TEIL 1 – DER MANN HINTER DER OFFENSIVE
Im Dezember 1937 stand die chinesische Stadt Nanking vor dem Zusammenbruch. Zehntausende Menschen versuchten verzweifelt, die Stadt zu verlassen. Familien versteckten sich in Häusern, Ausländer errichteten eine Sicherheitszone, und chinesische Soldaten zogen sich unter chaotischen Bedingungen zurück. Vor den Toren wartete eine japanische Armee, die entschlossen war, die damalige Hauptstadt Chinas einzunehmen. Einer der Offiziere, dessen militärische Laufbahn mit dieser Offensive verbunden war, hieß Moritake Tanabe. Jahre später würde er in einem Gefängnis sitzen und auf seine Hinrichtung warten. Doch zwischen diesen beiden Momenten lagen nicht nur zwölf Jahre Krieg. Dazwischen lagen Entscheidungen, Befehle, eine Besatzungspolitik und ein System, in dem Gewalt gegen Zivilisten und Gefangene immer stärker zur Realität wurde. Wenn du verstehen möchtest, wie ein japanischer General in den Krieg gegen China hineingezogen wurde und warum sein Name später mit einem der dunkelsten Kapitel dieses Krieges verbunden war, bleib bis zum Ende.

Die Geschichte beginnt lange vor Nanking. Moritake Tanabe wurde am 26. Februar 1889 in der Präfektur Ishikawa im Kaiserreich Japan geboren. Sein Vater war ehemaliger Samurai und später Oberst der jungen Kaiserlich Japanischen Armee. Für Tanabe war das Militär deshalb kein fremder Beruf. Es gehörte zu seiner familiären Umgebung. Der Weg vom Sohn eines Offiziers zum selbständigen Soldaten war für ihn beinahe vorgezeichnet. In einer Zeit, in der Japan seine Streitkräfte modernisierte und seinen Einfluss in Ostasien ausbaute, schien eine militärische Laufbahn zugleich eine persönliche und nationale Aufgabe zu sein.
Tanabe besuchte zunächst eine militärische Vorbereitungsschule und trat anschließend in die Kaiserliche Heeresoffiziersschule ein. 1910 schloss er seine Ausbildung ab. Danach folgte die weitere militärische Schulung an der Heereshochschule, die er bis 1918 absolvierte. Seine Karriere verlief nicht spektakulär durch einen einzigen großen Durchbruch. Sie bestand vielmehr aus einer Reihe von Verwendungen, die ihn immer näher an die höheren Ebenen des japanischen Militärapparates führten. Er diente zunächst bei der in Kyoto stationierten 16. Division, einer Formation, die in der letzten Phase des Russisch-Japanischen Krieges entstanden war.
Nach seiner ersten Truppenverwendung wechselte Tanabe in Ausbildungs- und Stabsfunktionen. Er wurde Instrukteur an der Heeresinfanterieschule, arbeitete als Militärattaché an der japanischen Botschaft in Frankreich und übernahm später das Kommando über ein Bataillon des 61. Infanterieregiments. Diese Stationen waren wichtig, weil sie ihn nicht nur mit dem praktischen Soldatenleben vertraut machten, sondern auch mit Planung, Ausbildung und internationaler Militärbeobachtung. Ein Offizier, der an solchen Positionen eingesetzt wurde, sollte später nicht nur Truppen führen, sondern auch große Operationen verstehen können.
In den 1930er Jahren arbeitete Tanabe im Heeresministerium. Von 1934 bis 1936 leitete er das Mobilisierungsreferat innerhalb der Abteilung für wirtschaftliche Mobilisierung. Das war eine besonders wichtige Position in einem Land, dessen Militär immer stärker auf eine mögliche Großkonfrontation vorbereitet wurde. Mobilisierung bedeutete nicht nur, Soldaten einzuberufen. Sie bedeutete, Eisenbahnen, Fabriken, Rohstoffe, Transporte und die gesamte wirtschaftliche Leistungsfähigkeit eines Landes auf militärische Ziele auszurichten.
Während Tanabe innerhalb der Armee aufstieg, veränderte sich die politische Lage in Ostasien dramatisch. Japan war eine industrialisierte Großmacht geworden, verfügte aber über vergleichsweise wenige eigene Rohstoffquellen. Die japanische Führung blickte deshalb zunehmend auf das chinesische Festland. Besonders die Mandschurei im Nordosten Chinas war wegen ihrer Kohle, Mineralien, landwirtschaftlichen Flächen und strategischen Lage von großer Bedeutung. Gleichzeitig fürchtete Japan einen wachsenden sowjetischen Einfluss aus dem Norden. Die Mandschurei konnte aus japanischer Sicht deshalb sowohl wirtschaftliche Ressource als auch Pufferzone sein.
Am 18. September 1931 kam es zum sogenannten Mukden-Zwischenfall. Japanische Offiziere ließen einen kleinen Sprengkörper an einer Eisenbahnstrecke nahe Mukden explodieren. Der Schaden war gering. Doch die Explosion lieferte den japanischen Streitkräften den Vorwand für eine weitreichende militärische Operation. Japanische Truppen besetzten Mukden und dehnten ihre Kontrolle anschließend auf große Teile der Mandschurei aus. Die Aktion erfolgte ohne die Zustimmung der japanischen Zivilregierung und ohne eine reguläre Kriegserklärung.
1932 wurde der Marionettenstaat Mandschukuo errichtet. Die internationale Gemeinschaft reagierte mit Kritik. Der Völkerbund entsandte die sogenannte Lytton-Kommission, die den Konflikt untersuchen sollte. Ihr Bericht kam zu dem Schluss, dass Japan für die Eskalation verantwortlich war und dass die Besetzung der Mandschurei nicht als legitime Selbstverteidigung angesehen werden könne. Japan hätte die Region zurückgeben sollen. Tokio entschied sich jedoch gegen eine solche Lösung und trat 1933 aus dem Völkerbund aus.
Die Mandschurei war damit zum Symbol für die neue japanische Außenpolitik geworden. Militärische Expansion wurde zunehmend als Mittel betrachtet, wirtschaftliche und strategische Ziele zu erreichen. Die japanische Armee entwickelte innerhalb des politischen Systems immer mehr Eigenständigkeit. Militärische Offiziere konnten Operationen beginnen, bevor die zivile Führung vollständig zustimmte. Diese Entwicklung sollte später entscheidend für den Krieg gegen China werden.
Am 7. Juli 1937 eskalierte die Situation erneut. In der Nähe der Marco-Polo-Brücke bei Peking führte eine kleine japanische Einheit ein Manöver durch und verlangte Zugang zur ummauerten Stadt Wanping, angeblich um nach einem vermissten Soldaten zu suchen. Die chinesische Garnison verweigerte den Zugang. Dann fiel ein Schuss. Niemand konnte zunächst mit Sicherheit sagen, wie die Schießerei begonnen hatte. Doch diesmal blieb es nicht bei einem begrenzten Zwischenfall. Die politischen Spannungen waren zu groß geworden.
China und Japan konnten sich nicht auf eine dauerhafte Lösung einigen. Die Kämpfe weiteten sich aus. Größere Truppenverbände wurden eingesetzt. Der Konflikt, der später als Zweiter Japanisch-Chinesischer Krieg bezeichnet wurde, hatte begonnen. In China wird dieser Krieg häufig als Widerstandskrieg gegen Japan bezeichnet. Er dauerte bis 1945 und forderte Millionen Menschenleben.
Tanabe war zu diesem Zeitpunkt bereits ein erfahrener Offizier. Im Oktober 1937 wurde er zum Stabschef der 10. Kaiserlich Japanischen Armee ernannt. Diese Formation war neu geschaffen worden und sollte die japanischen Truppen in Zentralchina verstärken. Die Situation war bereits angespannt, denn die Schlacht um Shanghai hatte sich zu einem der größten und verlustreichsten Gefechte des gesamten Krieges entwickelt.
Die Schlacht von Shanghai begann am 13. August 1937. Chinesische und japanische Truppen kämpften um die Kontrolle über die Stadt und ihre Umgebung. Was zunächst wie eine begrenzte Operation begonnen hatte, entwickelte sich zu einem monatelangen Krieg mit schweren Kämpfen an Land, in der Luft und auf dem Wasser. Hunderttausende Soldaten waren beteiligt. Die chinesische Armee leistete erbitterten Widerstand, konnte den japanischen Vormarsch aber letztlich nicht stoppen.
Die Kämpfe wurden häufig mit späteren urbanen Schlachten verglichen, weil beide Seiten in dicht bebauten Gebieten um einzelne Straßen, Häuser und Stellungen kämpften. Japanische Truppen führten amphibische Landungen durch und versuchten, die chinesischen Verteidigungslinien zu umgehen. Die chinesische Armee zog sich schließlich nach Westen zurück. Für Japan öffnete sich damit der Weg in Richtung Nanking.
General Matsui Iwane, der Oberbefehlshaber der japanischen Truppen, war entschlossen, die chinesische Hauptstadt einzunehmen. Nanking lag ungefähr 300 Kilometer westlich von Shanghai. Matsui glaubte, dass der Fall der Hauptstadt die Regierung von Chiang Kai-shek politisch und militärisch erschüttern könnte. Die japanische Führung hoffte, dass ein schneller Zusammenbruch Chinas den Krieg verkürzen würde.
Doch genau das Gegenteil sollte geschehen.
Auf dem Weg nach Nanking kam es bereits zu zahlreichen Übergriffen. Die chinesische Armee zog sich zurück, während japanische Einheiten vorrückten. Zivilisten gerieten zwischen die Fronten. Berichte über Plünderungen, Erschießungen und andere Gewaltakte häuften sich. Die Disziplin der japanischen Truppen war nicht überall gleich, aber die Zahl der Berichte über Misshandlungen nahm zu.
Tanabe und die 10. Armee gehörten zu den Formationen, die an diesem Vormarsch beteiligt waren. Seine Rolle war die eines hochrangigen Stabsoffiziers. Er stand nicht allein auf einem Schlachtfeld und führte jeden Soldaten persönlich. Seine Verantwortung lag auf der Ebene der Organisation und des militärischen Befehlsapparates. Genau deshalb ist seine Geschichte später so schwer zu beurteilen: Die Frage nach Verantwortung endet nicht immer dort, wo ein Offizier selbst eine Waffe in der Hand hält.
Am 9. Dezember 1937 erreichten japanische Truppen die äußeren Verteidigungslinien von Nanking. Die Stadt war zu diesem Zeitpunkt bereits von einem Großteil der Zivilbevölkerung verlassen worden. Wohlhabendere Familien waren zuerst geflohen. Andere folgten. Schließlich blieben vor allem die ärmsten Bewohner zurück, die nicht über die Mittel verfügten, die Stadt zu verlassen.
Ausländer in Nanking hatten versucht, einen Schutzraum für Zivilisten zu schaffen. Unter Führung des deutschen Kaufmanns John Rabe entstand die Nanking Safety Zone. Rabe war Mitglied der NSDAP, setzte sich aber während der japanischen Besetzung für die chinesische Zivilbevölkerung ein. Gemeinsam mit anderen Ausländern versuchte er, Frauen, Kinder und andere Nichtkombattanten vor der Gewalt zu schützen.
Die Sicherheitszone bot Zehntausenden Menschen Zuflucht. Schätzungen gehen davon aus, dass sie Hunderttausenden Menschen zumindest teilweise Schutz bot. Sie war jedoch kein vollständig sicherer Ort. Japanische Truppen respektierten die Zone nicht immer. Es kam auch dort zu Übergriffen. Trotzdem war das Ausmaß der Gewalt außerhalb der Zone wesentlich größer.
Am 9. Dezember warfen japanische Flugzeuge und Truppen Flugblätter über Nanking ab. Die Bevölkerung wurde zur Aufgabe aufgefordert. Es wurde angekündigt, dass die Stadt bei Widerstand keine Gnade erwarten könne. Die chinesische Führung lehnte eine Kapitulation ab. Am 10. Dezember begann der entscheidende Angriff.
Die chinesische Garnison stand unter dem Kommando von General Tang Shengzhi. Er hatte zunächst einen Kampf bis zum Ende angekündigt. Als die japanischen Truppen die Stadt immer stärker unter Druck setzten, brach die chinesische Verteidigung jedoch zusammen. Rückzugswege wurden chaotisch. Soldaten versuchten, ihre Uniformen abzulegen und sich unter Zivilisten zu mischen. Einige chinesische Einheiten schossen auf eigene Soldaten, die fliehen wollten.
Am 13. Dezember drangen japanische Einheiten in Nanking ein. Der militärische Widerstand war in vielen Bereichen bereits zusammengebrochen. Was danach folgte, war keine kurze Episode von Kampfhandlungen. Es entwickelte sich eine mehrwöchige Welle von Gewalt.
Japanische Soldaten erschossen Gefangene und Männer, die sie für Soldaten hielten. Tausende Chinesen wurden ohne reguläres Verfahren festgenommen. Viele wurden zu Sammelpunkten gebracht. Gruppen wurden gefesselt und aus der Stadt geführt. Einige wurden am Ufer des Jangtse erschossen. Andere wurden mit Maschinengewehren getötet. Es gab auch Berichte über den Einsatz von Benzin und das Verbrennen von Gefangenen.
Chinesische Kriegsgefangene wurden teilweise mit Bajonetten getötet oder enthauptet. Zahlreiche Leichen wurden in Massengräbern verscharrt oder in den Fluss geworfen. Die genaue Zahl der Opfer ist bis heute Gegenstand historischer Forschung und unterschiedlicher Berechnungen. Unstrittig ist jedoch, dass eine sehr große Zahl chinesischer Zivilisten und Gefangener getötet wurde.
Noch erschütternder waren die Berichte über sexualisierte Gewalt.
Frauen und Mädchen wurden in großer Zahl vergewaltigt. Die Übergriffe beschränkten sich nicht auf einzelne Täter oder einzelne Häuser. Berichte beschreiben, wie japanische Soldaten von Tür zu Tür gingen und Frauen suchten. Manche Opfer wurden nach den Vergewaltigungen getötet. Auch Kinder und ältere Frauen waren betroffen.
Die Vergewaltigungen waren Teil einer umfassenderen Gewalt gegen die Zivilbevölkerung. Häuser wurden durchsucht. Wertgegenstände wurden geraubt. Lebensmittel wurden beschlagnahmt. Gebäude wurden angezündet. Ganze Stadtviertel wurden zerstört.
Die Schätzungen über die Zahl der Vergewaltigungsopfer reichen weit auseinander. Historiker nennen je nach Definition und Quellenlage unterschiedliche Zahlen. Sicher ist jedoch, dass die sexuelle Gewalt ein massives Ausmaß erreichte.
Besonders erschütternd sind die Aussagen ehemaliger japanischer Soldaten, die Jahrzehnte später über die Geschehnisse berichteten. Einige beschrieben, dass Vergewaltigungen und Morde innerhalb der Truppe nicht als außergewöhnliche Verbrechen behandelt wurden. Solche Aussagen geben Einblick in eine militärische Kultur, in der die Entmenschlichung der chinesischen Bevölkerung die Hemmschwelle zur Gewalt senkte.
Auch ausländische Beobachter dokumentierten die Ereignisse. Mitglieder des Internationalen Komitees für die Nanking Safety Zone schrieben Tagebücher und Berichte. John Rabe selbst versuchte wiederholt, japanische Offiziere zur Beendigung der Gewalt zu bewegen. Die Berichte ausländischer Zeugen wurden später zu wichtigen Quellen für die historische Aufarbeitung.
Die Gewalt dauerte Wochen.
Nanking war keine normale besetzte Stadt.
Es war ein Ort, an dem staatlich organisierte militärische Macht, Disziplinlosigkeit, Rassismus und Entmenschlichung zusammenwirkten.
Tanabes 10. Armee war Teil der japanischen Kräfte, die an der Einnahme Nankings beteiligt waren. Die genaue individuelle Verantwortlichkeit einzelner Offiziere ist eine Frage, die von Befehlen, Zuständigkeiten und konkreten Handlungen abhängt. Tanabe war jedoch als hochrangiger Offizier in der Struktur präsent, während die Ereignisse stattfanden.
Die 10. Armee wurde am 14. Februar 1938 offiziell aufgelöst. Tanabe wechselte später in andere Führungspositionen. Im Oktober 1939 wurde er zum Generalleutnant befördert. Von 1941 bis Ende desselben Jahres war er Stabschef der japanischen Nordchina-Armee. Danach kehrte er nach Japan zurück.
Zu diesem Zeitpunkt war der Krieg gegen China noch lange nicht beendet.
Und Japan stand kurz davor, einen Krieg zu beginnen, der den gesamten Pazifik erfassen würde.
CLIFFHANGER – ENDE TEIL 1

