TEIL 1 – DER WEG ZU EINEM DER DUNKELSTEN ORTE DES HOLOCAUST
Herbst 1941.
Das von Deutschland besetzte Polen war zu einem der wichtigsten Schauplätze eines Verbrechens geworden, das später als einer der größten Völkermorde der Geschichte bekannt werden sollte.

Unter dem Decknamen Operation Reinhard begann das nationalsozialistische Deutschland mit einem Plan, der die systematische Ermordung von Millionen jüdischer Menschen vorsah.
Es war die tödlichste Phase der sogenannten „Endlösung“.
Drei Vernichtungslager wurden speziell für diesen Zweck errichtet:
Belzec.
Sobibor.
Treblinka.
Diese Orte waren nicht als Gefängnisse gedacht.
Nicht als Arbeitslager.
Sie waren Fabriken des Todes.
Zwischen 1942 und 1943 wurden allein in diesen Lagern schätzungsweise 1,5 Millionen Juden ermordet.
Doch hinter jedem System stehen Menschen.
Menschen, die Befehle geben.
Menschen, die sie ausführen.
Menschen, die Gewalt zu ihrem Alltag machen.
Einer dieser Männer wurde nach dem Krieg unter einem Namen bekannt, der bis heute Schrecken auslöst:
Ivan der Schreckliche.
Sein richtiger Name war Ivan Marchenko.
Ein Mann, dessen Geschichte zeigt, wie ein gewöhnlicher Mensch Teil eines mörderischen Systems werden konnte.
Wenn euch historische Geschichten interessieren, die zeigen, wie einzelne Personen innerhalb großer Verbrechen handelten und welche Folgen ihre Entscheidungen hatten, bleibt bis zum Ende dabei.
Denn die Geschichte von Ivan Marchenko ist nicht nur die Geschichte eines Täters.
Sie ist auch die Geschichte eines Systems, das Menschen in Werkzeuge der Vernichtung verwandelte.
Ivan Marchenko wurde am 2. März 1911 im ukrainischen Dorf Seryje geboren.
Damals gehörte das Gebiet noch zum Russischen Kaiserreich.
Über seine Kindheit ist wenig bekannt.
Vor dem Zweiten Weltkrieg führte er ein relativ gewöhnliches Leben.
Er heiratete.
Er gründete eine Familie.
Er wurde Vater von drei Kindern.
Um seine Familie zu ernähren, arbeitete er als Bergmann.
Nichts deutete darauf hin, dass sein Name später mit einem der grausamsten Orte der Menschheitsgeschichte verbunden werden würde.
Doch Europa veränderte sich.
Am 1. September 1939 begann der Zweite Weltkrieg.
Deutschland griff Polen an.
Großbritannien und Frankreich erklärten Deutschland den Krieg, nachdem sie Polen Unterstützung zugesichert hatten.
Doch Polen wurde innerhalb weniger Wochen zwischen zwei Mächten zerrissen.
Am 17. September 1939 marschierte die Sowjetunion von Osten her ein.
Nach einem geheimen Zusatzprotokoll des deutsch-sowjetischen Nichtangriffspaktes teilten Deutschland und die Sowjetunion Polen untereinander auf.
Warschau kapitulierte am 28. September 1939.
Der polnische Widerstand endete wenig später.
Für Millionen Menschen begann eine Zeit der Besatzung, Gewalt und Verfolgung.
Doch der nächste große Wendepunkt kam im Juni 1941.
Am 22. Juni startete Nazi-Deutschland die Operation Barbarossa.
Der Angriff auf die Sowjetunion.
Mehr als drei Millionen deutsche Soldaten griffen gemeinsam mit Verbündeten auf breiter Front an.
Von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer.
Die sowjetischen Streitkräfte wurden in den ersten Monaten schwer getroffen.
Millionen Soldaten gerieten in deutsche Gefangenschaft.
Einer von ihnen war Ivan Marchenko.
Marchenko war erst kurz zuvor zur Roten Armee eingezogen worden.
Am 27. Mai 1941 trat er der sowjetischen Infanterie bei.
Nur wenige Wochen später, am 10. Juli 1941, geriet er in deutsche Gefangenschaft.
Für viele sowjetische Kriegsgefangene bedeutete dies fast ein sicheres Todesurteil.
Die nationalsozialistische Ideologie betrachtete sowjetische Soldaten als rassische und politische Feinde.
Von den Millionen gefangenen Rotarmisten starben mehr als die Hälfte durch Hunger, Krankheiten, Misshandlungen oder gezielte Vernachlässigung.
Sowjetische Kriegsgefangene wurden nach jüdischen Menschen zu einer der größten Opfergruppen der nationalsozialistischen Rassenpolitik.
Doch Marchenko überlebte.
Statt getötet zu werden, wurde er in ein deutsches Kriegsgefangenenlager gebracht.
Das Lager befand sich in Chełm im besetzten Polen.
Dort sollte sich sein Leben in eine Richtung verändern, die ihn später an einen der grausamsten Orte der Welt führen würde.
Im Oktober 1941 wurde Marchenko für das Ausbildungslager Trawniki ausgewählt.
Trawniki war ein spezielles Lager, in dem die SS sowjetische Kriegsgefangene zu sogenannten Hilfspolizisten ausbildete.
Diese Männer wurden später als Trawniki-Männer bekannt.
Zwischen 1941 und 1942 wurden dort etwa 2.500 Männer ausgebildet.
Sie erhielten Uniformen.
Waffen.
Eine militärische Ausbildung.
Und sie wurden in die Strukturen des nationalsozialistischen Terrors integriert.
Ihr Haupteinsatzgebiet war die Operation Reinhard.
Die Trawniki-Männer wurden nicht nur als einfache Wachen eingesetzt.
Sie begleiteten Deportationen.
Sie bewachten Transporte.
Sie unterstützten die SS bei Aktionen gegen jüdische Gemeinden.
Sie wurden in Ghettos eingesetzt.
Unter anderem in Warschau.
Lublin.
Krakau.
Ihre Aufgabe bestand darin, Menschen zusammenzutreiben und sie in Vernichtungslager zu bringen.
Im Februar 1942 wurde Ivan Marchenko erstmals bei einer solchen Aktion erwähnt.
Er war an der Zusammenstellung jüdischer Menschen in Lublin beteiligt, die später deportiert werden sollten.
Wenige Monate später kam der Ort, der seinen Namen für immer prägen sollte.
Treblinka.
Das Vernichtungslager Treblinka wurde im Sommer 1942 errichtet.
Es war nach Belzec und Sobibor das dritte große Lager der Operation Reinhard.
Anders als Konzentrationslager wie Dachau oder Auschwitz war Treblinka fast ausschließlich für die sofortige Ermordung der Deportierten gebaut worden.
Die meisten Menschen, die dort ankamen, hatten keine Chance zu überleben.
Die Transporte kamen hauptsächlich aus dem Warschauer Ghetto und anderen Gebieten des Generalgouvernements.
Die Opfer wurden in Zügen gebracht.
Viele wussten nicht, wohin sie kamen.
Die Nationalsozialisten täuschten sie.
Treblinka sollte wie ein Durchgangslager wirken.
Ein Ort, an dem Menschen angeblich registriert und weitergeleitet wurden.
Doch alles war eine Lüge.
Die Züge hielten zunächst am Bahnhof von Malkinia.
Dann wurden die Waggons getrennt.
Jeweils Gruppen von etwa 20 Waggons wurden direkt zum Vernichtungsbereich gebracht.
Dort begann ein sorgfältig geplantes Täuschungssystem.
Der Ankunftsbereich sah teilweise wie ein Bahnhof aus.
Es gab eine falsche Uhr.
Gefälschte Schilder.
Einen nachgebauten Fahrkartenschalter.
Alles sollte die Opfer beruhigen.
Die Menschen wurden gezwungen auszusteigen.
Männer wurden von Frauen und Kindern getrennt.
Sie mussten ihre Kleidung und Wertgegenstände abgeben.
Die Besitztümer der Ermordeten wurden sortiert und später weiterverwendet.
Dann kam der letzte Weg.
Ein umzäunter Korridor, den die Gefangenen „die Röhre“ nannten.
Die Menschen wurden nackt zu den Gaskammern getrieben.
Die Kammern waren als Duschen getarnt.
Doch dort wartete kein Wasser.
Ein Dieselmotor erzeugte Kohlenmonoxid, das in die Räume geleitet wurde.
Innerhalb kurzer Zeit starben die Menschen.
Viele Überlebende beschrieben später die unvorstellbare Enge.
Die Körper standen teilweise noch aufrecht, weil kein Platz vorhanden war, um zu fallen.
Und während dieser gesamte Prozess ablief, standen Männer wie Ivan Marchenko daneben.
Sie bewachten.
Sie trieben Menschen an.
Sie sorgten dafür, dass das System funktionierte.
Bei den Gaskammern arbeiteten sogenannte Motoristen.
Viele von ihnen waren Trawniki-Männer.
Sie bedienten die Motoren.
Sie schlugen Gefangene.
Sie sorgten dafür, dass die Opfer in die Kammern getrieben wurden.
In Treblinka entwickelte sich Marchenko zu einem besonders gefürchteten Wachmann.
Überlebende berichteten später von seiner außergewöhnlichen Brutalität.
Er soll Menschen mit Peitschen geschlagen haben.
Er soll Gefangene mit einem Rohr misshandelt haben.
Sein Spitzname wurde:
Ivan der Schreckliche.
Ein Name, der nicht wegen seiner Herkunft entstand.
Sondern wegen dessen, was Überlebende über ihn berichteten.
Der ehemalige Häftling Jehiel Reichman schilderte später die Atmosphäre in Treblinka.
Wenn keine neuen Transporte erwartet wurden, wurden Menschen teilweise tagelang in den Kammern eingeschlossen.
Als die Türen geöffnet wurden, waren die Leichen durch die Enge miteinander verbunden.
Die Erinnerung daran blieb für die Überlebenden lebenslang bestehen.
Doch Marchenkos Gewalt beschränkte sich nicht nur auf die Gaskammern.
Zeugenaussagen nach dem Krieg beschrieben weitere grausame Handlungen.
Misshandlungen.
Folter.
Sexuelle Gewalt gegen weibliche Gefangene.
Er soll Frauen auf dem Weg zu den Gaskammern mit einem Schwert verletzt haben.
Er soll seinen Hund gegen Gefangene eingesetzt haben.
Die Berichte der Überlebenden zeichnen das Bild eines Mannes, der seine Macht über hilflose Menschen genoss.
Doch während die Täter sich sicher fühlten, wuchs im Lager der Widerstand.
Denn die Gefangenen wussten:
Treblinka bedeutete fast immer den Tod.
Und sie wussten auch:
Wenn sie nichts taten, würde niemand von ihnen übrig bleiben.
Im Frühjahr und Sommer 1943 begann eine kleine Gruppe jüdischer Häftlinge, einen Aufstand vorzubereiten.
Sie wussten, dass die SS das Lager bald auflösen könnte.
Sie wussten, dass sie möglicherweise als Zeugen ermordet werden würden.
Am 2. August 1943 begann die Revolte.
Gefangene stahlen Waffen aus der Lagerkammer.
Doch der Plan wurde teilweise entdeckt.
Trotzdem entschieden sie sich zu handeln.
Hunderte Menschen stürmten in Richtung Ausgang.
Schüsse fielen.
Viele wurden getötet.
Doch mehr als 300 Gefangene konnten entkommen.
Für kurze Zeit hatte ein Ort, der für absolute Kontrolle gebaut worden war, seine Macht verloren.
Doch für Ivan Marchenko und die anderen Täter begann nun eine neue Phase.
Die Spuren von Treblinka sollten verschwinden.
Das Lager wurde aufgelöst.
Gebäude wurden zerstört.
Das Gelände wurde umgegraben.
Die Nationalsozialisten wollten die Erinnerung an ihre Verbrechen auslöschen.
Doch die Namen der Täter sollten nicht vergessen werden.
Und Ivan Marchenko sollte für Jahrzehnte einer der meistgesuchten Männer des Holocaust bleiben.
Denn nach dem Krieg verschwand er.
Und niemand wusste genau, wohin.
Aber seine Geschichte war noch nicht beendet…
FORTSETZUNG IN TEIL 2

