Der Kater hatte erst seit einer Woche den Kragen um, und schon war er nicht mehr wiederzuerkennen. Vorher hatte niemand gewusst, wie freundlich er eigentlich ist. Auch nicht, ob er bei seiner alten Familie Freigänger war. Man hatte kaum Informationen bekommen.

Jetzt lag er da, ließ sich den Kopf kraulen und genoss jede Aufmerksamkeit. Ein reiner Schmusekater. Genau das würde ihm helfen, dachten wir. Ein schüchterner, scheuer Kater mit nur einem Auge hätte es schwer gehabt.
Aber so? Da hatten wir richtig Hoffnung. Er sollte noch keinen Text bekommen, nicht für die Webseite und nicht für Social Media. Erst musste das Auge heilen, die Naht musste verheilen.
Danach würden wir ihn online stellen, und dann hieß es: kräftig teilen, damit er ein schönes Zuhause findet. Dabei war er so ein süßer Kerl. Er kuschelte, schmuste, wollte einfach nur bei seinen Menschen sein. Immer wieder drehte er den Kopf zur Seite, reckte die Nase in die Luft.
Jemand feilte in der Werkstatt gegenüber, ein Geräusch, das er nicht einordnen konnte. Er stand am Gitter und lauschte, stellte die Ohren auf, wirkte kurz verunsichert. Dann legte er sich wieder hin und schloss die Augen. Freddy hieß er.
Den Namen hatte seine Namensgeberin ausgesucht, und so sollte er bleiben. Standardnamen versuchten wir eigentlich zu vermeiden, aber bei Freddy machten wir eine Ausnahme. Sein Schicksal hatte vor einigen Monaten begonnen, lange bevor er bei uns ankam. Ein Glaukom, ein grüner Star.
Auf dem einen Auge war es so schlimm geworden, dass es aussah wie ein milchiges Glupschauge. Es musste höllisch wehgetan haben. Monate hatte er das mindestens gehabt, vielleicht sogar Jahre. In seinem alten Zuhause hatte ihm niemand geholfen.
Erst als er zu uns kam, konnte die Operation endlich stattfinden. Das Auge wurde entfernt, der Druck herausgenommen. Und die Erleichterung war sofort zu spüren. Direkt nach der Operation hatte er angefangen, sich an den Rand seiner Box zu reiben, vorsichtig, testend.
Als hätte er gemerkt: Es tut nicht mehr so weh. Nicht mehr dieser bohrende Schmerz. Nur noch die Wunde, und die war nichts im Vergleich zu dem, was er vorher ertragen musste. Doch dann kam die Enttäuschung.
Wir hatten gehofft, er könnte auf dem anderen Auge noch etwas sehen. Aber das stellte sich schnell als Irrtum heraus. Freddy war vollständig blind. Auf beiden Augen.
Er konnte sich putzen, das klappte erstaunlich gut. Er kam zurecht. Aber er würde nie wieder etwas sehen. Die Kosten für die Operation waren enorm gewesen.
Selbst mit den vereinsangeschlossenen Tierärzten war so ein Eingriff ein ordentliches Loch im Budget. Ohne die Spenden hätten wir ihn nicht aufnehmen können. Vor ein paar Monaten hätten wir ablehnen müssen, wegen des Geldes und weil wir keine Kapazitäten für einen weiteren Krankenkater gehabt hätten. Dank der Community war das möglich gewesen.
Daran erinnerte ich gerne. Jeder Euro, der in die Tierheimkasse fließt, hilft. Ob für Fliesen oder Tierarztkosten, am Ende landet alles in einem großen Topf. Und je mehr darin ist, desto mehr Tieren können wir helfen.
Gerade gab es einen Spendenaufruf für die Flure. Der Boden war noch nackter Beton, und wenn mal wieder eine Seuche ausbrach oder ein Tier durchfiel, mussten wir desinfizieren können. Die Fliesen sollten das ändern, hygienisch und sauber. Auch kleine Beträge halfen.
Es musste nicht viel sein, ein Euro reichte. Jede Unterstützung zählte. Im Chat ging es weiter. Eine Zuschauerin fragte, ob das andere Auge wirklich blind sei.
Ja, leider. Er sah nichts mehr. Wir hatten es anfangs nicht geglaubt, aber es hatte sich schnell bestätigt. Ein anderer fragte, ob wir Maincoons hätten.
Nein, aktuell nicht. Vor einiger Zeit hatten wir zwei Maincoon-Mixe gehabt, Fundkatzen, völlig verfilzt und abgemagert. Die hatten inzwischen ein schönes Zuhause gefunden. Aber es konnte jederzeit sein, dass wieder eine reinkam.
Man wusste nie, was der Tag brachte. Eine Zuschauerin fragte, wie man herausfindet, ob das eigene Tier mit einem zweiten kompatibel ist. Durch Probieren, erklärte ich. Man konnte es nur herausfinden, wenn man es wagte.
Wenn man nicht wusste, ob die eigene Katze mit anderen klarkam, sollte man sich ein Tier holen, von dem bekannt war, dass es mit anderen gut auskam. Ein Tierheim konnte oft Wochen oder sogar Monate brauchen, um ein Tier zu vergesellschaften. Und das Risiko blieb immer. Manche Katzen waren hochsozial und kamen mit jedem klar, andere nicht.
Am besten redete man mit dem Tierheim, woher das eigene Tier kam. Vielleicht hatten die eine Idee, ob es passen könnte. Aber sicher sein konnte man nie. Eine andere Frage: Werden abgelehnte Tiere oft ausgesetzt?
Das kam darauf an. Wir lehnten nur ab, wenn wir wirklich keine Kapazitäten hatten. Aber wir ließen uns trotzdem immer Fotos und Informationen schicken, bevor wir ablehnten. So hatten wir die Besitzerdaten und wussten, wo das Tier hingehörte, falls es ausgesetzt oder gefunden wurde.
Dann konnten wir es zuordnen und die Leute zur Rechenschaft ziehen. Wir hatten auch eine Warteliste. Und oft fanden sich Lösungen, andere Tierheime, private Pflegestellen, irgendjemand, der das Tier aufnehmen konnte. Wir bekamen nicht oft mit, dass Tiere ausgesetzt wurden, gerade weil wir die Leute großflächig verwiesen.
Aber es passierte sicherlich irgendwo. Eine Zuschauerin erzählte, ihr Kater Hugo sei nur zwei Monate im Tierheim gewesen. Sie hatte ihn geholt, bevor er überhaupt ausgeschrieben war. Manche Verhaltensweisen, die das Tierheim beschrieben hatte, zeigte er zu Hause gar nicht.
Das kam häufig vor. Tiere verhalten sich im Tierheim anders als im neuen Zuhause. Oft waren sie zu Hause entspannter. Wir hatten schon oft schüchterne Katzen ausgeschrieben, und die Leute kamen zurück und sagten: Wie, schüchtern?
Nach drei Tagen lag sie bei uns auf dem Schoß. Es konnte aber auch andersrum sein. Manche Tiere zeigten zu Hause dann doch Verhaltensweisen, wurden unrein oder fingen an zu markieren. Wir berieten dann und gaben Tipps, aber eine hundertprozentige Garantie gab es nie.
Eine andere Zuschauerin sprach von einer internen Datenbank aller Tierheime, wo man sehen könnte, wer Platz hat. Das wäre ein Traum, sagte ich. Aber es sei schwierig, solche Informationen zu pflegen. Man müsste wissen, welches Tierheim Kapazitäten für einen gefährlichen Hund hat und welches für drei nette.
Man müsste auch wissen, wie schwierig die Vermittlung eines Tieres ist. Ein Dackel, der schon ein paar Mal kräftig in die Wade gebissen hat, nicht verträglich mit anderen Hunden und Kindern, nur zu seiner Bezugsperson nett, den vermittelt man deutlich schlechter als einen netten Rottweiler, der mit allen Tieren klarkommt, alleine bleiben kann, gut im Auto fährt und nur abgegeben werden muss, weil sich die Lebensumstände des Frauchens geändert haben. Solche Feinheiten lassen sich schwer in einer Datenbank abbilden. Und viele Tierheime nutzen unterschiedliche Programme.
Es gäbe kein einheitliches System. Die Idee war cool, aber realistisch? Eher nicht. Man könnte höchstens freiwillig mitmachen, aber selbst das wäre viel Aufwand.
Im Chat lachten einige über den bissigen Dackel. Eine Zuschauerin sagte, ihr Hugo sei ein Rottweiler, aber er habe ihr noch nie in die Wade gebissen und schlafe bei ihr im Bett. Sie habe ihn vor zwei Monaten aus dem Tierheim München geholt. Und sie habe ihn Hugo genannt, weil sie ursprünglich unseren Hugo hatte haben wollen.
Über uns sei sie auf den Wunsch gekommen, einen Kater zu haben. Ich liebte diese Geschichte. Eine richtige Liebesgeschichte. Nicht mit einem Tier von uns, aber quasi dasselbe.
Freddy lag inzwischen auf seiner Kratzpappe, den Kopf zur Seite gedreht, die Pfoten angewinkelt. Er kratzte sich am Ohr, kam aber mit dem Kragen nicht richtig hin. Warte, soll ich dir helfen? , fragte ich und kraulte ihn hinter dem Ohr.
Er genoss es sichtlich, drückte den Kopf in meine Hand. Jetzt beide Seiten gleichzeitig. Besser. Ja, genau da.
Er schnurrte leise. Dann stand er auf, tapste ein paar Schritte, blieb stehen, schüttelte sich und kippte leicht um. Ach, der ist so süß. Der ist schon sehr putzig.
Irgendwann musste ich los, um die Schleckis zu holen. Die Schublade war aufgeräumt worden, alle Leckerlis wieder sortiert. Schneckis, wie wir sie nannten, die weichen Leckerlis in Tuben. Dann ging ich zu Frieda.
Sie war eine getigerte Dame, eine Fundkatze. Man hatte beim Fund schon gesehen, dass sie trächtig war. Sie war nicht gechippt, und wir hatten bisher keine Besitzer gefunden. Jetzt durfte sie hier in Sicherheit ihre Kitten bekommen.
Draußen hätten die Chancen schlecht gestanden, dass die Kleinen überleben. Und selbst wenn, wären sie nicht kastriert worden und hätten sich weiter vermehrt. Kastration war uns ein riesiges Herzensanliegen. Da halfen wir, wo wir konnten.
Frieda lag in ihrem Zimmer, den dicken Bauch zur Seite, und maunzte mich sofort an. Hallo, Frieda. Sie knurrte leise, stellte die Haare auf. Ich traute ihr null, ehrlich gesagt.
Sie wirkte grumpy und ich hatte das Gefühl, sie würde mir gleich ins Gesicht springen. Aber dann entdeckte sie das Schlecki, das ich in der Hand hielt. Sie kam näher, schnupperte vorsichtig. Ich schmierte ihr ein bisschen an die Nase.
Sie leckte es ab und kam noch einen Schritt näher. Bestechlich war sie, Gott sei Dank. Sie fraß mir aus der Hand, leise knurrend, aber deutlich entspannter. Sie suchte übrigens auch ein Zuhause, sobald ihre Kitten geboren und groß genug waren.
Und wenn sie ausziehen durften, suchte auch sie ein neues Zuhause. Eine süße, grumpy Dame, die nur etwas Zeit brauchte, um Vertrauen zu fassen. Eine Zuschauerin fragte, ob sie schon bald Kitten bekomme. Ich schätzte, es würden mehr als zwei.
Ihr Bauch war schon ordentlich rund. Die Milch war schon zu sehen, wenn man ihre Zitzen anschaute. Es dauerte nicht mehr lange. Im Stream hatten wir auch eine Werbepartnerschaft mit Streamly, einer Plattform, bei der wir ein paar Euro für Views bekamen.
Immer wieder tauchte plötzlich eine Werbung im Chat auf. Diesmal ging es um Pollenallergie. Ich musste lachen, als es aus unserem Namen geschrieben wurde. Später kamen noch Neuigkeiten zu einer Katze namens Isa.
Sie hatte gestern Besuch von Interessenten gehabt, und wir erwarteten noch eine Auskunft, aber es war wohl gut gelaufen. Eine Kollegin fragte, ob sie Isa am nächsten Tag vorstellen sollte. Isa war eher schüchtern bei Fremden. Es könnte Sinn machen, sich erstmal anzufreunden, dann vorzustellen.
Aber genau wussten wir nicht, ob es klappt. Dann ging es um Lutz, unseren Mann für alles. Er hatte ein neues Sonnensegel gebaut, weil das alte problematisch gewesen war. Die Bilder kamen im Chat an.
Und dann waren da noch die Spenden, die reinkamen. Abos, Bits, kleine Beträge. Jeder dankte, jeder freute sich. Die Zwölf-Prozent-Ausschüttung war auf sechzig zu vierzig gestiegen, ein kleiner Erfolg, der sich lohnen würde.
Freddy war inzwischen wieder bei mir. Er tapste vorsichtig durch den Raum, den Kopf leicht gesenkt, die Ohren gespitzt. Dann lief er gegen die Tür. Oh nein, Spatzi.
Es tut mir leid. Er blieb kurz stehen, orientierte sich neu und tapste weiter. Er kam gut zurecht, für einen Kater, der nichts mehr sehen konnte. Es war erstaunlich, wie schnell er sich an seine neue Situation gewöhnt hatte.
Die Wunden mussten noch verheilen, der Kragen musste noch ein paar Tage bleiben. Keine Kratzbäume, solange er ihn trug, die Gefahr wäre zu hoch, dass er hängen blieb oder fiel. Aber danach? Dann würde er ein schönes Zuhause suchen.
Und mit seinem Wesen, seiner Verschmustheit, seiner Geduld hatte er gute Chancen. Eine Woche mit Kragen, und er war ein anderer Kater. Vielleicht würde es noch ein paar Wochen dauern, bis er online ging. Aber die Hoffnung war groß.
Sehr groß sogar. Ein Schmusekater findet schneller ein Zuhause als ein scheuer. Das wussten wir aus Erfahrung.
Und er war einer der nettesten, die wir je hatten.


