Alle lachten über den Hausmeister – bis ein alter Trainer beim Anblick seines Handgelenks kreidebleich wurde…

„Besiegen Sie mich, und Sie bekommen eine Nacht mit mir.“

Kapitel 1 – Das Zeichen unter der Haut

„Besiegen Sie mich, und Sie bekommen eine Nacht mit mir!“

Das Lachen war lauter als die Brandung.

Mehr als hundert Gäste standen rund um den Infinity-Pool des neuen Luxusresorts. Champagnergläser funkelten im Licht der untergehenden Sonne. Eine Jazzband spielte auf der Terrasse, während Kameras jeden Augenblick der glamourösen Eröffnungsfeier einfingen.

In der Mitte des Geschehens stand Victoria Adler.

Neununddreißig Jahre alt. Gründerin der Adler Horizon Resorts. Auf den Titelseiten der Wirtschaftsmagazine als „Königin des Luxus“ gefeiert. Athletisch, makellos gekleidet und mit einem Lächeln, das gleichzeitig Charme und Überlegenheit ausstrahlte.

Sie hob ihr Glas.

„Ich habe mir sagen lassen, dass niemand in meinem Club schneller schwimmt als ich.“

Beifall.

„Falls doch jemand anderer Meinung ist…“

Sie stellte das Glas langsam auf den Tisch.

„…dann fordere ich ihn hier und jetzt heraus.“

Die Gäste jubelten.

„Und damit niemand behauptet, ich hätte keinen Sinn für Unterhaltung—“

Sie machte eine kurze Pause.

„Wer mich im Becken besiegt, verbringt eine Nacht mit mir. Alle Kosten gehen selbstverständlich auf mich.“

Pfiffe.

Gelächter.

Handys wurden gezückt.

Einige hielten die Szene bereits im Livestream fest.

Victoria genoss jede Sekunde davon.

Nicht, weil sie das Angebot ernst meinte.

Sondern weil sie wusste, dass niemand gewinnen konnte.

Sie war seit ihrer Jugend Leistungsschwimmerin gewesen. Selbst nach Jahren im Vorstand trainierte sie jeden Morgen um fünf Uhr.

Der Pool war ihre Bühne.

Und heute gehörte ihr das Publikum.

Niemand trat vor.

Sie nickte zufrieden.

„Wie erwartet.“

„Ich nehme die Herausforderung an.“

Die Musik verstummte nicht.

Aber das Gespräch aller Gäste schon.

Langsam drehten sich die Köpfe.

Ich stand neben dem Serviceraum.

Noch immer trug ich die graue Arbeitskleidung des Hausmeisters.

Ein Werkzeugwagen stand hinter mir.

An meinen Schuhen klebte noch feuchter Zement von einer Reparatur am Westflügel.

Ein Kellner stieß seinen Kollegen mit dem Ellenbogen an.

„Hat der das gerade wirklich gesagt?“

Jemand lachte laut.

„Der Neue?“

„Nicht mal eine Woche hier.“

„Vielleicht verwechselt er Schwimmen mit Putzen.“

Immer mehr Menschen kicherten.

Victoria musterte mich von oben bis unten.

Nicht böse.

Nicht einmal verächtlich.

Nur mit jener beiläufigen Arroganz erfolgreicher Menschen, die längst vergessen haben, wie Unsichtbarkeit aussieht.

„Wie heißen Sie?“

„Jonas.“

„Nur Jonas?“

„Das genügt.“

Ein leises Raunen ging durch die Menge.

Sie lächelte.

„Jonas.“

Sie sprach meinen Namen, als koste sie einen fremden Wein.

„Sind Sie sicher?“

„Ja.“

„Sie wissen, dass ich seit zwanzig Jahren trainiere?“

Ich nickte.

„Sie wissen, dass dieser Wettkampf live übertragen wird?“

„Ja.“

„Und Sie wissen, dass Sie sich gerade vor allen Gästen meines Resorts lächerlich machen könnten?“

„Das entscheidet das Wasser.“

Einige Gäste lachten erneut.

Diesmal etwas unsicherer.

Victoria verschränkte die Arme.

„Mutig.“

„Oder dumm“, murmelte jemand.

Innerhalb weniger Minuten entstanden die ersten Wetten.

„Hundert Euro, dass er nicht einmal die Hälfte schafft.“

„Ich sage zweihundert.“

„Nein. Der gibt nach zwanzig Metern auf.“

Ein älterer Herr im Leinenanzug grinste.

„Ich setze tausend auf Victoria.“

Sein Freund hob sofort das Handy.

„Angenommen.“

Das Personal beobachtete die Szene aus respektvoller Entfernung.

Niemand sprach mit mir.

Nicht einmal meine Kollegen.

Man wollte nicht mit dem Verlierer gesehen werden.

Ich legte ruhig meinen Werkzeugschlüssel auf den Wagen.

Dann krempelte ich langsam die Ärmel hoch.

Auf meinem linken Handgelenk kam eine verblasste Tätowierung zum Vorschein.

Kein modernes Tattoo.

Kein Name.

Kein Symbol, das man im Internet bestellen konnte.

Es sah eher aus wie ein altes Emblem.

Ein Kreis.

Darin drei geschwungene Linien.

Fast vollständig verblasst.

Am anderen Ende des Beckens saß ein alter Mann auf einem weißen Plastikstuhl.

Offiziell war er als Berater für die Eröffnung eingeladen worden.

Inoffiziell kannte kaum jemand seinen Namen.

Karl Brenner.

Vierundsiebzig.

Früher Nationaltrainer.

Sein Blick war bis dahin gelangweilt über den Pool gewandert.

Jetzt erstarrte er.

Seine Augen blieben auf meinem Handgelenk hängen.

Er stand auf.

Langsam.

Zu langsam für einen Mann seines Alters.

Dann plötzlich schneller.

Sehr viel schneller.

Der Stuhl fiel hinter ihm um.

„Nein!“

Seine Stimme durchschnitt den Lärm.

„Dieser Mann darf nicht gegen sie antreten!“

Alle verstummten.

Victoria runzelte die Stirn.

„Karl?“

Er kam hastig näher.

Sein Gesicht war kreidebleich.

„Bitte… hören Sie auf mich.“

Victoria lächelte belustigt.

„Sie wollen den jungen Mann also schützen?“

Gelächter.

Karl antwortete nicht.

Sein Blick blieb auf meinem Handgelenk.

Als hätte er einen Geist gesehen.

„Sie verstehen nicht…“

Seine Stimme zitterte.

„Wenn dieses Zeichen echt ist…“

Victoria schüttelte den Kopf.

„Ach Karl.“

Sie legte ihm freundlich eine Hand auf die Schulter.

„Sie unterschätzen mich.“

„Nein.“

Er sah sie mit einer Verzweiflung an, die niemand verstand.

„Ich überschätze ihn.“

Zum ersten Mal wurde es wirklich still.

Selbst die Musiker hatten aufgehört zu spielen.

Der Wind bewegte leicht die Wasseroberfläche.

Karl trat noch einen Schritt auf mich zu.

„Woher haben Sie dieses Zeichen?“

Ich sah ihn an.

„Es war schon immer da.“

„Wer hat Sie trainiert?“

„Niemand.“

Er schloss die Augen.

Für einen kurzen Moment schien er gegen eine Erinnerung anzukämpfen.

Dann flüsterte er:

„Unmöglich…“

Victoria verschränkte erneut die Arme.

„Genug jetzt.“

Sie wandte sich an die Gäste.

„Offenbar hält mein ehemaliger Trainer den Hausmeister für eine Gefahr.“

Einige lachten wieder.

Doch diesmal klang das Lachen gezwungen.

Karl packte sie am Handgelenk.

Eine Bewegung, die sich niemand in ihrem Umfeld jemals erlaubt hätte.

„Victoria…“

Seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern.

„Wenn ich recht habe… dann wird dieser Wettkampf Ihr Leben zerstören.“

Sie zog ihre Hand ruhig zurück.

„Mein Leben habe ich selbst aufgebaut.“

„Nicht alles, was Ihnen gehört… gehört wirklich Ihnen.“

Ein Schatten huschte über ihr Gesicht.

Nur für den Bruchteil einer Sekunde.

Dann war das selbstbewusste Lächeln zurück.

„Genug der Dramatik.“

Sie wandte sich an mich.

„Zehn Bahnen.“

Ich nickte.

„Einverstanden.“

„Und keine Ausreden hinterher.“

„Ich suche keine.“

Sie streifte ihren Bademantel ab.

Applaus brandete auf.

Kameras richteten sich auf den Pool.

Doch während alle Augen Victoria folgten, beobachtete Karl nur mich.

Als ich an ihm vorbeiging, flüsterte er so leise, dass niemand sonst es hören konnte:

„Falls Sie wirklich der sind, für den ich Sie halte… dann weiß Victoria nicht, dass sie gleich gegen den letzten Erben der Familie Adler antreten wird.“

Ende von Kapitel 1.