Ilse Hirsch: Die junge Werwolf-Agentin, die für Hitler tötete – und nach dem Krieg beinahe ungestraft davonkam

Ilse Hirsch: Die junge Werwolf-Agentin, die für Hitler tötete – und nach dem Krieg beinahe ungestraft davonkam

In der Nacht zum 6. Juni 1944 lag über dem Ärmelkanal ein tiefes, ununterbrochenes Dröhnen.

Hitlers blonde 'Werwölfin', die zur fanatischen Nazi-Kriegerin und Mörderin wurde – Ilse Hirsch

Tausende Schiffe bewegten sich auf die französische Küste zu. Über ihnen zogen Transportmaschinen, Bomber und Jagdflugzeuge durch den dunklen Himmel. Noch bevor die Sonne über der Normandie aufging, sprangen alliierte Fallschirmjäger hinter den deutschen Linien ab. Wenig später öffneten sich die Landeklappen der Boote, und Soldaten stürmten unter Maschinengewehrfeuer auf die Strände zu.

Die lange erwartete Invasion hatte begonnen.

In Berlin versuchte die nationalsozialistische Führung zunächst, die Bedeutung der Landung herunterzuspielen. Die Propaganda sprach von einem weiteren Angriff, der bald zurückgeschlagen werde. Doch hinter den verschlossenen Türen der Macht wussten viele längst, was dieser Morgen bedeutete.

Das Deutsche Reich stand nun zwischen zwei gewaltigen Fronten. Im Osten rückte die Rote Armee vor. Im Westen hatten die Amerikaner, Briten und ihre Verbündeten begonnen, auf Deutschland zuzumarschieren.

Heinrich Himmler, Reichsführer SS und einer der mächtigsten Männer des Regimes, dachte bereits über eine Zeit nach, in der deutsche Städte von feindlichen Truppen besetzt sein würden. Er wollte ein Netz aus Saboteuren, Scharfschützen, Funkern und Attentätern schaffen. Männer und Frauen sollten hinter den alliierten Linien operieren, Nachschubwege zerstören, Brücken sprengen und jeden Deutschen bestrafen, der mit den Besatzern zusammenarbeitete.

Der Name dieses Projekts klang wie eine Drohung aus einer alten Sage:

Werwolf.

Unter den jungen Menschen, die für diesen letzten verzweifelten Kampf ausgewählt wurden, befand sich eine zweiundzwanzigjährige Frau aus Westfalen. Sie war klein, unscheinbar und auf den ersten Blick kaum von Tausenden anderen jungen Deutschen zu unterscheiden.

Ihr Name war Ilse Hirsch.

Sie war keine erfahrene Soldatin. Sie hatte weder an der Ostfront gekämpft noch eine militärische Eliteausbildung absolviert. Ihre wichtigste Qualifikation bestand darin, dass sie die Gegend um Aachen gut kannte und dem Regime fanatisch ergeben war.

Diese Ergebenheit war nicht plötzlich entstanden.

Sie war über Jahre gezüchtet worden.

Ilse Hirsch wurde am 21. Mai 1922 in Hamm geboren. Ihre Kindheit fiel in die unruhigen Jahre der Weimarer Republik, geprägt von wirtschaftlicher Not, politischen Straßenkämpfen und wachsender Angst vor sozialem Abstieg. Als Adolf Hitler im Januar 1933 zum Reichskanzler ernannt wurde, war Ilse zehn Jahre alt.

Von diesem Moment an veränderte sich nicht nur die deutsche Politik. Auch die Kindheit einer ganzen Generation wurde systematisch umgebaut.

In den Klassenzimmern hingen bald Hitlers Porträts. Schulbücher wurden aussortiert, Lehrpläne angepasst und Lehrer unter Druck gesetzt, der nationalsozialistischen Ideologie zu folgen. Biologieunterricht bedeutete nun zunehmend Rassenlehre. Geschichte wurde als ununterbrochener Kampf des deutschen Volkes gegen äußere und innere Feinde dargestellt. Gehorsam galt als Tugend, Zweifel als Schwäche.

Jüdische Schüler wurden zunächst ausgegrenzt und später vollständig aus den öffentlichen Schulen verdrängt. Kinder lernten, Menschen nicht nach ihrem Charakter, sondern nach einer angeblichen „Rasse“ zu beurteilen.

Der Einfluss des Staates endete nicht mit dem Unterricht.

Für Jungen gab es das Deutsche Jungvolk und später die Hitlerjugend. Mädchen wurden im Jungmädelbund und im Bund Deutscher Mädel, dem BDM, organisiert. Diese Verbände sollten nicht nur Freizeitangebote machen. Sie sollten Elternhaus, Kirche, Sportvereine und persönliche Freundschaften verdrängen.

An die Stelle individueller Überzeugungen trat die Gemeinschaft. An die Stelle moralischer Verantwortung trat der Befehl.

Als Ilse sechzehn Jahre alt war, schloss sie sich dem BDM an. Zu diesem Zeitpunkt war die Organisation längst zu einem zentralen Instrument der nationalsozialistischen Jugendpolitik geworden. Mädchen marschierten in Uniform, sangen Lieder über Opferbereitschaft und nahmen an Lagern, Sportübungen und politischen Schulungen teil.

Sie lernten kochen, nähen, Kinder versorgen und Kranke pflegen. Gleichzeitig wurde ihnen eingeredet, ihr Körper gehöre nicht ausschließlich ihnen selbst, sondern habe eine Aufgabe für das „Volk“ zu erfüllen. Die Nationalsozialisten betrachteten junge Frauen vor allem als zukünftige Mütter möglichst vieler „erbgesunder“ Kinder.

Hinter Wanderungen, Gymnastik und Lagerfeuern verbarg sich ein streng kontrolliertes Weltbild. Kameradschaft bedeutete Unterordnung. Liebe zum Land wurde mit Liebe zu Hitler gleichgesetzt. Wer widersprach, galt nicht einfach als anderer Meinung, sondern als Verräter.

Ilse erwies sich als ehrgeizig, diszipliniert und zuverlässig. Sie stieg innerhalb der Organisation auf und wurde schließlich zu einer wichtigen BDM-Funktionärin im Raum Monschau. Dort organisierte sie Zusammenkünfte, beaufsichtigte jüngere Mädchen und sorgte dafür, dass die Vorgaben der Führung umgesetzt wurden.

Für Ilse war der Nationalsozialismus keine abstrakte Politik.

Er war ihre Identität.

Dann begann der Krieg.

Am 1. September 1939 überfiel Deutschland Polen. Hitler versprach einen schnellen Sieg, und zunächst schien ihm die Wirklichkeit recht zu geben. Polen wurde besiegt, Dänemark und Norwegen besetzt, Frankreich innerhalb weniger Wochen niedergerungen.

Die Propaganda zeigte jubelnde Soldaten, wehende Fahnen und siegreiche Kolonnen. Verwundete, Erschießungen, niedergebrannte Dörfer und die systematische Ermordung von Zivilisten blieben verborgen oder wurden als notwendige Maßnahmen gerechtfertigt.

Die Jugendlichen, die seit 1933 gedrillt worden waren, erreichten nun das wehrfähige Alter. Viele meldeten sich freiwillig. Andere wurden eingezogen. Die Hitlerjugend hatte den Boden vorbereitet: Eine Generation sollte bereit sein, Befehle auszuführen, ohne nach den Folgen zu fragen.

Auch die jüngeren Mitglieder wurden in die Kriegsmaschinerie eingebunden. Sie sammelten Kleidung, Metall und Heilkräuter, packten Versorgungspakete und halfen nach Bombenangriffen. In besetzten Gebieten sollten Jugendliche deutsche Sprache und Kultur verbreiten und dabei helfen, die Bevölkerung zu „germanisieren“.

Doch je länger der Krieg dauerte, desto deutlicher zerfiel das Bild vom unbesiegbaren Reich.

Deutsche Städte brannten unter alliierten Bomben. Familien verloren ihre Wohnungen. Verwundete Soldaten kehrten ohne Arme oder Beine zurück. Lebensmittel wurden knapper, die Frontberichte düsterer und die Todesanzeigen in den Zeitungen zahlreicher.

Jugendliche mussten nun nicht mehr nur Pakete packen.

Sie bedienten Flakgeschütze, suchten Verschüttete, arbeiteten in Lazaretten und wurden als Melder eingesetzt. Sechzehn- und Siebzehnjährige fanden sich plötzlich in Uniform wieder, mit Waffen in den Händen, deren Rückstoß sie kaum kontrollieren konnten.

1943 wurde die 12. SS-Panzerdivision „Hitlerjugend“ aufgestellt. Ein großer Teil ihrer Mannschaften bestand aus jungen Rekruten des Jahrgangs 1926. Viele waren kaum siebzehn Jahre alt. Ihre Offiziere stammten häufig aus kampferfahrenen Verbänden der Waffen-SS.

Die Mischung aus Jugend, Fanatismus und brutaler Führung machte die Division besonders gefährlich. Während der Kämpfe in der Normandie waren Angehörige des Verbandes an der Ermordung kanadischer Kriegsgefangener beteiligt. Die nationalsozialistische Erziehung hatte ihnen beigebracht, im Feind keinen Menschen zu sehen.

Im Herbst 1944 erreichte der Krieg die deutschen Grenzen.

Hitler befahl die Aufstellung des Volkssturms. Männer zwischen sechzehn und sechzig Jahren, die bisher nicht in der Wehrmacht dienten, sollten mit veralteten Gewehren, Panzerfäusten und kaum ausreichender Ausbildung gegen alliierte Panzer antreten.

Schüler wurden aus Klassenzimmern geholt. Alte Männer verließen ihre Werkstätten. Viele von ihnen starben in aussichtslosen Gefechten, während die Parteifunktionäre, die sie zum Durchhalten aufgerufen hatten, Fluchtwege und falsche Papiere vorbereiteten.

Zur selben Zeit nahm Himmlers Werwolf-Projekt konkrete Formen an.

Mit der Organisation wurde SS-Obergruppenführer Hans-Adolf Prützmann betraut. Er hatte zuvor in den von Deutschland besetzten Gebieten der Sowjetunion gedient und Erfahrung mit der Bekämpfung von Partisanen gesammelt. Nun sollte er die Methoden des Guerillakrieges gegen die Alliierten richten.

Das ursprüngliche Konzept war militärischer, als der spätere Mythos vermuten lässt. Werwolf-Kämpfer sollten zunächst uniformiert auftreten, klare Befehlsstrukturen besitzen und als reguläre Soldaten gelten. Doch angesichts des Zusammenbruchs verschwammen diese Grenzen schnell.

Es entstanden Depots mit Waffen, Sprengstoff, Funkgeräten und Lebensmitteln. Kleine Gruppen wurden im Schießen, Sabotieren, Orientieren und lautlosen Töten unterrichtet. Einige erhielten falsche Papiere und zivile Tarnidentitäten.

Die Werwolf-Agenten sollten nicht nur feindliche Soldaten angreifen. Besonders gefährdet waren deutsche Bürgermeister, Verwaltungsbeamte und Zivilisten, die bereit waren, nach der Besetzung mit den Alliierten zusammenzuarbeiten.

Am 23. März 1945 hielt Propagandaminister Joseph Goebbels eine Rede, in der er zum erbarmungslosen Widerstand aufrief. Ab Anfang April sendete der sogenannte Werwolf-Rundfunk Drohungen, Durchhalteparolen und Berichte über angebliche Anschläge.

Vor den Sendungen erklang das Heulen eines Wolfes.

Die Botschaft war eindeutig: Niemand sollte sich sicher fühlen. Wer den Alliierten half, würde sterben.

Britische und amerikanische Zeitungen griffen das Thema auf. Bald kursierten Gerüchte über riesige unterirdische Armeen, vergiftete Brunnen und deutsche Jugendliche, die mit Sprengstoff unter der Kleidung auf Soldaten warteten. Vieles davon war übertrieben. Doch die Angst war real und hatte gefährliche Folgen: Jeder deutsche Zivilist konnte nun als möglicher Attentäter betrachtet werden.

Tatsächlich blieb Werwolf militärisch weitgehend wirkungslos. Die Führung war chaotisch, viele Gruppen erhielten keine eindeutigen Befehle und die meisten vorbereiteten Aktionen kamen nie zustande.

Aber eine Operation sollte zum Symbol des gesamten Projekts werden.

Ihr Ziel war Franz Oppenhoff.

Aachen war im Oktober 1944 als erste größere deutsche Stadt von amerikanischen Truppen eingenommen worden. Die Kämpfe hatten große Teile der Stadt zerstört. Viele Einwohner waren geflohen, andere hausten in Kellern und Ruinen.

Die Amerikaner brauchten einen deutschen Verwaltungschef, der Wasserleitungen reparieren, Lebensmittel verteilen und ein Mindestmaß an Ordnung herstellen konnte. Ihre Wahl fiel auf den Rechtsanwalt Franz Oppenhoff.

Oppenhoff war katholisch, konservativ und kein revolutionärer Gegner Hitlers gewesen. Doch er hatte Kontakte zu Menschen unterhalten, die dem Regime kritisch gegenüberstanden, und als Jurist auch Personen verteidigt, die mit den Nationalsozialisten in Konflikt geraten waren.

Als die Amerikaner ihm das Amt des Oberbürgermeisters anboten, wusste er, welches Risiko er einging. Sein Name sollte zunächst geheim bleiben. Trotzdem verbreitete er sich rasch.

Für Himmler war Oppenhoff der Prototyp des Verräters: ein Deutscher, der in einer besetzten Stadt Verantwortung übernahm, statt den sinnlosen Widerstand fortzusetzen.

Die SS-Führung beschloss, an ihm ein Exempel zu statuieren.

Die Mission erhielt den Decknamen „Unternehmen Karneval“.

Der Name klang beinahe harmlos. Tatsächlich handelte es sich um einen staatlich angeordneten Mord.

Die Leitung des Kommandos übernahm SS-Untersturmführer Herbert Wenzel. Sein Stellvertreter war SS-Unterscharführer Josef Leitgeb. Zur Gruppe gehörten weitere Männer mit unterschiedlichen Aufgaben sowie Ilse Hirsch.

Ilse sollte nicht schießen.

Sie wurde als Kundschafterin und Ortskundige eingesetzt. Ihre Verbindungen aus der BDM-Zeit, ihre Kenntnis der Region und ihr unauffälliges Auftreten machten sie wertvoll. Eine junge Frau konnte sich in Dörfern und Städten bewegen, ohne sofort denselben Verdacht zu erregen wie ein bewaffneter SS-Mann.

Wochenlang wurden die Teilnehmer vorbereitet. Sie lernten das Zielgebiet kennen, übten den Absprung und erhielten falsche Dokumente. Im Fall einer Kontrolle sollten sie behaupten, für eine technische Reichsdienststelle tätig zu sein und Arbeiten im Grenzgebiet auszuführen.

Sie sollten nachts marschieren und sich tagsüber in Waldhütten oder verlassenen Gebäuden verstecken. Wurde die Gruppe getrennt, musste jeder versuchen, den vereinbarten Plan eigenständig fortzusetzen.

Niemand durfte gefangen genommen werden.

Niemand durfte den Auftrag verraten.

Am 20. März 1945 begann die Operation.

Ein erbeutetes amerikanisches Flugzeug brachte das Kommando in Richtung der deutsch-belgischen Grenze. Die Wahl einer Maschine mit amerikanischen Kennzeichen sollte die alliierte Luftüberwachung täuschen.

Über dem Waldgebiet nahe dem belgischen Gemmenich sprangen die Agenten ab.

Schon in den ersten Minuten geriet der sorgfältig ausgearbeitete Plan durcheinander. Die Fallschirmspringer landeten verstreut. Material ging verloren. Ilse wurde vom Rest der Gruppe getrennt und musste sich allein orientieren.

Der Boden war nass, die Nächte kalt. Überall konnten amerikanische Patrouillen oder belgische Widerstandskämpfer auftauchen. In der Ferne war Artillerie zu hören. Das Reich, für das sie kämpfen wollten, zerfiel nur wenige Kilometer entfernt.

Während des Vordringens wurde ein deutscher Grenzwächter erschossen, der die Gruppe entdeckt hatte und ihre Identität gefährden konnte. Schon bevor Oppenhoff erreicht war, hatte der Auftrag ein erstes Opfer gefordert.

Ilse gelang es, sich durchzuschlagen. Sie nahm Kontakt zu einer früheren BDM-Bekannten auf und nutzte ihr lokales Wissen, um Oppenhoffs Aufenthaltsort festzustellen.

Seine Adresse lautete Eupener Straße 251.

Dort lebte er mit seiner Frau Irmgard und seinen drei Kindern. Im Haus befanden sich außerdem ein Gärtner und weitere Personen aus dem Umfeld der Familie.

Ilse beobachtete Wege und Bewegungen, sammelte Informationen und leitete sie an Wenzel weiter. Für sie war Oppenhoff nicht einfach ein Familienvater oder ein Jurist, der eine zerstörte Stadt verwalten wollte. Die jahrelange Indoktrination hatte aus ihm eine Figur gemacht, auf die nur ein Wort passte:

Verräter.

Am 25. März erreichten auch die übrigen Mitglieder des Kommandos Aachen. Die Agenten schnitten eine Telefonleitung durch, um die Kommunikation zu behindern. Dann näherten sie sich dem Haus.

Es war Palmsonntag.

Oppenhoff befand sich nicht sofort zu Hause. Er nahm an einer Zusammenkunft teil, während seine Familie im Haus auf seine Rückkehr wartete. Die Männer gaben sich als versprengte deutsche Piloten aus, die Hilfe benötigten und den Weg zurück zu den eigenen Linien suchten.

Sie verlangten, mit dem Bürgermeister zu sprechen.

Ein Hausbewohner machte sich auf den Weg, um Oppenhoff zu holen.

Die Zeit verging quälend langsam. Jeder zusätzliche Augenblick erhöhte das Risiko, dass eine amerikanische Patrouille auftauchte. Wenzel und Leitgeb warteten im Schutz der Dunkelheit. Ihre Kleidung war schmutzig, ihre Nerven angespannt.

Als Oppenhoff schließlich erschien, stand er Männern gegenüber, deren wahre Absicht er zunächst nicht kannte.

Sie erklärten, sie seien deutsche Soldaten und wollten zurück zur Front.

Oppenhoff soll ihnen geraten haben, sich zu ergeben. Der Krieg sei verloren. Weiterzukämpfen bedeute nur, noch mehr Menschen sinnlos sterben zu lassen.

Vielleicht hoffte er, zwei junge Männer zur Vernunft bringen zu können.

Vielleicht erkannte er zu spät, dass sie nicht gekommen waren, um einen Rat zu erhalten.

Herbert Wenzel war für die tödlichen Schüsse vorgesehen. Doch als der entscheidende Augenblick kam, zögerte er.

Warum, blieb ungeklärt.

Vielleicht verlor er für einen Moment den Mut. Vielleicht sah er vor sich nicht mehr den „Verräter“ aus den Schulungsunterlagen, sondern einen unbewaffneten Mann vor dessen eigenem Haus. Vielleicht fürchtete er, dass der Schuss sofort amerikanische Soldaten alarmieren würde.

Josef Leitgeb zögerte nicht.

Er trat vor, zog seine Pistole und rief:

—Heil Hitler!

Dann schoss er Franz Oppenhoff aus nächster Nähe in den Kopf.

Der Bürgermeister brach vor seinem Haus zusammen.

Wenige Meter entfernt befanden sich seine Frau und seine Kinder.

Für das Kommando gab es keine Zeit, sich zu vergewissern, ob Oppenhoff noch lebte. Der Schuss war in der stillen Straße weithin zu hören. Eine amerikanische Patrouille, die wegen der unterbrochenen Telefonleitung unterwegs war, konnte jeden Moment eintreffen.

Die Attentäter flohen.

Damit begann der zweite, ebenso gefährliche Teil der Operation. Sie mussten die alliierten Linien überwinden und nach Osten in das noch von deutschen Truppen kontrollierte Gebiet zurückkehren.

Die Gruppe bewegte sich durch Wälder, über Felder und entlang kaum benutzter Wege. Sie mied Straßen und Dörfer. Hunger, Kälte und Erschöpfung verlangsamten das Tempo.

Doch die größte Gefahr lag unsichtbar unter der Erde.

In einem verminten Gelände setzte Ilse Hirsch den Fuß auf einen Sprengkörper.

Die Explosion zerriss die Stille.

Ilse wurde am Knie schwer verletzt und zu Boden geschleudert. Josef Leitgeb, der Mann, der Oppenhoff erschossen hatte, befand sich in unmittelbarer Nähe. Er wurde von derselben Explosion tödlich getroffen.

Der Mörder des Aachener Oberbürgermeisters starb auf dem Rückweg, nicht durch ein alliiertes Erschießungskommando und nicht in einem Gefecht, sondern durch eine Mine in einem Land, das seine eigene Regierung mit Sprengfallen überzogen hatte.

Für Ilse war die Mission beendet.

Mit einem verletzten Knie konnte sie nicht mehr mit der Gruppe Schritt halten. Die anderen mussten entscheiden, ob sie bei ihr bleiben und damit die gesamte Operation gefährden oder sie zurücklassen sollten.

Die viel beschworene Kameradschaft hatte dort ihre Grenze, wo das eigene Überleben begann.

Ilse blieb zurück.

Trotz ihrer Verletzung gelang es ihr, sich in Richtung Euskirchen durchzuschlagen. Die Region befand sich bereits unter alliierter Kontrolle. Sie musste ihre Geschichte verbergen und vermeiden, als Werwolf-Agentin erkannt zu werden.

Schließlich kam sie in ein Krankenhaus.

Während Ärzte ihr verletztes Knie behandelten, zerfiel das Deutsche Reich endgültig. Am 30. April 1945 beging Hitler in Berlin Selbstmord. Wenige Tage später kapitulierte Deutschland bedingungslos.

Die Fahnen wurden eingeholt. Uniformen verschwanden in Schränken, Abzeichen in Öfen und Parteibücher in Flüssen. Menschen, die noch Wochen zuvor „Sieg oder Tod“ gerufen hatten, behaupteten plötzlich, niemals überzeugte Nationalsozialisten gewesen zu sein.

Auch die Werwolf-Organisation löste sich auf.

Die gefürchtete Untergrundarmee, vor der alliierte Kommandeure gewarnt hatten, führte keinen großen Guerillakrieg. Es gab einzelne Anschläge, Sabotageakte und Drohungen, aber keinen Widerstand, der den Verlauf der Besatzung ernsthaft hätte verändern können.

Das Attentat auf Franz Oppenhoff blieb ihr bekanntestes Verbrechen.

Zunächst schien es, als könnten die Täter im Chaos des Zusammenbruchs verschwinden. Millionen Menschen waren auf der Flucht. Dokumente fehlten. Städte lagen in Trümmern, Behörden existierten nicht mehr, und unzählige ehemalige SS-Angehörige erfanden neue Lebensläufe.

Doch die Ermittlungen gingen weiter.

Zeugen wurden befragt. Verbindungen rekonstruiert. Aussagen miteinander verglichen. Nach und nach stießen die Ermittler auf die Namen der Beteiligten.

1949, vier Jahre nach der Tat, mussten sich mehrere Mitglieder des Kommandos vor dem Landgericht Aachen verantworten.

Man hätte erwarten können, dass der politisch motivierte Mord an einem unbewaffneten Bürgermeister zu harten Strafen führen würde. Die Angeklagten hatten nicht in einem spontanen Gefecht gehandelt. Sie waren ausgebildet, mit falschen Papieren hinter die Linien gebracht und gezielt zum Haus des Opfers geschickt worden.

Doch die Urteile fielen erstaunlich milde aus.

Die verhängten Freiheitsstrafen lagen nur zwischen einem und vier Jahren. In späteren Verfahren wurden sie weiter reduziert oder aufgehoben.

Ilse Hirsch wurde wegen des Mordes nicht verurteilt. Sie hatte Oppenhoff nicht erschossen und war nach Auffassung der Justiz im entscheidenden Augenblick nicht unmittelbar am Tatort gewesen.

Dabei war ihre Rolle für die Durchführung der Mission von großer Bedeutung gewesen. Sie hatte ihre Ortskenntnis genutzt, Kontakte aktiviert und dabei geholfen, Oppenhoff aufzuspüren. Ohne die Kundschafterin hätte das Kommando sein Ziel möglicherweise nicht gefunden.

Juristisch konnte Distanz jedoch den Unterschied zwischen Beteiligung und Straflosigkeit bedeuten.

Moralisch war diese Grenze weit weniger eindeutig.

Die Nachkriegsjustiz behandelte viele NS-Täter mit auffälliger Nachsicht. Zahlreiche Richter, Staatsanwälte und Beamte hatten ihre Karrieren bereits im „Dritten Reich“ begonnen. Nach 1945 legten sie ihre Roben nicht dauerhaft ab. Manche kehrten nach kurzer Unterbrechung in ihre früheren Positionen zurück.

Jahrzehnte später wurden auch im Umfeld des Oppenhoff-Verfahrens belastende Hintergründe bekannt. Juristische Nachforschungen zeigten, dass Personen, die über die Werwolf-Mitglieder urteilten, selbst Verbindungen zur NSDAP oder zur Justiz des nationalsozialistischen Staates gehabt hatten.

Plötzlich erschienen die milden Urteile in einem anderen Licht.

Es war nicht nur ein Prozess gegen die Vergangenheit gewesen.

Die Vergangenheit hatte mit am Richtertisch gesessen.

1954 waren die Freiheitsstrafen der Verurteilten faktisch nicht mehr wirksam. Rechtliche Argumente wie ein angeblicher Befehls- oder Notstand halfen Männern, die an einer gezielten Mordoperation teilgenommen hatten, ihrer Verantwortung weitgehend zu entkommen.

Das Opfer hingegen erhielt kein zweites Leben.

Franz Oppenhoffs Kinder mussten ohne ihren Vater aufwachsen. Seine Frau musste mit der Erinnerung leben, dass er an der Schwelle des eigenen Hauses erschossen worden war. Seine Entscheidung, eine zerstörte Stadt vor Hunger und Chaos zu bewahren, war vom NS-Regime mit dem Tod bestraft worden.

Auch Herbert Wenzel, der Kommandoführer, entzog sich lange der Justiz.

Nach dem Krieg gelang ihm die Flucht nach Südwestafrika, dem heutigen Namibia. Dort soll er unter dem Namen Fritz Brand gelebt haben. Der Mann, der das Attentat geleitet und im entscheidenden Moment selbst gezögert hatte, baute sich Tausende Kilometer vom Tatort entfernt eine neue Existenz auf.

Er starb 1981.

Ilse Hirsch tat etwas, das viele ehemalige Nationalsozialisten nach 1945 taten: Sie verschwand nicht geografisch, sondern biografisch.

Die BDM-Führerin wurde zur Ehefrau. Die ausgebildete Werwolf-Agentin wurde zur Mutter zweier Kinder. Sie führte ein äußerlich gewöhnliches Leben und sprach offenbar nur selten über ihre Vergangenheit.

Vielleicht erzählte sie sich selbst, sie habe Oppenhoff nicht erschossen.

Vielleicht betrachtete sie sich als kleines Rädchen, das lediglich Befehle befolgt hatte.

Vielleicht verdrängte sie die Nacht von Aachen, Leitgebs Ruf und die Explosion der Mine so lange, bis sie wie Erinnerungen aus einem fremden Leben wirkten.

Doch gerade darin liegt die verstörende Kraft ihrer Geschichte.

Das Böse erscheint nicht immer als brüllender Mann in schwarzer Uniform. Manchmal trägt es das Gesicht einer jungen Frau, die gelernt hat, Gehorsam mit Tugend zu verwechseln. Später führt diese Frau ein normales Leben, grüßt ihre Nachbarn, zieht Kinder groß und wird alt.

Ilse Hirsch starb am 16. Oktober 2000 im Alter von 78 Jahren.

Zwischen dem Attentat und ihrem Tod lagen mehr als fünfundfünfzig Jahre.

Jahre, die Franz Oppenhoff nicht bekommen hatte.

Sie erlebte den Wiederaufbau, die Teilung Deutschlands, das Wirtschaftswunder und die Wiedervereinigung. Sie sah, wie aus den Trümmern neue Städte entstanden und wie eine Generation nach der anderen begann, Fragen über die Vergangenheit zu stellen.

Oppenhoff blieb im Jahr 1945 zurück, vor seinem Haus, getötet im Namen eines Regimes, das nur wenige Wochen später nicht mehr existierte.

Ilse Hirschs Geschichte ist deshalb nicht nur die Geschichte einer fanatischen jungen Frau. Sie zeigt, wie ein Staat Kinder und Jugendliche formen kann, bis sie ihre eigene moralische Verantwortung nicht mehr erkennen.

Als Ilse in den BDM eintrat, begann sie nicht sofort mit einem Mordauftrag. Am Anfang standen Lieder, Sport, Ausflüge und das Gefühl, zu einer großen Gemeinschaft zu gehören. Die gefährliche Veränderung vollzog sich schrittweise.

Zuerst lernte sie, dass Gehorsam wichtiger sei als Zweifel.

Dann, dass manche Menschen weniger wert seien als andere.

Schließlich, dass ein politischer Gegner kein Mensch mehr sei, sondern ein Ziel.

Der Weg von einem Mädchen in Uniform zu einer Agentin eines Mordkommandos bestand aus vielen kleinen Schritten. Gerade deshalb lässt er sich nicht mit der Behauptung erklären, sie sei von Anfang an ein Monster gewesen.

Sie wurde beeinflusst, geformt und indoktriniert.

Aber sie traf auch Entscheidungen.

Andere Jugendliche lebten unter demselben Regime und versuchten trotzdem, sich zu entziehen. Einige verweigerten den Dienst. Andere verbreiteten Flugblätter, versteckten Verfolgte oder bezahlten ihren Widerstand mit dem Leben.

Indoktrination erklärt, wie Ilse Hirsch zu dem Menschen werden konnte, der sie 1945 war.

Sie entschuldigt nicht, was sie tat.

Auch der Werwolf-Mythos offenbart einen letzten Zynismus des Regimes. Die nationalsozialistische Führung hatte Deutschland in einen vernichtenden Krieg geführt. Als die Niederlage unvermeidlich wurde, dachte sie nicht daran, das Leben der Bevölkerung zu retten.

Sie verlangte weitere Opfer.

Jugendliche sollten Panzer mit einzelnen Panzerfäusten angreifen. Alte Männer sollten Barrikaden verteidigen. Junge Frauen wie Ilse sollten hinter feindlichen Linien töten. Bürgermeister, die Wasser, Nahrung und Sicherheit organisierten, wurden zu Verrätern erklärt.

Diejenigen, die den Untergang verursacht hatten, wollten das ganze Land mit sich reißen.

„Sieg oder Tod“ lautete die Parole.

Doch einen Sieg konnte es längst nicht mehr geben. Es blieb nur der Tod – meist für andere.

Franz Oppenhoff wurde nicht ermordet, weil er Deutschland verraten hatte. Er wurde ermordet, weil er erkannt hatte, dass Deutschland nach Hitler weiterleben musste.

Er stand für eine Zukunft, in der Städte verwaltet, Kinder ernährt und Entscheidungen ohne Befehle der NSDAP getroffen werden konnten. Genau deshalb war er für Himmler gefährlich.

Sein Tod sollte Angst verbreiten. Kein Deutscher sollte wagen, mit den Alliierten zusammenzuarbeiten. Niemand sollte glauben, er könne das Ende des Regimes überleben, indem er beim Aufbau einer neuen Ordnung half.

Doch das Attentat erreichte das Gegenteil.

Das „Dritte Reich“ ging unter. Aachen wurde wiederaufgebaut. Deutschland entwickelte sich trotz aller Rückschläge zu einer Demokratie. Oppenhoffs Name blieb mit dem Versuch verbunden, inmitten der Zerstörung Verantwortung zu übernehmen.

Die Namen seiner Mörder blieben als Warnung erhalten.

Und die Nachkriegsprozesse zeigten, dass der Zusammenbruch einer Diktatur ihre Strukturen nicht automatisch beseitigt. Gesetze können geändert, Fahnen ausgetauscht und Organisationen verboten werden. Aber Richter, Beamte und gesellschaftliche Netzwerke verschwinden nicht über Nacht.

Wenn die Menschen, die einem verbrecherischen System gedient haben, anschließend über dessen Verbrechen urteilen, kann Gerechtigkeit zu einer Fortsetzung des Schweigens werden.

Ilse Hirsch musste den größten Teil ihres Lebens nicht hinter Gittern verbringen. Sie musste sich keinem umfassenden öffentlichen Verfahren über ihre Rolle stellen. Sie durfte jene Normalität erleben, die ihrem Opfer genommen worden war.

Darin liegt der letzte und vielleicht bitterste Wendepunkt dieser Geschichte.

Die junge Agentin, die bereit gewesen war, für ein sterbendes Regime ihr Leben zu riskieren, überlebte.

Der Mann, der versucht hatte, seine Stadt am Leben zu erhalten, starb.

Der Schütze wurde von einer Mine getötet. Der Einsatzleiter floh nach Afrika. Die überlebenden Beteiligten erhielten geringe Strafen. Und Teile einer belasteten Justiz halfen dabei, das Kapitel möglichst schnell zu schließen.

Es gab keinen vollkommenen Ausgleich.

Keine Strafe konnte Oppenhoff zurückbringen. Doch nicht einmal die begrenzte Gerechtigkeit, die möglich gewesen wäre, wurde konsequent durchgesetzt.

Am Ende blieb die Erinnerung.

An eine Nacht im März 1945.

An zwei Männer vor einer Haustür.

An einen Bürgermeister, der glaubte, mit ihnen über die Sinnlosigkeit des Krieges sprechen zu können.

An einen kurzen Moment, in dem Herbert Wenzel die Waffe nicht hob.

An Josef Leitgeb, der „Heil Hitler“ rief und abdrückte.

Und an Ilse Hirsch, die geholfen hatte, das Opfer zu finden, bevor sie auf der Flucht über eine Mine stolperte und später in ein gewöhnliches Leben zurückkehrte.

Als sie im Oktober 2000 starb, endete ein Leben, das fast das gesamte zwanzigste Jahrhundert umfasst hatte. Aber ihr Tod schloss die Geschichte nicht ab.

Denn die entscheidende Frage lautet nicht, ob eine alte Frau am Ende Reue empfand.

Die entscheidende Frage lautet, wie aus einem Mädchen eine Täterin werden konnte – und warum die Gesellschaft ihr später erlaubte, ihre Verantwortung beinahe vollständig hinter sich zu lassen.

Ilse Hirsch war kein übernatürliches Wesen und kein einsamer Ausnahmefall. Sie war das Produkt eines Systems, das Zugehörigkeit versprach und dafür Gewissen verlangte. Eines Systems, das junge Menschen zunächst mit Gemeinschaft lockte, dann mit Ideologie füllte und schließlich als Werkzeuge benutzte.

Genau deshalb darf ihre Geschichte nicht vergessen werden.

Nicht, um sie zu verherrlichen.

Nicht, um ihr das Abenteuer einer geheimnisvollen Agentin anzudichten.

Sondern um zu zeigen, wie leicht Fanatismus gewöhnliche Menschen in außergewöhnliche Verbrechen führen kann.

Franz Oppenhoff starb, weil er sich geweigert hatte, eine verlorene Schlacht auf dem Rücken seiner Mitbürger fortzusetzen.

Ilse Hirsch lebte weiter, obwohl sie geholfen hatte, ihn zum Ziel zu machen.

Für ihn blieben eine trauernde Familie, eine Stadt und die Erinnerung an den Versuch, nach der Diktatur neu anzufangen.

Für sie blieb ein Name in den Akten eines Mordkommandos.

Und als Ilse Hirsch nach 78 Jahren starb, gab es für die ehemalige Werwolf-Agentin kein Heldenlied, keinen ehrenvollen Nachruf und keinen Grund, ihre Vergangenheit zu verklären.

Denn manche Menschen verlieren den Anspruch auf Bewunderung nicht in dem Augenblick, in dem sie scheitern.

Sie verlieren ihn in dem Augenblick, in dem sie freiwillig aufhören, andere als Menschen zu betrachten.

Für Ilse Hirsch weinte niemand.