SIE WAR MUTTER VON KINDERN… UND GLEICHZEITIG EINE DER GEFÜRCHTETSTEN AUFSEHERINNEN DER NAZI-LAGER

SIE WAR MUTTER VON KINDERN… UND GLEICHZEITIG EINE DER GEFÜRCHTETSTEN AUFSEHERINNEN DER NAZI-LAGER

Wenn wir über die Verbrechen des Nationalsozialismus sprechen, erinnern wir uns oft an die Namen der politischen Führer und militärischen Befehlshaber.

Doch das System des Terrors funktionierte nicht nur durch Entscheidungen aus den höchsten Ebenen.

Es funktionierte auch durch Tausende Menschen, die jeden Tag daran beteiligt waren.

Menschen, die Befehle ausführten.

Menschen, die zusahen.

Und Menschen, die freiwillig Macht über andere ausübten.

Eine dieser Personen war Hildegard Martha Lächert.

Eine Frau, die gleichzeitig Mutter war und dennoch zu den Aufseherinnen gehörte, deren Grausamkeit von Überlebenden nach dem Krieg beschrieben wurde.

Ihre Geschichte führt uns in die dunkelsten Orte des NS-Systems:

Nach Ravensbrück.

Nach Majdanek.

Nach Auschwitz.

Und schließlich in die Gerichtssäle, in denen die Überlebenden Jahrzehnte später ihre Stimmen erhoben.

Dies ist die Geschichte einer Frau, die glaubte, Teil eines mächtigen Systems zu sein.

Doch am Ende musste sie sich den Erinnerungen der Menschen stellen, die ihre Gewalt überlebt hatten.

Hildegard Martha Lächert wurde am 19. März 1920 in Berlin geboren.

Sie kam in der Zeit der Weimarer Republik zur Welt, einer jungen deutschen Demokratie, die nach dem Ersten Weltkrieg mit politischen Konflikten, wirtschaftlichen Problemen und gesellschaftlichen Spannungen kämpfte.

Nach ihrer Schulzeit begann Lächert zunächst eine Ausbildung zur Schneiderin.

Doch sie brach diese ab und entschied sich für eine Ausbildung zur Krankenpflegerin.

Diese berufliche Richtung sollte später eine besondere Rolle in ihrem Leben spielen.

Denn ihre Kenntnisse im medizinischen Bereich standen später in einem grausamen Gegensatz zu den Handlungen, die ihr vorgeworfen wurden.

1933 änderte sich Deutschland grundlegend.

Adolf Hitler und die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei kamen an die Macht.

Das Regime begann, seine Vorstellung einer sogenannten „Volksgemeinschaft“ durchzusetzen.

In dieser Ideologie wurden Menschen nach rassistischen Kriterien bewertet.

Juden, politische Gegner, Menschen mit Behinderungen und viele andere Gruppen wurden verfolgt und entrechtet.

Auch Frauen wurden in dieses System eingebunden.

Die NS-Propaganda stellte Frauen häufig als Ehefrauen und Mütter dar, deren wichtigste Aufgabe die Geburt „rassisch wertvoller“ Kinder sein sollte.

Doch die Realität war komplexer.

Millionen Frauen beteiligten sich aktiv am NS-System.

Sie arbeiteten als Lehrerinnen.

Als Krankenschwestern.

Als Verwaltungsangestellte.

Als Helferinnen der Polizei.

Und auch als Personal in Konzentrationslagern.

Die Nationalsozialisten förderten Programme wie „Lebensborn“, mit denen sie ihre rassistische Bevölkerungspolitik unterstützten.

Frauen sollten möglichst viele Kinder bekommen, die nach der Ideologie des Regimes als Teil einer angeblich „reinen“ deutschen Bevölkerung betrachtet wurden.

Doch neben dieser Rolle als Mutter und Ehefrau gab es auch Frauen, die direkt an der Unterdrückung und Ermordung anderer Menschen beteiligt waren.

Hildegard Lächert wurde eine von ihnen.

Kurz vor Beginn des Zweiten Weltkriegs bekam sie im August 1939 einen Sohn.

Als Deutschland am 1. September 1939 Polen überfiel und der Krieg begann, wurde sie angewiesen, in einer Munitionsfabrik zu arbeiten.

Ein weiteres Kind, eine Tochter, wurde später geboren.

Doch ihr Leben nahm eine neue Richtung, als sie in das System der Konzentrationslager eintrat.

Im April 1942 erhielt Lächert eine Stelle im Konzentrationslager Ravensbrück.

Ravensbrück war das größte Konzentrationslager des NS-Regimes, das speziell für Frauen errichtet worden war.

Es wurde 1939 eröffnet und befand sich nördlich von Berlin.

Dort wurden zehntausende Frauen aus vielen verschiedenen Ländern gefangen gehalten.

Politische Gegnerinnen.

Jüdinnen.

Sinti und Roma.

Widerstandskämpferinnen.

Und viele weitere Opfergruppen.

In Ravensbrück arbeiteten sowohl männliche SS-Angehörige als auch weibliche Aufseherinnen.

Diese Frauen wurden häufig nicht gezwungen, diese Arbeit auszuüben.

Viele meldeten sich freiwillig oder nahmen die Stelle wegen der Bezahlung und der sozialen Vorteile an.

Ravensbrück diente auch als Ausbildungsstätte.

Dort wurden Frauen darauf vorbereitet, in anderen Konzentrationslagern als Aufseherinnen eingesetzt zu werden.

Sie lernten, wie sie Gefangene kontrollieren sollten.

Sie wurden Teil einer Kultur der Gewalt, in der die Erniedrigung und Entmenschlichung der Häftlinge zum Alltag gehörte.

Tausende Frauen durchliefen dieses System.

Eine von ihnen war Hildegard Lächert.

Im Oktober 1942 wurde sie nach ihrer Ausbildung in das Konzentrationslager Majdanek bei Lublin im besetzten Polen versetzt.

Majdanek war ein Ort des Massenmords.

Das Lager wurde sowohl als Arbeitslager als auch als Vernichtungsstätte genutzt.

Dort wurden Menschen durch Hunger, Krankheiten, Zwangsarbeit und systematische Ermordungen getötet.

Im Lager befanden sich auch Räume, in denen persönliche Gegenstände der Opfer gesammelt wurden.

Kleidung, Schuhe und Wertgegenstände wurden sortiert und weiterverwendet.

Die Menschen, denen diese Gegenstände gehört hatten, waren häufig bereits ermordet worden.

Ab 1942 setzte die SS in Majdanek Giftgas ein.

Zyklon B wurde verwendet, um Menschen in umgebauten Räumen zu töten.

Zehntausende Juden wurden in Majdanek ermordet.

Viele weitere starben aufgrund der unmenschlichen Bedingungen.

Als Aufseherin erhielt Lächert Macht über die Gefangenen.

Eine Macht, die sie laut späteren Zeugenaussagen missbrauchte.

Überlebende beschrieben sie als besonders brutal.

Sie erhielt unter polnischen Gefangenen den Spitznamen „Blutige Brigitte“.

Ein Name, der ihre Grausamkeit widerspiegeln sollte.

Zeugen berichteten, dass sie Gefangene häufig ohne erkennbaren Grund schlug.

Sie trug oft eine Peitsche bei sich.

Sie soll Gefangene mit Schlägen und Tritten misshandelt haben.

Besonders erschütternd waren Berichte über ihre Behandlung von Kindern.

Überlebende erinnerten sich daran, dass sie Kindern manchmal Süßigkeiten gab.

Nicht aus Mitgefühl.

Sondern um sie leichter kontrollieren zu können.

Nach Aussagen ehemaliger Häftlinge brachte sie Kinder in Richtung der Orte, an denen Menschen ermordet wurden.

Eine der Überlebenden war Bogna Jaworska.

Sie berichtete später von ihren Erfahrungen in Majdanek.

Sie erzählte, dass sie eines Tages ihre Mutter mit zwei Schüsseln gesehen habe, weil sie selbst vergessen hatte, Löffel zu holen.

Als Lächert ihre Mutter mit den Schüsseln bemerkte, habe sie begonnen, sie zu schlagen.

Als Bogna zurückkehrte und versuchte, die Situation zu erklären, wurde auch sie geschlagen.

Ihre Mutter überlebte das Lager nicht.

Solche Aussagen zeigten nach dem Krieg ein Bild einer Aufseherin, die ihre Stellung nicht nur ausübte, sondern die Macht über andere Menschen bewusst einsetzte.

Andere Überlebende berichteten von weiteren Gewalttaten.

Eine Frau soll von Lächert durchsucht und misshandelt worden sein, weil die Aufseherin nach versteckten Wertsachen suchte.

Auch andere Gefangene wurden wegen kleinster Verstöße bestraft.

Ein Lächeln.

Ein falscher Blick.

Ein Gegenstand, der gefunden wurde.

Im Lager konnte jede Kleinigkeit lebensgefährlich sein.

Die Gewalt war nicht nur körperlich.

Sie zerstörte auch das Gefühl von Sicherheit und Menschlichkeit.

Die Gefangenen wussten nie, wann der nächste Angriff kommen würde.

Majdanek wurde für viele Menschen zu einem Ort permanenter Angst.

Und Hildegard Lächert gehörte zu denjenigen, die diese Angst täglich verstärkten.

Doch während die Gefangenen ums Überleben kämpften, führte Lächert weiterhin ihr eigenes Leben.

Sie hatte eine Familie.

Sie bekam Kinder.

Sie bewegte sich zwischen zwei Welten.

Der privaten Welt einer Mutter.

Und der grausamen Welt einer Lageraufseherin.

Eine Verbindung, die nach dem Krieg viele Menschen vor eine schwierige Frage stellte:

Wie konnte ein Mensch gleichzeitig Fürsorge für die eigene Familie empfinden und anderen Menschen solches Leid zufügen?

Diese Frage sollte Jahrzehnte später erneut gestellt werden.

Denn die Vergangenheit würde Hildegard Lächert nicht einfach verschwinden lassen.

Im Jahr 1944 wurde sie nach Auschwitz-Birkenau versetzt.

Und dort sollte ihr Name endgültig mit einem der berüchtigtsten Orte des Holocaust verbunden werden…