TEIL 1 – DER AUFSTIEG EINES SOLDATEN, DER SEINE EIGENE MACHT VERLOREN HATTE
Am 1. Oktober 1946 saß ein Mann im Gerichtssaal von Nürnberg, der einst zu den mächtigsten Militärführern Deutschlands gehört hatte.

Er hatte neben Adolf Hitler gestanden.
Er hatte Befehle unterzeichnet.
Er hatte Entscheidungen mitgetragen, die Millionen Menschen das Leben kosteten.
Doch nun war seine eigene Zukunft entschieden.
Vor ihm lagen keine militärischen Karten.
Keine Truppenbewegungen.
Keine Befehle.
Nur ein Urteil.
Wilhelm Keitel, ehemaliger Feldmarschall und Chef des Oberkommandos der Wehrmacht, musste sich vor einem internationalen Militärtribunal verantworten.
Die Anklage war gewaltig:
Verschwörung gegen den Frieden.
Planung und Durchführung von Angriffskriegen.
Kriegsverbrechen.
Verbrechen gegen die Menschlichkeit.
Keitel versuchte bis zum Ende, sich als Soldat darzustellen, der nur Befehle ausgeführt hatte.
Doch die Richter mussten eine andere Frage beantworten:
War er nur ein Werkzeug?
Oder war er ein Täter, der seine Position nutzte, um ein verbrecherisches System umzusetzen?
Wenn euch historische Geschichten interessieren, die zeigen, wie Menschen innerhalb eines Machtapparats aufsteigen und schließlich für ihre Entscheidungen verantwortlich gemacht werden, bleibt bis zum Ende dabei.
Denn Wilhelm Keitels Geschichte ist nicht nur die Geschichte eines Generals.
Sie ist die Geschichte eines Mannes, der seine Karriere auf Gehorsam aufbaute und am Ende feststellen musste, dass Gehorsam keine Entschuldigung für Verbrechen ist.
Wilhelm Bodewin Johann Gustav Keitel wurde am 22. September 1882 im Dorf Helmscherode bei Braunschweig geboren.
Er stammte aus einer gutbürgerlichen Familie mit landwirtschaftlichem Hintergrund.
Sein Vater besaß ein kleines Gut.
Ursprünglich hatte Wilhelm geplant, später den Familienbesitz zu übernehmen.
Doch sein Vater wollte den Hof weiterhin selbst führen.
Damit stand Keitel vor einer Entscheidung.
Er konnte Bauer werden.
Oder Soldat.
Er entschied sich für die Armee.
Im Jahr 1901 trat er als Artillerieoffizier in die preußische Armee ein.
Für junge Männer aus seiner Generation war der Militärdienst mehr als nur ein Beruf.
Er bedeutete Status.
Ordnung.
Eine klare Hierarchie.
Und eine Möglichkeit aufzusteigen.
Keitel war kein außergewöhnlicher militärischer Denker.
Er galt nicht als brillanter Stratege.
Aber er besaß Eigenschaften, die in einer Armee sehr geschätzt wurden:
Fleiß.
Organisationstalent.
Disziplin.
Und absolute Zuverlässigkeit.
1909 heiratete er Lisa Fontaine.
Sie stammte aus einer wohlhabenden Familie.
Ihr Vater war Besitzer eines großen landwirtschaftlichen Betriebs und hatte auch wirtschaftliche Interessen außerhalb der Landwirtschaft.
Aus der Ehe gingen sechs Kinder hervor.
Das Familienleben schien zunächst typisch für einen deutschen Offiziershaushalt jener Zeit.
Doch wenige Jahre später sollte Europa in einen Krieg stürzen, der die gesamte Weltordnung verändern würde.
Am 28. Juli 1914 begann der Erste Weltkrieg.
Keitel diente als Batteriechef und später als Stabsoffizier an der Westfront.
Während der Kämpfe in Flandern wurde er durch ein Schrapnell schwer verwundet.
Nach seiner Genesung wurde sein organisatorisches Talent erkannt.
1915 wurde er in den Generalstab berufen.
Dort lernte er die zentrale Bedeutung von Planung, Verwaltung und militärischer Organisation.
Der Erste Weltkrieg endete am 11. November 1918.
Deutschland hatte verloren.
Die Monarchie war zusammengebrochen.
Eine neue demokratische Republik entstand.
Doch viele ehemalige Offiziere akzeptierten diese neue Ordnung nur widerwillig.
Der Versailler Vertrag von 1919 verschärfte die Situation.
Deutschland wurde für den Krieg verantwortlich gemacht.
Das Militär wurde stark eingeschränkt.
Die Reichswehr durfte nur 100.000 Soldaten umfassen.
Viele ehemalige Militärangehörige empfanden den Vertrag als nationale Demütigung.
Auch Keitel blieb in der Armee.
Er wurde Teil der neuen Reichswehr.
Gleichzeitig unterstützte er den Aufbau paramilitärischer Strukturen.
Nach dem Krieg entstanden die sogenannten Freikorps.
Viele dieser Gruppen bestanden aus ehemaligen Soldaten.
Offiziell sollten sie gegen revolutionäre Bewegungen kämpfen.
Doch einige ihrer Mitglieder lehnten auch die demokratische Ordnung der Weimarer Republik ab.
Die politische Atmosphäre blieb instabil.
Viele ehemalige Offiziere träumten von einer Rückkehr deutscher militärischer Stärke.
Keitel war einer dieser Männer.
1924 wurde er in das Reichswehrministerium nach Berlin versetzt.
Dort arbeitete er an militärischen Planungen.
Dabei spielte er eine wichtige Rolle bei der geheimen Vorbereitung einer Wiederaufrüstung.
Diese Maßnahmen verstießen gegen die Bestimmungen des Versailler Vertrags.
Doch die Reichswehr entwickelte Wege, die Beschränkungen zu umgehen.
Militärische Ausbildung wurde teilweise getarnt.
Piloten wurden in scheinbar zivilen Organisationen geschult.
Soldaten trainierten unter dem Deckmantel sportlicher Aktivitäten.
Die Grundlage für eine spätere massive Aufrüstung wurde geschaffen.
Als Adolf Hitler und die NSDAP im Januar 1933 die Macht übernahmen, veränderte sich Deutschlands Militärpolitik grundlegend.
Hitler wollte die Beschränkungen des Versailler Vertrags vollständig beseitigen.
Die Armee sollte wieder groß und mächtig werden.
Keitel unterstützte diesen Kurs.
Er glaubte an die Wiederherstellung deutscher militärischer Stärke.
Doch sein Verhältnis zu Hitler unterschied sich von vielen anderen Generälen.
Während einige Offiziere versuchten, eigene Vorstellungen durchzusetzen, passte Keitel sich zunehmend an Hitler an.
Er wurde zu einem Mann, der nicht widersprach.
Ein Mann, der Befehle weiterleitete.
Ein Mann, der Loyalität über militärische Unabhängigkeit stellte.
1935 wurde Keitel Leiter des Heeresamtes im Reichskriegsministerium.
Damit gehörte er zur Spitze der deutschen Militärverwaltung.
Nach der Auflösung des Reichskriegsministeriums im Jahr 1938 entstand das Oberkommando der Wehrmacht.
Das OKW.
An seine Spitze setzte Hitler Wilhelm Keitel.
Damit wurde er offiziell einer der mächtigsten Militärführer Deutschlands.
Doch innerhalb der Wehrmacht genoss er wenig Respekt.
Viele Generäle hielten ihn für schwach.
Sie nannten ihn hinter seinem Rücken „Lakeitel“.
Ein Wortspiel aus seinem Namen und dem Begriff „Lakai“.
Also ein Diener.
Ein Untergebener.
Ein Mann ohne eigenen Willen.
Auch Hitler schätzte ihn nicht wegen außergewöhnlicher Fähigkeiten.
Hitler schätzte seine Treue.
Seine Bereitschaft, Befehle auszuführen.
Seine fehlende Neigung, Entscheidungen zu hinterfragen.
Keitel war nach Hitler der wichtigste Mann in der militärischen Befehlskette.
Aber gleichzeitig hatte er weniger tatsächlichen Einfluss, als seine Position vermuten ließ.
Viele Generäle umgingen ihn direkt und wandten sich unmittelbar an Hitler.
Trotzdem blieb Keitel.
Denn seine Macht beruhte nicht auf militärischem Genie.
Sie beruhte auf Nähe zum Führer.
Im Jahr 1938 spielte Keitel eine wichtige Rolle beim Anschluss Österreichs.
Der österreichische Bundeskanzler Kurt Schuschnigg hatte eine Volksabstimmung über die Zukunft Österreichs angekündigt.
Hitler wollte eine Vereinigung mit Deutschland erzwingen.
Keitel erhielt den Auftrag, militärische Bewegungen an der österreichischen Grenze vorzubereiten.
Die Truppenbewegungen sollten Druck erzeugen und den Eindruck einer unmittelbar bevorstehenden Invasion vermitteln.
Am 12. März 1938 marschierten deutsche Truppen in Österreich ein.
Der Anschluss wurde vollzogen.
Keitel erhielt dafür eine Auszeichnung.
Doch der Anschluss war nur der Anfang.
Die Expansion des nationalsozialistischen Deutschlands ging weiter.
Am 1. September 1939 begann Deutschland den Angriff auf Polen.
Der Zweite Weltkrieg begann.
Keitel war an der Planung beteiligt.
Er wusste, dass der Krieg nicht nur ein gewöhnlicher militärischer Konflikt sein würde.
Die deutsche Führung plante von Anfang an brutale Maßnahmen gegen die polnische Bevölkerung.
Verhaftungen.
Vertreibungen.
Massenmorde.
Die sogenannte Intelligenzaktion richtete sich gegen die polnische Elite.
Lehrer.
Wissenschaftler.
Geistliche.
Juristen.
Offiziere.
Zehntausende Menschen wurden ermordet.
Als Berichte über diese Verbrechen bekannt wurden, protestierten einige Offiziere.
Doch Keitel ignorierte die Beschwerden.
Er hielt an Hitlers Linie fest.
Nach dem Sieg über Polen erhielt Keitel eine finanzielle Belohnung.
100.000 Reichsmark für seine Loyalität.
Ein Zeichen dafür, wie sehr Hitler seine Gefolgsleute persönlich belohnte.
Im Mai 1940 begann der deutsche Angriff auf Frankreich und die Benelux-Staaten.
Innerhalb weniger Wochen wurde Westeuropa militärisch besiegt.
Nach dem Sieg über Frankreich zeigte Keitel offen seine Bewunderung für Hitler.
Er bezeichnete ihn als den größten Feldherrn aller Zeiten.
Eine Aussage, die zeigte, wie weit seine Unterordnung inzwischen ging.
Kurz darauf wurde Keitel zum Feldmarschall befördert.
Doch innerhalb der Militärführung änderte dies wenig.
Viele Generäle verachteten ihn weiterhin.
Sie sahen in ihm keinen unabhängigen Kommandeur.
Sondern einen Mann, der Hitlers Entscheidungen ohne Widerstand ausführte.
Und die schlimmsten Entscheidungen sollten noch kommen.
Denn als Deutschland 1941 die Sowjetunion angriff, begann eine neue Phase des Krieges.
Eine Phase, in der Keitel Befehle unterzeichnen würde, die direkt mit Massenmorden und systematischer Gewalt verbunden waren.
Und diesmal konnte er nicht behaupten, er habe nicht gewusst, was geschah …
FORTSETZUNG IN TEIL 2


