
Als Nico Bergmann aus dem schwarzen Bentley Mulsanne stieg, verstummte nicht der ganze Garten.
Aber genug Menschen schwiegen gleichzeitig, dass man es bemerkte.
Zwischen den alten Eichen des Winsor Estate in Santa Barbara, Rhode Island, trieb der Wind gelbe Blätter über den Kiesweg. Weiße Rosen säumten die Auffahrt, Kellner balancierten Champagnergläser auf silbernen Tabletts, und unter einem gewaltigen Baldachin aus cremefarbenem Stoff warteten fast zweihundert Gäste darauf, dass Laura Steinbach den Mann heiratete, für den sie Nico Bergmann drei Jahre zuvor verlassen hatte.
Zumindest glaubten das die meisten.
Nico schloss den Knopf seines dunkelblauen Maßanzugs und richtete den Blick auf das Herrenhaus.
Dann reichte er einer Frau im Wagen die Hand.
Und plötzlich wurden aus neugierigen Blicken offene.
Mara Winterfeld stieg aus.
Sie trug kein Kleid, das nach Aufmerksamkeit schrie. Kein auffälliges Rot, kein Glitzer, keinen provokanten Ausschnitt. Ihr smaragdgrünes Kleid fiel schlicht über ihre Schultern, eng genug, um elegant zu wirken, zurückhaltend genug, um nicht bemüht auszusehen.
Doch genau das machte es schlimmer.
Oder besser.
Je nachdem, wen man fragte.
Mara war nicht die lauteste Frau auf dem Anwesen.
Sie war die Frau, zu der sich Köpfe drehten, nachdem sie bereits vorbeigegangen war.
Ihr dunkles Haar war tief im Nacken gebunden. Um ihren Hals lag nur eine schmale Goldkette. Ihr Gesicht war ruhig, beinahe kühl.
Nur Nico spürte, wie angespannt ihre Finger waren, als sie sich bei ihm einhakte.
„Du drückst meinen Arm“, murmelte er.
„Du hast mich dafür bezahlt, überzeugend zu wirken.“
„Überzeugend, nicht panisch.“
Mara lächelte, ohne ihn anzusehen.
„Ich bin nicht panisch.“
„Natürlich nicht.“
„Ich überlege nur, ob dreihunderttausend Dollar genug sind, um sich freiwillig in eine Hochzeit voller Milliardäre, Egomanen und ungelöster Beziehungsprobleme zu setzen.“
Nicos Mundwinkel zuckte.
„Es sind zweihundertfünfzigtausend.“
„Dann bin ich definitiv panisch.“
Er sah sie jetzt an.
Für einen Moment war das Anwesen weg, die Hochzeit weg, Laura weg.
Da war nur Mara.
Sie hatte diese Gabe, dachte Nico. Sie konnte mit einem einzigen trockenen Satz die Luft aus einem Raum lassen, in dem andere Menschen ihre Macht aufbliesen.
Vielleicht war genau das der Grund gewesen, warum er sie ausgewählt hatte.
Zumindest hatte er sich das zwei Wochen lang eingeredet.
Dann sah er Laura.
Sie stand am oberen Ende der Freitreppe.
In Weiß.
Natürlich in Weiß.
Ihr Kleid stammte von einem Pariser Designer, dessen Name allein mehr kostete als das Jahresgehalt vieler Menschen. Das Haar war hochgesteckt, Diamanten lagen an ihren Ohren, und ihr Gesicht trug jenes perfekte Lächeln, das Kameras liebten.
Bis ihr Blick auf Mara fiel.
Das Lächeln blieb.
Aber ihre Augen veränderten sich.
Nur für eine Sekunde.
Mara bemerkte es.
Nico auch.
Und Tobias Falkner, der neben Laura stand, bemerkte vor allem Nico.
Tobias war groß, sportlich, blond, mit jener glatten Selbstsicherheit, die aus einer Kombination von Geld, guten Schulen und zu seltenem Widerspruch entstand.
Er war CEO von Falkner Global Holdings.
Nicos größter Konkurrent in einem Milliardenmarkt für Unternehmensübernahmen und strategische Restrukturierungen.
Und seit genau zwölf Minuten offiziell Lauras Bräutigam.
„Da ist er ja“, sagte Tobias mit einem breiten Grinsen und stieg die Stufen hinunter. „Ich hatte fast gedacht, du würdest kneifen.“
Nico blieb stehen.
„Ich verpasse ungern gute Hochzeiten.“
Tobias blickte auf Mara.
Nicht diskret.
Von oben bis unten.
Dann wieder hoch.
„Und du hast Begleitung mitgebracht.“
„Offensichtlich.“
Mara löste ihre Hand nicht von Nicos Arm.
„Mara Winterfeld“, sagte sie.
Tobias’ Augen verengten sich leicht.
„Winterfeld?“
„Ja.“
„Der Name sagt mir etwas.“
„Das ist meistens entweder gut oder sehr schlecht.“
Tobias lachte.
„Kunst, richtig?“
„Unter anderem.“
„Ach.“
Dieses eine Wort.
Nicht grob genug, um als Beleidigung zu gelten.
Aber abwertend genug, dass Mara verstand.
Menschen wie Tobias Falkner kannten Kunst vor allem als etwas, das man in einer Lobby aufhängte, um den Kaufpreis der Lobby zu rechtfertigen.
Laura kam nun ebenfalls die Stufen herunter.
Ihr Blick blieb an Mara hängen.
„Nico.“
„Laura.“
Die beiden umarmten sich nicht.
Sie gaben sich auch nicht die Hand.
Drei Jahre Beziehungsgeschichte lagen zwischen ihren Stimmen.
„Du bist gekommen“, sagte Laura.
„Du hast mich eingeladen.“
„Ich wusste nicht, ob du…“
Sie brach ab.
Mara sah den winzigen Moment, in dem Laura die Kontrolle über ihren eigenen Satz verlor.
Dann drehte Laura sich zu ihr.
„Und Sie sind?“
Mara wollte antworten.
Doch Nico kam ihr zuvor.
„Meine Partnerin.“
Laura blinzelte.
Nur einmal.
Aber dieses eine Blinzeln war schärfer als jede Ohrfeige.
„Partnerin?“
„Ja.“
„Seit wann?“
Nico sah Mara an.
Das war der erste Test.
Sie hatten die Antwort geübt.
Sechs Monate.
Kunstauktion in Manhattan.
Er hatte versucht, ein Werk von Gerhard Richter zu kaufen.
Sie hatte ihm gesagt, dass er keine Ahnung hatte, warum er es eigentlich wollte.
Er hatte sie zum Kaffee eingeladen.
Das war ihre Geschichte.
Mara lächelte Laura an.
„Lange genug, dass ich gelernt habe, wann Nico wirklich zuhört und wann er nur so tut.“
Tobias lachte laut.
Nico blickte Mara von der Seite an.
Diese Antwort stand nicht im Skript.
Laura lächelte wieder.
Doch dieses Mal wirkte es angespannter.
„Wie charmant.“
„Er gibt sich Mühe.“
Eine Brautjungfer rief nach Laura.
Fotografen warteten.
Gäste drängten näher.
Laura nickte knapp.
„Wir sehen uns später.“
„Natürlich“, sagte Mara.
Laura drehte sich um.
Nach fünf Schritten blieb sie stehen.
Sie schaute über die Schulter.
Nicht zu Nico.
Zu Mara.
Und Mara verstand in diesem Moment etwas, das sie vorher nur vermutet hatte.
Diese Hochzeit war vielleicht für Tobias Falkner organisiert worden.
Aber ein Teil von Laura hatte sich auf Nico Bergmann vorbereitet.
Vielleicht seit Monaten.
Vielleicht seit Jahren.
Und seine Begleitung hatte diesen Plan zerstört.
Was niemand auf dem Anwesen wusste:
Mara Winterfeld war nicht Nicos Freundin.
Nicht wirklich.
Nicht noch.
Zwei Wochen zuvor hatte sie nicht einmal seine private Telefonnummer besessen.
Und als sie seinen Namen zum ersten Mal auf dem Display ihres Handys gesehen hatte, hatte sie beinahe aufgelegt.
Zwei Wochen zuvor.
Manhattan.
- Stock.
Hartmann Strategieberatung.
Nico Bergmann stand vor den bodentiefen Fenstern seines Büros und starrte auf einen Umschlag, als hätte jemand eine Bombe auf seinen Schreibtisch gelegt.
Philip Krüger saß auf dem Sofa gegenüber und aß Pistazien aus einer Schale.
„Mach ihn auf“, sagte Philip.
Nico antwortete nicht.
„Es ist eine Einladung, kein Haftbefehl.“
„Das weiß ich.“
„Du stehst seit sieben Minuten davor.“
„Ich denke nach.“
„Du glotzt Papier an.“
Nico drehte sich um.
„Willst du heute noch arbeiten?“
Philip hob die Hände.
„Ich arbeite gerade.“
„Woran?“
„An dir.“
Philip war seit elf Jahren an Nicos Seite.
Offiziell war er Chief of Staff.
Inoffiziell war er der einzige Mann, der Nico Bergmann sagen konnte, dass er sich lächerlich machte, ohne am nächsten Morgen seinen Firmenausweis abgeben zu müssen.
Nico riss den Umschlag auf.
Die Einladung war cremefarben.
Schweres Papier.
Geprägte Initialen.
Laura Steinbach und Tobias Falkner.
Winsor Estate.
Santa Barbara, Rhode Island.
Samstag, 17. Oktober.
Nico las sie zweimal.
Philip knabberte weiter.
„Sag etwas.“
„Was?“
„Irgendetwas Menschliches.“
Nico legte die Karte auf den Tisch.
„Ich wünsche ihnen alles Gute.“
Philip sah ihn an.
„Das war gruselig.“
„Was?“
„So klingst du, bevor du einen Vorstand austauschst.“
„Ich meine es ernst.“
„Natürlich.“
Nico ging zur Bar und goss Wasser ein.
Philip beobachtete ihn.
„Gehst du hin?“
„Ja.“
„Allein?“
Nico hob das Glas.
„Wieso nicht?“
Philip begann zu lachen.
Nicht freundlich.
Nico wartete.
„Fertig?“
„Noch nicht.“
Philip schüttelte den Kopf.
„Du willst allein zur Hochzeit deiner Ex-Freundin gehen, die jetzt deinen größten Geschäftsrivalen heiratet?“
„Korrekt.“
„Zu einer Hochzeit mit mindestens vierzig Menschen, die seit eurer Trennung darauf warten zu sehen, ob du heimlich zusammenbrichst?“
„Ich breche nicht zusammen.“
„Genau deshalb wollen sie hinsehen.“
Nico schwieg.
Philip stand auf.
„Nimm jemanden mit.“
„Nein.“
„Doch.“
„Ich werde keine Frau als Requisite benutzen.“
Philip deutete auf die Einladung.
„Laura benutzt eine Hochzeit als Pressekonferenz.“
„Das ist ihr Problem.“
„Und Tobias wird vor jeder Kamera so tun, als hätte er dir gleichzeitig die Frau und den Markt weggenommen.“
Nicos Kiefer spannte sich an.
Philip bemerkte es.
Natürlich.
„Da“, sagte er leise. „Genau das meine ich.“
Nico stellte das Glas ab.
„Was schlägst du vor?“
Philip lächelte.
Zehn Minuten später bereute Nico, gefragt zu haben.
„Eine Begleitung“, sagte Philip.
„Das hatten wir.“
„Nicht irgendeine.“
„Nein.“
„Jemand, den keiner kennt.“
„Philip.“
„Jemand, der nicht beeindruckt ist von Geld.“
„Philip.“
„Gebildet. Ruhig. Schlagfertig.“
„Hör auf.“
Philip tippte auf seinem Tablet.
„Jemand, den Laura nicht einschüchtern kann.“
Nico setzte sich.
„Das ist absurd.“
„Es ist gesellschaftliche Strategie.“
„Es ist Mieten eines Menschen.“
„Du mietest nicht den Menschen. Du buchst eine Dienstleistung.“
„Jetzt klingst du wie ein schlechter Anwalt.“
Philip grinste.
„Ich habe schon jemanden.“
Nico sah ihn an.
„Was?“
Philip drehte das Tablet.
Auf dem Bildschirm war ein Foto einer Frau in einem schwarzen Blazer.
Mara Winterfeld.
Kunstkritikerin.
Beraterin für private Sammler.
Ehemalige wissenschaftliche Mitarbeiterin am Metropolitan Museum of Art.
Vorträge in New York, Boston, London.
Nico überflog die Seite.
„Du hattest das vorbereitet.“
„Ich kenne dich.“
„Das ist beunruhigend.“
„Sollte es auch sein.“
Nico scrollte weiter.
Mara war 31.
Geboren in Boston.
Studium in Yale.
Promotion abgebrochen.
Mehrere Jahre in der Kunstwelt.
Freiberuflich.
Kein öffentliches Privatleben.
„Warum sie?“
Philip lehnte sich zurück.
„Weil sie bei einer Auktion vor sechs Monaten einem Hedgefonds-Milliardär gesagt hat, sein 14-Millionen-Dollar-Picasso sei vermutlich echt, aber seine Erklärung dazu komplett erfunden.“
Nico hob eine Augenbraue.
„Das hat sie gesagt?“
„Vor zwölf Leuten.“
„Und er?“
„Hat sie am nächsten Tag als Beraterin engagiert.“
Nico schaute wieder auf das Foto.
„Und warum würde sie zustimmen?“
Philip wurde stiller.
„Weil sie Geld braucht.“
Nico sah auf.
„Wofür?“
„Ihre Mutter.“
Philip wischte über den Bildschirm.
„Krebsbehandlung. Eine experimentelle Therapie in Boston. Versicherung zahlt einen Teil nicht.“
Nicos Gesicht veränderte sich.
„Nein.“
„Nico.“
„Wir benutzen das nicht.“
„Ich habe nicht gesagt, dass wir es benutzen.“
„Du hast mir gerade erzählt, dass eine Frau Geld für die Behandlung ihrer Mutter braucht, unmittelbar nachdem du vorgeschlagen hast, sie für eine Hochzeit zu bezahlen.“
Philip legte das Tablet hin.
„Ich habe ihr ein Angebot machen lassen. Ohne Druck.“
„Wie viel?“
Philip nannte die Summe.
Nico sah ihn an.
„Zweihundertfünfzigtausend Dollar?“
„Du wolltest doch keinen Druck.“
„Für zwei Tage?“
„Du bist schwierig.“
„Ich bin nicht zweihundertfünfzigtausend Dollar schwierig.“
Philip stand auf.
„Das würde Mara vermutlich anders sehen.“
Ihr erstes Treffen fand zwei Tage später in einem Café an der Upper West Side statt.
Mara kam sieben Minuten zu spät.
Nicht aus Arroganz.
Weil sie aus der U-Bahn gerannt war.
Nico bemerkte es an ihrem Atem.
Sie bemerkte, dass er es bemerkte.
Und bevor er etwas sagen konnte, sagte sie:
„Wenn Sie wegen der sieben Minuten meine Vergütung kürzen wollen, sollten wir das vor dem Kaffee klären.“
Nico starrte sie einen Moment an.
Dann zog er den Stuhl gegenüber heraus.
„Setzen Sie sich.“
„Das klang schon wie ein Befehl.“
„Gewöhnen Sie sich besser nicht daran.“
„Das hatte ich nicht vor.“
Sie setzte sich.
Kein Make-up, das auffiel.
Grauer Mantel.
Schwarzer Rollkragenpullover.
Ein altes Lederbuch in der Tasche.
Kein Designerlogo.
Kein sichtbarer Versuch, ihn zu beeindrucken.
Das irritierte Nico mehr als erwartet.
„Philip hat Ihnen alles erklärt?“
„Er hat versucht, es professionell klingen zu lassen.“
„Und?“
„Es klingt immer noch so, als wollten Sie Ihre Ex-Freundin eifersüchtig machen.“
Nico lehnte sich zurück.
„Das ist nicht das Ziel.“
Mara nahm die Kaffeekarte.
„Was ist das Ziel?“
„Nicht gedemütigt zu werden.“
Sie sah auf.
Da war er.
Der erste Moment, in dem Nico etwas sagte, das nicht nach Vorstandssitzung klang.
Mara legte die Karte hin.
„Das ist ehrlicher.“
„Gut.“
„Aber nicht klüger.“
Nico schnaubte leise.
„Sie beurteilen mich schnell.“
„Sie bezahlen mich für Menschenkenntnis.“
„Eigentlich für Begleitung.“
„Dann hätten Sie ein Model buchen können.“
Nico schwieg.
Mara bestellte Tee.
Als die Kellnerin gegangen war, schob Nico einen Vertrag über den Tisch.
„Das sind die Bedingungen.“
Mara blätterte.
Dreißig Seiten.
Sie sah ihn an.
„Für eine Hochzeit?“
„Vertraulichkeit.“
„Körperkontakt?“
„Nur soweit notwendig.“
„Küssen?“
„Nein.“
„Händchenhalten?“
„Wenn es sinnvoll ist.“
„Tanzen?“
„Wahrscheinlich.“
„Hotelzimmer?“
„Getrennt.“
„Öffentliche Aussagen über eine Beziehung?“
„Nur im Rahmen der Veranstaltung.“
Mara las weiter.
Dann blieb sie bei der Vergütung stehen.
Ihr Gesicht zeigte nichts.
Das war Nico aufgefallen.
Wenn sie emotional wurde, bewegten sich nicht ihre Hände.
Nicht ihre Schultern.
Nur ihre Augen wurden stiller.
„Zweihundertfünfzigtausend.“
„Ja.“
„Warum so viel?“
„Weil Sie zwei Tage lang eine Rolle spielen, die möglicherweise Auswirkungen auf Ihren Ruf hat.“
„Das ist die elegante Antwort.“
„Es ist die richtige.“
Mara hob den Blick.
„Und die unelegante?“
Nico schwieg kurz.
„Weil Philip mir von Ihrer Mutter erzählt hat.“
Mara wurde blass.
Nur leicht.
Aber sofort.
„Hat er das?“
„Ich habe ihn dafür kritisiert.“
„Das macht es nicht besser.“
„Ich weiß.“
Sie schob den Vertrag zurück.
„Dann nein.“
Nico sagte nichts.
Mara stand auf.
„Ich will kein Mitleidsgeld.“
„Das ist es nicht.“
„Sie kennen mich nicht.“
„Stimmt.“
„Dann wissen Sie nicht, ob ich zweihundertfünfzigtausend Dollar wert bin.“
Nico blieb sitzen.
„Das weiß ich tatsächlich nicht.“
Mara nahm ihren Mantel.
„Gut.“
„Aber Sie werden nicht wegen Ihrer Mutter bezahlt.“
Sie hielt inne.
„Sondern?“
„Weil ich einen Raum betreten muss, in dem fast jeder darauf wartet, eine Schwäche zu finden.“
Mara sah ihn an.
„Und Sie glauben, ich bin ein Schutzschild.“
„Nein.“
Nico stand jetzt ebenfalls auf.
„Ich glaube, Sie sind jemand, den niemand kontrollieren kann.“
Mara antwortete nicht.
„Und ich brauche für einen Abend jemanden an meiner Seite, der nicht versucht, mir zu gefallen.“
Zwischen ihnen entstand Stille.
Mara sah zum Fenster.
Autos zogen durch den Regen.
Dann sagte sie:
„Dreihunderttausend.“
Nico blinzelte.
„Was?“
„Wenn ich Ihren Ruf rette, sollte ich zumindest so tun, als wäre ich gut darin.“
Nico sah sie an.
Und lachte.
Zum ersten Mal seit Tagen.
„Zweihundertfünfzig.“
„Zweihundertachtzig.“
„Zweihundertfünfundsechzig.“
„Zweihundertfünfundsiebzig.“
„Abgemacht.“
Sie streckte ihm die Hand hin.
„Und kein unangekündigtes Küssen.“
„Selbstverständlich.“
„Keine Eifersuchtsszenen.“
„Nicht von mir.“
„Keine Befehle.“
Nico hob eine Augenbraue.
„Das wird schwierig.“
„Dann üben Sie.“
In den nächsten zehn Tagen lernte Nico mehr über Mara, als im Vertrag vorgesehen war.
Und Mara mehr über Nico, als sie wollte.
Sie trafen sich abends in seinem Penthouse, um Gästelisten durchzugehen.
Mara lernte Namen, Unternehmen, Familienverbindungen.
Wer mit wem verfeindet war.
Wer Laura mochte.
Wer Tobias nur wegen seines Vaters tolerierte.
Wer Nico scheitern sehen wollte.
„Das ist keine Hochzeit“, sagte Mara am dritten Abend.
„Was dann?“
„Ein Börsengang mit Blumen.“
Nico blickte von seinen Unterlagen auf.
„Das ist erschreckend präzise.“
Sie übten ihre gemeinsame Geschichte.
Galeriebesuche.
Restaurants.
Wo sie angeblich Urlaub gemacht hatten.
Mara erfand Details, die Nico nicht einmal geplant hatte.
„Du trinkst keinen Rotwein.“
„Woher willst du das wissen?“
„Du fasst das Glas an wie eine Steuererklärung.“
„Das ergibt keinen Sinn.“
„Doch.“
„Dann erklären Sie es.“
„Zu kontrolliert.“
Sie sagte plötzlich „du“.
Nico bemerkte es.
Mara auch.
Keiner kommentierte es.
Am fünften Abend lag ein Dossier auf dem Tisch, als Mara aus der Küche kam.
Auf der ersten Seite stand Laura Steinbach.
Mara setzte sich.
„Darf ich?“
„Deshalb liegt es da.“
Sie las.
Laura hatte Nico mit 24 kennengelernt.
Er war damals bereits erfolgreich, aber noch kein internationaler Name.
Sie war Investmentbankerin.
Ehrgeizig.
Scharf.
Brillant.
Fünf Jahre Beziehung.
Zwei gemeinsame Wohnungen.
Urlaube.
Familienfeste.
Dann Trennung.
Mara sah auf.
„Warum?“
Nico blickte aus dem Fenster.
„Warum was?“
„Warum hat sie dich verlassen?“
„Weil es nicht mehr funktioniert hat.“
„Das ist die Antwort für Presse.“
Nico drehte sich um.
„Warum willst du es wissen?“
„Weil ich deine Freundin spielen soll.“
„Das steht nicht im Vertrag.“
„Emotionale Logik steht nicht in Verträgen.“
Nico schwieg.
Dann setzte er sich.
„Sie sagte, ich wäre nie wirklich da.“
Mara wartete.
„Ich arbeitete zu viel.“
„Und?“
„Und ich dachte, Erfolg würde irgendwann Zeit kaufen.“
Mara sagte nichts.
„Hat nicht funktioniert.“
„Nein.“
„Zufrieden?“
„Nein.“
Nico sah sie an.
„Warum nicht?“
„Weil du die Hälfte weglässt.“
Sein Blick wurde hart.
„Du kennst mich seit fünf Tagen.“
„Genug, um zu wissen, wann du lügst.“
Er stand auf.
„Wir sind fertig für heute.“
Mara blieb sitzen.
„Das ist der Teil, wo du Menschen wegschickst, wenn sie zu nah kommen.“
Nico blieb stehen.
„Gute Nacht, Mara.“
Sie nahm ihre Tasche.
An der Tür drehte sie sich noch einmal um.
„Weißt du, was ich glaube?“
„Nein.“
„Laura hat dich nicht verlassen, weil du gearbeitet hast.“
Nico sagte nichts.
„Sie hat dich verlassen, weil du sie nie sehen lassen hast, ob du sie brauchst.“
Dann ging Mara.
Nico schlief in dieser Nacht kaum.
Zurück auf dem Winsor Estate begann die Zeremonie um drei Uhr nachmittags.
Mara saß neben Nico in der zweiten Reihe.
Laura schritt durch einen Gang aus Rosenblättern.
Tobias wartete am Altar.
Die Gäste lächelten.
Kameras klickten.
Und Mara spürte, wie Nico neben ihr völlig regungslos wurde.
Nicht traurig.
Nicht sichtbar.
Aber sie sah, wie sich seine rechte Hand langsam schloss.
Ohne nachzudenken legte sie ihre Finger darauf.
Nico blickte zu ihr.
„Nur für die Rolle“, flüsterte Mara.
„Natürlich.“
Sie ließ ihre Hand trotzdem liegen.
Als Laura am Altar ankam, sah sie nach vorne.
Dann zu Tobias.
Dann, nur für einen winzigen Moment, zu Nico.
Und auf seine Hand.
Mara sah es.
Laura sah, dass Mara es sah.
Etwas Unausgesprochenes ging zwischen den beiden Frauen hin und her.
Dann begann der Priester.
Beim Empfang eine Stunde später hatte sich die Geschichte bereits verbreitet.
Nico Bergmann hatte eine Freundin.
Niemand wusste von ihr.
Sie war Kunstkritikerin.
Sie hatte in Yale studiert.
Sie kannte einen Kurator der Tate.
Ein Investmentbanker behauptete, sie sei heimlich Erbin.
Eine Frau aus Boston meinte, Maras Familie besitze Weingüter.
Nichts davon stimmte.
Mara hörte die Gerüchte und war beeindruckt, wie schnell reiche Menschen aus fehlenden Informationen ganze Biografien erfanden.
Dann trat Eleanor Whitmore zu ihr.
Eleanor war 68, Witwe eines Medienmagnaten und eine der bedeutendsten Kunstsammlerinnen der Ostküste.
„Winterfeld.“
Mara drehte sich um.
„Mrs. Whitmore.“
„Sie haben letztes Jahr meinen Baselitz verrissen.“
Nico, der daneben stand, erstarrte.
Mara lächelte höflich.
„Nur die Hängung.“
Eleanor hob eine Augenbraue.
„Sie schrieben, er sehe aus, als hätte jemand ihn in einem Hotelkorridor vergessen.“
„Das war nicht gegen den Baselitz.“
Eleanor musterte sie.
Dann lachte sie.
„Endlich jemand mit Rückgrat.“
Zehn Minuten später diskutierten sie über deutsche Nachkriegskunst.
Dann über Restaurierung.
Dann über eine Sammlung in Connecticut.
Nach zwanzig Minuten hatte sich eine kleine Gruppe um Mara gebildet.
Galeristen.
Anwälte.
Sammler.
Eine Museumsdirektorin.
Nico stand etwas abseits und beobachtete.
Philip, der ebenfalls eingeladen war, trat neben ihn.
„Das war nicht geplant.“
„Was?“
„Dass alle sie mögen.“
Nico sah Mara an.
Sie redete mit den Händen, leicht, lebendig.
Kein kalkuliertes Lächeln.
Kein Versuch, jemanden zu beeindrucken.
„Nein“, sagte Nico.
„War es nicht.“
Philip folgte seinem Blick.
„Oh.“
„Was?“
„Nichts.“
„Philip.“
„Ich kenne diesen Blick.“
„Welchen Blick?“
„Den, den du immer hast, kurz bevor du etwas kaufst, das zu teuer ist.“
Nico sah ihn kalt an.
„Sie ist kein Gemälde.“
Philip grinste.
„Genau deshalb ist es interessant.“
Laura kam ungefähr zehn Minuten später.
Alle merkten es.
Sie brauchte nichts zu sagen.
Mara sah, wie Menschen automatisch Platz machten.
Laura lächelte.
„Darf ich Mara kurz entführen?“
Eleanor Whitmore blickte zwischen den beiden Frauen hin und her.
„Wenn Sie sie zurückbringen.“
„Natürlich.“
Laura führte Mara durch die offene Glastür in den hinteren Rosengarten.
Draußen war es kühler geworden.
Die Musik aus dem Ballsaal klang gedämpft.
Für einige Sekunden gingen sie schweigend nebeneinander.
Dann sagte Laura:
„Sie machen das gut.“
Mara sah sie an.
„Was genau?“
„Die Rolle.“
Mara blieb stehen.
Laura drehte sich um.
Das Lächeln war weg.
„Bitte.“
„Bitte was?“
„Tun wir nicht so, als wären wir beide dumm.“
Mara spürte, wie sich etwas in ihrem Magen zusammenzog.
Laura trat näher.
„Nico hatte drei Jahre lang keine öffentliche Beziehung.“
„Vielleicht hatte er private.“
„Nein.“
Das kam zu schnell.
Zu sicher.
Mara bemerkte es.
„Sie scheinen gut informiert.“
Lauras Gesicht spann


