„Kleine, komm mal her, deine neuen Adaptanten sind im Chat. Guck doch mal. ”
Und dann taucht er auf: ein kleiner Kater, der völlig aufgeregt durchs Bild flitzt. Er weiß genau, welches Zimmer ihm eingerichtet wurde, und in seinem neuen Zuhause würde er sich sicher genauso schnell zurechtfinden.

„Hallo, sagt er. Guten Tag. ”
Wieder ein Katzenpo für die Kamera. Die Tiere machen das heute wirklich alle, als hätten sie sich abgesprochen.
Lena ist heute mit dabei, und zu dritt schauen wir uns den Stream an. Es geht um die Tiere, um den Tierschutz, und darum, dass man den Kleinen von Anfang an beibringt, respektvoll mit ihnen umzugehen. „Man muss eben klein anfangen, ne? “, sage ich.
Dann geht es zu den Hunden. Wir haben noch gut ein Stündchen. Mein Kleiner ist so entspannt, so offen und freundlich. Genau das, was man sich im Tierheim wünscht.
Ich hoffe nur, dass er nicht zu lange hier sitzen muss. Aber es ist schwierig. Meine eigene Hündin hasst Katzen, sie würde sie umbringen. Das kann man einfach so sagen.
Und ich mag Katzen eigentlich sehr gerne. Meine Frau hatte auch zwei, aber als wir zusammengekommen sind, musste sie sie bei ihrem Ex lassen. Das war traurig, aber es ging nicht anders. „Was sehe ich da?
Ielli, vielen Dank für dein Prime Abo. ”
Wir laufen weiter durch das Tierheim. Aktuell haben wir etwa dreißig Tiere hier, aber es gibt noch einen zweiten Standort in Gelto bei Potsdam. Dort sind vor allem Katzen, Exoten, Reptilien und Kleintiere untergebracht.
Hier am Hauptstandort haben wir hauptsächlich Hunde und Katzen. „Am Samstag ist Frühlingsfest in Gelto”, erzähle ich. „Und Jenny und ich planen, Ende Mai oder im Juni einen Streamtag dort zu machen. ”
Dann wechsle ich das Stativ, weil der Akku ans Handy muss.
Die Bildqualität wird gleich etwas wackeliger, aber das muss jetzt so sein. Jemand fragt nach dem Desinfektionsmittelverbrauch. Ich verbrauche locker ein bis zwei Flaschen pro Person. Pro Tag.
Im Tierheim kommt man da nicht drum herum. Beim Umklappen des Stativs erschrecke ich mich fast: Der Sperrbildschirm war an, und ich hätte beinahe den Notruf ausgelöst. Gott sei Dank ist nichts passiert. Wir nehmen ein paar Snacks mit und einen Napf mit Wasser für die Hunderunde.
Es gibt große Hühnchenfilet-Streifen, da werden sich die Hunde freuen. „Möchtest du auch einen? “, frage ich meine Frau. „Du hast doch heute schon eine Tüte bekommen.
”
Sie ist heute schüchtern und versteckt sich immer wieder hinter mir. Sie hat sich ja auch nicht für den Stream angemeldet. Aber eigentlich ist sie ein offener und witziger Mensch, wenn sie will. In meiner Tasche habe ich zwei Euro und einen Cent und einen Fünfer.
Nur damit ihr wisst, wie viel Bargeld ich mit mir rumtrage. Keiner muss Angst haben, mich überfallen zu wollen. Dann nehmen wir noch Geros Allergikerfutter mit und machen uns auf den Weg nach hinten. „Wir fangen hinten an und arbeiten uns nach vorne durch”, sage ich.
Plötzlich meldet sich jemand: „Wurde hier gerade ein Entbannungsantrag bearbeitet? ”
Ich muss lachen. Nein, hier wird nebenbei noch Frau Schmölker vermittelt. Die ist zufrieden, hat ein Zuhause gefunden und ist glücklich.
„Wo ist denn mein Knödelchen? “, frage ich. Aber der ist wahrscheinlich gerade Gassi. Und Ronaldo randaliert an mir herum.
Frecher kleiner Hund. Dann sehe ich Heidi. Hallo, mein kleiner Rotti. Die Freude ist groß.
Sie zieht ihre Decken raus und freut sich riesig über den Snack. Heidi ist eine reinrassige Rottweiler-Hündin, und ich glaube, sie ist sogar schon reserviert. Ein uns bekannter Verein hat eine Vorkontrolle gemacht. Wir werden euch auf dem Laufenden halten, was aus dieser hübschen Maus wird.
Weiter geht es zu M. Ein reinrassiger Allerbai-Rüde, etwa anderthalb Jahre alt. Er sitzt seit November oder Dezember bei uns. Das Veterinäramt hat ihn fortgenommen, weil die Menschen nicht mehr in der Lage waren, ihn vernünftig zu halten und zu sichern.
Er hat das Grundstück unsicher gemacht, es gab zwei Vorfälle, einmal mit einem Postboten und einmal mit einem Familienmitglied. Niemand wurde schwer verletzt, aber es war klar, dass die Leute ihn nicht richtig sichern konnten. Mit mir und einigen anderen Tierpflegerinnen ist er ein absolutes Lämpchen. Ganz fein.
Aber rassetypisch ist er sehr fremdenfeindlich. Er ist der Meinung, dass niemand etwas auf seinem Grundstück zu suchen hat, und er ist gewillt, das vehement durchzusetzen. Das ist auch das Problem: Er ist sehr groß und geht über Zäune. Ein Zaun von 1,80 Metern mit Übersprungschutz wäre hier ein absolutes Muss.
Sonst glaube ich, kann man mit dem richtig viel Spaß haben. Er kann Sitz, er kann Platz, er kann Pfötchen geben und ungeduldig gucken. An der Leine läuft er auch, bei Ablenkung muss noch geübt werden. Aber er ist ein junger Hund, der noch nicht viel erlebt hat.
Hinter mir sitzen zwei Hunde, die ich euch nicht zeigen darf. Sie sind als Verwahrungen vom Veterinäramt hier. Und wir haben noch einen dritten Hund, den wir auch nicht zeigen dürfen. Bei denen ist jeweils noch nicht klar, wie weiter verfahren wird.
Bei den zwei hinter mir hoffen wir bald neuen Input zu bekommen, ob sie vermittelt und gezeigt werden dürfen. Bis dahin werden sie natürlich versorgt und verpflegt. Dann komme ich zu Isa. Und da ist auch schon Känguru – so heißt der Hund wirklich, weil er hüpft wie ein Känguru und boxt wie ein Känguru.
Er war auf einer Pflegestelle, konnte aber dort nicht bleiben, weil rausgestellt wurde, dass er nicht alleine bleiben kann. Jetzt ist er wieder hier. Plötzlich fällt mir das Futter in die Kackeschaufel. Typisch.
Wer weiß, wer sich nachher wieder die Hände desinfizieren muss. Jemand fragt, ob es auch Schutzsituationen gibt, zum Beispiel mit Mensch im Schutzhaus. Nein, die Frage ist nicht komisch. Es geht vor allem um datenschutzrechtliche Gründe, dass keine Rückschlüsse auf die Halter gezogen werden können.
Dann komme ich zu Anduin. Der ist mit vielen Tierpflegern so süß, aber mich mag er einfach nicht. Ich glaube, ich muss irgendwann mal mit ihm Gassi gehen und das Eis brechen. Aber aktuell findet er mich noch nicht besonders gut.
„Hallo Anduin, komm mal her, hol dir einen Snack ab. ”
Immerhin frisst er jetzt die Snacks, während ich in der Nähe bin. Das hat er früher nicht gemacht. Anduin stammt aus einer Fortnahme.
Es gab eine Nachkontrolle bei einem Vermehrer, von dem wir letztes Jahr im Juli knapp sechzig bis siebzig Hunde bekommen haben. Bei der Nachkontrolle Anfang des Jahres wurden dann noch mal acht Hunde fortgenommen. Natürlich auch wieder Welpen, wie das dann immer so ist. Er ist der einzige von denen, der noch hier ist.
Einen haben wir noch: unseren Ronaldo. Der war kurzzeitig vermittelt, aber wir hatten nicht das Gefühl, dass es von der Eingewöhnung her Chancen gab. Es waren ganz liebe Leute, aber zwischen denen und Anduin hat es einfach nicht gematcht.


