Ich wollte gerade das Tablet zur Seite legen, als ich wieder das ängstliche Miauen hörte. Domino, der kleine schüchterne Kater, saß ganz hinten in seiner Box und wagte sich nicht hervor. Ludwig, sein Bruder, drückte sich noch weiter in die Ecke, als ich näher kam. „Hallo, ihr beiden“, sagte ich leise, aber Ludwig zog sich nur noch mehr zurück.

Ich versprach ihnen, dass sie bald ihre Chance auf ein eigenes Zuhause bekommen würden. Bevor ich die Katzis verließ, schaute ich noch einmal zu ihnen hinüber. Ich hoffte, dass jemand die beiden süßen Katerchen sehen würde, wenn sie bald online gingen. Sie waren bei der Impfung so brav gewesen, ganz entspannt.
Es war nur diese fremde Umgebung, die sie verunsicherte. Dann machte ich mich auf den Weg zu Paul, der gerade von seinem Gassigang zurückgekommen war. Als ich ihn sah, blieb ich kurz stehen. Sein Fell war ganz nass vom Regen, aber das war nicht das, was mich innehalten ließ.
Paul hatte eine Geschichte, die mich immer wieder berührte. Er war zu uns gekommen, nachdem er drei Tage lang neben dem toten Körper seines Besitzers ausgeharrt hatte. Drei Tage. Neben einem Menschen, der nicht mehr aufwachte.
Als er endlich gefunden wurde, war er medizinisch in einem schlechten Zustand, vor allem seine Zähne waren eine Katastrophe. Zehn Zähne mussten chirurgisch entfernt werden. Die Kollegin in der Praxis hatte mir gesagt, dass sie kein Foto von seinem Maul machen wollten. „Das war so eklig“, hatte sie geschrieben.
Das wollte niemand fotografieren. Jetzt sah er schon viel besser aus. Sein Maul roch fast gar nicht mehr, und er konnte endlich wieder richtig fressen. Wir hatten herausgefunden, welches Futter er verträgt, und seitdem ging es ihm deutlich besser.
Er war zwischendurch so dünn gewesen, aber jetzt sah er richtig gut aus. Paul lief aufgeregt umher und jaulte. Er war noch ganz aufgedreht von dem Spaziergang. Ein Zuschauer fragte im Chat, ob die Interessenten für die Tiere wegen des Streams mehr geworden wären.
Ich schüttelte den Kopf. „Es ist ähnlich wie vorher“, sagte ich. „Aber wir haben tatsächlich einen ehemaligen Kollegen und Freddy über den Stream vermittelt. Da haben wir uns mega gefreut.
“ Bei den Hunden war es noch nicht so weit, aber wir warteten geduldig. Ich beobachtete Paul und Otis, wie sie miteinander kommunizierten. Es war lustig. Wenn einer anfing zu jaulen, machte der andere mit.
„Das ist Ansteckungsverhalten“, erklärte ich im Chat. „Die sind gerade einfach aufgeregt. “ Otis saß da und schaute mich vorwurfsvoll an, als würde er sagen: „Was labert die alte da eigentlich? “ Ich musste grinsen.
Dann fiel mir wieder ein, was ich Arnold versprochen hatte. Ich drehte mich um und sagte laut: „Ich mache noch die Sache mit Friedas Po, ich vergesse es nicht. Versprochen. “ Die Zuschauer lachten.
Ich ging weiter zu Freddy, dem Kater mit der traurigen Geschichte. Seine Besitzerin hatte ihn als Streuner bezeichnet, aber dieser Streuner war dreimal mit ihr umgezogen. Sie hatte ihn gefüttert, ihn reingelassen. Trotzdem war er für sie nicht „ihr Tier“.
Als sie ins Pflegeheim musste, brachte sie ihn zu uns. Bei Freddy hatten wir ein Glaukom festgestellt, eine schmerzhafte Augenerkrankung. Das Auge musste dringend entfernt werden. Er hatte wohl jahrelang mit den Schmerzen gelebt.
Und bei der Untersuchung kam heraus, dass er auf dem anderen Auge auch blind war. Er war inzwischen komplett erblindet. Ich trat näher an seinen Raum heran, und der Kater kam sofort auf mich zu. Er hatte einen Kragen um den Hals, weil er sich nach der Operation viel gekratzt hatte.
Trotz seiner Blindheit fand er sich in dem Zimmer gut zurecht. Ich erklärte im Chat, dass ein blinder Kater im häuslichen Umfeld kaum Einschränkungen hat. Man sollte nur nicht ständig umdekorieren. Freigang war natürlich nicht möglich, dafür lauerten draußen zu viele Gefahren.
Freddy kratzte mir kurz in die Wade, als ich ihn hochheben wollte. „Au, das tut ein bisschen weh“, sagte ich, aber ich konnte ihm nicht böse sein. Er schmiegte sich an mich, obwohl ich stark nach Desinfektionsmittel roch. Ein so netter Kater.
Auch Jenny, meine Kollegin, war ganz begeistert von ihm. Sie redete oft über ihn. Ich versprach, dass auch Freddy bald online gehen würde. Wer ihn jetzt schon sehen würde und sich zutraute, einem etwas gehandicapten Tier ein Zuhause zu geben, konnte sich gerne melden.
Als ich mich wieder dem Bildschirm zuwandte, bemerkte ich, dass ich das Handy umgedreht hatte und die Zuschauer alles nur seitlich sahen. „Ups“, murmelte ich und drehte es um. Ich hoffte, dass keiner die Technik so genau bemerkte. Die Livestream-Probleme waren eben immer noch eine Baustelle.
Ich blickte auf Paul, der jetzt endlich zur Ruhe gekommen war. Er fraß, weil ich bei ihm stand. Er fraß eben besser, wenn jemand dabei war. Unsere Pfleger setzten sich regelmäßig zu ihm.
Ich hoffte, dass er bald ein neues Zuhause finden würde. Er hatte schon Interessenten, das klang gut. Ein Gedanke kam mir noch: Schutzgebühren deckten nie die Kosten für eine Zahn-OP oder ähnliche Behandlungen. Normalerweise nahmen wir 450 Euro für einen Hund, aber selbst das würde niemals ausreichen.
Die Kosten für die Zahnoperation trugen wir trotzdem. Wer uns unterstützen wollte, bekam einen Spendenlink im Chat. Ich wusste, dass einige Zuschauer kommentierten, dass die Schutzgebühren zu hoch seien. Aber ich konnte nur den Kopf schütteln.
Die Impfungen, Kastrationen und medizinischen Behandlungen kosteten weit mehr. „Niemand meckert hier“, schob ich schnell hinterher. „Es ist eben nicht so, dass wir mit den Vermittlungsgebühren ein Plus machen. Was wir bekommen, kommt von Spenden.
“
Ich hätte noch stundenlang weiterreden können über die Tiere, ihre Schicksale und die Arbeit. Aber es wurde Zeit, weiterzugehen. Draußen warteten Loki und die anderen. Bevor ich ging, nahm ich mir noch einmal einen Moment Zeit.
Ich versprach im Chat, mich am Wochenende wieder zu melden. So lief unser Alltag hier. Zwischen Desinfektionsmittel, schüchternen Katern und Hunden mit traurigen Geschichten.
Wir machten weiter, jeden Tag, für jedes einzelne Tier.


