Meine Frau Margarete legte ihre kalte Hand auf meinen Arm und flüsterte: „Rudolf, hier stimmt etwas nicht. Ich muss dir etwas zeigen. “ Wir saßen mitten in unserem Wohnzimmer, umgeben von Luftballons und dem Duft nach Apfelkuchen. Es war mein 72.

Geburtstag, den unsere Tochter Sabine und ihr Mann Michael wochenlang geplant hatten. Die Nachbarn waren da, alte Freunde, sogar mein Bruder Ernst aus Hamburg. Alles schien perfekt, bis Margarete mich beiseitenahm. Im Flur zwischen Küche und Wohnzimmer zitterten ihre Hände.
„Ich war eben in der Garage“, flüsterte sie. „Ich wollte Sekt holen. Da hörte ich Sabine und Michael. Sie haben nicht gemerkt, dass ich da war.
“ Ihr Gesicht war aschfahl. „Sabine hat gesagt: Wenn sie schlafen, zünde ich das Haus an. Michael fragte: Bist du sicher? Und sie lachte, Rudolf.
Sie sagte: Bei ihrem Alter stellt niemand Fragen. Alte Leute, eingeschlafen mit einer brennenden Kerze. Die Versicherung zahlt 1,2 Millionen Euro plus das Erbe. “
Ich konnte nicht mehr atmen.
Meine eigene Tochter, das kleine Mädchen, dem ich Fahrradfahren beigebracht hatte, wollte uns bei lebendigem Leib verbrennen. „Bist du sicher? “, fragte ich, obwohl ich wusste, dass Margarete so etwas nie erfinden würde. Sie nickte.
„Sie haben heute Abend schon Schlaftabletten in die Getränke gemischt. Die großen Gläser mit dem roten Punsch auf dem Tisch – die sind nur für uns. Sabine hat darauf bestanden, dass wir davon trinken. “
Durch den Türspalt sah ich Sabine im blauen Kleid mit weißen Blumen, das ich ihr letztes Jahr geschenkt hatte.
Sie lächelte und kam direkt auf uns zu, zwei Kristallgläser in den Händen. „Papa, Mama, ich habe einen speziellen Geburtstagspunsch für euch gemacht“, rief sie fröhlich. Ihre Hände zitterten leicht, als sie mir das Glas reichte. Michael stand hinter ihr, nickte aufmunternd.
Jetzt verstand ich auch seine seltsamen Fragen der letzten Wochen: nach unserer Versicherung, ob wir nachts Kerzen anzünden. „Wir spielen mit“, sagte ich leise zu Margarete. „Nimm das Glas, aber trink nicht. “ Sabine hob ihr eigenes Glas: „Auf Papa!
“ Alle Gäste prosteten uns zu. Ich setzte das Glas an die Lippen, ließ nur einen winzigen Tropfen über meine Lippen laufen. Margarete tat dasselbe. Sabines Augen folgten jeder Bewegung.
Sie wartete darauf, dass wir das Gift schluckten. Die Party ging weiter. Wir lächelten, sprachen mit den Gästen, aber tranken keinen Schluck mehr. Gegen elf Uhr abends begann Margarete laut zu gähnen.
„Ach, Rudolf, ich bin so müde. Dieser köstliche Punsch hat mich ganz schläfrig gemacht. “ Ich rieb mir demonstrativ die Augen. „Ja, Liebling, ich auch.
“ Sabines Kopf fuhr herum. „Vielleicht solltet ihr euch hinlegen“, sagte sie schnell. Michael nickte: „Wir kümmern uns um alles hier. “
Im Schlafzimmer machten wir das Licht aus, schliefen aber nicht.
Wir saßen im Dunkeln und warteten. Wir hörten, wie die Gäste gingen, wie die Haustür sich schloss. Dann hörten wir Stimmen aus dem Wohnzimmer. Sabine, gereizt: „Wie lange dauert es, bis die Tabletten wirken?
“ Michael, ruhig: „Der Apotheker sagte 30 bis 40 Minuten. Sie müssen tief schlafen. “ Sabine: „Gut, ich habe das Benzin schon in der Garage. Ich gieße es im Erdgeschoss aus, hauptsächlich um die Treppe herum.
Dann lege ich brennende Kerzen ins Wohnzimmer. Es wird aussehen, als hätten sie vergessen, sie zu löschen. “
Ich hörte das Klirren von Gläsern. Sie feierten schon ihren Erfolg, feierten unseren Tod.
Wir schlichen die Treppe hinunter, Stufe für Stufe. Ich kannte jede knarrende Stufe – nach vierzig Jahren in diesem Haus wusste ich genau, wo ich hintreten musste. Durch den Lichtstreifen der offenen Küchentür huschten wir zur Hintertür. Sie öffnete sich mit einem leisen Klick.
Die kalte Nachtluft schlug uns entgegen. Dann rannten wir, so schnell zwei Menschen über Siebzig rennen können, zum Auto. „Wohin fahren wir? “, fragte Margarete weinend.
„Zu Kommissar Weber“, sagte ich. „Er war heute auf der Party. Er ist ein alter Freund. “
Weber öffnete die Tür im Schlafanzug.
Als er unsere Gesichter sah, war er sofort hellwach. Wir erzählten ihm alles. Er hörte schweigend zu. „Das ist versuchter Mord“, sagte er schließlich.
„Aber wir brauchen Beweise. Wir müssen sie auf frischer Tat ertappen. “ Er griff zum Telefon. „Ich rufe die Feuerwehr und zwei Kollegen an.
Aber ihr müsst stark sein. Nicht jeder kann es ertragen, mit anzusehen, wie die eigene Tochter verhaftet wird. “
Wir fuhren nach Hause. Weber und seine Kollegen in zwei Zivilfahrzeugen, die Feuerwehr parkte unauffällig an der Ecke.
Unser Haus stand friedlich erleuchtet, als ob hier keine teuflischen Pläne geschmiedet worden wären. Dann sah ich Bewegung im Garten. Sabine, dunkel gekleidet, trug einen großen Benzinkanister – meinen Benzinkanister für den Rasenmäher. Sie ging zur Hintertür, verschwand im Haus.
„Jetzt“, sagte Weber in sein Funkgerät. Die Polizeiautos starteten, Scheinwerfer blendeten auf. Die Haustür wurde aufgebrochen. Der Geruch von Benzin schlug uns entgegen.
Überall glänzten nasse Spuren – im Flur, auf der Treppe, im Wohnzimmer. Überall standen brennende Kerzen, arrangiert wie durch Zufall. Sabine stand mitten im Wohnzimmer, den leeren Kanister in der Hand, ein Feuerzeug in der anderen. Sie erstarrte.
Ihr Gesicht wurde kreidebleich. „Papa“, flüsterte sie. „Aber du solltest schlafen. “ – „Du meinst, ich sollte tot sein“, sagte ich.
Meine Stimme klang fremd, kalt. „Tot in meinem Bett, vollgepumpt mit deinen Schlaftabletten, während du mein Haus anzündest. “
Michael kam die Treppe heruntergerannt, versuchte umzudrehen, aber die Polizisten hatten ihn schon. Handschellen klickten.
Sabine schrie: „Nein, das ist ein Missverständnis! Papa, wir brauchen das Geld. Wir haben Schulden. Michael hat sein Geschäft verloren.
Ihr wärt sowieso bald gestorben. Ihr seid alt. Was macht es schon für einen Unterschied, ob es heute ist oder in ein paar Jahren? “
Ich stand da und sah meine Tochter an, diese Fremde mit Sabines Gesicht.
Ich fühlte nichts mehr – keine Liebe, keinen Schmerz, nur eine tiefe, kalte Leere. „Sie sind verhaftet wegen versuchten Mordes in zwei Fällen“, sagte Weber. Sabine weinte jetzt, aber es waren nicht die Tränen einer reuigen Tochter. Es waren die Tränen einer Verbrecherin, die erwischt worden war.
„Papa, bitte, ich bin deine Tochter. Du kannst mich nicht ins Gefängnis schicken. “
Ich sah sie lange an. Das Gesicht, das ich so geliebt hatte.
Die Augen, in die ich verliebt war, als sie ein Baby war. Aber jetzt sah ich nur noch eine Fremde. „Meine Tochter ist heute Nacht gestorben“, sagte ich leise, „in dem Moment, als sie entschieden hat, dass Geld wichtiger ist als das Leben ihrer Eltern. Du bist nicht mehr meine Tochter, Sabine.
Du bist eine Mörderin. “ Sie schrie, als sie abgeführt wurde – schrie meinen Namen, flehte, drohte. Ich drehte mich um und ging. Sechs Monate später stand ich vor Gericht und sah zu, wie meine Tochter wegen versuchten Mordes in zwei Fällen zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt wurde.
Sie sah mich an, als das Urteil verkündet wurde. In ihren Augen war keine Reue, nur Wut – Wut, dass ihr Plan gescheitert war. Ich fühlte keine Freude. Aber ich fühlte Frieden.
Gerechtigkeit war geschehen. Manchmal, wenn ich nachts nicht schlafen kann, denke ich an die kleine Sabine, die auf meinen Schultern ritt, die lachte, wenn ich sie hochwarf, die sagte: „Papa, du bist mein Held. “ Diese Sabine ist tot. Sie starb in der Nacht, als sie versuchte, uns zu verbrennen.
Aber ich lebe. Margarete lebt. Und das ist meine Rache: einfach weiterzuleben.


