Teil 1: Kriegsbeginn und die Entstehung eines Unterdrückungssystems
Am 1. September 1939 erwachte Europa zu dem Dröhnen von Flugzeugmotoren, dem Rattern von Panzern und den hastig verbreiteten Notmeldungen im Radio.

Aus dem Westen überschritten Truppen des nationalsozialistischen Deutschlands die Grenze zu Polen.
Der Vorwand wurde schnell geliefert: Nach der Propaganda aus Berlin hätten die Polen angeblich eine deutsche Radiostation in Gleiwitz „angegriffen“. In Wahrheit handelte es sich nicht um einen polnischen Angriff, sondern um eine inszenierte Aktion – eine gezielte Täuschung, vorbereitet, um einen Krieg zu rechtfertigen, den Adolf Hitler und die NS-Führung längst geplant hatten.
Wenige Stunden später fielen Bomben auf polnische Städte. Eisenbahnlinien wurden zerstört, Brücken gesprengt. Deutsche Panzerverbände rollten über Landstraßen, während die Luftwaffe Flughäfen, Kommunikationszentren und Versorgungswege angriff.
Polen wurde nicht nur angegriffen.
Polen wurde von einer neuen Form der Kriegsführung überrollt.
Später nannte die Welt sie Blitzkrieg – den „Krieg der schnellen Entscheidung“.
Dabei ging es nicht nur um die Anzahl der Panzer oder Flugzeuge. Die Stärke lag in ihrer Koordination: Die Luftwaffe sollte den Gegner lähmen, Panzer sollten die Front durchbrechen, motorisierte Infanterie die Lücken ausweiten. Ziel war nicht ein langsames Vorrücken, sondern der gleichzeitige Zusammenbruch von Führung, Kommunikation und Widerstandswillen des Gegners.
Die polnische Armee kämpfte.
Viele Einheiten leisteten erbitterten Widerstand.
Doch sie standen einer nahezu aussichtslosen Lage gegenüber. Deutschland verfügte über eine überwältigende Luftüberlegenheit, hohe Mobilität und die Fähigkeit, Kräfte schnell zu konzentrieren. Panzerverbände warteten nicht auf klassische Schlachtverläufe. Sie umgingen Fronten, schnitten Rückzugswege ab und isolierten Einheiten, die anschließend von nachrückenden Truppen aufgerieben wurden.
Und während Polen im Westen noch kämpfte, kam ein zweiter Schlag aus dem Osten.
Am 17. September 1939 marschierte die Sowjetunion in Ostpolen ein.
Für die polnische Bevölkerung war dies der Moment, in dem jede Hoffnung zu zerbrechen begann. Das Land sah sich nicht mehr nur einer Invasion gegenüber, sondern wurde zwischen zwei Großmächten eingeklemmt – zwei autoritären Regimen, die zuvor einen Nichtangriffspakt geschlossen hatten, der geheime Absprachen zur Aufteilung Osteuropas enthielt.
Großbritannien und Frankreich hatten Deutschland nach dem Angriff den Krieg erklärt. Auf dem Papier stand Polen nicht allein.
In der Realität kam jedoch keine rechtzeitige militärische Hilfe.
Warschau wurde eingekesselt. Die Stadt wurde bombardiert, beschossen und systematisch zerstört. Menschen suchten Schutz in Kellern, Krankenhäuser waren überfüllt, ganze Straßenzüge lagen in Trümmern. Innerhalb weniger Wochen verloren Familien ihre Häuser, ihre Angehörigen und oft auch den Glauben daran, dass das „zivilisierte Europa“ eingreifen würde.
Ende September 1939 kapitulierte Warschau.
Polen wurde aufgeteilt.
Im Westen und in der Mitte errichtete das nationalsozialistische Deutschland seine Kontrolle, im Osten die Sowjetunion. Auf Karten waren es Linien aus Tinte und Diplomatie. Vor Ort bedeuteten sie Angst, Vertreibung, Gefängnisse und Hinrichtungen.
Für das NS-Regime war der Sieg in Polen nicht nur ein militärischer Erfolg. Er war der Beginn eines umfassenderen Projekts: die radikale Umgestaltung der Gesellschaft nach rassistischen Ideologien.
Polen wurde in der NS-Weltanschauung als „minderwertig“ betrachtet. Das Land galt nicht als souveräne Nation, sondern als Raum, der kontrolliert, ausgebeutet und „gesäubert“ werden sollte.
Schon in den ersten Monaten der Besatzung richtete sich die Gewalt gezielt gegen jene, die eine Gesellschaft stabilisieren konnten: Intellektuelle, Lehrer, Geistliche, Adlige, ehemalige Offiziere, Journalisten, Ärzte, Juristen und lokale Verwaltungsbeamte.
Diese Menschen mussten nicht unbedingt Waffen tragen.
Doch sie trugen Erinnerung, Einfluss und Organisationsfähigkeit in sich. Sie konnten erzählen, dass Polen einst ein freies Land gewesen war.
Allein das machte sie zu Zielen.
Verhaftungen fanden in Schulen, Kirchen, Büros und Wohnungen statt. Manche kehrten nie zurück. Andere wurden in Wäldern erschossen oder in Lager verschleppt. Namen wurden erfasst, Akten markiert, Menschen zu Nummern reduziert.
Eines der erschreckendsten Merkmale des NS-Systems war, dass Gewalt nicht spontan war.
Sie war organisiert.
Sie folgte Formularen, Befehlen, Hierarchien, Berichten und Unterschriften.
Gleichzeitig verschlechterte sich die Lage der jüdischen Bevölkerung in den besetzten Gebieten dramatisch.
Vor dem Krieg lebte in Polen eine der größten jüdischen Gemeinden Europas. Menschen lebten in Städten, Kleinstädten und Dörfern – als Händler, Handwerker, Lehrer, Ärzte, Wissenschaftler, Arbeiter und Künstler. Sie waren keine anonyme Masse, wie es die NS-Propaganda behauptete, sondern Millionen individueller Lebensgeschichten.
Nach der Besatzung begann ein schrittweiser Prozess der Ausgrenzung.
Zunächst öffentliche Demütigungen, dann Registrierungspflichten, Enteignungen, Einschränkungen der Bewegungsfreiheit und Zwangsarbeit. Schließlich entstanden Ghettos – abgeschottete, überfüllte Stadtteile mit Hunger, Krankheit, Überwachung und Gewalt.
Dort wurden Menschen in Räume gedrängt, die nicht zum Leben ausreichten.
Doch die Ghettos waren nicht das Ende.
Nach dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion im Juni 1941 eskalierte die Gewalt weiter. Mobile Einsatzgruppen folgten der Wehrmacht und verübten Massenerschießungen in Wäldern, Gruben und an Stadträndern. Aus dem System der Verfolgung entwickelte sich ein industriell organisiertes Vernichtungsnetz aus Konzentrations-, Arbeits- und Vernichtungslagern.
Jüdische Menschen aus Polen wurden deportiert, in Züge gezwungen und in Lager gebracht, deren Namen später zu Symbolen des Grauens wurden: Auschwitz, Treblinka, Sobibor, Belzec, Chelmno, Majdanek.
Doch neben diesen bekannten Orten existierten zahlreiche weitere Lager im Schatten des Systems.
Eines davon war Stutthof.
Stutthof entstand nicht sofort als weltbekanntes Symbol des Holocaust. Es lag nahe Danzig und diente zunächst als Instrument zur Inhaftierung und Unterdrückung von Menschen, die im besetzten Gebiet als gefährlich galten.
Anfangs richtete es sich vor allem gegen Polen, insbesondere gegen Intellektuelle und potenzielle Widerstandskämpfer. Doch im NS-System blieben solche Einrichtungen nie statisch. Sie wuchsen, spezialisierten sich und wurden zunehmend brutalisiert.
Zäune wurden errichtet.
Baracken gebaut.
Wachpersonal eingesetzt.
Und immer mehr Menschen eingesperrt.
Schritt für Schritt wurde aus einem Haftlager ein Teil des SS-Lagersystems.
Dieses System funktionierte nicht nur durch die Führung in Berlin. Es brauchte tausende „gewöhnliche“ Menschen: Sekretärinnen, Eisenbahner, Ärzte, die Formulare unterschrieben, Wachleute, die Tore bewachten, Aufseher, die Befehle ausführten, und Bürokräfte, die Listen führten.
Die Maschinerie der Gewalt wurde nicht allein durch Ideologie an der Spitze getragen.
Sie wurde durch Gehorsam im Alltag aufrechterhalten.
Einige handelten aus Überzeugung, andere aus Angst, wieder andere aus Karriereinteresse oder sozialem Druck. Viele waren seit ihrer Jugend in ein System eingebunden, das Loyalität über Gewissen stellte.
In diesem Umfeld wuchs auch eine junge Frau aus Hamburg auf: Jenny-Wanda Barkmann – ein Name, der in späteren Berichten oft unterschiedlich wiedergegeben wurde.
Sie wurde 1922 geboren und gehörte zu einer Generation, die das NS-Regime nicht erschaffen hatte, aber in ihm aufwuchs. Ihre Kindheit und Jugend fielen in eine Zeit, in der Schule, Jugendorganisationen, Medien, Musik und öffentliche Rituale vollständig von nationalsozialistischer Ideologie durchdrungen waren.
Als Hitler 1933 an die Macht kam, war Jenny noch ein Teenager.
In diesem Alter werden Weltbilder geformt.
Ein Kind muss Politik nicht vollständig verstehen, um zu lernen, wie man sich verhält, welche Symbole man benutzt und welche Aussagen als „Wahrheit“ gelten. Es muss keinen Krieg erlebt haben, um zu glauben, dass das eigene Land von Feinden umgeben sei.
Das NS-Regime wusste das genau.
Es wollte nicht nur Erwachsene kontrollieren.
Es wollte die Vorstellungskraft der Jugend prägen.
Millionen Jugendliche wurden in Organisationen wie der Hitlerjugend und dem Bund Deutscher Mädel eingebunden. Dort wurden Loyalität, Disziplin und Ideologie durch Uniformen, Lieder, Lager, Sport und politische Schulung vermittelt.
Nach außen wirkten viele dieser Aktivitäten wie normale Jugendarbeit.
Doch im Kern verfolgten sie ein klares Ziel: das Individuum im Kollektiv aufzulösen, Gehorsam als Tugend zu definieren, Zweifel als Schwäche zu brandmarken und rassistische Ideologie als „Wissen“ zu verankern.
Jenny wuchs in dieser Welt auf.
Bevor sie 1944 als Aufseherin nach Stutthof kam, bevor Häftlinge sich an ihre Brutalität erinnerten, bevor sie nach dem Krieg vor Gericht stand und vieles bestritt, war sie eine junge Frau, die in einem System sozialisiert wurde, das Menschen nicht als gleichwertig betrachtete.
Niemand wird als Teil einer Unterdrückungsmaschinerie geboren.
Aber Gesellschaften können Menschen dazu machen.
Um zu verstehen, wie eine junge Frau wie Jenny Teil dieses Systems werden konnte, muss man in die Jahre ihrer Prägung zurückblicken – in eine Zeit, in der das nationalsozialistische Deutschland nicht nur einen Krieg vorbereitete, sondern auch eine Generation darauf vorbereitete, ihn als normal zu akzeptieren.


