TEIL 1 – DER MANN HINTER DER LUFTWAFFE
Am 4. Mai 1945 stand ein deutscher Feldmarschall an der Ostseeküste und wusste, dass seine Welt zusammengebrochen war. Erhard Milch, einst einer der mächtigsten Männer der deutschen Luftwaffe, war auf der Flucht. Der Krieg war verloren, Hitler tot, das NS-Regime zerfallen. Als er von britischen Soldaten festgenommen wurde, trug er noch seinen Feldmarschallstab bei sich. Ein britischer Offizier wollte wissen, was Milch über die Bilder dachte, die die Alliierten in den befreiten Konzentrationslagern gesehen hatten. Milch soll auf Englisch geantwortet haben, diese Menschen seien nicht Menschen wie er und der Offizier. Die Antwort löste einen Wutausbruch aus. Der Stab wurde ihm aus der Hand gerissen und zerbrochen. Für einen kurzen Moment traf die Gewalt des Krieges einen Mann, der jahrelang selbst Teil des Systems gewesen war. Doch das war noch nicht das Ende seiner Geschichte. Milch würde vor Gericht stehen und dort behaupten, von vielem nichts gewusst zu haben.

Wenn dich historische Geschichten über die mächtigsten Männer des Dritten Reiches interessieren, bleib bis zum Ende. Denn Erhard Milch war keine gewöhnliche Figur. Er war ein hochrangiger Luftwaffenführer, ein Organisator der deutschen Flugzeugproduktion und einer der Männer, die dafür sorgten, dass die Luftwaffe zu Beginn des Zweiten Weltkriegs zu einer der stärksten Luftstreitkräfte Europas wurde. Gleichzeitig war er an der Ausbeutung von Zwangsarbeitern beteiligt und trug Verantwortung für ein System, das Menschen für die deutsche Kriegsproduktion einsetzte, bis ihre Körper zusammenbrachen.
Die Geschichte beginnt allerdings lange vor Hitler.
Erhard Milch wurde am 30. März 1892 in Wilhelmshaven geboren. Sein Vater Anton Milch war Apotheker und hatte in der Kaiserlichen Marine gedient. Seine Mutter Clara stammte aus einer nichtjüdischen Familie. Der junge Erhard wuchs im Deutschen Kaiserreich auf, in einer Gesellschaft, in der militärische Laufbahnen großes Ansehen genossen. Deutschland war eine europäische Großmacht. Die Marine wuchs. Das Heer war mächtig. Und der Gedanke, dass Deutschland auch in Zukunft eine bedeutende Rolle auf dem Kontinent spielen würde, schien selbstverständlich.
1910 trat Milch in die deutsche Armee ein. Bereits ein Jahr später wurde er Leutnant im Fußartillerie-Regiment von Linger, Ostpreußisches Nr. 1. Seine militärische Karriere begann also nicht in der Luftfahrt. Flugzeuge spielten damals erst eine junge und experimentelle Rolle. Niemand konnte wissen, dass sie wenige Jahrzehnte später zu einem entscheidenden Instrument moderner Kriegsführung werden würden.
Dann kam der Erste Weltkrieg.
Am 28. Juli 1914 begann der Krieg, der Europa verändern sollte. Milch diente zunächst als Artillerieoffizier in Ostpreußen. Doch schon bald verlagerte sich sein Interesse auf die junge militärische Luftfahrt. Im Juli 1915 wurde er zum Flugzeugbeobachter ausgebildet und anschließend an der Westfront eingesetzt.
Er war bei der Somme-Schlacht 1916 dabei und kämpfte 1917 in Flandern. Die Luftaufklärung entwickelte sich während des Krieges rasant. Flugzeuge dienten nicht mehr nur als technische Kuriositäten. Sie wurden für Aufklärung, Artilleriebeobachtung und schließlich für den Luftkampf eingesetzt. Milch erlebte diese Entwicklung aus nächster Nähe.
Kurz vor dem Ende des Krieges wurde er zum Hauptmann befördert und erhielt das Kommando über die Jagdgruppe 6. Bemerkenswert war dabei, dass Milch selbst nie zum Piloten ausgebildet worden war. Er konnte nicht fliegen. Trotzdem wurde er mit einer fliegerischen Einheit betraut. Schon damals zeigte sich eine Eigenschaft, die seine spätere Karriere prägen sollte: organisatorisches Talent.
Am 11. November 1918 endete der Erste Weltkrieg. Die deutsche Delegation unterzeichnete den Waffenstillstand im Wald von Compiègne. Das Kaiserreich war zusammengebrochen. Die Monarchie verschwand. Deutschland wurde zur Republik.
Für Milch bedeutete das Ende des Krieges nicht das Ende seiner Karriere.
1920 schied er aus dem Militär aus.
Er hätte einen vollkommen anderen Weg einschlagen können.
Stattdessen wandte er sich der zivilen Luftfahrt zu.
Gemeinsam mit seinem früheren Geschwaderkameraden Gotthard Sachsenberg gründete er in Danzig eine kleine Fluggesellschaft. Sie verband die Stadt mit den baltischen Staaten. Die deutsche Luftfahrt befand sich zu dieser Zeit unter erheblichen Einschränkungen, die Deutschland nach dem Versailler Vertrag auferlegt worden waren. Doch zivile Luftfahrt war möglich und entwickelte sich zu einem wichtigen Bereich technischer Innovation.
Milch erkannte die Chance.
1926 wurde er technischer Direktor und Vorstandsmitglied der neu gegründeten Deutschen Lufthansa. Das Unternehmen sollte zum deutschen Flagcarrier werden. Milch war nicht nur Verwalter. Er galt als energischer Organisator und verstand es, technische und wirtschaftliche Fragen miteinander zu verbinden.
Während der Weimarer Republik blieb die politische Lage instabil.
Dann kam 1929.
Die Weltwirtschaftskrise traf Deutschland mit voller Wucht. Unternehmen gingen unter. Banken gerieten in Schwierigkeiten. Millionen Menschen verloren ihre Arbeit. Armut und Unsicherheit nahmen zu. Politische Extreme gewannen an Zulauf.
Adolf Hitler und die NSDAP versprachen Ordnung, nationale Stärke und die Überwindung der wirtschaftlichen Krise.
Am 30. Januar 1933 wurde Hitler zum Reichskanzler ernannt.
Innerhalb weniger Monate wurde aus der Weimarer Republik eine Diktatur.
Am 27. April 1933 entstand das Reichsluftfahrtministerium. Es sollte die deutsche Luftfahrt zentral kontrollieren und sowohl zivile als auch militärische Entwicklungen überwachen. Hermann Göring wurde Reichsluftfahrtminister.
Erhard Milch erhielt eine Schlüsselposition.
Er wurde Staatssekretär im Reichsluftfahrtministerium und damit Görings wichtigster organisatorischer Mitarbeiter.
Von diesem Zeitpunkt an war Milch unmittelbar am Aufbau der Luftwaffe beteiligt.
Das war zunächst ein beeindruckendes technisches und organisatorisches Projekt.
Deutschland durfte nach dem Versailler Vertrag eigentlich keine Luftwaffe besitzen.
Doch die Nationalsozialisten ignorierten diese Beschränkungen.
Flugzeuge wurden entwickelt.
Piloten ausgebildet.
Produktionskapazitäten aufgebaut.
Fabriken erweitert.
Eine neue Luftwaffe entstand praktisch aus dem Nichts.
Milch war einer der Männer, die diesen Aufbau koordinierten.
Er arbeitete an der Entwicklung moderner Flugzeugtypen und an der Organisation einer Industrie, die später Millionen Menschen beschäftigen sollte.
Die Messerschmitt Bf 109 wurde zu einem der bekanntesten deutschen Jagdflugzeuge.
Die Focke-Wulf Fw 190 wurde später ebenfalls zu einem der wichtigsten Jagdflugzeuge der Luftwaffe.
Beide Flugzeugtypen wurden zu Symbolen deutscher Luftmacht.
Doch hinter der technischen Leistung stand eine politische Realität.
Die Luftwaffe war kein neutrales Modernisierungsprojekt.
Sie wurde für den Krieg aufgebaut.
Während Milch die Produktionsstrukturen entwickelte, verschärfte das NS-Regime gleichzeitig seine rassistische Politik.
Am 15. September 1935 verabschiedete das Regime die Nürnberger Gesetze.
Das Reichsbürgergesetz definierte, wer überhaupt als vollwertiger Reichsbürger gelten durfte.
Das Gesetz zum Schutz des deutschen Blutes und der deutschen Ehre verbot unter anderem Ehen und sexuelle Beziehungen zwischen Juden und Menschen, die vom Regime als „deutschblütig“ definiert wurden.
Diese Gesetze gaben der rassistischen Ideologie einen scheinbar juristischen Rahmen.
Menschen wurden nicht mehr nur politisch verfolgt.
Ihre Abstammung wurde zum Kriterium für Rechte und Pflichten.
Und plötzlich geriet auch Erhard Milch selbst in den Mittelpunkt einer solchen Frage.
Gerüchte verbreiteten sich über seine Herkunft.
Sein Vater Anton Milch wurde als jüdisch bezeichnet.
Für einen hochrangigen Funktionär der Luftwaffe war das potenziell verheerend.
Die Gestapo begann mit einer Untersuchung.
Wenn Milch nach den rassistischen Kategorien des NS-Regimes als Jude oder als sogenannter „Mischling“ eingestuft worden wäre, hätte seine Karriere erheblichen Schaden nehmen können.
Hermann Göring griff ein.
Er wollte seinen wichtigen Mitarbeiter behalten.
Es wurde ein Dokument erstellt, nach dem Anton Milch nicht der biologische Vater von Erhard und seinen Geschwistern gewesen sein sollte. Stattdessen wurde behauptet, der tatsächliche Vater sei Karl Brauer, der Bruder von Clara.
Die Konstruktion war grotesk.
Sie bedeutete praktisch, dass Clara ihren eigenen Bruder als Vater ihrer Kinder bezeichnete.
Doch das NS-Regime akzeptierte die Geschichte.
Hitler erkannte Milch schließlich als „arisch“ an.
Göring konnte damit den Mann behalten, den er für den Aufbau der Luftwaffe dringend benötigte.
Später wurde Göring der Satz zugeschrieben:
„Ich entscheide, wer in der Luftwaffe Jude ist.“
Dieser Satz fasste die Willkür des Systems auf erschreckende Weise zusammen.
Nicht wissenschaftliche Erkenntnisse entschieden.
Nicht objektive Kriterien.
Nicht Wahrheit.
Die politische Macht entschied.
Milch selbst blieb eine Schlüsselfigur.
Am 1. Februar 1939 wurde er zum Generalinspekteur der Luftwaffe ernannt. Zu diesem Zeitpunkt hatte Deutschland seine militärische Expansion bereits weit vorangetrieben.
Dann begann der Krieg.
Am 1. September 1939 überfiel Deutschland Polen.
Die Luftwaffe spielte eine zentrale Rolle im Feldzug.
Milch gehörte zu den Männern, die die deutsche Luftmacht organisatorisch vorbereitet hatten.
Der Polenfeldzug endete Anfang Oktober mit der Besetzung und Aufteilung des Landes zwischen Deutschland und der Sowjetunion.
Im April 1940 folgte die deutsche Invasion Dänemarks und Norwegens.
Milch erhielt das Kommando über die Luftflotte 5.
Dänemark wurde innerhalb weniger Stunden besetzt.
Norwegen leistete länger Widerstand.
Die strategischen Gründe für die Operation waren bedeutend. Norwegen bot Zugang zu wichtigen Häfen und sollte helfen, die britische Seemacht in der Nordsee herauszufordern. Gleichzeitig waren die deutschen Kriegsplaner auf schwedisches Eisenerz angewiesen, das über norwegische Häfen transportiert wurde.
Am 10. Juni 1940 kapitulierte Norwegen.
Die Luftwaffe hatte erneut eine wichtige Rolle gespielt.
Dann kam der Zusammenbruch Frankreichs.
Im Sommer 1940 schien Deutschland militärisch kaum aufzuhalten.
Hitler belohnte seine höchsten Generäle.
Am 19. Juli 1940 wurde Erhard Milch gemeinsam mit elf weiteren Generälen zum Generalfeldmarschall befördert.
Es war das erste Mal im Zweiten Weltkrieg, dass Hitler eine solche Beförderungswelle vornahm.
Milch hatte nun einen der höchsten militärischen Ränge erreicht.
Doch die eigentliche Belastungsprobe begann erst.
Im November 1941 starb Generaloberst Ernst Udet durch Suizid.
Udet war als General-Luftzeugmeister für die technische Entwicklung und Versorgung der Luftwaffe verantwortlich gewesen.
Nach seinem Tod übernahm Milch diese Position.
Damit war er für die gesamte Flugzeugproduktion, Bewaffnung und Versorgung der Luftwaffe verantwortlich.
Es war eine gigantische Aufgabe.
Die Luftwaffe benötigte Jagdflugzeuge.
Bomber.
Transportmaschinen.
Ersatzteile.
Munition.
Motoren.
Waffen.
Treibstoff.
Piloten.
Mechaniker.
Und ständig neue Flugzeuge.
Milch musste gleichzeitig die Produktion organisieren und mit einer Industrie arbeiten, die immer stärker unter Rohstoffmangel, Arbeitskräftemangel und alliierten Angriffen litt.
Er erkannte einige der Probleme früher als andere.
Udet hatte unter anderem neue Flugzeugtypen zu schnell in die Produktion geben lassen.
Ein Beispiel war die Heinkel He 177, deren Entwicklung von technischen Problemen geprägt war. Auch die Messerschmitt Me 210 erwies sich als problematisch.
Milch stoppte beziehungsweise begrenzte die Produktion bestimmter ineffizienter Typen und drängte auf Verbesserungen.
Doch selbst organisatorische Fähigkeiten konnten ein grundlegendes Problem nicht lösen.
Deutschland führte einen Krieg gegen immer stärkere Gegner.
Die Vereinigten Staaten traten in den Krieg ein.
Die Sowjetunion mobilisierte gewaltige Ressourcen.
Großbritannien blieb im Krieg.
Die industrielle Kapazität der Gegner wuchs.
Und Deutschland musste gleichzeitig riesige Gebiete besetzen.
Die erste große Katastrophe für die deutsche Luftwaffe und Wehrmacht kam in Stalingrad.
Ende 1942 war die deutsche 6. Armee in der Stadt eingeschlossen.
Hitler verbot den Rückzug.
Hermann Göring versprach, die eingeschlossenen Truppen aus der Luft zu versorgen.
Er stellte in Aussicht, täglich etwa 300 Tonnen Nachschub liefern zu können.
Diese Zahl war entscheidend.
Denn Hitler stützte seine Entscheidung, die Armee in Stalingrad festzuhalten, teilweise auf diese Zusicherung.
Die Realität sah völlig anders aus.
Die Luftwaffe konnte die benötigten Mengen nicht liefern.
Es fehlten Transportflugzeuge.
Es fehlten Piloten.
Es fehlten geeignete Flugplätze.
Die sowjetische Luftabwehr und Jagdflugzeuge erschwerten die Versorgung.
Das Wetter war brutal.
Und die eingeschlossenen Soldaten wurden immer schwächer.
Milch reiste schließlich selbst mit Mitarbeitern des Reichsluftfahrtministeriums an die Front.
Doch die Situation war bereits außer Kontrolle.
Statt der versprochenen 300 Tonnen wurden teilweise nur ein Bruchteil dieser Menge geliefert.
Die 6. Armee war verloren.
Zwischen dem 31. Januar und dem 2. Februar 1943 kapitulierten die letzten deutschen Verbände.
Zehntausende deutsche Soldaten waren gefallen oder verwundet.
Mehr als 90.000 gerieten in sowjetische Gefangenschaft.
Nur wenige tausend sollten nach dem Krieg nach Deutschland zurückkehren.
Viele starben an Hunger, Krankheiten, Erschöpfung, Erfrierungen und den Folgen der Gefangenschaft.
Stalingrad war ein Wendepunkt.
Und für Milch begann der Höhepunkt seiner Macht zu verblassen.
Die deutsche Luftwaffe war noch stark.
Aber die strategische Initiative ging verloren.
Die alliierten Bombenangriffe nahmen zu.
Deutsche Städte wurden bombardiert.
Fabriken wurden zerstört.
Produktionsanlagen mussten verlegt werden.
Und die Luftwaffe konnte den deutschen Luftraum immer weniger schützen.
Die Männer, die einst die Luftwaffe aufgebaut hatten, mussten nun versuchen, eine Industrie am Leben zu erhalten, die zunehmend unter alliierter Überlegenheit litt.
Milch würde bald eine Entscheidung treffen müssen, die ihn noch tiefer in die verbrecherischen Strukturen des NS-Systems führen sollte.
Denn die deutsche Industrie hatte ein Problem.
Es gab nicht genug Arbeitskräfte.
Und die Lösung des Regimes war nicht, die Produktion zu reduzieren.
Die Lösung war Zwangsarbeit.
FORTSETZUNG FOLGT …
TEIL 2 – ZWANGSARBEIT, MACHTKAMPF UND DER PROZESS
Mit dem Fortschreiten des Krieges wurde die deutsche Flugzeugproduktion immer abhängiger von Menschen, die nicht freiwillig in den Fabriken arbeiteten. Millionen Zwangsarbeiter aus den besetzten Ländern wurden nach Deutschland verschleppt. Kriegsgefangene wurden eingesetzt. Häftlinge aus Konzentrationslagern wurden der Rüstungsindustrie zur Verfügung gestellt. Für die Führung des Reiches waren sie keine normalen Arbeiter. Sie waren eine Ressource, die jederzeit eingesetzt werden konnte.
Erhard Milch befand sich mitten in diesem System.
Nach den schweren Niederlagen Deutschlands musste die Flugzeugproduktion nicht nur aufrechterhalten, sondern massiv gesteigert werden. Die Alliierten bombardierten deutsche Fabriken. Gleichzeitig wurden immer mehr deutsche Männer an die Front geschickt. In der Heimat fehlten Arbeitskräfte. Die Antwort bestand darin, Produktionsstätten zu verlagern und die Arbeit auf Menschen abzuwälzen, die keinerlei Möglichkeit hatten, sich zu weigern.
Im April 1942 wurde Milch gemeinsam mit Albert Speer und Paul Körner in den Zentralen Planungsausschuss berufen. Dieses Gremium koordinierte die deutsche Kriegsproduktion. Speer war für die Rüstungs- und Kriegsproduktion verantwortlich. Milch brachte seine Erfahrung aus der Luftfahrtindustrie ein. Gemeinsam sollten sie die deutsche Produktion auf ein neues Niveau bringen.
Die deutsche Führung wollte mehr Flugzeuge.
Mehr Motoren.
Mehr Ersatzteile.
Mehr Munition.
Mehr Jagdflugzeuge.
Und schneller.
Im Februar 1944 starteten die Alliierten ihre sogenannte Big Week. Zwischen dem 20. und 25. Februar griffen amerikanische und britische Bomber zahlreiche Ziele der deutschen Luftfahrtindustrie an. Die Angriffe richteten schwere Schäden an.
Die deutsche Luftwaffe konnte ihre Verluste nicht mehr ausgleichen.
Milch verlor daraufhin einen Teil seiner Zuständigkeit.
Die Flugzeugproduktion wurde stärker unter die Kontrolle von Speers Rüstungsministerium gestellt.
Im März 1944 gründeten Milch und Speer gemeinsam den sogenannten Jägerstab.
Sein Ziel war klar:
Die Produktion von Jagdflugzeugen musste steigen.
Und zwar schnell.
Eine der Lösungen bestand darin, die Produktion unter die Erde zu verlagern.
Unterirdische Stollen und Fabriken sollten vor Bomben geschützt werden.
Doch diese Verlagerung hatte einen Preis.
Sie benötigte enorme Mengen an Arbeitskräften.
Und die SS stellte diese Arbeitskräfte zur Verfügung.
KZ-Häftlinge wurden in unterirdische Produktionsstätten gebracht.
Sie arbeiteten für Unternehmen wie Junkers, Messerschmitt, Henschel und BMW.
Die Zahl der Häftlinge, die für die deutsche Luftfahrtindustrie eingesetzt wurden, stieg massiv.
Die Produktionszahlen wuchsen.
Doch hinter den Zahlen verbarg sich eine menschliche Katastrophe.
In den Jahren 1944 und 1945 arbeiteten Zehntausende KZ-Häftlinge in der deutschen Flugzeugindustrie.
In den unterirdischen Anlagen mussten sie unter Bedingungen arbeiten, die kaum zu überleben waren.
Eines der bekanntesten Beispiele war Mittelbau-Dora.
Dort wurden unterirdische Anlagen für die Produktion der V2-Rakete und anderer Rüstungsgüter geschaffen.
Die Häftlinge mussten Tunnel in den Berg treiben.
Sie arbeiteten bei schlechter Belüftung.
Unter Hunger.
Unter Gewalt.
Unter ständiger Angst.
Die Sterblichkeit war enorm.
Auch in anderen unterirdischen Anlagen starben Häftlinge durch Erschöpfung, Krankheiten, Misshandlungen und Hinrichtungen.
Die deutsche Führung betrachtete die Menschen als Arbeitskräfte.
Wenn ein Häftling starb, konnte ein anderer seinen Platz einnehmen.
Das war die Logik des Systems.
Produktion war wichtiger als Leben.
Milch war einer der Männer, die diese Produktionssteigerung organisierten.
Die Flugzeugproduktion stieg zwischen 1943 und 1944 erheblich.
Doch die bloße Zahl der Flugzeuge konnte die strategische Lage nicht mehr retten.
Viele der produzierten Maschinen waren veraltete Modelle.
Andere litten unter Treibstoffmangel.
Es fehlten ausgebildete Piloten.
Es fehlten Ersatzteile.
Und die alliierten Luftstreitkräfte wurden immer stärker.
Deutschland konnte immer mehr Flugzeuge bauen.
Aber immer weniger davon konnten den Krieg noch wenden.
Die Ironie war brutal.
Die Produktionszahlen stiegen.
Die militärische Lage verschlechterte sich.
Und je näher die Niederlage kam, desto mehr Menschen wurden für die Produktion geopfert.
Milch geriet gleichzeitig in einen Machtkampf mit Hermann Göring.
Er war überzeugt, dass die Luftwaffe unter Görings Führung nicht mehr effektiv arbeitete.
1944 versuchte Milch gemeinsam mit Joseph Goebbels und Heinrich Himmler, Hitler davon zu überzeugen, Göring das Kommando über die Luftwaffe zu entziehen.
Hitler weigerte sich.
Göring reagierte.
Am 20. Juni 1944 verlor Milch seine Ämter als Staatssekretär und Chef des Beschaffungs- und Versorgungswesens.
Sein Einfluss wurde erheblich eingeschränkt.
Im August wurde er zwar zum Stellvertreter Speers ernannt, doch praktisch war er politisch kaltgestellt.
Der Mann, der einst zu den mächtigsten Organisatoren der Luftwaffe gehört hatte, verlor zunehmend seine Stellung.
Im Herbst 1944 erlitt Milch bei einem Autounfall Verletzungen und verbrachte mehrere Wochen im Krankenhaus.
Im März 1945 wurde er in die Führerreserve versetzt.
Damit war seine aktive Karriere faktisch beendet.
Deutschland stand vor dem Zusammenbruch.
Die Rote Armee rückte aus dem Osten vor.
Westalliierte Truppen drangen von Westen vor.
Deutsche Städte lagen in Trümmern.
Die Luftwaffe war kaum noch in der Lage, den deutschen Luftraum zu verteidigen.
Hitler beging am 30. April 1945 im Berliner Führerbunker Selbstmord.
Das Regime zerfiel.
Für Männer wie Milch begann die Flucht.
Am 4. Mai 1945 wurde Milch an der Ostseeküste von alliierten Truppen gefangen genommen.
Er ergab sich einem britischen Brigadier, Derek M. S. Roberts.
Bei seiner Gefangennahme übergab Milch ihm seinen Feldmarschallstab.
Dann kam es zu dem berühmten Zwischenfall.
Roberts war kurz zuvor mit den Folgen der Befreiung des Konzentrationslagers Bergen-Belsen konfrontiert worden.
Die Bilder dort waren für die britischen Soldaten erschütternd.
Tote und schwer kranke Häftlinge lagen überall.
Die Überlebenden waren ausgemergelt.
Viele waren kaum noch in der Lage zu stehen.
Roberts fragte Milch, was er über diese Menschen dachte.
Die überlieferte Antwort lautete sinngemäß, diese Menschen seien keine Menschen wie Roberts und Milch.
Roberts verlor die Beherrschung.
Er nahm Milch den Feldmarschallstab ab und schlug ihn damit auf den Kopf, bis der Stab zerbrach. Danach soll er eine Sektflasche benutzt haben.
Am nächsten Tag entschuldigte sich Roberts bei Feldmarschall Bernard Montgomery.
Montgomery soll die Situation mit schwarzem Humor kommentiert haben und scherzhaft seinen eigenen Kopf geschützt haben.
Milch erlitt Prellungen und einen Schädelbruch.
Doch die körperliche Gewalt dauerte nur kurz.
Die juristische Auseinandersetzung sollte Jahre dauern.
Milch wurde als Angeklagter in den sogenannten Milch-Prozess überführt, einem der Nürnberger Nachfolgeprozesse.
Der Prozess begann am 2. Januar 1947.
Die Anklage umfasste drei Hauptpunkte.
Erstens wurden ihm Kriegsverbrechen und die Beteiligung an der Zwangsarbeit vorgeworfen.
Dazu gehörten die Verschleppung von Zivilisten aus besetzten Gebieten, die grausame Behandlung von Zwangsarbeitern und der Einsatz von Kriegsgefangenen in der deutschen Rüstungsproduktion.
Zweitens ging es um medizinische Experimente.
Insbesondere wurden Versuche an Häftlingen des Konzentrationslagers Dachau thematisiert.
Die Luftwaffe hatte dort Experimente durchführen lassen, bei denen Menschen extremem Unterdruck und Unterkühlung ausgesetzt wurden.
Die Versuche sollten Erkenntnisse für Piloten liefern, die in großer Höhe eingesetzt wurden.
Für die Häftlinge bedeutete dies Folter.
Viele starben.
Andere wurden schwer verletzt.
Drittens wurde Milch wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt.
Milch bekannte sich in allen Punkten für nicht schuldig.
Er bestritt die Vorwürfe.
Er stellte sich als militärischer Organisator dar, der nicht für die Verbrechen anderer verantwortlich gewesen sei.
Dann wurde er zu seinem Wissen über die Deportation europäischer Juden befragt.
Wann habe er davon erfahren?
Milch antwortete sinngemäß, er könne sich an kein genaues Datum erinnern.
Er habe irgendwann gehört, dass Juden in Ghettos im Osten angesiedelt würden.
Vielleicht 1944.
Vielleicht früher.
Er könne sich nicht mehr genau erinnern.
Dann kam die entscheidende Frage.
Wusste er, dass die Deportationen Teil der Vorbereitung zur systematischen Vernichtung waren?
Milch sagte:
Nein.
Man habe ihnen das nicht gesagt.
Auch über Auschwitz behauptete er, erst nach seiner Gefangennahme davon erfahren zu haben.
Er habe den Namen zuvor nicht gekannt.
Für einen Mann in seiner Position war diese Behauptung äußerst problematisch.
Milch war einer der höchsten Funktionäre der deutschen Luftwaffe.
Er arbeitete mit Hermann Göring.
Mit Albert Speer.
Mit anderen Spitzenfunktionären des Regimes.
Er saß in Gremien, die über die deutsche Kriegswirtschaft entschieden.
Er war an der Organisation der Zwangsarbeit beteiligt.
Es war schwer vorstellbar, dass ein Mann mit dieser Verantwortung über die grundlegenden Verbrechen des Systems völlig ahnungslos gewesen sein konnte.
Noch deutlicher wurde die Frage bei den Einsatzgruppen.
Diese mobilen Mordkommandos waren im Osten eingesetzt worden, um Juden und andere Menschen systematisch zu ermorden.
Milch behauptete, erstmals während seiner Gefangenschaft in Nürnberg von ihnen gehört zu haben.
Er sagte, er wisse nichts über die Vernichtung jüdischer Menschen.
Die Anklage stellte diese Aussagen infrage.
Bereits 1946, während des ersten Nürnberger Hauptprozesses, war Milch als Zeuge befragt worden.
Der amerikanische Chefankläger Robert H. Jackson hatte ihn auch zu seiner Abstammung und zur Intervention Görings befragt.
Jackson wollte wissen, ob Göring ihn zu einem „Arier“ gemacht habe.
Milch antwortete sinngemäß, Göring habe ihn nicht zu einem Arier gemacht.
Er sei einer gewesen.
Damit verteidigte Milch weiterhin die offizielle Geschichte über seine Herkunft.
Der Fall war paradox.
Ein Mann, dessen eigene Abstammung im NS-System eine politische Angelegenheit geworden war, stand nun vor einem Gericht, das seine Rolle in eben diesem System untersuchte.
Die rassistische Ideologie hatte ihn einst selbst bedroht.
Göring hatte ihn geschützt.
Milch blieb im System.
Er wurde Feldmarschall.
Er baute die Luftwaffe mit auf.
Er organisierte die Produktion.
Und er beteiligte sich an der Kriegswirtschaft.
Nun musste er erklären, wie viel er wirklich gewusst hatte.
Der Prozess dauerte neununddreißig Verhandlungstage.
Vierunddreißig Zeugen wurden gehört.
Zweihundertzwölf schriftliche Beweisstücke wurden vorgelegt.
Die Beweisführung konzentrierte sich nicht nur auf direkte Taten.
Sie untersuchte auch seine Verantwortung innerhalb der deutschen Kriegswirtschaft.
Das war entscheidend.
Denn ein moderner Staat kann Verbrechen nicht nur durch einzelne Mörder begehen.
Er kann sie durch Organisation ermöglichen.
Durch Transporte.
Durch Arbeitszuweisungen.
Durch Produktionspläne.
Durch Listen.
Durch Befehle.
Durch Unternehmen.
Durch Behörden.
Und durch Menschen, die all diese Elemente koordinieren.
Milchs Position machte ihn zu einem wichtigen Teil dieser Struktur.
Am 25. März 1947 endete der Prozess.
Am 17. April verkündete das amerikanische Militärtribunal das Urteil.
Milch wurde in den Anklagepunkten eins und drei für schuldig befunden.
Kriegsverbrechen.
Verbrechen gegen die Menschlichkeit.
Das Gericht verhängte eine lebenslange Freiheitsstrafe.
Milch wurde in das Gefängnis Rebdorf bei München gebracht.
Damit schien seine Geschichte beendet.
Doch sie war es nicht.
1951 wurde seine Strafe auf fünfzehn Jahre reduziert.
Im Juni 1954 wurde Milch auf Bewährung entlassen.
Der Mann, der während des Dritten Reiches einer der mächtigsten Luftwaffenführer gewesen war, lebte nun wieder als freier Mann.
Er ließ sich in Düsseldorf nieder.
Er blieb bis zu seinem Tod eine umstrittene Figur.
Am 25. Januar 1972 starb Erhard Milch im Alter von neunundsiebzig Jahren.
Er war der letzte noch lebende deutsche Feldmarschall des Zweiten Weltkriegs.
Er starb Jahrzehnte nach dem Untergang des Systems, dem er gedient hatte.
Seine Karriere hatte mit dem Kaiserreich begonnen.
Er hatte den Ersten Weltkrieg erlebt.
Die Weimarer Republik.
Den Aufstieg Hitlers.
Den Aufbau der Luftwaffe.
Die frühen deutschen Siege.
Den Höhepunkt der Macht.
Stalingrad.
Den Verlust der Luftherrschaft.
Die Zwangsarbeit.
Den Zusammenbruch.
Die Gefangenschaft.
Den Prozess.
Das Gefängnis.
Und schließlich die Freiheit.
Aber die wichtigste Frage seiner Geschichte bleibt eine andere:
Wie konnte ein Mann, der selbst durch die rassistischen Regeln des NS-Regimes hätte gefährdet werden können, so tief in dessen Machtapparat aufsteigen?
Die Antwort liegt teilweise in der Struktur der Diktatur.
Das Regime war nicht konsequent im Sinne seiner eigenen Ideologie.
Es war opportunistisch.
Wenn ein Mann nützlich war, konnte die Führung Regeln verbiegen.
Göring brauchte Milch.
Hitler schätzte seine organisatorischen Fähigkeiten.
Deshalb wurde seine Abstammung „gelöst“.
Doch dieser Schutz führte nicht dazu, dass Milch sich vom Regime distanzierte.
Er blieb.
Er arbeitete weiter.
Er baute weiter.
Er organisierte weiter.
Und während die Luftwaffe wuchs, wuchs auch das System der Zwangsarbeit.
Menschen wurden aus ihren Heimatländern verschleppt.
Kriegsgefangene wurden eingesetzt.
KZ-Häftlinge wurden in Fabriken getrieben.
Die Produktion stieg.
Die menschlichen Kosten stiegen ebenfalls.
Die deutsche Luftfahrtindustrie wurde zunehmend abhängig von einem System, das Menschenleben als Verbrauchsmaterial behandelte.
Milch konnte nach dem Krieg behaupten, bestimmte Verbrechen nicht gekannt zu haben.
Das Gericht akzeptierte diese Behauptungen nicht vollständig.
Seine Verurteilung zeigt, dass Verantwortung nicht erst dort beginnt, wo ein Mensch selbst den Abzug betätigt.
Sie kann auch dort liegen, wo jemand die Strukturen organisiert, die den Mord, die Ausbeutung oder die unmenschliche Behandlung ermöglichen.
Ein Produktionsplan kann Menschenleben beeinflussen.
Eine Entscheidung über Arbeitskräfte kann darüber entscheiden, ob jemand in einer sicheren Fabrik oder einem unterirdischen KZ-Stollen landet.
Eine Unterschrift kann Teil eines Systems werden, dessen Folgen der Unterzeichner selbst nie sieht.
Genau deshalb ist die Geschichte Erhard Milchs so wichtig.
Sie zeigt nicht nur einen Feldmarschall.
Sie zeigt die Verbindung zwischen militärischer Macht, Industrie und Zwangsarbeit.
Die deutsche Luftwaffe war technisch beeindruckend.
Ihre frühen Erfolge waren real.
Doch hinter den Flugzeugen standen Fabriken.
Hinter den Fabriken standen Arbeiter.
Und während der letzten Kriegsjahre standen hinter vielen dieser Arbeiter Zäune, Wachtürme und SS-Wachen.
Die Flugzeuge konnten fliegen.
Die Menschen, die ihre Teile produzierten, konnten oft nicht entkommen.
Das ist die dunkle Seite der Produktionszahlen, die in militärischen Statistiken oft unsichtbar bleibt.
1943 und 1944 stieg die deutsche Flugzeugproduktion stark.
Aber Deutschland gewann den Krieg nicht.
Die alliierten Luftstreitkräfte wurden stärker.
Die deutschen Piloten wurden knapp.
Der Treibstoff fehlte.
Die Rohstoffe fehlten.
Und schließlich fehlte auch die Zeit.
Immer mehr Menschen wurden eingesetzt.
Immer mehr Fabriken wurden unterirdisch verlagert.
Immer brutaler wurde die Arbeit.
Doch die militärische Niederlage ließ sich nicht verhindern.
Das System konnte seine eigene Schwäche nicht durch noch mehr Zwangsarbeit beseitigen.
Am Ende brach es zusammen.
Und die Männer, die jahrelang Entscheidungen getroffen hatten, mussten sich vor Gerichten verantworten.
Milch war einer von ihnen.
Er starb 1972 als freier Mann.
Aber seine Freiheit bedeutete nicht, dass die Geschichte vergessen wurde.
Die Opfer der Zwangsarbeit konnten nicht einfach zu ihrem früheren Leben zurückkehren.
Viele hatten Angehörige verloren.
Viele waren körperlich dauerhaft geschädigt.
Viele hatten Jahre ihres Lebens hinter Gefängnismauern und in Fabriken verbracht.
Die Häftlinge von Dachau, die für medizinische Experimente missbraucht wurden, konnten ihre Erfahrungen nicht vergessen.
Die Menschen, die in unterirdischen Fabriken starben, bekamen ihr Leben nicht zurück.
Die Opfer des NS-Regimes wurden nicht dadurch weniger Opfer, dass der Krieg später verloren ging.
Und genau deshalb darf die Geschichte von Erhard Milch nicht als reine Erfolgsgeschichte eines Militärorganisators erzählt werden.
Seine organisatorischen Fähigkeiten waren real.
Seine Rolle beim Aufbau der Luftwaffe war bedeutend.
Aber technische Leistung und moralische Verantwortung können nicht voneinander getrennt werden, wenn die Technik für einen verbrecherischen Krieg eingesetzt wird.
Ein Flugzeug selbst ist nicht gut oder böse.
Ein Produktionssystem ebenfalls nicht.
Entscheidend ist, wie Menschen es einsetzen.
Wer davon profitiert.
Wer darunter leidet.
Und welchen Preis andere dafür bezahlen.
Erhard Milch entschied sich, dem NS-Regime zu dienen.
Er blieb, obwohl er dessen rassistische Politik aus eigener Erfahrung kannte.
Er arbeitete für die Luftwaffe.
Er organisierte die Produktion.
Er unterstützte die Kriegswirtschaft.
Er war an einem System beteiligt, das Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge ausbeutete.
Nach dem Krieg wurde er dafür verurteilt.
Sein Fall zeigt damit eine unbequeme Wahrheit:
Man kann Opfer einer Diktatur in einem bestimmten Bereich sein und gleichzeitig Täter oder Mitverantwortlicher in einem anderen.
Milchs jüdische Abstammung, wie sie in den Quellen und der NS-Auseinandersetzung behandelt wurde, machte ihn nicht automatisch zu einem Gegner des Regimes.
Görings Schutz rettete seine Karriere.
Doch er nutzte diese Karriere, um weiter im Dienst des Regimes zu arbeiten.
Die Geschichte ist deshalb komplex.
Aber Komplexität darf nicht mit Entschuldigung verwechselt werden.
Die wichtigste Verantwortung bleibt bestehen.
Wenn du diese Geschichte interessant oder nachdenklich machend findest, schreibe „Wir erinnern uns“ in die Kommentare. Nicht als Verherrlichung eines Feldmarschalls, sondern als Erinnerung an die Menschen, die unter dem System litten, dessen Aufbau und Kriegsproduktion Männer wie Milch mitorganisierten.
Wenn du weitere historische Geschichten über das Dritte Reich, die Wehrmacht, die Luftwaffe, Konzentrationslager und die Menschen hinter den großen Entscheidungen des Zweiten Weltkriegs verfolgen möchtest, unterstütze den Kanal und bleib bei den nächsten Geschichten dabei.
Denn Geschichte besteht nicht nur aus Schlachten und Generälen.
Sie besteht aus Entscheidungen.
Aus Fabriken.
Aus Befehlen.
Aus Namen.
Aus Zahlen.
Und vor allem aus Menschen.
Erhard Milch starb 1972.
Die Luftwaffe, die er mit aufgebaut hatte, war bereits seit fast drei Jahrzehnten Geschichte.
Das Dritte Reich existierte nicht mehr.
Hermann Göring war tot.
Hitler war tot.
Speer war verurteilt worden.
Die Konzentrationslager waren längst zu Gedenkorten geworden.
Aber die Folgen der Entscheidungen jener Jahre blieben.
In den Erinnerungen der Überlebenden.
In den Narben der Opfer.
In den Dokumenten der Prozesse.
Und in den Orten, an denen heute an die Menschen erinnert wird, die das System nicht überlebten.
Milchs Geschichte endet deshalb nicht mit seinem Tod.
Sie bleibt Teil der Frage, wie eine moderne Gesellschaft in einen totalen Krieg geraten konnte.
Wie Industrie und Bürokratie mit Gewalt verbunden wurden.
Wie technische Innovation gleichzeitig mit menschlicher Entwürdigung existieren konnte.
Und wie Menschen mit hoher Bildung und großer organisatorischer Fähigkeit ihre Fähigkeiten in den Dienst eines verbrecherischen Systems stellen konnten.
Das vielleicht Beunruhigendste daran ist nicht, dass Erhard Milch ein mächtiger Mann war.
Sondern dass er ein sehr kompetenter Mann war.
Kompetenz ist keine Moral.
Organisation ist keine Menschlichkeit.
Technischer Fortschritt ist kein Beweis für ethischen Fortschritt.
Und ein hoher militärischer Rang sagt nichts darüber aus, ob ein Mensch bereit ist, Verantwortung für die Folgen seiner Entscheidungen zu übernehmen.
Milch war ein Feldmarschall.
Er war ein Organisator.
Er war ein Manager der Kriegsproduktion.
Er war Teil der Führung der Luftwaffe.
Und er wurde wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit verurteilt.
Diese Kombination macht seine Geschichte so wichtig.
Nicht um ihn zu glorifizieren.
Sondern um zu verstehen.
Und um die Opfer nicht aus den Augen zu verlieren.
Denn hinter jedem Flugzeug, das in einer Statistik auftaucht, standen Menschen.
Hinter jeder Produktionssteigerung standen Arbeitsstunden.
Und in den letzten Jahren des Krieges standen hinter vielen dieser Arbeitsstunden Menschen, die nicht freiwillig dort waren.
Menschen, die keine Freiheit hatten.
Menschen, deren Leben vom deutschen Kriegssystem verbraucht wurde.
Das ist der Teil der Geschichte, den keine Produktionskurve zeigen kann.
Und genau deshalb müssen wir hinter die Zahlen schauen.
Hinter die Flugzeuge.
Hinter die Generäle.
Hinter die Uniformen.
Dort findet man die Menschen.
Die Täter.
Die Opfer.
Und die Entscheidungen, die zwischen ihnen standen.
ENDE
