Am 30. Januar 1933 begann in Deutschland eine neue Ära.

Adolf Hitler wurde zum Reichskanzler ernannt.
Von diesem Moment an verwandelte sich der deutsche Staat Schritt für Schritt in eine Diktatur, in der eine rassistische Ideologie über Menschenleben entschied.
Das NS-Regime sprach von einer angeblichen „Rassenhygiene“.
Unter diesem Begriff versteckten die Nationalsozialisten eine menschenverachtende Vorstellung:
Dass bestimmte Menschen weniger wert seien als andere.
Diese Ideologie fand auch Unterstützung innerhalb der deutschen Ärzteschaft.
Viele Mediziner traten der NSDAP oder ihren Organisationen bei.
Einige aus Überzeugung.
Andere wegen beruflicher Vorteile.
Und manche nutzten das System, um Forschungsmöglichkeiten zu erhalten, die unter normalen Bedingungen niemals möglich gewesen wären.
Einer dieser Ärzte war Karl Franz Gebhardt.
Ein angesehener Chirurg.
Ein Professor.
Der persönliche Arzt Heinrich Himmlers.
Und später einer der wichtigsten Koordinatoren medizinischer Experimente an Häftlingen in Konzentrationslagern.
Seine Geschichte zeigt eine der erschreckendsten Fragen der Geschichte:
Was passiert, wenn medizinisches Wissen nicht mehr dem Schutz des Menschen dient, sondern zur Waffe gegen ihn wird?
Karl Franz Gebhardt wurde am 23. November 1897 in Haag in Oberbayern geboren.
Er stammte aus einer medizinischen Familie.
Sein Vater, Dr. Franz Gebhardt, war Arzt und behandelte später auch die Eltern Heinrich Himmlers.
Schon früh entstanden dadurch Verbindungen, die Karl Gebhardts späteres Leben beeinflussen sollten.
Er war ein Schulfreund Heinrich Himmlers.
Die beiden kannten sich seit ihrer Jugend.
Diese persönliche Verbindung blieb über Jahrzehnte bestehen.
Während Himmler später einer der mächtigsten Männer des NS-Regimes wurde, entwickelte sich Gebhardt zu einem angesehenen Mediziner innerhalb des Systems.
Der Erste Weltkrieg begann am 28. Juli 1914.
Wie viele junge Männer seiner Generation trat auch Karl Gebhardt in den Militärdienst ein.
Von 1916 bis 1918 diente er in der deutschen Armee.
Am Ende des Krieges hatte er den Rang eines Leutnants der Reserve.
Doch der Zusammenbruch des Deutschen Kaiserreichs veränderte die politische Landschaft vollständig.
Nach 1918 kämpfte Deutschland mit wirtschaftlichen Problemen, gesellschaftlichen Konflikten und politischen Extremen.
Auch Gebhardt bewegte sich in diesem Umfeld.
1919 begann er sein Medizinstudium in München.
Doch neben seiner akademischen Ausbildung engagierte er sich auch in paramilitärischen Kreisen.
1923 trat er dem Freikorps Oberland bei.
Diese Organisationen entstanden nach dem Ersten Weltkrieg und kämpften gegen politische Gegner, besonders gegen linke Bewegungen.
Mit dem Freikorps Oberland beteiligte sich Gebhardt auch am Umfeld des Hitler-Putsches im November 1923.
Der Versuch, die deutsche Regierung zu stürzen, scheiterte.
Hitler wurde verhaftet.
Doch die nationalsozialistische Bewegung verschwand nicht.
Im Gegenteil.
Sie sollte wenige Jahre später die Macht übernehmen.
1923 erhielt Karl Gebhardt seine Zulassung als Arzt.
Ein Jahr später promovierte er.
Von 1923 bis 1933 arbeitete er am Universitätskrankenhaus München.
Dort wurde er unter Ferdinand Sauerbruch ausgebildet.
Sauerbruch gehörte zu den bekanntesten Chirurgen seiner Zeit.
Er entwickelte neue Methoden im Bereich der Wiederherstellungschirurgie und Prothetik.
Unter dieser Ausbildung machte sich Gebhardt einen Namen.
Er galt als talentierter Mediziner.
1932 habilitierte er sich.
Seine Karriere schien eine wissenschaftliche Richtung einzuschlagen.
Doch die politische Entwicklung Deutschlands veränderte auch seinen Weg.
Am 1. Mai 1933 trat Karl Gebhardt der NSDAP bei.
Im selben Jahr übernahm er die Leitung eines Sanatoriums in Hohenlychen.
Ursprünglich war die Einrichtung für Tuberkulosepatienten gedacht.
Gebhardt wandelte sie jedoch in eine orthopädische Klinik um.
Dort entwickelte er Programme für Sportmedizin und Rehabilitation.
Er beschäftigte sich mit der Behandlung von Verletzungen und der Wiederherstellung körperlicher Fähigkeiten.
Diese Arbeit brachte ihm Anerkennung.
Hohenlychen wurde später zu einer wichtigen medizinischen Einrichtung des Dritten Reiches.
1933 heiratete Gebhardt Marianne Hess.
Sie war 14 Jahre jünger als er.
Das Paar bekam zwei Söhne:
Jürgen, geboren 1934.
Und Peter, geboren 1937.
Privat schien sein Leben erfolgreich.
Beruflich stieg er weiter auf.
1935 trat Gebhardt der SS bei.
Noch im selben Jahr wurde er zum SS-Sturmbannführer befördert.
Dieser Rang entsprach ungefähr dem eines Majors in der Wehrmacht.
Im gleichen Zeitraum erhielt er eine Professur für Sportmedizin in Berlin.
Zwischen 1933 und 1939 arbeitete er intensiv an medizinischen Themen rund um Bewegung, Rehabilitation und körperliche Leistungsfähigkeit.
Er veröffentlichte Fachartikel.
Er schrieb ein Lehrbuch.
Er verbreitete seine Vorstellungen in Deutschland und darüber hinaus.
1936 wurde er besonders bekannt.
Er leitete die medizinische Abteilung der Deutschen Reichsakademie für Leibesübungen.
Damit wurde er einer der führenden Ärzte bei den Olympischen Sommerspielen 1936 in Berlin.
Hohenlychen wurde zum zentralen Krankenhaus für Athleten.
Gebhardt hatte nun eine Position erreicht, die ihm wissenschaftliches Ansehen und politischen Einfluss verschaffte.
Ein Jahr später wurde er Leiter des Lehrstuhls für orthopädische Chirurgie an der Universität Berlin.
1938 folgte der nächste Schritt:
Karl Gebhardt wurde zum persönlichen Arzt Heinrich Himmlers ernannt.
Diese Verbindung machte ihn zu einem wichtigen Mitglied der medizinischen Elite des NS-Regimes.
Er befand sich nun im direkten Umfeld eines Mannes, der für zentrale Verbrechen des Holocaust verantwortlich war.
Als der Zweite Weltkrieg am 1. September 1939 mit dem deutschen Angriff auf Polen begann, wurde Gebhardts Rolle noch bedeutender.
Während des Krieges arbeitete er als Chefarzt des Reichsarztstabes.
Hohenlychen wurde zu einem Militärkrankenhaus für die Waffen-SS.
Seine Nähe zur SS-Führung verschaffte ihm große Macht.
Doch diese Macht sollte bald mit einem Ereignis verbunden werden, das seinen weiteren Weg bestimmte.
Am 27. Mai 1942 wurde Reinhard Heydrich, einer der wichtigsten Organisatoren des nationalsozialistischen Terrors, in Prag von tschechoslowakischen Widerstandskämpfern angegriffen.
Heydrich wurde schwer verletzt.
Heinrich Himmler reagierte sofort.
Er schickte seinen persönlichen Arzt Karl Gebhardt nach Prag.
Gebhardt sollte die Behandlung übernehmen.
Zu diesem Zeitpunkt schlug Hitlers Arzt Theodor Morell die Verwendung eines neuen antibakteriellen Medikaments vor:
Sulfonamide.
Doch Gebhardt war überzeugt, dass Heydrich sich auch ohne diese Behandlung erholen würde.
Er lehnte den Vorschlag ab.
Heydrichs Zustand schien sich zunächst zu verbessern.
Am 3. Juni konnte er sogar sitzend essen.
Doch wenige Stunden später verschlechterte sich sein Zustand dramatisch.
Am nächsten Tag starb Reinhard Heydrich.
Für Gebhardt war dies ein schwerer Rückschlag.
Denn nun entstand der Vorwurf, dass sein medizinischer Fehler zum Tod eines der wichtigsten Männer des NS-Regimes geführt hatte.
Heinrich Himmler wollte diese Zweifel beseitigen.
Und genau daraus entstand eine Entscheidung, die zu einigen der grausamsten medizinischen Verbrechen des Zweiten Weltkriegs führen sollte.
Gebhardt sollte beweisen, dass Sulfonamide wirkungslos waren.
Doch dafür brauchte er Versuchspersonen.
Und das NS-System stellte sie ihm zur Verfügung.
Es waren keine freiwilligen Patienten.
Es waren Häftlinge.
Menschen ohne Rechte.
Gefangene des Konzentrationslagers Ravensbrück.
Und dort begann ein Kapitel, das Karl Gebhardts Namen für immer mit medizinischen Verbrechen verbinden sollte…


