TEIL 1 – DAS MÄDCHEN, DAS NUR SCHREIBEN WOLLTE
Am 4. August 1944 drangen bewaffnete Männer in ein unscheinbares Gebäude an der Prinsengracht 263 in Amsterdam ein. Für die meisten Menschen war es nur ein Geschäftshaus. Ein Ort mit Büros, Lagerflächen und einem Eingang, an dem täglich Mitarbeiter ein- und ausgingen. Doch hinter einem beweglichen Bücherregal befand sich etwas, das fast niemand kannte: ein versteckter Anbau, in dem acht Menschen mehr als zwei Jahre lang versucht hatten, dem nationalsozialistischen Terror zu entkommen.

An diesem Tag endete ihr Versteck.
Aber eine Geschichte begann gerade erst.
Denn unter den zurückgelassenen Papieren befand sich ein Tagebuch eines dreizehnjährigen Mädchens. Ein Tagebuch voller Gedanken, Ängste, Hoffnungen und Träume. Ein Tagebuch, das Jahrzehnte später Millionen Menschen auf der ganzen Welt erreichen sollte.
Ihr Name war Anne Frank.
Wenn euch Geschichten interessieren, in denen einzelne Menschen hinter den großen Ereignissen der Geschichte sichtbar werden, bleibt bis zum Ende dabei. Denn Anne Franks Leben war nicht nur die Geschichte eines jüdischen Mädchens im Holocaust. Es war die Geschichte einer Tochter, einer Schwester, einer Schriftstellerin in spe und eines Menschen, der trotz Angst und Verfolgung niemals aufgehört hatte, an eine bessere Zukunft zu glauben.
Anne Frank wurde am 12. Juni 1929 in Frankfurt am Main geboren.
Ihr vollständiger Name lautete Anneliese Marie Frank.
Ihre Eltern hießen Otto und Edith Frank.
Sie hatte eine ältere Schwester namens Margot, die drei Jahre älter war.
Die Familie Frank lebte in Frankfurt in einer Umgebung, die für viele jüdische Familien dieser Zeit typisch war: Sie waren jüdisch, aber stark in die deutsche Gesellschaft integriert.
Sie sprachen Deutsch.
Sie hatten Freunde verschiedener Religionen.
Sie fühlten sich als Teil ihres Landes.
Religion spielte im Alltag zwar eine Rolle, aber die Familie lebte nicht isoliert.
Anne und Margot hatten eine glückliche Kindheit.
Sie spielten im Garten.
Sie trafen Nachbarskinder.
Sie gingen zur Schule.
Anne war neugierig, lebhaft und sprach gerne.
Schon als Kind liebte sie Geschichten.
Sie schrieb kleine Texte.
Sie beobachtete Menschen.
Sie wollte verstehen, warum Menschen so handelten, wie sie handelten.
Niemand konnte damals wissen, dass genau diese Fähigkeit später der Grund sein würde, warum ihr Name niemals vergessen werden würde.
Doch die Welt um sie herum veränderte sich.
Am 30. Januar 1933 ernannte Reichspräsident Paul von Hindenburg Adolf Hitler zum Reichskanzler.
Dieser Moment veränderte Deutschland grundlegend.
Die Nationalsozialisten begannen innerhalb kürzester Zeit, demokratische Strukturen abzubauen.
Politische Gegner wurden verfolgt.
Konzentrationslager wurden eingerichtet.
Menschen, die das Regime als Feinde betrachtete, wurden verhaftet.
Dazu gehörten politische Gegner, aber auch jüdische Menschen, Homosexuelle, Zeugen Jehovas und andere Gruppen.
Für jüdische Familien wurde das Leben zunehmend gefährlicher.
Auch die Familie Frank spürte die Veränderung.
Antisemitische Gesetze wurden eingeführt.
Juden verloren Rechte.
Sie wurden aus Berufen gedrängt.
Sie wurden öffentlich ausgegrenzt.
Für Otto Frank war klar, dass er seine Familie schützen musste.
Er erkannte früh, dass Deutschland für jüdische Menschen kein sicherer Ort mehr war.
1933 entschied er sich, das Land zu verlassen.
Die Familie zog in die Niederlande.
Amsterdam sollte ihre neue Heimat werden.
Otto Frank begann dort ein neues Geschäft aufzubauen.
Er gründete eine Niederlassung der Firma Opekta, die mit Pektin handelte, einem Geliermittel, das beispielsweise für die Herstellung von Marmelade verwendet wurde.
Später gründete er zusätzlich Pectacon, ein Unternehmen für Gewürze und Kräuter.
Der Aufbau eines neuen Lebens war nicht einfach.
Otto musste hart arbeiten.
Er musste Kontakte knüpfen.
Er musste seine Familie finanziell absichern.
Doch langsam schien es zu funktionieren.
Anne und Margot fanden sich in Amsterdam schnell zurecht.
Am Anfang war die Sprache ungewohnt.
Doch beide lernten Niederländisch.
Sie besuchten Schulen.
Sie fanden Freunde.
Margot galt als sehr gute Schülerin.
Anne war lebhaft und beliebt.
Für einige Jahre schien es, als hätte die Familie den richtigen Schritt gemacht.
Als hätte sie dem Hass entkommen können.
Doch die Gefahr blieb.
Denn der Nationalsozialismus blieb nicht innerhalb der deutschen Grenzen.
Am 1. September 1939 begann Deutschland den Zweiten Weltkrieg mit dem Überfall auf Polen.
Am 10. Mai 1940 marschierten deutsche Truppen in die Niederlande ein.
Die niederländische Armee leistete Widerstand.
Doch die militärische Übermacht Deutschlands war zu groß.
Die deutsche Luftwaffe griff wichtige Ziele an.
Fallschirmjäger wurden eingesetzt.
Am 14. Mai wurde Rotterdam bombardiert.
Das historische Zentrum der Stadt wurde fast vollständig zerstört.
Die deutschen Streitkräfte drohten, weitere Städte auf ähnliche Weise anzugreifen.
Am nächsten Tag kapitulierten die Niederlande.
Das Land wurde besetzt.
Für die jüdische Bevölkerung begann nun die Verfolgung, vor der viele geglaubt hatten, sicher geflohen zu sein.
Das Regime führte Schritt für Schritt neue Regeln ein.
Jüdische Beamte verloren ihre Arbeit.
Juden mussten sich registrieren lassen.
Sie durften bestimmte Orte nicht mehr besuchen.
Parks.
Kinos.
Nichtjüdische Geschäfte.
Das öffentliche Leben wurde immer stärker eingeschränkt.
Für Anne bedeutete das, dass sich ihre Welt immer weiter verkleinerte.
Sie durfte nicht mehr dieselbe Schule besuchen wie zuvor.
Jüdische Kinder wurden gezwungen, getrennte Schulen zu besuchen.
Freunde verschwanden aus ihrem Alltag.
Freiheiten, die vorher selbstverständlich gewesen waren, wurden plötzlich verboten.
Auch Otto Frank verlor seine berufliche Sicherheit.
Juden durften keine Unternehmen mehr besitzen.
Doch Otto hatte vorgesorgt.
Er übertrug die Kontrolle über seine Firmen rechtzeitig an Mitarbeiter, damit sie nicht direkt in die Hände der Nationalsozialisten fielen.
Trotzdem wurde die Lage immer gefährlicher.
1941 wurden jüdische Männer verhaftet und deportiert.
Unter ihnen waren Bekannte der Familie Frank.
Nach und nach kamen Berichte über Menschen zurück, die nicht zurückgekehrt waren.
Über Lager.
Über Gewalt.
Über Tod.
Otto erkannte, dass seine Familie nicht mehr sicher war.
Er versuchte, eine Ausreise in die Vereinigten Staaten oder nach Kuba zu organisieren.
Doch die notwendigen Dokumente zu bekommen, war fast unmöglich.
Die Grenzen waren geschlossen.
Die Welt befand sich im Krieg.
Und Millionen Menschen suchten gleichzeitig verzweifelt nach einem Weg aus Europa.
Im Frühjahr 1942 begann Otto Frank deshalb, eine andere Möglichkeit vorzubereiten.
Ein Versteck.
In seinem Geschäftshaus an der Prinsengracht 263 gab es einen hinteren Gebäudeteil.
Diesen Bereich ließ er vorbereiten.
Regale wurden aufgestellt.
Räume wurden eingerichtet.
Ein geheimer Zugang entstand.
Ein drehbares Bücherregal sollte später den Eingang zum Hinterhaus verbergen.
Es war kein komfortabler Ort.
Es war kein Zuhause.
Es war ein Versteck.
Ein Ort, an dem Menschen nicht leben sollten.
Sondern überleben mussten.
Am 12. Juni 1942 feierte Anne ihren dreizehnten Geburtstag.
Es war vermutlich einer der letzten wirklich glücklichen Tage ihrer Kindheit.
Sie bekam viele Geschenke.
Unter anderem ein Tagebuch.
Ein kleines kariertes Buch.
Damals konnte niemand wissen, dass genau dieses Buch eines Tages zu einem der bekanntesten Dokumente über den Holocaust werden würde.
Anne begann darin zu schreiben.
Nicht für die Welt.
Nicht für Historiker.
Für sich selbst.
Sie gab dem Tagebuch sogar einen Namen.
Sie nannte es Kitty.
In ihren ersten Einträgen schrieb sie über Schule, Freundinnen, Familie und ihre Gedanken.
Noch war nicht alles von Angst bestimmt.
Noch war sie ein dreizehnjähriges Mädchen.
Dann kam der Moment, der alles veränderte.
Am 5. Juli 1942 erhielt Margot Frank eine Aufforderung, sich für ein Arbeitslager in Deutschland zu melden.
Für die Familie war klar, was das bedeutete.
Sie kannten die Berichte.
Sie wussten, dass Menschen, die in solche Lager geschickt wurden, oft nicht zurückkehrten.
Es gab keine Zeit mehr.
Am nächsten Morgen verschwanden die Franks.
Nicht mit einem großen Abschied.
Nicht mit Gepäckkoffern voller Erinnerungen.
Sie gingen früh am Morgen.
Zu Fuß.
Mit mehreren Kleidungsstücken übereinander, weil sie keine großen Taschen tragen durften.
Die Familie zog in das vorbereitete Hinterhaus.
Dort begann eine Zeit, die 761 Tage dauern sollte.
761 Tage voller Angst.
761 Tage ohne normales Leben.
761 Tage, in denen jedes Geräusch gefährlich werden konnte.
Im Geheimen Hinterhaus lebten zunächst:
Otto Frank.
Edith Frank.
Margot Frank.
Anne Frank.
Eine Woche später kam die Familie van Pels hinzu:
Hermann van Pels.
Auguste van Pels.
Ihr sechzehnjähriger Sohn Peter.
Im November 1942 schloss sich außerdem Fritz Pfeffer an, ein Zahnarzt und Bekannter der Familie.
Acht Menschen.
Drei Stockwerke.
Ein versteckter Eingang.
Ein Raum, der gleichzeitig Schutz und Gefängnis war.
Sie waren vollständig abhängig von wenigen Helfern außerhalb des Verstecks.
Menschen, die für sie Lebensmittel besorgten.
Kleidung.
Bücher.
Nachrichten.
Diese Helfer riskierten damit ihr eigenes Leben.
Zu ihnen gehörten Mitarbeiter und Freunde von Otto Frank.
Ohne sie hätten die acht Menschen im Hinterhaus nicht überleben können.
Der Alltag im Versteck folgte strengen Regeln.
Laut sein war gefährlich.
Besonders während der Arbeitszeit im Lagerhaus unter dem Hinterhaus.
Ab etwa 8:30 Uhr arbeiteten dort Menschen, die nichts von den versteckten Bewohnern wissen durften.
Ein Schritt.
Ein fallender Gegenstand.
Ein Wasserhahn.
Jedes Geräusch konnte den Tod bedeuten.
Der Vormittag bestand aus Lesen, Lernen und leisen Tätigkeiten.
Das Mittagessen wurde vorbereitet.
Um die Mittagszeit kamen manchmal Helfer nach oben.
Sie brachten Nachrichten.
Sie brachten Lebensmittel.
Sie gaben den Menschen im Versteck für kurze Zeit das Gefühl, nicht völlig von der Welt abgeschnitten zu sein.
Am Nachmittag schrieb Anne.
Sehr viel.
Ihr Tagebuch wurde zu ihrem Gesprächspartner.
Sie schrieb über Streit.
Über Angst.
Über Langeweile.
Über ihre Familie.
Über ihre Gefühle.
Sie schrieb auch über ihren Wunsch, Schriftstellerin oder Journalistin zu werden.
Vielleicht war genau das der Grund, warum ihre Aufzeichnungen später so kraftvoll wirkten.
Anne schrieb nicht wie eine Historikerin.
Sie schrieb wie ein Mädchen, das versucht zu verstehen, was mit ihr und der Welt passiert.
Sie beschrieb ihre Mutter.
Ihre Konflikte mit Edith.
Ihre Beziehung zu Margot.
Ihre Gedanken über Liebe und Erwachsenwerden.
Und sie beschrieb Peter.
Am Anfang hielt sie ihn für langweilig.
Doch im Laufe der Zeit entstand zwischen den beiden eine vorsichtige Nähe.
Im Versteck erlebten sie etwas, das kaum ein Mensch erleben sollte.
Sie mussten erwachsen werden, während sie gleichzeitig wie Kinder behandelt wurden, die nicht nach draußen durften.
Die Gefahr wurde jedoch größer.
Ab September 1942 entstanden Spezialeinheiten, die gezielt nach untergetauchten Juden suchten.
Viele Niederländer halfen den Verfolgten.
Andere verrieten sie.
Schätzungen zufolge versteckten sich etwa 25.000 jüdische Menschen in den Niederlanden.
Ein Teil überlebte.
Ein Teil wurde entdeckt.
Auch die Menschen im Hinterhaus gehörten schließlich zu denjenigen, die gefunden wurden.
Doch bis heute bleibt die Frage offen:
Wer verriet sie?
Am 4. August 1944 endeten die 761 Tage im Versteck.
Die Tür wurde geöffnet.
Bewaffnete Männer betraten das Gebäude.
Und hinter dem Bücherregal fanden sie die acht Menschen, die dort so lange überlebt hatten.
Anne Frank.
Das Mädchen, das jeden Tag geschrieben hatte.
Das Mädchen, das glaubte, eines Tages ihre Geschichte veröffentlichen zu können.
Jetzt wurde ihr Tagebuch zur letzten Verbindung zwischen ihrem Leben und der Welt draußen.
Doch niemand im Hinterhaus wusste in diesem Moment, dass eines dieser kleinen Bücher Jahrzehnte später Millionen Menschen erreichen würde.
Sie wussten nur eines:
Sie waren entdeckt worden.
Und nun begann eine Reise, die für fast alle von ihnen in den Tod führen würde……
FORTSETZUNG IN TEIL 2

