte mehr. Für kurze Zeit versuchte sie sich als Sängerin in Cafés und kleinen Bühnen. Dort entstand der Spitzname „Coco“. Die Geschichten über seine genaue Herkunft sind vielfältig, doch wahrscheinlich wurde er durch Lieder und Auftritte aus dieser frühen Zeit geprägt. Gabrielle erkannte schnell, dass die Bühne ihr nicht den Erfolg bringen würde, den sie suchte. Aber sie hatte dort etwas anderes entdeckt: Menschen mit Geld, Einfluss und Beziehungen.
Einer dieser Männer war Étienne Balsan, ein wohlhabender ehemaliger Kavallerieoffizier und Erbe eines Textilvermögens. Durch Balsan erhielt Chanel Zugang zu einer Welt, die sie bisher nur von außen gekannt hatte. Reichtum, Pferderennen, Landhäuser und die französische Oberschicht wurden Teil ihres Lebens. Sie beobachtete genau, wie sich diese Menschen kleideten, wie sie miteinander sprachen und welche Regeln in ihrer Welt galten. Chanel lernte nicht nur Mode. Sie lernte gesellschaftliche Macht.
Dann trat Arthur „Boy“ Capel in ihr Leben. Der englische Geschäftsmann und Polospieler erkannte ihr Talent und unterstützte ihre ersten geschäftlichen Unternehmungen. 1908 begann ihre Beziehung. Capel war für Chanel weit mehr als ein Liebhaber. Er war ein Förderer. Er half ihr finanziell, als sie ihre ersten eigenen Geschäfte aufbaute. Chanel hatte nun etwas, das sie dringend benötigte: die Möglichkeit, ihre Ideen in ein Unternehmen zu verwandeln.
In den folgenden Jahren eröffnete sie Geschäfte in Deauville und Biarritz. Dort begann sie, mit der traditionellen Damenmode zu brechen. Während Frauen damals häufig in schweren, einengenden Kleidern erschienen, setzte Chanel auf schlichtere Formen, Bewegungsfreiheit und praktische Eleganz. Sie verwendete Materialien, die zuvor eher mit Herrenbekleidung oder Sportkleidung verbunden worden waren. Jersey wurde zu einem ihrer Markenzeichen. Sie machte Einfachheit zu einem Luxus.
Der Erste Weltkrieg veränderte Europa und zugleich die Mode. Frauen mussten in vielen Bereichen des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lebens neue Aufgaben übernehmen. Kleidung musste praktischer werden. Chanel verstand diese Veränderung früh. Sie bot Frauen eine Mode an, die weniger dekorativ, aber dafür moderner und beweglicher war. Ihr Stil passte zu einer Gesellschaft, die sich selbst veränderte.
Nach dem Krieg wuchs ihr Unternehmen weiter. Chanel war nicht mehr die junge Näherin aus einfachen Verhältnissen. Sie war Unternehmerin geworden. Ihr Name begann international bekannt zu werden. Doch ihr größter geschäftlicher Erfolg sollte noch kommen.
1921 brachte sie Chanel N° 5 auf den Markt.
Der Duft wurde zu einer Sensation. Das Parfum war nicht nur ein weiteres Produkt. Es wurde zu einem Symbol. Der Name Chanel stand nun nicht mehr ausschließlich für Kleidung. Er stand für einen Lebensstil. Flakons, Werbekampagnen und der Duft selbst machten Chanel zu einer internationalen Marke. Die Einnahmen ermöglichten ihr einen Lebensstil, der weit entfernt von ihrer Kindheit lag.
Mit ihrem Erfolg bewegte sich Chanel immer höher in gesellschaftlichen Kreisen. Sie lernte britische Aristokraten kennen, darunter den Prince of Wales und den Duke of Westminster. Ihre Beziehung zum Duke war lang und wurde zu einem wichtigen Teil ihres gesellschaftlichen Lebens. Chanel bewegte sich nun in Kreisen, in denen politische und wirtschaftliche Entscheidungen getroffen wurden. Sie kannte Menschen, die Zugang zu Regierungen, Diplomaten und internationalen Netzwerken hatten.
Berichten zufolge soll sie später auf die Frage, warum sie den Duke nicht geheiratet habe, mit einem Satz geantwortet haben, der ihren Charakter treffend zusammenfasste: Es habe bereits mehrere Herzoginnen von Westminster gegeben, aber nur eine Chanel. Ob der Satz genau so gefallen ist, lässt sich historisch nicht sicher belegen. Doch er passte zu dem Bild, das Chanel von sich selbst geschaffen hatte. Sie wollte nicht die Ehefrau eines mächtigen Mannes sein. Sie wollte selbst die Macht besitzen.
In den 1930er Jahren erreichte ihr Modehaus eine enorme Größe. Tausende Menschen arbeiteten für ihr Unternehmen. Chanel gehörte zu den bekanntesten Frauen Europas. Ihr Name stand für Modernität, Eleganz und Unabhängigkeit. Doch hinter dieser öffentlichen Persönlichkeit gab es eine weniger bekannte Seite. Chanel kämpfte mit einer Morphinabhängigkeit, die nach den Angaben des Ausgangsmaterials bereits Mitte der 1930er Jahre bestand und sie bis zu ihrem Lebensende begleiten sollte.
Auch politisch war Chanel keineswegs unbeteiligt. Sie war eine Frau, die Menschen nach ihrer Herkunft, ihrem gesellschaftlichen Status und ihren Beziehungen beurteilte. Ihre Welt bestand aus Netzwerken. Wer Zugang zu den richtigen Personen hatte, konnte Türen öffnen, die anderen verschlossen blieben. Genau diese Fähigkeit sollte während des Zweiten Weltkriegs eine neue Bedeutung bekommen.
Als Deutschland am 1. September 1939 Polen überfiel, begann der Zweite Weltkrieg. Frankreich trat in den Krieg ein. Chanel schloss ihr Modehaus. Rund 4.000 Beschäftigte verloren ihre Arbeit. Sie erklärte, während eines Krieges sei nicht die richtige Zeit für Mode. Doch sie selbst verschwand nicht aus dem öffentlichen Leben. Sie blieb in Paris.
Im Juni 1940 brach die französische Verteidigung zusammen. Deutsche Truppen besetzten Paris. Die Stadt wurde Teil einer neuen politischen Ordnung. Im Norden und Westen Frankreichs herrschte die deutsche Besatzungsmacht. Im Süden entstand das Vichy-Regime unter Philippe Pétain, das mit Deutschland kollaborierte.
Für viele Franzosen bedeutete die Besatzung Hunger, Angst und Repression.
Für Chanel bedeutete sie zunächst etwas anderes.
Sie zog in das Hôtel Ritz.
Das Luxushotel wurde während der Besatzung zu einem Treffpunkt hochrangiger deutscher Offiziere und Funktionäre. Chanel lebte dort in einer Umgebung, die von der Mehrheit der französischen Bevölkerung kaum erreicht werden konnte. Während Familien auf Lebensmittelkarten angewiesen waren und Juden Schritt für Schritt ihrer Rechte beraubt wurden, bewegte sich Chanel weiterhin in einem privilegierten Umfeld.
Im Ritz lernte sie Baron Hans Günther von Dincklage kennen. Der deutsche Adlige war mit dem nationalsozialistischen Geheimdienstapparat verbunden. Er verfügte über Kontakte in der deutschen Besatzungsverwaltung und konnte Chanel Zugang zu Kreisen verschaffen, die für normale französische Bürger unerreichbar waren.
Ihre Beziehung entwickelte sich schnell.
Doch Chanel hatte einen persönlichen Grund, sich an die Deutschen zu wenden.
Ihr Neffe André befand sich in deutscher Gefangenschaft.
Chanel wollte seine Freilassung.
Für sie war die Angelegenheit persönlich. Sie hatte in ihrer Familie nur wenige Menschen, denen sie wirklich vertraute. André war einer davon. Seine Gefangenschaft bedeutete für sie eine unmittelbare Bedrohung.
Möglicherweise begann ihre Zusammenarbeit mit deutschen Stellen deshalb zunächst aus einem persönlichen Motiv.
Doch persönliche Motive erklären nicht alles.
Denn Chanel blieb nicht bei einer einfachen Bitte um Hilfe.
Sie begann, ihre Beziehungen zu deutschen Funktionären zu nutzen.
Und gleichzeitig erkannte sie, dass die neue politische Ordnung ihr eine andere Möglichkeit eröffnete.
Eine Möglichkeit, die direkt mit ihrem größten kommerziellen Erfolg verbunden war.
Chanel N° 5.
Seit den 1920er Jahren wurde das Parfum von der Firma Parfums Chanel hergestellt. Die wirtschaftliche Kontrolle lag zu einem erheblichen Teil bei der jüdischen Familie Wertheimer. Chanel selbst hielt nur einen Minderheitsanteil. Sie war mit dieser Aufteilung seit Jahren unzufrieden.
Nun änderte sich die politische Lage.
Die Nationalsozialisten hatten antijüdische Gesetze eingeführt. Jüdisches Eigentum konnte beschlagnahmt oder unter sogenannte „Arisierung“ gestellt werden. Für Chanel eröffnete sich dadurch eine Gelegenheit, die Kontrolle über das Unternehmen zu übernehmen.
Am 5. Mai 1941 schrieb sie an die zuständigen Behörden.
Ihre Argumentation war geschäftlich.
Sie erklärte, dass Parfums Chanel weiterhin in jüdischem Besitz sei und dass die Verteilung der Gewinne nicht ihren Vorstellungen entspreche. Sie verlangte, dass die Behörden die Situation korrigierten.
Doch ihr Plan scheiterte.
Die Wertheimers hatten die Gefahr früh erkannt. Noch vor der Besetzung Frankreichs hatten sie die Kontrolle über das Unternehmen auf einen nichtjüdischen Geschäftspartner übertragen. Dadurch konnte das Unternehmen nicht einfach unter den antijüdischen Maßnahmen beschlagnahmt und an Chanel übergeben werden.
Die Familie Wertheimer hatte Chanel damit einen entscheidenden Schritt voraus.
Chanel bekam die Firma nicht.
Aber sie gab ihren Versuch nicht einfach auf.
Ihre Beziehung zu den deutschen Behörden entwickelte sich weiter.
Und während Frankreich immer stärker unter der Besatzung litt, bewegte sich Chanel in einer Welt, in der die Grenzen zwischen gesellschaftlichem Einfluss, persönlichem Vorteil und geheimdienstlicher Zusammenarbeit immer undeutlicher wurden.
Später freigegebene Dokumente führten sie unter dem Decknamen „Westminster“.
Der Name war eine Anspielung auf den Duke of Westminster.
Damit war Chanel nicht mehr nur die berühmte französische Designerin, die im Ritz lebte.
Sie war zumindest für deutsche Nachrichtendienststellen eine Person mit möglichem geheimdienstlichem Nutzen.
Ihre Kontakte nach Großbritannien waren der entscheidende Grund.
Chanel hatte über ihre früheren gesellschaftlichen Beziehungen Zugang zu britischen Eliten.
Sie kannte Persönlichkeiten, die wiederum Kontakte zu Winston Churchill hatten.
Und die deutsche Führung suchte 1943 verzweifelt nach Möglichkeiten, die zunehmend katastrophale Kriegslage zu verändern.
Die Ostfront war zu einem Albtraum geworden.
Die Alliierten hatten in Nordafrika Fuß gefasst.
Italien begann zu wanken.
Und die deutsche Führung suchte nach politischen Möglichkeiten, die Gegner voneinander zu trennen.
In diesem Moment wurde Chanel interessant.
Nicht wegen ihrer Mode.
Nicht wegen ihres Parfums.
Sondern wegen ihrer Kontakte.
1943 reiste sie gemeinsam mit von Dincklage nach Berlin.
Dort traf sie Walter Schellenberg, einen hochrangigen Funktionär des deutschen Sicherheits- und Nachrichtendienstes.
Schellenberg war davon überzeugt, dass geheime Kontakte nach Großbritannien vielleicht eine politische Lösung ermöglichen könnten.
Chanel sollte dabei helfen.
Der Plan erhielt den Decknamen „Unternehmen Modellhut“.
Die Idee war gewagt.
Chanel sollte versuchen, Winston Churchill zu erreichen.
Die Hoffnung bestand darin, über persönliche Kontakte Gespräche anzubahnen, die möglicherweise zu einem Separatfrieden zwischen Großbritannien und Teilen der deutschen Führung führen könnten.
Für das nationalsozialistische Regime war dies ein verzweifelter Versuch, die politische Isolation Deutschlands zu durchbrechen.
Für Chanel war es eine gefährliche neue Rolle.
Sie war jetzt nicht mehr nur die Frau, die im Ritz mit deutschen Offizieren verkehrte.
Sie war Teil einer geheimen Operation.
Sie reiste nach Madrid.
Sie führte einen Brief mit sich, der an Churchill gerichtet war.
Doch die Operation begann auseinanderzufallen, bevor sie überhaupt eine Chance auf Erfolg hatte.
Die Vermittlerin, die in das Unternehmen eingebunden war, informierte britische Stellen über den Plan.
Die britische Seite durchschaute die Initiative.
Es kam zu keinem Separatfrieden.
Keine geheimen Verhandlungen führten zu einem politischen Durchbruch.
„Unternehmen Modellhut“ scheiterte.
Doch Chanel war nun mit etwas verbunden, das viel schwerer wog als eine private Beziehung zu einem deutschen Offizier.
Sie hatte sich in die Welt des nationalsozialistischen Geheimdienstes begeben.
Und während sie nach außen weiterhin die berühmte Coco Chanel blieb, rückte in Europa der Moment näher, in dem die Besatzer selbst vor ihrer Niederlage standen.
CLIFFHANGER – ENDE TEIL 1: 1944 würde Paris befreit werden. Deutsche Soldaten würden sich zurückziehen. Kollaborateure würden plötzlich zu Verdächtigen werden. Und Chanel würde erfahren, dass der Schutz ihrer berühmten Persönlichkeit nicht automatisch bedeutete, dass sie der Vergangenheit entkommen konnte.


