SS-Wachmann, der sich in eine Jüdin in Auschwitz verliebte: Franz Wunsch

SS-Wachmann, der sich in eine Jüdin in Auschwitz verliebte: Franz Wunsch

Franz Wunsch und Helena Zitronova: Eine unmögliche Geschichte aus Auschwitz

Am 15. September 1935 verkündete das nationalsozialistische Regime in Nürnberg eine Reihe von Gesetzen, die später als „Nürnberger Gesetze“ bekannt wurden.

Sie gehörten zu den zentralen Grundlagen der antisemitischen Verfolgung im Deutschen Reich. Mit ihnen wurde jüdischen Menschen nicht nur ihre rechtliche Gleichstellung genommen. Sie wurden auch offiziell aus der sogenannten „Volksgemeinschaft“ ausgeschlossen.

Ein besonders wichtiger Teil dieser Gesetze war das Verbot von Ehen und sexuellen Beziehungen zwischen Juden und Menschen, die nach nationalsozialistischer Definition als „deutschblütig“ galten.

Für das NS-Regime war dies keine private Frage.

Es war Ideologie.

Die Nationalsozialisten glaubten an eine rassistische Vorstellung von „Blut“, „Reinheit“ und „Volk“. Beziehungen zwischen Juden und Nichtjuden galten ihnen als Gefahr für die angebliche „Reinheit“ der deutschen Bevölkerung. Wer gegen diese Gesetze verstieß, konnte verhaftet, verfolgt und in ein Konzentrationslager gebracht werden.

Doch einige Jahre später, mitten in Auschwitz, entstand eine Geschichte, die selbst innerhalb dieser grausamen Ideologie wie ein unerhörter Widerspruch wirkte.

Ein SS-Mann verliebte sich in eine jüdische Gefangene.

Sein Name war Franz Wunsch.

Ihr Name war Helena Zitronova.

Ihre Geschichte ist keine einfache Liebesgeschichte. Sie ist auch keine Geschichte der Erlösung. Sie handelt von Macht, Gewalt, Überleben, Schuld und moralischen Widersprüchen, die sich nicht sauber auflösen lassen.

Denn Franz Wunsch war nicht nur ein Mann, der einer Gefangenen half.

Er war auch ein Täter.

Ein Teil der Mordmaschine Auschwitz.

Franz Wunsch: Vom überzeugten Antisemiten zum SS-Mann

Franz Wunsch wurde am 21. März 1922 in Drösing in Österreich geboren. Schon früh entwickelte er eine tiefe Feindschaft gegenüber Juden. Nach dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich wurde diese Haltung Teil eines Systems, das Hass nicht nur duldete, sondern politisch organisierte.

1940 trat Wunsch der SS bei.

Damit wurde er Teil jener Organisation, die zu den wichtigsten Instrumenten des nationalsozialistischen Terrors gehörte. Die SS bewachte Konzentrationslager, organisierte Deportationen, führte Massenerschießungen durch und spielte eine zentrale Rolle beim Holocaust.

Der Zweite Weltkrieg hatte am 1. September 1939 mit dem deutschen Überfall auf Polen begonnen. Die Besatzung Polens war von Anfang an brutal. Die deutsche Führung betrachtete die polnische Bevölkerung als angeblich „minderwertig“. Ziel war nicht nur militärische Kontrolle, sondern auch die Zerstörung politischer, kultureller und sozialer Strukturen.

In diesem Kontext entstand 1940 nahe Krakau das Konzentrationslager Auschwitz. Ursprünglich diente es dazu, die überfüllten Gefängnisse im besetzten Polen zu entlasten. Doch innerhalb kurzer Zeit entwickelte sich Auschwitz zu einem der zentralen Orte des nationalsozialistischen Massenmords.

Franz Wunsch wurde zunächst an die Ostfront geschickt, nachdem Deutschland 1941 die Sowjetunion angegriffen hatte. Nach einer Knieverletzung wurde er vom Fronteinsatz abgezogen und nach Auschwitz versetzt.

Dort wurde er Wachmann.

Und dort wurde er Teil eines Systems, das Menschen nicht als Menschen sah, sondern als Material für Arbeit, Experiment, Ausbeutung oder Vernichtung.

Auschwitz-Birkenau: Die organisierte Vernichtung

Auschwitz war kein einzelnes Lager, sondern ein ganzer Lagerkomplex. Der größte und berüchtigtste Teil war Auschwitz-Birkenau.

Birkenau wurde zum Zentrum der Vernichtung europäischer Jüdinnen und Juden. Das Lager war in mehrere Abschnitte gegliedert, von elektrischen Stacheldrahtzäunen umgeben und von SS-Männern mit Hunden bewacht.

Die Funktion des Lagers veränderte sich im Laufe des Krieges. Es war Gefangenenlager, Zwangsarbeitsort und Vernichtungsstätte zugleich. Menschen wurden dort zur Arbeit gezwungen, medizinischen Experimenten ausgesetzt, gequält, erschossen, vergast und verbrannt.

Wenn Deportationszüge ankamen, begann ein Ablauf, der mit erschreckender Kälte organisiert war.

Männer und Frauen wurden getrennt. Kinder, Alte und Kranke wurden oft sofort aussortiert. SS-Ärzte, darunter Josef Mengele, entschieden bei der sogenannten Selektion mit wenigen Blicken über Leben oder Tod.

Wer noch arbeitsfähig erschien, wurde in das Lager geschickt.

Wer als nicht arbeitsfähig galt, wurde meist direkt in die Gaskammern geführt.

Die SS täuschte die Menschen. Man sagte ihnen, sie würden duschen, desinfiziert werden und danach etwas zu essen bekommen. In Wirklichkeit wurden sie in Gaskammern eingeschlossen. Zyklon B wurde eingeworfen. Nach etwa zwanzig Minuten waren die Menschen tot.

Danach begann der nächste Teil der Entwürdigung.

Frauenhaare wurden abgeschnitten. Goldzähne wurden herausgebrochen. Die Leichen wurden verbrannt. Knochenreste wurden zerkleinert. Asche wurde verstreut.

Diese Abläufe waren keine spontanen Gewalttaten einzelner Täter. Sie waren Teil einer systematisch organisierten Mordindustrie.

Franz Wunsch war daran beteiligt.

Er nahm an Selektionen teil. Er bewachte Transporte. Er zwang Menschen in den Tod. Er täuschte Opfer über ihr Schicksal. Er schlug Gefangene. Ihm wurde auch vorgeworfen, an der Verwendung von Zyklon B beteiligt gewesen zu sein.

Das ist entscheidend für das Verständnis seiner Geschichte.

Franz Wunsch war kein Zuschauer.

Er war Täter.

Helena Zitronova: Eine junge Frau aus der Slowakei

Helena Zitronova war eine junge jüdische Frau aus der Slowakei.

Am 25. März 1942 wurden 997 junge jüdische Frauen und Mädchen aus der Slowakei nach Auschwitz deportiert. Es war einer der ersten offiziellen Transporte dieser Art. Helena gehörte zu diesen Frauen.

Die Slowakei war damals ein mit Deutschland verbündeter Staat. Die slowakische Regierung arbeitete aktiv mit den Nationalsozialisten zusammen. Ende 1940 lebten etwa 89.000 Juden in der Slowakei. Viele von ihnen wurden zunächst in innerstaatliche Lager gebracht und später an die Deutschen ausgeliefert.

Die Deportierten wurden in Lager wie Auschwitz, Majdanek oder Sobibor gebracht. Für viele bedeutete das den Tod.

Auch Helenas Familie wurde zerstört.

Ihre Eltern wurden in der Gaskammer ermordet. Ihr Bruder starb, als er versuchte, über den elektrischen Zaun zu fliehen.

Helena selbst wurde zunächst schwerer Zwangsarbeit zugeteilt. Sie musste Trümmer räumen und Abrissarbeiten leisten. Die Bedingungen waren mörderisch. Die Frauen schliefen auf schmutzigem Stroh, litten unter Hunger, Kälte, Krankheiten und ständiger Gewalt. Manche starben bei der Arbeit. Andere verloren nach und nach jede Hoffnung.

In dieser Welt begann die Begegnung, die ihr Leben verändern sollte.

Der Tag, an dem Franz Wunsch Helena singen hörte

Am 30. Oktober 1942 kam Helena in das sogenannte Kanada-Lager.

„Kanada“ war der Name für den Bereich in Auschwitz, in dem die geraubten Besitztümer der Ermordeten sortiert wurden. Der Name entstand, weil Kanada in der Vorstellung vieler Häftlinge als reiches Land galt. In diesem Lagerteil stapelten sich Kleidung, Schuhe, Lebensmittel, Koffer, Schmuck und persönliche Gegenstände von Menschen, die kurz zuvor ermordet worden waren.

Für die Gefangenen galt Kanada als vergleichsweise „besserer“ Arbeitsort. Es gab dort manchmal zusätzliche Nahrung, etwas mehr Wasser und geringere unmittelbare Gewalt als in anderen Lagerbereichen. Doch diese relative Verbesserung war zutiefst bitter: Sie beruhte auf der Sortierung des Eigentums von Toten.

Am selben Tag nahm Helena an einer kleinen Aufführung von Häftlingen teil.

Sie sang.

Nicht wie jemand, der unterhalten wollte.

Sondern wie jemand, der vielleicht zum letzten Mal in seinem Leben eine Stimme hatte.

Franz Wunsch sah sie und war sofort von ihr fasziniert. Er verlangte, dass sie noch einmal singe.

Helena stand vor ihm und weinte.

Vor ihr stand ein SS-Mann. Ein Mann in der Uniform der Täter. Ein Mann, der Teil des Systems war, das ihre Familie und ihr Volk vernichtete.

Und doch sah sie in seinem Gesicht für einen Moment etwas, das sie erschütterte.

Nicht Güte.

Nicht Unschuld.

Aber etwas Menschliches.

Diese Wahrnehmung machte alles nur komplizierter.

Denn der Mann, der sie ansah, gehörte zu denen, vor denen sie jeden Tag Angst haben musste.

Die gefährliche Nähe

Nach dieser Begegnung begann Franz Wunsch, Helena immer wieder aufzusuchen. Er verhielt sich ihr gegenüber anders als gegenüber vielen anderen Gefangenen. Er sprach freundlich mit ihr, brachte ihr zusätzliche Nahrung, Kleidung und manchmal sogar Teile seiner eigenen Ration.

Als Helena an Fleckfieber erkrankte, versteckte er sie und half ihr, bis sie wieder gesund wurde. Er schützte sie vor Selektionen und setzte sich auch für andere weibliche Gefangene ein.

Für Helena war dies psychologisch kaum auszuhalten.

Der Mann, der ihr half, trug dieselbe Uniform wie die Männer, die ihre Eltern ermordet hatten.

Er konnte sie retten.

Er konnte sie schlagen.

Er konnte sie schützen.

Er konnte sie sterben lassen.

Die Macht lag vollständig bei ihm.

Franz begann, Helena kleine Zettel zuzustecken. Auf einem soll gestanden haben:

„Ich liebe dich.“

Für Helena war das kein romantischer Moment im normalen Sinn. Es war ein Schock. Sie verabscheute ihn. Sie sagte später sinngemäß, sie hätte lieber sterben wollen, als mit einem SS-Mann zusammen zu sein.

Doch Auschwitz war kein normaler Ort. Moralische Kategorien, wie sie außerhalb des Lagers gelten, wurden dort durch Gewalt, Hunger und Todesangst verzerrt. Helena begann über die Zeit, widersprüchliche Gefühle zu empfinden.

Abscheu.

Dankbarkeit.

Angst.

Abhängigkeit.

Nähe.

Schuld.

Sie wusste, dass diese Beziehung nicht frei war. Nicht gleichberechtigt. Nicht unschuldig.

Und trotzdem wurde sie ein Teil ihres Überlebens.

Rosika und die Kinder

Der grausamste Moment dieser Beziehung kam, als Helena erfuhr, dass ihre Schwester Rosika mit ihren zwei kleinen Kindern nach Auschwitz gebracht worden war.

Helena geriet in Panik. Sie wusste, was Kindern in Auschwitz fast immer drohte. Sie lief in Richtung Krematorium und schrie, sie wolle mit ihrer Familie sterben.

Das war ein tödlicher Regelbruch.

Ein Freund informierte Franz Wunsch. Er eilte zu ihr. Vor den Augen anderer schlug er Helena heftig, scheinbar als Strafe für ihren Regelverstoß.

Doch während er sie schlug, fragte er sie leise nach dem Namen ihrer Schwester.

Helena sagte ihm den Namen: Rosika.

Franz ging los, um sie zu finden.

Er konnte Rosika retten, indem er behauptete, sie arbeite für ihn im Kanada-Lager.

Aber ihre Kinder konnte er nicht retten.

Die beiden kleinen Kinder wurden in die Gaskammer gebracht und ermordet.

Dieser Moment zeigt die ganze moralische Unerträglichkeit der Geschichte.

Franz Wunsch konnte in einzelnen Fällen helfen. Er konnte Menschen aus einer Reihe holen. Er konnte eine Frau vor dem Tod bewahren.

Aber er konnte die Mordmaschine nicht aufhalten.

Mehr noch: Er war Teil dieser Mordmaschine.

Dass er Rosika rettete, ändert nichts daran, dass ihre Kinder getötet wurden.

Und es ändert nichts daran, dass er weiterhin SS-Mann in Auschwitz blieb.

Eine Beziehung im Schatten des Todes

Die Beziehung zwischen Helena und Franz blieb geheim. Wäre sie entdeckt worden, hätten beide sterben können. Für Helena bedeutete jedes Gerücht Gefahr. Sie wurde verhört und geschlagen, als Verdacht aufkam. Doch sie bestätigte die Beziehung nicht.

Sie wusste: Die Wahrheit konnte tödlich sein.

Später sagten einige Zeugen, die Beziehung sei nicht sexuell gewesen. Die Bedingungen im Lager hätten eine solche Nähe ohnehin fast unmöglich gemacht. Die Baracken waren überfüllt, überwacht und entwürdigend. Eine jüdische Gefangene konnte sich nicht einfach frei bewegen.

Doch emotional war die Verbindung real genug, um Helena ein Leben lang zu verfolgen.

Sie sagte später, dass sie manchmal für Augenblicke vergessen habe, dass sie Jüdin war und er SS-Mann. Aber diese Augenblicke konnten die Wirklichkeit nicht auslöschen.

Franz blieb ein Täter.

Zeugen beschrieben ihn unterschiedlich. Manche sagten, er sei nach seiner Begegnung mit Helena weniger brutal gegenüber Frauen gewesen. Andere erinnerten daran, dass er weiterhin Männer schlug und an Gewalt beteiligt blieb.

Dieser Unterschied ist wichtig.

Helena machte ihn vielleicht in bestimmten Momenten weniger grausam.

Aber sie machte ihn nicht unschuldig.

Der Täter bleibt Täter

Auch während seine Beziehung zu Helena andauerte, blieb Franz Wunsch Teil der SS.

Am 7. Oktober 1944 kam es in Auschwitz zu einem Aufstand jüdischer Häftlinge. Später wurde ausgesagt, dass Wunsch während dieser Ereignisse einen jungen griechisch-jüdischen Mann erschossen habe.

Dieser Vorwurf steht im Zentrum der moralischen Bewertung.

Denn wer nur die Geschichte der Hilfe für Helena erzählt, erzählt nicht die ganze Geschichte.

Wunsch war nicht bloß ein Mann, der sich in eine Gefangene verliebte. Er war ein Mann, der an einem System beteiligt war, das Millionen Menschen vernichtete.

Seine Gefühle für Helena konnten einzelne Handlungen verändern.

Sie konnten aber nicht seine Verantwortung auslöschen.

Abschied in Auschwitz

Im Januar 1945 rückte die Rote Armee näher an Auschwitz heran. Das Lager begann zu zerfallen. Die SS bereitete Räumungen vor. Viele Gefangene wurden auf Todesmärsche geschickt. Tausende starben noch in den letzten Wochen des Krieges.

In dieser Atmosphäre kam es zum letzten Gespräch zwischen Franz und Helena.

Er sagte ihr, sie solle vorsichtig sein.

Er sagte ihr, sie werde überleben.

Und er sagte, dass er sie sehr geliebt habe.

Sie küssten sich ein letztes Mal.

Dann trennten sich ihre Wege.

Am 27. Januar 1945 erreichte die Rote Armee Auschwitz-Birkenau und Monowitz. Etwa 7.000 zurückgelassene Häftlinge wurden befreit. Viele waren krank, abgemagert und dem Tod nahe.

Helena gehörte zu den Überlebenden.

Doch Befreiung bedeutete nicht, dass das Erlebte endete.

Auschwitz blieb in ihr.

Ihre Eltern waren ermordet worden. Ihr Bruder war tot. Die Kinder ihrer Schwester waren tot. Zahllose Menschen, die sie gekannt hatte, waren verschwunden.

Sie hatte überlebt.

Aber sie trug das Lager mit sich.

Nach dem Krieg

Nach dem Krieg baute Helena sich ein neues Leben auf. Sie heiratete einen zionistischen Aktivisten, ging nach Israel und bekam zwei Kinder.

Franz Wunsch suchte über Jahre nach ihr. Er schrieb Briefe. Helena antwortete nicht.

Auch Franz kehrte in ein ziviles Leben zurück. Er lebte in Österreich, heiratete und gründete eine Familie.

Viele Jahre lang begegneten sie sich nicht.

Doch die Vergangenheit war nicht abgeschlossen.

1972 wurde Franz Wunsch in Wien wegen Kriegsverbrechen angeklagt.

Er war damals 50 Jahre alt.

Der Prozess von 1972

Als der Prozess begann, wurde Helena gebeten, als Zeugin auszusagen. Sie war inzwischen Ehefrau und Mutter. Sie lebte in Israel. Die Entscheidung, nach Wien zu reisen und über Franz Wunsch zu sprechen, war schwer.

Sie erhielt einen verzweifelten Brief von Wunschs Frau.

Helena entschied sich zu kommen.

Nicht, weil sie seine Schuld leugnen wollte.

Sondern weil sie glaubte, sie müsse die ganze Wahrheit sagen — auch den Teil, dass er ihr und anderen geholfen hatte.

Diese Entscheidung war umstritten. Einige jüdische Aktivisten bedrohten sie deswegen. Für viele war es unerträglich, dass eine Holocaust-Überlebende zugunsten eines ehemaligen SS-Mannes aussagen sollte.

Doch Helena sah ihre Aussage nicht als Vergebung.

Sie sah sie als Pflicht gegenüber der Wahrheit.

Im Gericht sprach sie langsam, kontrolliert und fast emotionslos. Sie vermied es, Franz anzusehen.

Sie bestätigte, dass er ihr geholfen hatte. Sie bestätigte auch, dass er andere gerettet hatte.

Aber sie verschwieg nicht, dass er Teil des Lagersystems gewesen war.

Als sie über Rosikas Kinder sprechen sollte, konnte sie nicht weiterreden. Die Erinnerung an die beiden ermordeten Kinder brachte sie zum Schweigen.

Franz Wunsch weinte im Gerichtssaal. Er sagte, er habe niemanden getötet. Er bereue, Gefangene geschlagen zu haben.

Trotz schwerer Vorwürfe wurde er freigesprochen.

Für viele blieb dieses Urteil schwer nachvollziehbar.

Helena und Franz sahen sich nach dem Prozess nie wieder.

Zwei Leben, eine unauflösbare Geschichte

Helena Zitronova starb am 4. Juni 2007 in Tel Aviv. Sie wurde 84 Jahre alt.

Franz Wunsch starb am 23. Juni 2009 im Alter von 86 Jahren eines natürlichen Todes.

Ihre Geschichte blieb zurück.

Nicht als reine Liebesgeschichte.

Nicht als Geschichte der Vergebung.

Und auch nicht als Beweis dafür, dass Liebe alles überwinden könne.

Denn das konnte sie nicht.

Die Beziehung zwischen Helena Zitronova und Franz Wunsch entstand in einem Umfeld, in dem Freiheit, Zustimmung und Gleichheit zerstört waren. Helena war Gefangene. Franz war SS-Mann. Er hatte Macht über ihr Leben. Sie war abhängig von Entscheidungen, die sie nicht kontrollieren konnte.

Dass er ihr half, war real.

Dass er andere rettete, war real.

Aber ebenso real war seine Beteiligung an Auschwitz.

Diese Geschichte zwingt dazu, etwas auszuhalten, das schwer auszuhalten ist: Ein Täter kann in einzelnen Momenten menschlich handeln und trotzdem Täter bleiben.

Ein Akt der Hilfe löscht kein System des Mordes aus.

Ein Gefühl macht keine Schuld ungeschehen.

Und Liebe, wenn man dieses Wort hier überhaupt verwenden kann, ist in Auschwitz niemals unschuldig.

Helena überlebte. Sie sagte später aus, weil sie die Wahrheit nicht halbieren wollte. Gerade deshalb ist ihre Geschichte so schwer und so wichtig.

Sie zeigt nicht, dass das Böse durch Liebe besiegt wurde.

Sie zeigt, dass selbst im dunkelsten System einzelne menschliche Regungen auftauchen können — aber dass sie die Verantwortung für Verbrechen nicht auslöschen.

Auschwitz war kein Ort für romantische Legenden.

Es war ein Ort des Mordes.

Und jede Geschichte, die dort begann, trägt diesen Schatten für immer.