TEIL 1 – VOM GEWÖHNLICHEN ARBEITER ZUM HERRN ÜBER EIN KZ
Am 30. Januar 1933 wurde Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannt. Innerhalb weniger Monate verwandelte sich Deutschland in eine Diktatur, in der politische Gegner verfolgt, jüdische Bürger systematisch entrechtet und staatliche Gewalt gegen ganze Bevölkerungsgruppen eingesetzt wurde. Weniger als zwei Monate später entstand Dachau, das erste reguläre Konzentrationslager des NS-Regimes. In den folgenden zwölf Jahren errichteten Nazi-Deutschland und seine Verbündeten ein gigantisches Netz aus Konzentrationslagern, Ghettos, Zwangsarbeitslagern und anderen Haftstätten. Einer der Männer, die innerhalb dieses Systems Karriere machten, war Hans Aumeier.

Sein Name ist heute weniger bekannt als der von Rudolf Höß oder Heinrich Himmler. Doch Aumeier war kein unbedeutender Mitläufer. Er arbeitete in mehreren Lagern, wurde stellvertretender Kommandant von Auschwitz, später Lagerkommandant in Estland und Kaufering und war an Misshandlungen, Hinrichtungen, Selektionen und Vergeltungsaktionen beteiligt. Als seine Karriere schließlich vor einem polnischen Gericht endete, versuchte er bis zuletzt, sich selbst als Opfer und nicht als Täter darzustellen. Doch die Zeugenaussagen und Dokumente erzählten eine andere Geschichte.
Hans Aumeier wurde am 20. August 1906 in Amberg geboren. Seine Familie gehörte nicht zur politischen oder wirtschaftlichen Elite. Sein Vater arbeitete als Schlosser, und der junge Hans sollte zunächst einen ähnlichen Weg einschlagen.
Schon mit zwölf Jahren verließ er die Schule.
Ohne Abschluss begann er eine Lehre als Dreher und Schlosser in einer örtlichen Gewehrfabrik. Die Arbeit war hart und praktisch. Maschinen, Metall und Waffen gehörten zu seinem Alltag.
1923 wechselte er zu einem größeren Waffenunternehmen in München. Er versuchte später, in die Reichswehr aufgenommen zu werden, scheiterte jedoch.
Für einen jungen Mann, der sich eine militärische Laufbahn erhofft hatte, war das eine Enttäuschung.
Aumeier kehrte in die Waffenindustrie zurück.
In den folgenden Jahren wechselte er mehrfach seinen Arbeitsplatz. München, Berlin, Bremen, Köln. Mal arbeitete er dauerhaft, mal nur vorübergehend. Zwischen 1926 und 1929 schlug er sich mit verschiedenen Tätigkeiten durch.
Sein Leben schien zu diesem Zeitpunkt noch keine klare Richtung zu besitzen.
Dann kam der Nationalsozialismus.
Im August 1929 trat Aumeier der SS bei. Seine SS-Mitgliedsnummer lautete 2700. Damit gehörte er zu den frühen Mitgliedern dieser Organisation.
Die SS war zu diesem Zeitpunkt noch nicht der riesige Terrorapparat, zu dem sie später werden sollte.
Ursprünglich war sie als Schutzorganisation für Adolf Hitler und andere nationalsozialistische Funktionäre aufgebaut worden. Ihre Mitglieder sollten politische Veranstaltungen sichern und die Führer der Bewegung schützen.
Doch unter Heinrich Himmler veränderte sich die Organisation grundlegend.
Himmler übernahm 1929 die Führung der SS. Unter seiner Leitung wuchs sie schnell.
Disziplin.
Gehorsam.
Ideologische Indoktrination.
Absolute Loyalität gegenüber Hitler.
Das waren die Grundlagen einer Organisation, die schließlich zu einem Staat im Staat werden sollte.
Aumeier gelangte bald in den Münchner Stab Himmlers.
Damit begann seine Karriere innerhalb des SS-Systems.
Als Hitler 1933 an die Macht kam, verfügte Himmler bereits über eine Organisation, die bereit war, politische Gegner und Menschen, die das Regime als rassische Feinde betrachtete, zu verfolgen.
Die SS übernahm zunehmend die Kontrolle über Konzentrationslager.
Aumeier wurde Teil dieses Systems.
Im Januar 1934 begann seine Tätigkeit im Konzentrationslager Dachau.
Dachau war im März 1933 errichtet worden und wurde zum Modell für viele spätere Lager.
Der Lagerkommandant Theodor Eicke entwickelte ein System aus brutaler Disziplin, willkürlichen Strafen und totaler Kontrolle.
Dachau war damit nicht nur ein Ort der Gefangenschaft.
Es wurde auch zu einer Schule für SS-Wachmannschaften.
Neue Wachleute lernten dort, wie Gefangene behandelt werden sollten.
Sie lernten, dass ein Häftling nicht als Mensch mit Rechten betrachtet wurde.
Er wurde zur Arbeitskraft.
Zur Nummer.
Zum Objekt staatlicher Gewalt.
Für Männer wie Aumeier bedeutete Dachau eine Ausbildung in einem System, das Gewalt nicht als Ausnahme, sondern als tägliche Routine organisierte.
Im Oktober 1933 hatte Eicke bereits ein Regelwerk eingeführt, nach dem Gefangene selbst für geringfügige Verstöße brutal bestraft werden konnten.
Schläge.
Appelle.
Arbeit.
Isolation.
Erniedrigung.
Das System sollte jeden Widerstand brechen.
Aumeier lernte es von innen kennen.
Im April 1936 wurde er als Wachmann in das Konzentrationslager Esterwegen versetzt.
Das Lager lag nahe der niederländischen Grenze.
Viele der dort inhaftierten Menschen waren politische Gegner des NS-Regimes, darunter zahlreiche Kommunisten.
Einer der bekanntesten Gefangenen war der Journalist und politische Aktivist Carl von Ossietzky.
Ossietzky hatte die geheime deutsche Wiederaufrüstung öffentlich gemacht. Für seine Arbeit erhielt er 1935 den Friedensnobelpreis.
Doch das NS-Regime behandelte ihn nicht als geehrten Friedensaktivisten.
Es behandelte ihn als Feind.
Nach Jahren der Haft, Hunger, Misshandlung und Krankheit starb Ossietzky 1938 in Berlin.
Während Männer wie Ossietzky an den Folgen der nationalsozialistischen Verfolgung zerbrachen, machte Aumeier innerhalb des Systems weiter Karriere.
Im Dezember 1936 wurde er Kommandant einer Wachkompanie im Konzentrationslager Lichtenburg.
Lichtenburg war in einem Renaissance-Schloss untergebracht und gehörte zu den frühen Konzentrationslagern des NS-Regimes.
Später wurde es zu einem Lager für weibliche Gefangene.
Auch hier gehörte Gewalt zum Alltag.
Die Häftlinge waren vollständig von ihren Bewachern abhängig.
Die SS bestimmte, wann sie essen durften.
Wann sie schlafen durften.
Wie sie arbeiten mussten.
Und wie sie bestraft wurden.
Aumeier stieg weiter auf.
Zwischen 1937 und 1938 war er in Buchenwald eingesetzt.
Im August 1938 wurde er Lagerleiter und stellvertretender Kommandant des Konzentrationslagers Flossenbürg.
Dort zeigte sich besonders deutlich, wie Aumeier Gewalt als Herrschaftsinstrument einsetzte.
Flossenbürg war ursprünglich stark auf Zwangsarbeit ausgerichtet.
Die Häftlinge mussten Granit abbauen, der für nationalsozialistische Bauprojekte verwendet wurde.
Später wurde das Lager auch zu einem wichtigen Produktionsstandort für die Rüstungsindustrie.
Die Gefangenen arbeiteten unter Bedingungen, die viele von ihnen nicht überlebten.
Aumeier war für den Betrieb des Lagers verantwortlich.
Er überwachte Ordnung, Arbeitspläne und Appelle.
Doch seine Macht beschränkte sich nicht auf organisatorische Aufgaben.
Überlebende berichteten von persönlichen Misshandlungen.
Aumeier soll Gefangene geschlagen und mit der Peitsche bestraft haben.
Er ordnete lange Appelle an, bei denen die Häftlinge stundenlang stehen mussten.
Besonders brutal war eine Strafmaßnahme, die ausschließlich gegen polnische Gefangene eingesetzt wurde.
Sie mussten in Reih und Glied strammstehen.
Ohne Bewegung.
Ohne Essen.
Ohne Trinken.
Ohne die Möglichkeit, eine Toilette aufzusuchen.
Diese Form der Bestrafung konnte zwölf bis zweiundvierzig Stunden dauern.
Die Menschen standen im Freien und waren der Witterung ausgesetzt.
Wer zusammenbrach, konnte geschlagen werden.
Wer nicht mehr weiterkonnte, riskierte den Tod.
Bei einer dieser Strafaktionen waren ursprünglich 628 Häftlinge betroffen.
Weniger als 500 überlebten die unmittelbaren Folgen.
46 Gefangene wurden auf Befehl Aumeiers erschossen.
Er hatte sie persönlich ausgewählt und war bei der Hinrichtung anwesend.
Diese Episode zeigt, dass Aumeier nicht lediglich ein Verwaltungsbeamter des Lagers war.
Er war aktiv an der Gewalt beteiligt.
Und seine Macht sollte noch größer werden.
Im Januar 1942 wurde Hans Aumeier nach Auschwitz versetzt.
Auschwitz war inzwischen zu einem zentralen Bestandteil des nationalsozialistischen Lagersystems geworden.
Für Aumeier bedeutete die Versetzung einen weiteren Karriereschritt.
Er wurde stellvertretender Kommandant.
Damit erhielt er unmittelbare Verantwortung für das Leben von Tausenden Gefangenen.
Seine Aufgaben umfassten die Aufrechterhaltung der Ordnung, die Versorgung, die Kleidung und den Arbeitseinsatz der Häftlinge.
Doch unter seiner Verantwortung bedeutete „Ordnung“ vor allem Terror.
Aumeier wurde von Gefangenen als besonders grausam beschrieben.
Er soll Häftlinge bei kleinsten Vergehen geschlagen haben.
Er kontrollierte die Arbeit.
Er griff in Bestrafungen ein.
Und er beteiligte sich an Hinrichtungen.
In späteren Aussagen wurde ihm der Satz zugeschrieben:
„Nur ein toter Häftling ist ein anständiger Häftling.“
Ob dieser Satz in exakt dieser Form gefallen ist, ist weniger entscheidend als das Bild, das die Zeugenaussagen von seinem Verhalten vermitteln.
Aumeier behandelte Gefangene nicht als Menschen, deren Leben geschützt werden musste.
Für ihn waren sie Arbeitskräfte, die man ausnutzen konnte, solange sie funktionierten.
Er soll polnische Gefangene mit rassistischen Beschimpfungen beleidigt haben.
Besonders polnische politische Häftlinge gerieten unter seine harte Kontrolle.
Am 19. März 1942 wurden 144 Frauen an der Hinrichtungswand im Innenhof der Blöcke 10 und 11 erschossen.
Aumeier war in Auschwitz zu dieser Zeit Teil der Lagerleitung.
Am 27. Mai folgte eine weitere Massenerschießung.
168 Gefangene wurden an derselben Stelle getötet.
Doch diese Zahlen erzählen nur einen Teil der Geschichte.
Im Frühjahr 1942 wurde eine sogenannte Strafkompanie mit ungefähr 400 polnischen politischen Gefangenen gebildet.
Die Gründe für eine Einweisung konnten unterschiedlich sein.
Fluchtversuche.
Kontakt mit Zivilisten.
Illegaler Besitz von Lebensmitteln.
Besitz von Geld.
Zusätzliche Kleidung.
Familienfotos.
Oder der Vorwurf, nicht ausreichend arbeiten zu wollen.
Die Strafkompanie musste besonders schwere Arbeiten verrichten.
Die Gefangenen arbeiteten häufig im Laufschritt.
Sie wurden von SS-Männern und Funktionshäftlingen geschlagen.
Alle paar Tage wurden mehrere Männer aus der Gruppe herausgeholt.
Dann wurden sie erschossen.
Die Gefangenen wussten nie, wann sie selbst an der Reihe sein würden.
Die Todesdrohung war ständig präsent.
Am 10. Juni 1942 kam es zum Aufstand.
Die polnischen Gefangenen arbeiteten an einem Entwässerungsgraben in Birkenau.
Sie beschlossen, zu fliehen.
Nur neun Männer erreichten tatsächlich die Freiheit.
Die SS reagierte mit brutaler Vergeltung.
Zwanzig Gefangene wurden erschossen.
Mehr als 300 weitere Mitglieder der Strafkompanie wurden ermordet, viele von ihnen in den Gaskammern.
Aumeier war an den Vergeltungsmaßnahmen beteiligt.
Damit war die Gewalt, die er in Dachau kennengelernt hatte, zu einem Teil eines Systems geworden, das im industriellen Maßstab Menschen vernichtete.
Auschwitz war kein gewöhnliches Gefängnis.
Es war Teil des Holocaust.
Menschen wurden nach ihrer Ankunft selektiert.
Ein Teil wurde zur Arbeit bestimmt.
Andere wurden unmittelbar in den Tod geschickt.
Aumeier war auch an Selektionen beteiligt.
Und er war nicht nur für die Organisation des Lagers verantwortlich.
Er soll wiederholt persönliche Gegenstände ermordeter Menschen an sich genommen haben, darunter Gold.
Als Lagerkommandant Rudolf Höß davon erfuhr, wurde Aumeier schließlich aus Auschwitz entfernt.
Im August 1943 erhielt er einen neuen Auftrag.
Doch bevor er Auschwitz verließ, hatte sich sein Name bei den Gefangenen längst festgesetzt.
Sie wussten, wer er war.
Sie wussten, dass sein Auftauchen Gefahr bedeutete.
Überlebende berichteten später, dass SS-Wachen besonders brutal wurden, wenn Aumeier erschien.
Schreie.
Schläge.
Befehle.
Angst.
Dann kam sein nächster Einsatz.
Estland.
Das Konzentrationslager Vaivara.
Dort sollte Aumeier ein neues Lager aufbauen und in Betrieb nehmen.
Im August 1943 wurde er dessen Kommandant.
Vaivara war Teil eines Netzes von Lagern, in denen Gefangene für die deutsche Kriegswirtschaft ausgebeutet wurden.
Die Häftlinge mussten im Steinbruch arbeiten, in Wäldern oder bei der Ölschiefergewinnung.
Der Schwerpunkt lag auf Arbeitskraft.
Doch auch hier gab es Selektionen.
Menschen, die zu alt oder zu krank waren, um zu arbeiten, wurden ausgesondert.
Zwischen August 1943 und Februar 1944 wurden nach den im Ausgangsmaterial genannten Angaben mehr als 1.000 Männer, Frauen und Kinder in nahegelegenen Wäldern erschossen.
Aumeier stand an der Spitze dieses Lagers.
Seine Karriere im NS-System war damit keineswegs beendet.
Sie ging weiter.
Und sein nächster Einsatz führte ihn zurück nach Deutschland.
Dort wartete ein Lagersystem auf ihn, in dem Hunger und Krankheit bereits vor seiner Ankunft Zehntausende Menschen das Leben gekostet hatten.
Sein Name sollte erneut mit einem Lager verbunden werden, das zu einem Symbol für die brutale Ausbeutung von Häftlingen wurde.
Kaufering.
Und dort sollte sich noch einmal zeigen, was aus einem Mann geworden war, der einst als junger Schlosser begonnen hatte……
TEIL 2 – DER FALL DES SS-KOMMANDANTEN
Im Dezember 1944 übernahm Hans Aumeier das Kommando über Kaufering, ein System aus elf Außenlagern des Konzentrationslagers Dachau.
Der Krieg war zu diesem Zeitpunkt bereits deutlich gegen Deutschland gekippt.
Die Wehrmacht zog sich an vielen Fronten zurück.
Alliierte Flugzeuge bombardierten deutsche Städte.
Die wirtschaftlichen Ressourcen des Reiches wurden knapp.
Doch für die Gefangenen der Konzentrationslager bedeutete der militärische Zusammenbruch nicht automatisch eine Verbesserung.
Im Gegenteil.
Die SS versuchte, die Arbeitskraft der Häftlinge bis zum Ende auszunutzen.
Kaufering war Teil dieser letzten Phase.
Die Gefangenen mussten Unterkünfte selbst errichten.
Die Baracken waren teilweise in die Erde eingelassen, um sie vor Luftangriffen zu tarnen.
Doch die Konstruktionen boten kaum Schutz vor Kälte und Regen.
Wasser drang durch die Dächer.
Schnee blieb in den Unterkünften liegen.
Ungeziefer breitete sich aus.
Viele Häftlinge schliefen auf Stroh direkt auf dem Boden.
Die Nahrung war völlig unzureichend.
Wer krank war, bekam häufig noch kleinere Rationen.
Die SS behandelte Menschen, die kaum noch Kraft besaßen, weiterhin wie Arbeitsmaschinen.
Die Folgen waren verheerend.
Im gesamten Kauferinger Lagersystem starben während seines Bestehens etwa 15.000 der ungefähr 30.000 Häftlinge an Hunger, Krankheiten, Misshandlungen, Hinrichtungen oder auf Todesmärschen.
Aumeier übernahm dort nicht die Rolle eines Retters.
Er setzte die bestehende Gewalt fort.
Häftlinge wurden misshandelt.
Kranke Menschen wurden nicht ausreichend versorgt.
Die Bedingungen blieben lebensgefährlich.
Der Krieg näherte sich seinem Ende.
Doch Aumeier verschwand nicht.
Im Januar 1945 erhielt er erneut einen Posten.
Diesmal führte sein Weg nach Norwegen.
Dort wurde er Kommandant des Polizeihäftlingslagers Grini.
Und hier taucht ein Widerspruch auf, der seine spätere Verteidigung vor Gericht besonders kompliziert machen sollte.
In Grini behandelte Aumeier die Gefangenen anders als in Auschwitz oder Flossenbürg.
Er arbeitete mit dem norwegischen Roten Kreuz zusammen.
Das Rote Kreuz erhielt Zugang zum Lager.
Die Gefangenen bekamen Unterstützung.
Und am 7. Mai 1945 ließ Aumeier die Gefangenen frei.
Warum verhielt sich derselbe Mann, der zuvor in Konzentrationslagern an brutalsten Maßnahmen beteiligt gewesen war, plötzlich vergleichsweise zurückhaltend?
Eine einfache Antwort gibt es darauf nicht.
Vielleicht erkannte er, dass das Deutsche Reich den Krieg verlieren würde.
Vielleicht wollte er sich selbst absichern.
Vielleicht hatte er verstanden, dass die Zeit der Straflosigkeit vorbei war.
Vielleicht war die Situation in Grini anders, weil norwegische und internationale Beobachter viel stärker präsent waren.
Was auch immer der Grund gewesen sein mag, es änderte nichts an seiner Vergangenheit.
Am 8. Mai 1945 kapitulierte Deutschland.
Der Krieg in Europa war vorbei.
Für Millionen Menschen bedeutete die Kapitulation Befreiung.
Für Männer wie Aumeier begann die Zeit der Abrechnung.
Er versuchte zunächst, unterzutauchen.
Doch die britischen Streitkräfte fanden ihn.
Am 11. Juni 1945 wurde Hans Aumeier in seiner SS-Uniform festgenommen.
Damit begann der letzte Abschnitt seines Lebens.
Aumeier wurde nach Polen ausgeliefert.
Dort sollte er sich für seine Tätigkeit in Auschwitz verantworten.
Der Auschwitz-Prozess begann am 24. November 1947.
Für Aumeier war es die Gelegenheit, seine Geschichte selbst zu erzählen.
Und genau das tat er.
Er behauptete, von den Gaskammern nichts gewusst zu haben.
Er erklärte, er habe niemals selbst jemanden getötet.
Die Beweise gegen ihn seien, so seine Darstellung, vor allem auf Zeugen aufgebaut, die ihn aus Hass beschuldigten.
Aumeier stellte sich damit als Opfer einer nachträglichen Abrechnung dar.
Er ging noch weiter.
Falls das Gericht ihn zum Tode verurteilen sollte, werde er als Sündenbock für Deutschland sterben.
Das war die Geschichte, die er erzählen wollte.
Nicht Täter.
Sondern Opfer.
Nicht Verantwortlicher.
Sondern jemand, der Befehle ausgeführt hatte.
Nicht Teil des Terrors.
Sondern ein Mann, den Überlebende nach dem Krieg aus persönlichen Gründen belasteten.
Doch die Anklage verfügte über Zeugenaussagen, Dokumente und die Geschichte seiner eigenen Karriere.
Aumeier war nicht nur für wenige Wochen in einem Lager eingesetzt gewesen.
Sein gesamtes berufliches Leben innerhalb der SS war mit dem Konzentrationslagersystem verbunden.
Dachau.
Esterwegen.
Lichtenburg.
Buchenwald.
Flossenbürg.
Auschwitz.
Vaivara.
Kaufering.
Grini.
Jedes Lager bedeutete eine neue Position innerhalb des Systems.
Jede Beförderung bedeutete mehr Verantwortung.
Und je höher Aumeier aufstieg, desto größer wurde seine Kontrolle über Gefangene.
In Auschwitz war er stellvertretender Kommandant.
Er konnte Befehle erteilen.
Er kontrollierte Arbeitsabläufe.
Er war an Bestrafungen beteiligt.
Er war bei Hinrichtungen anwesend.
Er nahm an Selektionen teil.
Das Bild eines unwissenden Untergebenen war schwer mit dieser Realität zu vereinbaren.
Hinzu kamen die Aussagen von Überlebenden.
Sie beschrieben Aumeier nicht als distanzierten Verwaltungsbeamten.
Sie erinnerten sich an einen Mann, dessen Erscheinen Angst auslöste.
Einen Mann, der Gefangene anschrie.
Der Schläge anordnete.
Der bei Bestrafungen selbst eingriff.
Der Todesurteile mittrug.
Und der sich an der Gewalt beteiligte.
Besonders schwer wogen die Ereignisse in Flossenbürg und Auschwitz.
Die Strafkompanie.
Die Massenerschießungen.
Die Vergeltungsmaßnahmen nach dem Fluchtversuch.
Die Selektionen.
Die Behandlung kranker und erschöpfter Häftlinge.
All das konnte nicht einfach verschwinden, nur weil Aumeier vor Gericht behauptete, nichts gewusst zu haben.
Am 22. Dezember 1947 fiel das Urteil.
Das Oberste Nationale Tribunal Polens in Krakau verurteilte Hans Aumeier zum Tod durch den Strang.
Er war einundvierzig Jahre alt.
Zwischen seinem Eintritt in die SS 1929 und seinem Todesurteil lagen weniger als zwei Jahrzehnte.
In dieser Zeit hatte er sich vom jungen Arbeiter zum hochrangigen Funktionär des Konzentrationslagersystems entwickelt.
Am 24. Januar 1948 wurde Hans Aumeier hingerichtet.
Sein Leben endete damit nicht als Geschichte eines Mannes, der zufällig in eine Diktatur geraten war.
Es endete als Geschichte eines Mannes, der sich früh für eine Organisation entschieden hatte, deren Macht auf Gehorsam, Rassismus und Gewalt beruhte.
Und diese Entscheidung bestimmte seine gesamte Karriere.
Vielleicht ist gerade das der wichtigste Punkt seiner Biografie.
Aumeier war nicht 1933 plötzlich ein anderer Mensch geworden.
Er war Schritt für Schritt in ein System hineingegangen.
Er hatte sich angeschlossen.
Er hatte Beförderungen angenommen.
Er hatte Verantwortung übernommen.
Er hatte Gewalt ausgeübt.
Und immer wieder hätte es theoretisch Möglichkeiten gegeben, sich zu entfernen.
Doch er blieb.
Nach dem Krieg versuchte er, diese Entscheidungen umzudeuten.
Er behauptete, nichts gewusst zu haben.
Er behauptete, nicht selbst getötet zu haben.
Er behauptete, seine Ankläger würden ihn aus Hass verfolgen.
Doch ein Konzentrationslager funktioniert nicht nur durch einzelne Mörder.
Es funktioniert durch ein System.
Durch Menschen, die Befehle weitergeben.
Durch Männer, die Appelle organisieren.
Durch Wachmannschaften.
Durch Verwaltungsbeamte.
Durch Transporte.
Durch Selektionen.
Durch Menschen, die entscheiden, wer arbeiten darf und wer nicht.
Durch jene, die Strafen anordnen.
Durch jene, die Türen schließen.
Aumeier war Teil dieses Systems.
Und genau deshalb ist seine Geschichte wichtig.
Nicht weil er der bekannteste NS-Täter war.
Sondern weil seine Biografie zeigt, wie ein scheinbar gewöhnlicher Mann innerhalb einer Diktatur immer größere Verantwortung für Verbrechen übernehmen konnte.
Er begann als junger Arbeiter in einer Waffenfabrik.
Er endete als SS-Kommandant.
Dazwischen lagen Konzentrationslager, Zwangsarbeit, Folter, Hinrichtungen und der Holocaust.
Seine Geschichte zeigt auch, wie gefährlich die Vorstellung ist, große Verbrechen würden ausschließlich von wenigen fanatischen Führern begangen.
Hitler konnte keine Lager alleine betreiben.
Himmler konnte keine Häftlinge persönlich bewachen.
Die SS brauchte Männer.
Männer wie Aumeier.
Sie brauchte Menschen, die Befehle ausführten und dabei ihre eigene Verantwortung verdrängten.
Aumeier war einer von ihnen.
Heute erinnern sich viele Menschen an die Namen der Opfer von Auschwitz, Buchenwald, Dachau und Flossenbürg.
Ihre Namen sollten nicht von den Namen ihrer Täter überdeckt werden.
Denn hinter jeder Zahl stand ein Mensch.
Ein Vater.
Eine Mutter.
Ein Kind.
Ein Journalist.
Ein Arbeiter.
Ein Student.
Ein politischer Gegner.
Ein jüdischer Mann oder eine jüdische Frau.
Ein polnischer Gefangener.
Ein Mensch, dessen Leben durch das NS-System ausgelöscht werden sollte.
Die Täter wollten bestimmen, wer leben durfte.
Die Geschichte hat ihnen diese Macht nicht für immer gelassen.
Das Konzentrationslagersystem verschwand.
Das Dritte Reich verschwand.
Die SS verschwand.
Die Hakenkreuzflaggen verschwanden.
Doch die Erinnerung blieb.
Und deshalb sind auch die Aussagen der Überlebenden so wichtig.
Sie verhinderten, dass Täter wie Aumeier ihre eigene Geschichte vollständig kontrollieren konnten.
Vor Gericht konnte er behaupten, ein Sündenbock zu sein.
Aber die Zeugenaussagen widersprachen ihm.
Er konnte behaupten, nichts gewusst zu haben.
Doch seine Positionen und seine Befehle erzählten eine andere Geschichte.
Er konnte behaupten, nie selbst jemanden getötet zu haben.
Doch Verantwortung besteht nicht erst in dem Moment, in dem jemand selbst den Abzug betätigt.
Wer Befehle erteilt.
Wer Strafen anordnet.
Wer Gefangene selektiert.
Wer eine Organisation führt, deren Zweck Ausbeutung und Vernichtung ist.
trägt Verantwortung.
Am Ende konnte Aumeier dieser Verantwortung nicht entkommen.
Sein Tod machte die Opfer nicht wieder lebendig.
Er löschte Auschwitz nicht aus.
Er heilte keine Überlebenden.
Er brachte keine Familien zurück.
Deshalb ist es falsch, sein Todesurteil als irgendeine Form von Ausgleich zu betrachten.
Gerechtigkeit kann die Vergangenheit nicht reparieren.
Sie kann nur feststellen, was geschehen ist und wer dafür verantwortlich war.
Und genau das geschah 1947 in Krakau.
Hans Aumeier wurde verurteilt.
Ein Jahr später war er tot.
Doch Auschwitz blieb.
Die Namen der Ermordeten blieben.
Die Zeugnisse blieben.
Die Fotografien blieben.
Die Dokumente blieben.
Und die Erinnerung blieb.
Vielleicht ist das die wichtigste Lehre aus der Geschichte von Hans Aumeier.
Nicht jeder Täter sieht sich selbst als Täter.
Manche behaupten bis zum letzten Moment, sie hätten nur Befehle ausgeführt.
Manche erklären, andere seien schuld.
Manche nennen sich selbst Opfer.
Aber Geschichte beurteilt Menschen nicht danach, welche Geschichte sie über sich selbst erzählen.
Sie beurteilt sie nach ihren Entscheidungen und ihren Handlungen.
Hans Aumeier hatte viele Möglichkeiten, andere Wege zu wählen.
Er entschied sich für die SS.
Er blieb im System.
Er stieg auf.
Und er nutzte seine Macht gegen Menschen, die ihm ausgeliefert waren.
Das ist sein Vermächtnis.
Nicht sein letzter Satz.
Nicht seine Selbstverteidigung vor Gericht.
Nicht seine Behauptung, ein Sündenbock zu sein.
Sondern die Spuren, die sein Handeln in den Leben der Menschen hinterließ, die unter seiner Herrschaft leiden mussten.
Wenn euch diese Geschichte über Hans Aumeier beschäftigt hat, schreibt gern in die Kommentare, welcher Abschnitt seiner Karriere euch am meisten erschüttert hat: Dachau, Flossenbürg, seine Zeit als stellvertretender Kommandant von Auschwitz oder sein späterer Einsatz in Vaivara und Kaufering.
Und wenn ihr weitere historische Geschichten über die weniger bekannten Täter, Opfer und Überlebenden des Zweiten Weltkriegs hören möchtet, könnt ihr den Kanal gern unterstützen, abonnieren und bei der nächsten Geschichte wieder dabei sein.
Denn die Namen der Täter dürfen erinnert werden, damit ihre Verbrechen nicht vergessen werden.
Aber noch wichtiger ist, dass die Namen der Opfer niemals verschwinden.
Denn Geschichte gehört nicht denen, die am lautesten über sich selbst erzählen.
Sie gehört auch denen, die nicht mehr sprechen können.


