Europa, 1943.
Der Krieg hatte längst aufgehört, nur ein Krieg zwischen Armeen zu sein. In den besetzten Städten standen deutsche Schilder an fremden Türen. In Bahnhöfen warteten Menschen mit Koffern, die ihnen bald nichts mehr nützen würden. In den Ghettos verschwanden Familien, Namen, Stimmen. In den Lagern rauchten Schornsteine, während Büros weiter Akten sortierten, Züge planten und Zahlen meldeten.

Über diesem System stand einer der gefürchtetsten Männer des Dritten Reiches: Heinrich Himmler.
Er war kein lauter Redner wie Hitler, kein öffentlicher Schauspieler der Macht. Himmler wirkte oft steif, schmal, fast unscheinbar. Doch hinter dieser unscheinbaren Fassade sammelte sich eine Macht, die für Millionen Menschen tödlich wurde. Er stand an der Spitze der SS, kontrollierte die Polizei, überwachte das System der Konzentrationslager und war einer der zentralen Organisatoren des Holocaust. Unter ihm wurde Mord verwaltet, Vernichtung geplant, Menschlichkeit in Listen und Befehle zerlegt.
Und während diese Maschine lief, schrieb eine Frau private Briefe an ihn.
Ihr Name war Margarete Himmler.
Nach außen war sie die Ehefrau eines der mächtigsten Männer des Regimes. Die Frau des Reichsführers SS. Eine Frau, die an der Seite eines Mannes stand, dessen Name Angst auslöste. Doch hinter den Kulissen war ihre Stellung weniger glänzend, als der Titel vermuten ließ. In den Kreisen der SS-Frauen wurde sie verspottet, ausgegrenzt, belächelt. Man hielt sie für schwerfällig, langweilig, schwierig. Andere Frauen, jünger, eleganter, gesellschaftlich geschickter, sahen auf sie herab.
Aber dieser Spott darf nicht täuschen.
Margarete war keine harmlose Frau, die zufällig neben einem Monster stand.
Sie teilte viele seiner Überzeugungen. Sie war antisemitisch. Sie glaubte an Ordnung, Härte, Disziplin und an die Weltanschauung, die ihrem Mann den Weg zur Macht geöffnet hatte. Sie stellte keine moralischen Fragen, während er ein System mitführte, das Menschen industriell vernichtete. Wenn sie später behauptete, sie habe nichts gewusst, dann stand dieser Satz gegen ihre eigenen Wege, ihre eigenen Worte, ihre eigenen Besuche.
Denn Margarete Himmler sah mehr, als sie nach 1945 zugeben wollte.
Sie wurde am 9. September 1893 als Margarete Boden geboren, in einem Dorf nahe Bromberg. Ihr Vater Hans Boden war Gutsbesitzer, ihre Mutter hieß Elfriede. Margarete wuchs in einer Familie mit fünf Kindern auf. Es war keine Welt großer politischer Entscheidungen, sondern eine Welt aus Herkunft, Pflicht, Arbeit und dem Gefühl, dass Ordnung wichtiger sei als Zweifel.
Schon früh wurde sie zur Krankenschwester ausgebildet. Während des Ersten Weltkriegs arbeitete sie als Pflegerin. Nach dem Krieg blieb sie im medizinischen Bereich und arbeitete in einem Krankenhaus des Deutschen Roten Kreuzes. Sie war also nicht ungebildet, nicht völlig weltfremd. Sie kannte Leid. Sie sah Kranke, Verwundete, Sterbende. Aber Wissen um Schmerz macht einen Menschen nicht automatisch mitfühlend.
Margarete heiratete zum ersten Mal, doch diese Ehe hielt nicht lange. Kinder bekam sie nicht. Später konnte sie mit finanzieller Unterstützung ihres Vaters eine private Klinik in Berlin führen. Sie war also eine Frau mit Berufserfahrung, eigenem Geld, einem gewissen Selbstbewusstsein. Keine zarte Figur, die von der Welt geschoben wurde.
Dann kam das Jahr 1926.
In Bad Reichenhall, in der Halle eines Hotels, begegnete sie Heinrich Himmler.
Er war damals noch nicht der allmächtige Reichsführer SS. Er war ein ehrgeiziger, unsicherer Mann, voller politischer Fanatismen, aber noch nicht auf dem Gipfel. Himmler fühlte sich oft unattraktiv. Er war kein Mann, der bei Frauen mühelos Erfolg hatte. Er wirkte kontrolliert, pedantisch, verkrampft. Doch in Margarete sah er etwas, das zu seinen Vorstellungen passte: blondes Haar, blaue Augen, eine äußere Erscheinung, die seinem rassistischen Idealbild entsprach.
Er war sofort beeindruckt.
Aber es war nicht nur ihr Aussehen. Zwischen beiden entstand eine Verbindung aus gemeinsamen Vorurteilen, gemeinsamer Strenge und einem gemeinsamen Bedürfnis nach Ordnung. Sie interessierten sich für Homöopathie, Kräuter, Landwirtschaft, Gesundheit, Sparsamkeit und ein diszipliniertes Familienleben. Beide mochten keine Verschwendung. Beide glaubten an eine Welt, in der Menschen sortiert, bewertet und kontrolliert werden sollten.
Später wurde darüber gestritten, wie diese Beziehung wirklich begann. Otto Strasser behauptete, Margarete habe Himmler aktiv verführt. Himmler selbst soll Strasser anvertraut haben, Margarete sei die erste Frau gewesen, mit der er sexuellen Kontakt hatte.
Ob das in allen Einzelheiten stimmt, ist schwer zu beweisen. Aber es zeigt, wie diese Beziehung wahrgenommen wurde: nicht als romantische Liebesgeschichte, sondern als Verbindung zweier Menschen, die sich gegenseitig etwas gaben, was ihnen fehlte. Himmler bekam Bestätigung, Nähe, ein Gefühl männlicher Anerkennung. Margarete bekam Zugang zu einem Mann, dessen politischer Weg noch offen war, aber dessen Ehrgeiz bereits gefährlich glühte.
Im Juli 1928 heirateten sie.
Schon diese Hochzeit war von Spannungen begleitet. Himmler hatte die Beziehung seiner Familie lange verschwiegen. Margarete war älter als er, geschieden und Protestantin. Für seine katholisch geprägte Familie war das kein einfacher Schritt. Kein Mitglied der Familie Himmler nahm an der Trauung teil. Stattdessen waren Margaretes Vater und ihr Bruder die Trauzeugen.
Die Familie Himmler akzeptierte sie später nur widerwillig.
Doch Margarete trat entschlossen in die Welt ein, die ihr Mann politisch suchte. Sie verehrte Hitler. Im August 1928 trat sie der NSDAP bei. Ein Jahr später, im August 1929, wurde ihre Tochter Gudrun geboren. Dieses Kind wurde für Heinrich Himmler zu einer tiefen emotionalen Bindung. Gudrun war sein Liebling, sein kleiner privater Mittelpunkt inmitten einer Welt, in der er selbst millionenfaches Leid verantwortete.
Später nahmen Heinrich und Margarete noch ein Pflegekind auf: Gerhard von Aher, den Sohn eines gefallenen SS-Mannes.
Die Familie zog aus Berlin weg. Margarete verkaufte ihren Anteil an der Klinik und zog mit Himmler nach Waldtrudering bei München. Mit ihrem Geld kauften sie ein Haus. Damals verdiente Himmler noch bescheiden. Die beiden versuchten, ihr Einkommen mit Landwirtschaft zu ergänzen. Sie verkauften Produkte, hielten Hühner, führten ein sparsames, streng geregeltes Leben.
Es hätte fast bürgerlich wirken können.
Ein Haus. Ein Garten. Ein Kind. Hühner. Ordnung.
Doch unter dieser Oberfläche wuchs eine politische Macht, die bald jedes bürgerliche Maß sprengen würde.
Mit Hitlers Aufstieg stieg auch Himmler. Aus dem pedantischen Parteimann wurde der Chef der SS, dann einer der mächtigsten Männer des Reiches. Seine Organisation wurde zum Instrument der Überwachung, Verfolgung und Vernichtung. Konzentrationslager wurden ausgebaut. Gegner verschwanden. Juden, Roma, politische Feinde, Kranke, Homosexuelle, Zeugen Jehovas und viele andere wurden entrechtet, deportiert, ermordet.
Und während diese Macht wuchs, veränderte sich auch das Leben der Himmlers.
Später profitierte die Familie von Besitz und Gegenständen, die jüdischen Opfern geraubt worden waren. Das Private wurde vom Verbrechen gespeist. Möbel, Geld, Waren, Immobilien, Kunst, Kleidung, Wertgegenstände: Das Reich raubte systematisch, und die Nutznießer lebten nicht irgendwo weit entfernt. Sie saßen in denselben Häusern, tranken Tee, schrieben Briefe, führten Familiengespräche.
Margarete nahm an gesellschaftlichen Ereignissen teil. Sie und Himmler besuchten gelegentlich andere führende SS-Familien, darunter Reinhard Heydrich, einen der zentralen Organisatoren des Holocaust. Margarete sah es als Pflicht, andere SS-Frauen zu empfangen, Tee zu servieren, ihre Stellung als Ehefrau des höchsten SS-Mannes zu zeigen.
Sie wollte die erste Frau im Kreis der SS sein.
Doch genau dort begann eine Demütigung, die sie nie ganz abschütteln konnte.
Die anderen Frauen mochten sie nicht.
Besonders Lina Heydrich, die Frau Reinhard Heydrichs, soll Margarete verachtet haben. Lina war jünger, selbstbewusst, schneidend, gesellschaftlich gefährlich. Sie sah in Margarete keine bewundernswerte Frau, sondern eine peinliche Erscheinung. Über Margaretes Aussehen wurde gespottet. Man nannte sie dick, langweilig, schwerfällig. Die Journalistin Bella Fromm beschrieb sie als öde, massiv, eine Frau, die viel esse und von ihrem Mann eher zu Hause gehalten werde.
Für Margarete war das bitter.
Sie war die Frau des Reichsführers SS, und doch wurde sie im Kreis der Mächtigen nicht wirklich respektiert. Ihre Macht war geliehen. Sie kam über den Namen ihres Mannes. Aber persönlicher Glanz fehlte ihr. Manche meinten sogar, Himmler schäme sich für sie, besonders wenn er sie mit den attraktiveren Frauen seiner Untergebenen verglich.
1938, beim Reichsparteitag, kam es zu einem offenen gesellschaftlichen Bruch. Margarete geriet mit mehreren Frauen hochrangiger SS-Männer aneinander. Viele weigerten sich, ihre Autorität anzuerkennen. Sie wollte befehlen, aber die anderen wollten nicht gehorchen.
Und hier entstand ein seltsames Bild.
Draußen war Himmler einer der mächtigsten Männer Europas. Menschen zitterten vor seinem Apparat. Ein Befehl aus seiner Welt konnte Leben vernichten.
Doch zu Hause wirkte er oft wie ein Mann, der seiner Frau auswich.
Baldur von Schirach sagte später, Himmler habe unter dem Pantoffel seiner Frau gestanden. Auch Himmlers Bruder beschrieb Margarete als kalt, schwierig, klagsam, aber zugleich als vorbildliche Hausfrau, treu und ihrem Mann ergeben.
Das war der Widerspruch: Margarete konnte gleichzeitig ergeben und dominant sein. Sie liebte ihren Mann, aber sie machte ihm das Leben schwer. Sie verehrte seine Stellung, aber im Alltag stellte sie Forderungen. Sie war keine glamouröse Nazi-Gattin, aber sie wollte respektiert werden. Sie war keine politische Führerin, aber sie teilte die Ideologie des Regimes.
Dann trat eine andere Frau in Himmlers Leben.
1936 stellte Heinrich Himmler eine junge Sekretärin ein: Hedwig Potthast. Sie war jünger als Margarete, fügsamer, diskreter, näher am Apparat. 1938 wurde sie seine Geliebte.
Für Margarete war das nicht sofort sichtbar. Doch die Ehe begann innerlich zu zerbrechen. Himmler, der öffentlich eine Welt aus Rasse, Familie und deutscher Moral predigte, führte privat ein Doppelleben. Mit Hedwig Potthast bekam er zwei Kinder, einen Sohn und eine Tochter.
Um Februar 1941 erfuhr Margarete von der Affäre.
Es war eine Demütigung. Nicht nur die Untreue selbst, sondern die Art, wie sie ihr gesamtes Bild zerstörte. Sie war die offizielle Frau, die Mutter Gudruns, die Partnerin aus den frühen Jahren, die politische Gefährtin. Doch nun hatte Himmler eine zweite Familie, eine zweite emotionale Welt, eine jüngere Frau.
Margarete war verletzt, bitter, beschämt.
Aber es kam nicht zur Scheidung.
Die Ehe blieb juristisch bestehen. Nach außen blieb Margarete Himmler die Ehefrau des Reichsführers SS. Innerlich war vieles tot. Himmler besuchte sie und Gudrun weiterhin, vor allem wegen seiner Tochter. Gudrun bedeutete ihm viel. Er rief sie an, besuchte sie, gab ihr Kosenamen, zeigte ihr jene Seite, die er der Welt als liebevoller Vater präsentieren konnte.
Das ist einer der erschreckendsten Widersprüche dieser Geschichte.
Ein Mann konnte zu seiner Tochter zärtlich sein und gleichzeitig ein System führen, das Kinder in Lager schickte.
Margarete lebte mit diesem Widerspruch nicht nur. Sie verteidigte ihn später.
Während des Krieges arbeitete sie für das Deutsche Rote Kreuz. Ab Dezember 1939 überwachte sie Krankenhäuser des Roten Kreuzes im Raum Berlin-Brandenburg. Sie reiste in besetzte Gebiete, auch nach Polen. In ihren Tagebüchern schrieb sie über diese Reisen, und ihre Worte zeigen, wie tief ihr Hass saß.
Im März 1940 besuchte sie das besetzte Polen: Posen, Lodz, Warschau.
Sie beschrieb Juden und Polen mit Verachtung. Sie sprach von Schmutz, Unordnung, „jüdischem Pack“, von Menschen, die sie als minderwertig empfand. Für sie waren die Bewohner dieser Städte nicht Opfer einer brutalen Besatzung. Sie sah sie durch die Augen der Ideologie: als Problem, als Dreck, als etwas, das geordnet, gereinigt, beherrscht werden müsse.
Diese Tagebuchnotizen sind wichtig.
Denn nach dem Krieg behauptete Margarete, sie habe nichts gewusst.
Aber ihre eigenen Worte zeigen, dass sie genau in der Welt lebte, aus der die Verbrechen entstanden. Sie kannte die Sprache der Entmenschlichung. Sie benutzte sie selbst. Sie war keine Außenstehende, die zufällig mit einem Täter verheiratet war. Sie war innerlich Teil dieser Welt.
Im Deutschen Roten Kreuz erreichte Margarete eine hohe Stellung. Doch auch dort hielt sie sich nicht dauerhaft. Konflikte mit Ärzten und Untergebenen führten dazu, dass sie ihre Position aufgab. Wieder zeigte sich das Muster: Sie wollte Bedeutung, Ordnung, Einfluss. Aber ihre Persönlichkeit machte Zusammenarbeit schwer. Sie zog sich schließlich stärker nach Gmund zurück.
Doch Rückzug bedeutete nicht Zweifel.
Noch im Februar 1945, als das Reich bereits zusammenbrach, schrieb Margarete an Himmlers Bruder. Sie lobte Heinrich. Sie sprach davon, dass ihm eine große Aufgabe übertragen worden sei und dass das ganze Land auf ihn blicke. Während Städte brannten, Fronten einstürzten und Millionen Opfer bereits tot waren, sah sie in ihrem Mann noch immer den Mann einer „großen Aufgabe“.
Das ist kein nebensächlicher Satz.
Es ist ein Fenster in ihren Kopf.
Sie sah nicht die Toten. Sie sah den Auftrag.
Im April 1945 hatte sie zum letzten Mal Kontakt mit Heinrich Himmler. Kurz darauf zerfiel alles. Hitler war tot. Berlin lag in Trümmern. Die SS suchte Fluchtwege. Täter verbrannten Dokumente, wechselten Kleidung, erfanden neue Namen. Das Reich, das sich ewig genannt hatte, starb in wenigen Wochen.
Margarete und Gudrun flohen mit Hilfe der SS nach Südtirol. In Bozen versuchten sie, sich zu verstecken.
Der Krieg in Europa endete am 8. Mai 1945.
Fünf Tage später, am 13. Mai, wurden Margarete und Gudrun in Bozen festgenommen. Danach wurden sie in Italien und Frankreich interniert. Zum ersten Mal war Margarete nicht mehr Frau eines mächtigen Mannes, sondern Gefangene einer besiegten Welt.
Während der Verhöre gab sie sich unwissend.
Sie behauptete, über die Arbeit ihres Mannes kaum etwas gewusst zu haben. Sie stellte sich als einfache, beschränkte Frau dar. Manche beschrieben sie tatsächlich als engstirnig, provinziell, geistig begrenzt. Doch diese Beschreibung kann gefährlich sein, wenn sie zur Entlastung wird. Denn Beschränktheit ist nicht Unschuld. Ein enger Horizont macht Hass nicht harmlos.
Margarete schob die Verantwortung auf Hitler.
Himmler, so ihre Linie, habe nur Befehle des Führers ausgeführt. Diese Verteidigung war nach 1945 häufig. Täter und Angehörige verwandelten sich in Befehlsempfänger, als hätte niemand gewollt, geplant, profitiert oder geglaubt.
Doch Margaretes Fall hatte einen dunklen Punkt, der ihre Behauptung besonders fragwürdig machte.
Sie hatte Konzentrationslager besucht.
Sie war in Dachau gewesen. Sie war in Ravensbrück gewesen. Sie gehörte zu den wenigen Ehefrauen hochrangiger Nazi-Funktionäre, die überhaupt das Innere dieses Systems sahen. Sie konnte nicht behaupten, die Lager seien nur Gerüchte gewesen. Sie kannte Orte, an denen Menschen eingesperrt, erniedrigt, gequält und ermordet wurden.
Natürlich mag sie nicht jedes Detail der industriellen Vernichtung gesehen haben. Aber sie sah genug, um zu wissen, dass die Welt ihres Mannes auf Gewalt gebaut war.
Und sie schwieg nicht aus Unwissen.
Sie schwieg aus Loyalität.
Margarete und Gudrun mussten bei den Nürnberger Prozessen als Zeuginnen erscheinen. Im November 1946 wurden sie freigelassen. Danach beklagte Margarete, sie und ihre Tochter würden behandelt, als müssten sie für die Taten ihres Mannes büßen.
In diesem Satz liegt ihre ganze Selbstsicht.
Sie sah sich nicht als Mitläuferin einer mörderischen Ideologie. Nicht als Profiteurin eines verbrecherischen Systems. Nicht als Frau, die Hass teilte und Lager gesehen hatte. Sie sah sich als Witwe, als Mutter, als jemand, dem Unrecht geschah, weil ihr Mann berüchtigt war.
Aber die Geschichte lässt sich nicht so einfach trennen.
Der private Heinrich und der Reichsführer SS waren nicht zwei verschiedene Menschen. Der Vater Gudruns und der Organisator des Terrors lebten im selben Körper. Der Mann, dem Margarete Briefe schrieb, war derselbe Mann, dessen Macht Millionen Menschen ins Verderben führte.
Eine ihrer Formulierungen zeigt diesen Abgrund besonders deutlich.
In einem Brief nannte sie ihn sinngemäß ihren „guten, bösen Mann“.
Ein Satz, der fast unglaublich klingt.
Gut und böse. Ehemann und Mörder. Liebe und Vernichtung. Zärtlichkeit im Privaten, Verbrechen im Historischen.
Margarete konnte diesen Widerspruch offenbar aushalten.
Vielleicht war das ihr eigentliches Vergehen: nicht nur das, was sie wusste, sondern das, was sie nicht wissen wollte.
Nach dem Krieg lebte sie weiter. Sie starb am 25. August 1967 in München, 73 Jahre alt. Ihre Tagebücher aus den Jahren 1937 bis 1945, insgesamt 122 Seiten, blieben erhalten. Heute liegen die Originale im United States Holocaust Memorial Museum.
Diese Tagebücher sind keine große politische Theorie. Sie sind etwas Beunruhigenderes: private Notizen einer Frau, die mitten in einem mörderischen System lebte und in Alltagssprache zeigte, wie normal Hass für sie geworden war.
Margarete Himmler war nicht Heinrich Himmler.
Sie unterschrieb nicht seine Befehle. Sie leitete nicht die SS. Sie organisierte nicht persönlich die Deportationszüge. Aber sie war auch nicht die ahnungslose Ehefrau, als die sie später erscheinen wollte.
Sie teilte seine Weltanschauung.
Sie besuchte Orte des Terrors.
Sie sprach über Juden und Polen mit Verachtung.
Sie verteidigte ihn.
Sie behauptete nachher, nichts gewusst zu haben.
Und gerade darin liegt die erschreckende Kraft ihrer Geschichte. Sie zeigt, dass Diktaturen nicht nur aus den Männern bestehen, die Befehle geben. Sie bestehen auch aus den Menschen, die an Küchentischen sitzen und zustimmen. Aus Ehefrauen, die Briefe schreiben. Aus Nachbarn, die wegsehen. Aus Beamten, die Formulare stempeln. Aus denen, die nicht fragen, weil jede Antwort unbequem wäre.
Heinrich Himmler war einer der Architekten des Massenmords.
Margarete Himmler war die Frau, die ihn liebte, bewunderte, ertrug, verachtete, verlor und verteidigte.
Sie war gleichzeitig gekränkt und loyal. Betrogen und ideologisch verbunden. Gesellschaftlich verspottet und moralisch mitschuldig. Eine Frau, die im Schatten eines Monsters lebte und später behauptete, sie habe den Schatten nicht gesehen.
Doch die Schatten waren überall.
In ihren Briefen.
In ihren Reisen.
In ihren Tagebüchern.
In ihren Worten.
Der letzte Twist ihrer Geschichte ist nicht, dass sie nach dem Krieg plötzlich als Täterfrau erkannt wurde. Der eigentliche Twist ist viel bitterer: Sie musste gar nicht alles im Detail wissen, um schuldig zu sein. Es reichte, dass sie genug wusste und trotzdem weiter glaubte, liebte, rechtfertigte und schwieg.
Denn manchmal beginnt Mitschuld nicht mit einem Befehl.
Sie beginnt mit einem Satz wie:
Ich habe nichts gewusst.
Und endet mit der Frage, die bis heute bleibt:
Wie viel muss ein Mensch sehen, bevor Schweigen selbst zur Entscheidung wird?


