Wenn man über den Aufstieg Adolf Hitlers spricht, denken viele Menschen an die großen Namen der NS-Führung. An Hitler selbst, Himmler, Göring oder Goebbels.

Doch der Weg zur Diktatur wurde nicht nur durch Politiker bestimmt.
Er wurde auch durch Männer ermöglicht, die auf der Straße Gewalt ausübten, Gegner einschüchterten und den Nationalsozialisten halfen, ihre Macht auszubauen.
Einer dieser Männer war Karl Ernst.
Ein führender Funktionär der Sturmabteilung, der einst glaubte, Teil einer neuen deutschen Ordnung zu sein.
Ein Mann, der Hitler loyal diente.
Und ein Mann, der am Ende von genau diesem Regime ermordet wurde.
Seine Geschichte zeigt eine der grausamsten Wahrheiten über diktatorische Systeme:
Wer Gewalt für eine Ideologie benutzt, kann eines Tages selbst zum Opfer dieser Gewalt werden.
Bevor Karl Ernst zu einem wichtigen Mann innerhalb der SA wurde, begann sein Leben weit entfernt von den Machtzentren der Nationalsozialisten.
Er wurde am 1. September 1904 in Berlin geboren.
Sein Vater war Kavallerist und arbeitete nach dem Ersten Weltkrieg als Leibwächter des Industriellen Friedrich Flick.
Flick gehörte später zu den bedeutendsten Unternehmern des nationalsozialistischen Deutschlands und profitierte während des Regimes massiv von der Aufrüstung und der Ausbeutung von Zwangsarbeitern.
Karl Ernst wuchs in einer Zeit auf, in der Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg politisch und gesellschaftlich erschüttert war.
Die Niederlage von 1918 hatte viele Menschen traumatisiert.
Millionen suchten nach Erklärungen für den Zusammenbruch des Kaiserreichs.
Rechtsradikale Gruppen verbreiteten die Vorstellung, Deutschland sei nicht militärisch besiegt worden, sondern durch Verrat im Inneren geschwächt worden.
Besonders nach dem Krieg entstanden zahlreiche sogenannte Freikorps.
Diese paramilitärischen Verbände bestanden häufig aus ehemaligen Soldaten.
Sie kämpften gegen Kommunisten, politische Gegner und Gruppen, die sie für den Verlust des Krieges verantwortlich machten.
In den frühen 1920er Jahren waren Hunderttausende Männer in solchen Organisationen aktiv.
Aus diesem Umfeld entstand auch die Sturmabteilung, kurz SA.
Ursprünglich war sie als Schutzorganisation der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei gedacht.
Ihre Aufgabe bestand darin, Veranstaltungen der NSDAP zu sichern, politische Gegner einzuschüchtern und die Interessen der Partei mit Gewalt durchzusetzen.
Die Mitglieder der SA wurden wegen ihrer braunen Uniformen später als „Braunhemden“ bekannt.
Karl Ernst trat 1923 der SA bei.
Zu diesem Zeitpunkt war die NSDAP noch eine kleine radikale Bewegung.
Doch sie gewann zunehmend Einfluss.
Im November 1923 versuchte Adolf Hitler gemeinsam mit Erich Ludendorff und anderen Nationalisten, die Regierung in Bayern zu stürzen.
Der sogenannte Hitler-Ludendorff-Putsch scheiterte.
Beim Marsch durch München kam es zu einer Konfrontation zwischen Nationalsozialisten und Polizei.
Schüsse fielen.
Mehrere Menschen starben.
Hitler wurde verhaftet und wegen Hochverrats verurteilt.
Er verbrachte jedoch nur wenige Monate im Gefängnis.
Nach seiner Freilassung wurde die SA neu aufgebaut.
Und mit dem Wachstum der NSDAP wuchs auch ihre Straßenmacht.
Karl Ernst blieb der Organisation treu.
Er arbeitete sich innerhalb der SA-Führung nach oben.
Von 1927 bis 1931 gehörte er zur obersten Führungsebene der SA in München.
Währenddessen wurde die SA immer aggressiver.
Ihre Männer störten politische Veranstaltungen anderer Parteien.
Sie lieferten sich Straßenschlachten mit Kommunisten und anderen Gruppen.
Sie bedrohten Juden, Sozialdemokraten und politische Gegner.
Gewalt wurde zu einem wichtigen Werkzeug der Bewegung.
Für viele junge Männer wie Karl Ernst bedeutete die SA Macht, Anerkennung und Zugehörigkeit.
Sie gab ihnen das Gefühl, Teil einer historischen Bewegung zu sein.
Doch hinter dieser Fassade stand eine Organisation, die immer stärker auf Einschüchterung und Terror setzte.
Im September 1931 zeigte sich diese Gewalt besonders deutlich.
Karl Ernst beteiligte sich gemeinsam mit dem radikalen Antisemiten Wolf-Heinrich Graf von Helldorff an einem Angriff auf dem Berliner Kurfürstendamm.
Etwa tausend SA-Männer griffen jüdische Passanten an.
Menschen wurden beschimpft und geschlagen.
Die Botschaft war klar:
Die SA wollte Angst verbreiten.
Nach solchen Aktionen stieg Karl Ernst innerhalb der Organisation weiter auf.
Im Dezember 1931 wurde er SA-Oberführer und Adjutant der Berliner SA-Gruppe.
Später leitete er die SA-Untergruppe Berlin-Ost.
Er gehörte damit zu den Männern, die halfen, die Straßenpräsenz der Nationalsozialisten auszubauen.
Als Hitler am 30. Januar 1933 zum Reichskanzler ernannt wurde, änderte sich alles.
Die Demokratie in Deutschland wurde Schritt für Schritt zerstört.
Die Nationalsozialisten nutzten staatliche Macht, um Gegner auszuschalten.
Der Reichstagsbrand im Februar 1933 bot ihnen einen entscheidenden Vorwand.
Die Führung der NSDAP behauptete, Kommunisten planten einen gewaltsamen Aufstand.
Daraufhin wurde die Reichstagsbrandverordnung erlassen.
Grundrechte wurden außer Kraft gesetzt.
Die Pressefreiheit wurde eingeschränkt.
Politische Gegner konnten ohne reguläres Verfahren verfolgt werden.
Die SA spielte dabei eine zentrale Rolle.
Ihre Mitglieder beteiligten sich an Verhaftungen und Einschüchterungen.
Viele improvisierte Gefängnisse entstanden.
Gebäude wurden zu Orten der Folter.
Die politische Gewalt wurde nun nicht mehr nur von einer radikalen Gruppe ausgeübt.
Sie wurde Teil des Staates.
Karl Ernst befand sich jetzt auf der Seite der Gewinner.
Er war ein Mann des neuen Systems.
Doch innerhalb der NS-Bewegung begann bald ein Machtkampf.
Denn die SA war inzwischen riesig geworden.
Millionen Männer gehörten ihr an.
Sie war zahlenmäßig sogar größer als die deutsche Armee.
Ihr Anführer Ernst Röhm wollte die sogenannte Revolution vollenden.
Er wollte, dass die SA eine zentrale militärische Rolle übernimmt und die traditionelle Reichswehr ersetzt.
Für Hitler wurde diese Forderung gefährlich.
Der Diktator brauchte die Unterstützung der alten Eliten.
Vor allem des Militärs.
Die Generäle wollten jedoch keine Macht an eine Parteimiliz wie die SA verlieren.
Hitler begann, Röhm und die SA-Führung als Bedrohung zu betrachten.
Auch Heinrich Himmler und Reinhard Heydrich erkannten ihre Chance.
Die SS, die ursprünglich aus der SA hervorgegangen war, wollte nun selbst die wichtigste Machtorganisation des Regimes werden.
Gemeinsam mit Hermann Göring arbeiteten sie daran, Hitler von der Notwendigkeit einer Säuberung zu überzeugen.
Sie sammelten angebliche Beweise gegen Röhm.
Dokumente wurden gefälscht.
Gerüchte wurden verbreitet.
Die Behauptung lautete:
Röhm plane einen Staatsstreich.
Die Wahrheit spielte dabei keine Rolle.
Für die Führung des Regimes ging es nur um Macht.
Im Juni 1934 wurde der Plan immer konkreter.
Hitler entschied sich schließlich zum Handeln.
Die SA-Führung sollte ausgeschaltet werden.
Die Operation erhielt später den Namen:
„Nacht der langen Messer“.
Und Karl Ernst, der jahrelang für Hitler gekämpft hatte, ahnte nicht, dass sein eigener Name bereits auf einer Todesliste stand…


