Blondes Gift: Stella Goldschlag und der Preis des Überlebens

Blondes Gift: Stella Goldschlag und der Preis des Überlebens

Am Morgen des 27. Februar 1943 lag Berlin unter einem kalten, bleigrauen Himmel. In den Straßen roch es nach Kohlenrauch, feuchtem Stein und Angst. Der Krieg hatte die Stadt längst verändert. Fenster waren verdunkelt, Fassaden von Bombennächten gezeichnet, und in den Fabriken arbeiteten Menschen, die wussten, dass selbst ein falscher Blick ihr Ende bedeuten konnte. Doch an diesem Tag begann etwas, das für die letzten noch in Berlin lebenden Juden zum offenen Alptraum wurde.

„Das blonde Gift“- Jüdische Kollaborateurin, die Tausende Juden aufspürte & an die Nazis auslieferte

Die Nationalsozialisten nannten es eine Aktion. Für die Betroffenen war es eine Jagd.

In den frühen Morgenstunden rückten Gestapo, SS und Polizei aus. Sie stürmten Betriebe, Werkhallen und Rüstungsfabriken, in denen jüdische Zwangsarbeiter bis dahin noch gebraucht worden waren. Viele von ihnen hatten geglaubt, die Arbeit für die Kriegsindustrie verschaffe ihnen wenigstens einen schmalen Aufschub. Einen Tag mehr. Eine Woche. Vielleicht genug Zeit, um zu verschwinden.

Aber die sogenannte Fabrikaktion machte diese Hoffnung zunichte.

Menschen wurden aus Maschinenhallen gezerrt, Namen wurden gebrüllt, Listen abgehakt, Familien auseinandergerissen. Wer jüdisch war und noch in Berlin lebte, sollte verschwinden. Nicht aus der Stadt allein, sondern aus dem Leben. Viehwaggons warteten. Auschwitz wartete. Manche versuchten zu fliehen, manche versteckten sich in Kellern, Dachböden, Abstellräumen oder hinter falschen Papieren. Einige wenige schafften es in die Unsichtbarkeit einer Stadt, die zugleich Heimat und Falle geworden war.

Unter ihnen war eine junge Frau mit blondem Haar und blauen Augen, die viele auf den ersten Blick niemals für eine Jüdin gehalten hätten.

Ihr Name war Stella Ingrid Goldschlag.

Später würde Berlin sie unter einem anderen Namen kennen. Einem Namen, der in den Fluren, Kellern und Verstecken der Untergetauchten geflüstert wurde wie eine Warnung.

Blondes Gift.

Doch bevor Stella Goldschlag zu einer der berüchtigtsten Greiferinnen der Gestapo wurde, war sie ein Kind gewesen. Ein verwöhntes, geliebtes, ehrgeiziges Kind in einer Familie, die sich als deutsch verstand, lange bevor die Welt ihr erklärte, dass sie es nicht mehr sein durfte.

Stella wurde am 10. Juli 1922 in Berlin geboren, mitten in der unruhigen Zeit der Weimarer Republik. Ihr Vater, Gerhard Goldschlag, war ein gebildeter, künstlerischer Mann. Er war Veteran des Ersten Weltkriegs, Musiker, Komponist, Dirigent und Journalist. Ihre Mutter Antonie hatte einst selbst davon geträumt, Sängerin zu werden. In der Wohnung der Goldschlags gab es Musik, Gespräche, Hoffnungen und den Wunsch nach einem geordneten bürgerlichen Leben, auch wenn das Geld oft knapp war.

Stella wurde von ihren Eltern geliebt, vielleicht sogar zu sehr beschützt. Sie nannten sie Pünktchen. Das kleine Mädchen mit den hellen Haaren wuchs in West-Berlin auf, ging zur Schule, lernte, träumte und bewegte sich in einer Welt, in der jüdische Feiertage noch Teil des Familienlebens waren, ohne dass sie ihr Selbstbild bestimmten. Sie fühlte sich deutsch. Berlin war ihre Stadt. Die Sprache, die Straßen, die Lieder, die Mode, das Kino, alles schien ihr zu gehören.

Dann kam der 30. Januar 1933.

Adolf Hitler wurde Reichskanzler, und was zunächst für manche wie ein weiterer politischer Machtwechsel wirkte, wurde rasch zu einem System aus Ausgrenzung, Erniedrigung und Gewalt. Bereits im April 1933 entzog das Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums vielen Juden ihre Stellung im öffentlichen Leben. Auch Gerhard Goldschlag verlor seine Arbeit bei der Wochenschau. Für die Familie bedeutete das nicht nur weniger Geld. Es bedeutete den ersten großen Riss in der Vorstellung, dass Bildung, Kultur, Patriotismus oder frühere Verdienste noch Schutz boten.

Stella war damals noch ein Mädchen, aber sie spürte, wie sich Blicke veränderten. Lehrer wurden vorsichtiger. Mitschülerinnen wurden fremder. Türen, die eben noch selbstverständlich offenstanden, schlossen sich leise und dann immer lauter.

1935 durfte sie nicht mehr wie zuvor eine öffentliche Schule besuchen und wechselte an die private Goldschmidt-Schule, eine jüdische Einrichtung. Dort traf sie auf Kinder aus angesehenen Familien, auf Söhne und Töchter von Ärzten, Rabbinern, Unternehmern und Akademikern. Viele Lehrer waren hochqualifizierte Menschen, die aus staatlichen Schulen vertrieben worden waren, weil sie jüdisch waren.

Stella fiel auf.

Sie war groß, schlank, blond, blauäugig und von einer Schönheit, die andere irritierte. Manche verglichen sie mit Filmstars. Sie lernte früh, dass ihr Aussehen Türen öffnen konnte, sogar in einer Welt, die ihr alle Türen verschließen wollte. Vielleicht war dies der erste gefährliche Widerspruch in ihrem Leben: Sie gehörte zu den Verfolgten, sah aber aus wie das Idealbild der Verfolger.

Die Jahre wurden dunkler.

Vom 9. auf den 10. November 1938 brannten Synagogen, Geschäfte wurden zerstört, jüdische Männer verhaftet, Familien gedemütigt. Die Reichspogromnacht zeigte den Goldschlags endgültig, dass es nicht mehr um Schikanen ging. Es ging ums Überleben. Gerhard Goldschlag versteckte sich, um einer Verhaftung zu entgehen. In Berlin sah man plötzlich deutlicher als je zuvor, was aus Nachbarn werden konnte, wenn ein Regime ihnen erlaubte, Hass als Pflicht zu betrachten.

Die Familie versuchte auszuwandern. Wie so viele. Doch Flucht war nicht nur eine Frage des Willens. Man brauchte Geld, Kontakte, Visa, Bürgschaften, Glück. Die Vereinigten Staaten und andere Länder hielten ihre Einwanderungsquoten streng. Wer wartete, verlor Zeit. Wer kein Geld hatte, verlor Möglichkeiten. Für die Goldschlags schloss sich die Welt, während Deutschland immer gefährlicher wurde.

Als der Krieg am 1. September 1939 begann, war Stella siebzehn Jahre alt. Alt genug, um zu begreifen, dass ihre Jugend vorbei war, aber jung genug, um noch an Momente von Glück zu glauben.

Sie lernte an einer Kunstschule, beschäftigte sich mit Modezeichnungen und arbeitete zeitweise als Aktmodell. Sie sang in einer jüdischen Jazzband, und in diesen Nächten aus Musik, Rauch und heimlicher Lebenslust konnte sie für kurze Zeit vergessen, dass um sie herum eine Maschine anlief, die Menschen nach Namen, Herkunft und Blut sortierte.

Im Herbst 1941 heiratete sie Manfred Kübler, den Leiter der Band. Es war eine Ehe in einer Zeit, in der niemand wusste, wie viel Zukunft noch blieb. Im selben Jahr mussten Juden im Deutschen Reich den gelben Stern tragen. Stella, deren blondes Haar sie einst hatte schützen können, wurde nun durch ein Zeichen auf der Kleidung öffentlich markiert. Auch sie wurde zur Zwangsarbeit verpflichtet, zunächst bei Siemens, wo Elektromotoren hergestellt wurden, später in einer Munitionsfabrik.

Diese Arbeit war erniedrigend und hart, aber sie bot vorübergehend Schutz. Wer für die Rüstungsindustrie gebraucht wurde, blieb manchmal etwas länger in Berlin. Doch auch dieser Schutz war nur eine Lüge mit Ablaufdatum.

Dann kam der 27. Februar 1943.

Stella und ihre Mutter wurden im Rahmen der Fabrikaktion festgenommen. Der Tag war chaotisch, brutal und von Schreien erfüllt. In diesem Durcheinander gelang ihnen etwas, das fast unmöglich schien. Sie versteckten sich, fanden einen Ausweg, entkamen durch eine Hintertür. Ihr Aussehen half ihnen. Blond, hell, unauffällig in den Augen jener, die in rassistischen Bildern dachten. Die Mörder glaubten an ihre eigenen Lügen und übersahen für einen Moment die Frau, die sie suchten.

Manfred hatte dieses Glück nicht.

Er wurde verhaftet und nach Auschwitz deportiert. Er kehrte nie zurück.

Nach der Fabrikaktion tauchte Stella mit ihren Eltern unter. Berlin war nun ein Labyrinth aus Verstecken, gefälschten Papieren, Warnungen, Verrat und Hunger. Wer untergetaucht war, lebte nicht einfach heimlich. Er lebte von Stunde zu Stunde. Eine Treppe konnte gefährlich sein. Ein alter Bekannter auf der Straße konnte tödlich sein. Ein Polizist an der Ecke, ein Nachbar hinter der Gardine, ein kontrollierender Beamter in der Straßenbahn: Alles konnte das Ende bedeuten.

Hilfe kam von Menschen, die unter Lebensgefahr Widerstand leisteten. Einer davon war Günther Rogoff, genannt ROG, ein alter Bekannter aus Stellas Kunstschulzeit. Er half in einem Netzwerk, das falsche Papiere, Lebensmittel und Verstecke organisierte. Für Stella und ihre Eltern beschaffte er Dokumente, die ihnen Bewegungsfreiheit geben sollten. Doch genau diese Verbindung machte Stella wertvoll für die Gestapo.

Denn die Gestapo jagte nicht nur die Untergetauchten. Sie jagte auch jene, die ihnen halfen.

Im Juli 1943 wurde Stella erkannt. Eine jüdische Frau namens Inge, selbst eine Greiferin, bemerkte sie in einem Lokal. Greifer waren Menschen, die von der Gestapo benutzt wurden, um andere Juden aufzuspüren. Einige handelten aus Angst, andere aus Hoffnung auf Schonung, wieder andere fanden in der neuen Macht eine furchtbare Rolle. Sie kannten die Gesichter, die Familien, die Gewohnheiten, die alten Adressen. Sie konnten dort eindringen, wo Uniformierte sofort Verdacht geweckt hätten.

Stella wurde verhaftet und zur Gestapo in die Burgstraße 26 gebracht. Als ihre falschen Papiere entdeckt wurden und klar wurde, dass sie mit ROG verbunden war, wurde sie nicht mehr nur als untergetauchte Jüdin behandelt. Sie wurde als Schlüssel zu einem Netzwerk gesehen.

Die Verhöre waren grausam.

Man schlug sie auf die Schienbeine, auf den Rücken, ins Gesicht. Blut lief aus Mund, Nase und Ohren. Mehrfach wurde ihr eine Pistole an den Kopf gehalten. Sie wurde bedroht, gedemütigt, geprügelt, bis ihr Körper nachgab. Wenn sie ohnmächtig wurde, bedeutete das nicht Schutz. Es bedeutete nur eine Pause, bis die Gewalt weiterging.

An ihrem 21. Geburtstag, dem 10. Juli 1943, gelang Stella die Flucht. Während eines Zahnarztbesuchs entkam sie. Doch sie tat das, was viele in Panik getan hätten: Sie lief zu ihren Eltern. Die Wohnung aber wurde überwacht. Kaum hatte sie geglaubt, einen sicheren Ort erreicht zu haben, wurde sie erneut gefasst.

Wieder Folter. Wieder Drohungen. Wieder die Botschaft, dass ihr Körper, ihr Wille und ihre Familie in den Händen anderer lagen.

Am 24. August 1943 traf ein britischer Luftangriff das Gefängnis, in dem Stella festgehalten wurde. Das Gebäude wurde beschädigt, Chaos brach aus, Frauen starben in Feuer und Rauch. Stella entkam erneut. Doch statt endgültig zu fliehen, ging sie zu dem Sammellager, in dem ihre Eltern auf die Deportation warteten.

Diese Entscheidung ist einer der dunkelsten und widersprüchlichsten Momente in ihrer Geschichte.

Vielleicht war es Liebe. Vielleicht Abhängigkeit. Vielleicht die Unfähigkeit, ohne ihre Eltern weiterzuleben. Stella war bereit, mit ihnen zu sterben. Doch als sie dort ankam, bot sich ihr eine andere Möglichkeit. Eine Möglichkeit, die wie Rettung aussah und in Wahrheit ein moralischer Abgrund war.

Sie bot der Gestapo ihre Zusammenarbeit an.

Sie wollte sich und ihre Eltern retten. Sie wollte Zeit kaufen. Sie wollte aus einer Lage heraus, in der jede Entscheidung falsch war. Aber was danach kam, lässt sich nicht allein mit Angst erklären.

Ein SS-Mann, in manchen Quellen Felix Limmertz genannt, erkannte den Nutzen dieser jungen Frau. Stella sah nicht aus wie das Feindbild der Nazis. Sie war intelligent, kannte viele Namen, viele Familien, viele ehemalige Mitschülerinnen und Mitschüler. Sie konnte sich unter Untergetauchte mischen. Sie konnte Vertrauen erwecken.

Aus der Verfolgten wurde eine Jägerin.

Stella Goldschlag wurde eine Greiferin.

In Berlin gab es Gruppen solcher Helfer der Gestapo, manchmal als Kopfjäger bezeichnet. Junge Männer und Frauen, oft selbst jüdischer Herkunft, arbeiteten aus Sammellagern heraus, später auch aus Bereichen des jüdischen Krankenhauses. Sie erhielten bessere Lebensmittel, Unterkünfte, Geldprämien und besondere Papiere. Manche mussten den gelben Stern nicht tragen. Manche bekamen Waffen. Für jeden verratenen Menschen konnte es eine Belohnung geben.

Stella lernte schnell.

Sie wusste, wie man Mitleid erzeugte. Sie konnte behaupten, selbst untergetaucht zu sein, hungrig, verfolgt, verzweifelt. Menschen, die selbst kaum genug hatten, halfen ihr, weil sie glaubten, eine von ihnen vor sich zu haben. Sie führten sie in Verstecke, nannten Namen, öffneten Türen. Kurz darauf kam die Gestapo.

Eine überlieferte Geschichte erzählt von einem Mann, der Stella begegnete. Sie wirkte hilflos, hungrig und allein. Er nahm sie mit in ein Lokal, wollte ihr helfen. Dort warteten bereits Beamte. Er wurde verhaftet. Später konnte er auf dem Weg nach Auschwitz aus einem Zug springen und überlebte, doch viele andere hatten dieses Glück nicht.

Stellas Methode war besonders gefährlich, weil sie aus der Nähe kam. Sie war kein fremder Spitzel in Uniform. Sie war ein Gesicht aus Schulen, Straßen, Bekanntenkreisen. Sie wusste, wer früher mit wem befreundet gewesen war, welche Familien Verwandte hatten, wer vielleicht bei einer nichtjüdischen Freundin untergekommen war. Nach einer Verhaftung ließ sie Taschen und Mäntel durchsuchen, suchte nach Adressbüchern, kleinen Zetteln, Hinweisen auf weitere Verstecke.

Die Untergetauchten begannen, ihren Namen zu fürchten.

Blondes Gift.

Ein Name, der ihre Schönheit und ihre tödliche Rolle in zwei Worte zwang. Wer sie sah, wusste nicht immer sofort, ob Rettung oder Verrat vor ihm stand. Diese Unsicherheit machte sie so verheerend. In einer Stadt, in der Vertrauen ohnehin knapp war, vergiftete sie den letzten Rest davon.

Sie soll sogar Friedhöfe beobachtet haben. Jüdische Menschen, die mit nichtjüdischen Partnern verheiratet waren, hatten unter bestimmten Umständen noch einen Schutzstatus. Doch nach dem Tod des nichtjüdischen Ehepartners konnte dieser Schutz enden. Wer zu einer Beerdigung kam, konnte danach in Gefahr geraten. Stella wusste, wo Trauer Menschen verletzlich machte.

Wie viele Opfer sie hatte, ist bis heute nicht sicher. Schätzungen reichen von mehreren Hundert bis zu einigen Tausend. Zahlen können kalt wirken, aber hinter jeder Zahl stand ein Mensch, der vielleicht seit Monaten im Dunkeln gelebt hatte, der auf ein Ende des Krieges hoffte, der leise atmete, wenn Schritte auf der Treppe erklangen. Ein Mensch, der vielleicht noch am Morgen glaubte, überlebt zu haben.

Im Februar 1944 zeigte sich, wie wertlos die Versprechen der Gestapo waren.

Stellas Eltern wurden dennoch deportiert. Zunächst nach Theresienstadt, später nach Auschwitz, wo sie ermordet wurden. Das Versprechen, das sie angeblich hatte retten sollen, zerfiel. Man könnte glauben, dieser Moment hätte Stella aufhalten müssen. Dass der Tod ihrer Eltern ihr gezeigt hätte, wie vollständig sie betrogen worden war.

Doch sie machte weiter.

Genau das wurde später einer der schwersten Punkte gegen sie. Der Anfang ihrer Zusammenarbeit mochte aus Panik, Folter und der verzweifelten Hoffnung entstanden sein, die Eltern zu schützen. Aber nach deren Deportation blieb sie im Dienst der Gestapo. Die Jagd ging weiter, auch als der ursprüngliche Grund zerbrochen war.

Im Oktober 1944 heiratete Stella ein zweites Mal. Ihr Mann, Rolf Isaaksohn, war ebenfalls ein jüdischer Greifer. Es war keine glückliche Ehe. Beide bewegten sich in einer Welt, die bereits im Sterben lag, aber noch immer tötete. Berlin wurde mehr und mehr zur Ruine. Bombennächte rissen Löcher in Straßen und Häuser. Die Front rückte näher. Die Zahl der noch versteckten Juden sank, auch weil so viele bereits deportiert oder verraten worden waren.

Stella wurde zu bekannt, um noch so effektiv wie früher zu sein. Ihr Name hatte sich herumgesprochen. Wer in Berlin untergetaucht war, warnte andere vor ihr. Gleichzeitig verlor das System, das sie getragen hatte, an Stabilität. Die nationalsozialistische Macht zerbrach von außen, aber innen mordete sie weiter.

Im Februar 1945 war Stella schwanger. Der mutmaßliche Vater, Heino Meisel, der ebenfalls mit dem NS-Apparat verbunden war, verschwand und erkannte das Kind nicht an. Stella blieb in einer Stadt zurück, die kurz vor dem Untergang stand.

Als die Rote Armee im April 1945 auf Berlin vorrückte, wurde aus der Jägerin wieder eine Flüchtende. Die Straßen waren voller Soldaten, Zivilisten, Rauch, Gerüchte und Angst. Stella floh nach Norden und brachte in Liebenwalde ihre Tochter Yvonne zur Welt.

Am 2. Mai 1945 fiel Berlin. Am 8. Mai endete der Krieg in Europa.

Aber für Stella Goldschlag war das Ende des Regimes nicht das Ende ihrer Geschichte. Es war der Beginn der Abrechnung.

Nach dem Krieg lebten in Berlin nur noch wenige Juden. Vor 1933 hatte die jüdische Gemeinde der Stadt etwa 160.000 Mitglieder gezählt. Nach Verfolgung, Deportation und Mord waren nur noch etwa 1.400 bis 1.700 übrig. In dieser zerstörten Stadt tauchte nun eine Frau auf, die versuchte, sich selbst als Opfer darzustellen.

Zunächst gelang es Stella, örtliche Polizisten zu täuschen. Sie erzählte von ihrer Verfolgung, von Gefangenschaft, von Leid. Und vieles davon war nicht erfunden. Sie war tatsächlich verfolgt, gefoltert und bedroht worden. Aber das war nur ein Teil der Wahrheit. Der andere Teil trug die Namen ihrer Opfer.

Als sie zur Identifizierung an Vertreter der jüdischen Gemeinde übergeben wurde, brach ihre Tarnung zusammen.

Überlebende erkannten sie.

Die Reaktion war heftig. Menschen schrien sie an, beschimpften sie, wollten sie schlagen. Man schnitt ihr die Haare ab. Es war kein offizielles Urteil, sondern ein Ausbruch jener Wut, die sich kaum in Worte fassen ließ. Für viele war Stella nicht nur eine Verräterin. Sie war jemand, der in den letzten Verstecken aufgetaucht war, wo Menschen noch geglaubt hatten, unter ihresgleichen zu sein.

Stella wurde schließlich der Polizei am Alexanderplatz übergeben, im sowjetisch kontrollierten Bereich. Nach Verhören kam sie vor ein sowjetisches Militärgericht. Die Verhandlung war kurz. Drei Richter benötigten nur wenige Minuten, um sie zu Zwangsarbeit zu verurteilen.

Jahre vergingen in Haft.

Als Stella entlassen wurde, suchte sie in West-Berlin nach ihrer Tochter Yvonne. Doch das Kind war inzwischen von einer jüdischen Familie aufgenommen worden. Yvonne wollte keinen Kontakt zu ihrer leiblichen Mutter. Für Stella war das ein persönlicher Verlust. Für die Tochter war es vielleicht der Versuch, sich vor einer Geschichte zu schützen, die zu schwer war, um sie als Kind tragen zu können.

Doch auch nach der sowjetischen Haft war die juristische Aufarbeitung nicht beendet.

1957 wurde Stella in West-Berlin erneut vor Gericht gestellt. Der Prozess begann am 10. Mai und zog große Aufmerksamkeit auf sich. Zeitungen nannten sie die blonde Hexe oder wieder Blondes Gift. Die Öffentlichkeit sah in ihr eine Figur, die kaum zu begreifen war: eine jüdische Frau, die anderen Juden den Weg in den Tod gewiesen hatte.

Die Anklage war schwer. Beihilfe zum Mord an einer nicht genau bestimmbaren Zahl von Menschen, möglicherweise an mehreren Hundert. Zeugen traten auf und berichteten von Begegnungen, Verhaftungen, Verrat. Sie beschrieben eine Frau, die nicht nur gezwungen wirkte, sondern aktiv, eifrig, gefährlich. Eine Frau, die nicht aufhörte, als ihre Eltern längst nicht mehr zu retten waren.

Ein Psychiater stellte eine schwere Persönlichkeitsstörung fest. Stella selbst zeigte kaum Reue. Sie verwies auf ihre Gesundheit, auf den Verlust ihrer Tochter, auf ihr eigenes Leiden. Sie bezeichnete sich als Opfer der Zeit und wies Vorwürfe zurück. In ihrer Verteidigung klangen nicht Einsicht und Trauer, sondern Bitterkeit. Sie behauptete sogar, der Prozess sei eine Verschwörung von Juden gegen sie, und sprach davon, dass man ihr ihre Schönheit geneidet habe.

Diese Worte machten den Abgrund noch größer.

Das Gericht erkannte an, dass der erste Schritt in ihre Zusammenarbeit unter extremer Gewalt und aus Sorge um ihre Eltern erfolgt sein konnte. Aber es sah ebenso klar, dass Stella danach mit einer Bereitschaft gehandelt hatte, die nicht mehr allein aus unmittelbarer Todesangst erklärbar war. Vor allem ihr Weitermachen nach der Deportation ihrer Eltern belastete sie schwer.

Der Staatsanwalt forderte fünfzehn Jahre. Das Gericht verurteilte sie zu zehn Jahren Gefängnis. Da sie diese Zeit bereits im sowjetischen Strafsystem verbracht hatte, musste sie keine weitere Haft antreten.

Für viele Überlebende fühlte sich das nicht wie Gerechtigkeit an.

Nach 1957 verschwand Stella Goldschlag nicht völlig, aber sie lebte zunehmend am Rand. Sie konvertierte zum Christentum, heiratete mehrfach und wurde später durch offen antisemitische Äußerungen bekannt. Ausgerechnet sie, die selbst wegen ihrer jüdischen Herkunft verfolgt worden war, entwickelte eine Sprache des Hasses gegen jene, deren Schicksal sie geteilt und verraten hatte.

Das Leben nach dem Prozess brachte keine Erlösung. Ihre Gesundheit verschlechterte sich, ihre Beziehungen zerbrachen, und nach dem Tod ihres letzten Mannes lebte sie isoliert. Die Vergangenheit ließ sich nicht abschütteln. Sie hing an ihr wie ein Schatten, aber auch wie eine Schuld, der sie nie wirklich begegnete.

Am 26. Oktober 1994 ging Stella Goldschlag in Freiburg zum Moosweiher. Sie war 72 Jahre alt. Dort setzte sie ihrem Leben ein Ende, indem sie sich im Wasser ertränkte.

So endete das Leben einer Frau, die als geliebtes Kind begonnen hatte, als junge Sängerin von Kunst und Freiheit träumte, dann verfolgt, gefoltert und gebrochen wurde und schließlich selbst Teil der Mordmaschine wurde, die ihre Eltern und ihre Gemeinschaft vernichtete.

Die Geschichte von Stella Goldschlag ist deshalb so erschütternd, weil sie keine einfache Grenze zwischen Opfer und Täterin erlaubt. Sie war Opfer des Nationalsozialismus. Das ist wahr. Sie wurde verfolgt, entrechtet, misshandelt, bedroht. Doch sie wurde auch Täterin. Sie nutzte Vertrauen als Waffe. Sie führte Menschen in Fallen. Sie machte weiter, als der Vorwand, ihre Eltern retten zu wollen, längst zerstört war.

Die Frage, die bleibt, ist nicht, ob Angst einen Menschen verändern kann. Das kann sie. Terror kann brechen, verdrehen, erniedrigen und moralische Sicherheiten zerstören.

Die Frage ist, wann Überleben aufhört, Verteidigung zu sein, und beginnt, andere in den Tod zu treiben.

In den Ruinen Berlins gab es viele Menschen, die sich versteckten, hungerten, zitterten und trotzdem niemanden verrieten. Es gab Helfer wie Günther Rogoff und andere, die ihr eigenes Leben riskierten, um fremde Menschen zu retten. Und es gab Menschen wie Stella Goldschlag, deren Entscheidungen zeigen, wie tief ein Regime einen Menschen in Schuld verstricken kann, wenn Angst, Eitelkeit, Abhängigkeit und Macht sich miteinander verbinden.

Ihr Name blieb nicht wegen ihrer Schönheit in Erinnerung.

Er blieb wegen der Türen, die sich nach ihrem Lächeln öffneten.

Wegen der Adressen, die nach einer Verhaftung aus Manteltaschen verschwanden.

Wegen der Menschen, die in Kellern und Hinterzimmern noch hofften, nicht gefunden zu werden.

Und wegen jener letzten, bitteren Wahrheit: Der Nationalsozialismus zerstörte nicht nur seine Opfer durch Gewalt. Er zerstörte auch das Vertrauen zwischen Menschen, bis manche aus Angst zu Werkzeugen der Vernichtung wurden.

Stella Goldschlag nannte man Blondes Gift.

Doch das eigentliche Gift war ein System, das Menschen zwang, um ihr Leben zu betteln, und einigen von ihnen Macht gab, indem es sie zu Verrätern machte. Stella nahm diese Macht an. Und genau deshalb endet ihre Geschichte nicht mit Mitleid allein, sondern mit einer Warnung.

Denn wer sein eigenes Überleben auf dem Untergang anderer baut, entkommt vielleicht für eine Zeit dem Tod.

Aber nicht der Wahrheit.