In unserem Haus galt Mitgefühl als Schwäche. Ich wuchs mit zehn Geschwistern auf dem Obersalzberg auf, direkt neben Hitler, während mein Vater den Zugang zum Führer kontrollierte. Meine Mutter…

In unserem Haus galt Mitgefühl als Schwäche. Ich wuchs mit zehn Geschwistern auf dem Obersalzberg auf, direkt neben Hitler, während mein Vater den Zugang zum Führer kontrollierte. Meine Mutter...

Sommer 1940, Ober Salzberg, Bayern. Während Europa unter den Eroberungsfeldzügen Nazi-Deutschlands brennt, gleicht das Leben rund um Adolf Hitlers Bergresidenz noch immer dem eines aristokratischen Ferienortes. Die Ehefrauen der NS-Elite verbringen ihre Tage inmitten von Alpengärten bei Nachmittagskaffee und abendlichen Filmvorführungen. Ihre Männer führen derweil Krieg, besetzen Länder und organisieren den Massenmord auf dem gesamten Kontinent.

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Unter diesen Frauen nimmt Gerda eine besondere Stellung ein. Sie kennt Hitler seit ihrer Kindheit, wächst mit antisemitischer Ideologie am Esstisch ihres Vaters auf, und schon bald wird ihr Ehemann zu jenem Mann, der den Zugang zum Führer persönlich kontrolliert. Ihr Name ist Gerda Bormann. Gerda Bormann wird am 23.

Oktober 1909 als Gerda Buch in Konstanz geboren, einer Stadt am westlichen Ufer des Bodensees, damals Teil des Deutschen Kaiserreiches. Sie ist das älteste von vier Kindern des Berufsoffiziers und überzeugten Nationalisten Walter Buch und seiner Frau Else Pleuser. Ihr Vater dient während des gesamten Ersten Weltkrieges als Offizier und akzeptiert die deutsche Niederlage von 1918 nie. Ende 1922 tritt er als eines der ersten Mitglieder der NSDAP bei.

1927 wird er Vorsitzender des Parteigerichts der NSDAP und ist damit für die interne Disziplin und die ideologische Durchsetzung innerhalb der Bewegung verantwortlich. Gerdas Vater ist ein persönlicher Freund Adolf Hitlers, der in den 1920er Jahren regelmäßig die Familie Buch besucht. Gerda wächst damit auf, Hitler am Esstisch der Familie zu erleben. Auch seine Ansichten zur sogenannten Judenfrage hält ihr Vater zu Hause nicht zurück.

Bekannt ist er für antisemitische Äußerungen wie „Juden sind keine Menschen, sie sind Vollmiserscheinungen“. Für Gerda ist das keine Extreme, sondern die moralische Atmosphäre ihrer Kindheit. Sie nimmt diese Vorstellungen auf, lange bevor sie die Fähigkeit oder Gelegenheit hat, sie zu hinterfragen. Nach Abschluss ihrer Schulbildung lässt sich Gerda zur Kindergärtnerin ausbilden.

Sie wächst in einem Haushalt heran, in dem spätere führende Persönlichkeiten der NS-Bewegung regelmäßig zu Gast sind. Mit 19 Jahren lernt sie Martin Bormann kennen, einen neun Jahre älteren Funktionär der NSDAP. Er hat bereits eine Gefängnisstrafe wegen seiner Beteiligung an der Ermordung des deutschen Lehrers Walter Kadow verbüßt. Wegen Bormanns krimineller Vergangenheit zögert ihr Vater zunächst, gibt der Verbindung schließlich aber seine Zustimmung.

Am 2. September 1929 heiratet das Paar. Adolf Hitler und Rudolf Hess sind die Trauzeugen. Die Ehe ist nicht nur ein persönliches Ereignis.

Sie bringt Martin Bormann in das Zentrum eines familiären Netzwerkes, das bereits auf höchster Ebene der NS-Bewegung verankert ist. Über die Familie Buch erhält er zudem regelmäßig Zugang zu Hitler. Bormann versteht genau, welchen Vorteil ihm diese Verbindung bringt. Von der Hochzeit an beschleunigt sich sein Aufstieg innerhalb der NSDAP.

1933, in dem Jahr, in dem Adolf Hitler deutscher Reichskanzler wird, ist Bormann Sekretär des Stellvertreters des Führers Rudolf Heß. Im Oktober desselben Jahres steigt er zum Reichsleiter auf, der zweithöchsten Position in der Parteihierarchie. Gerda verfolgt diesen Aufstieg aus nächster Nähe und feiert ihn vorbehaltlos. Sie glaubt an die NS-Bewegung und tut alles, um sie zu unterstützen.

Zwischen 1930 und 1943 bringt Gerda zehn Kinder zur Welt. Das erste Kind wird am 14. April 1930 geboren und nach seinem Paten Adolf Hitler Martin Adolf genannt. Weitere Kinder erhalten die Namen anderer Persönlichkeiten aus dem engsten Kreis der NS-Führung.

Heinrich Hugo wird nach seinem Paten Heinrich Himmler benannt. Rudolf Gerhard nach Rudolf Heß. Eine der Zwillings­töchter, Ehrengard, stirbt kurz nach der Geburt an Rindertose, weil Bormann aus gesundheitlichen Gründen darauf besteht, dass die Kinder Rohmilch trinken. Als Rudolf Heß 1941 nach Schottland fliegt, wird sein Name über Nacht politisch unerwünscht.

Die Kinder, die nach ihm und seiner Frau benannt worden waren, werden daraufhin in Eike und Helmut umbenannt. Im September 1943 kommt das zehnte Kind Volker zur Welt. Weil Gerda mehr als acht Kinder für das Reich geboren hat, wird ihr das Ehrenkreuz der deutschen Mutter in Gold verliehen. Der NS-Staat hat die Rolle der Frau auf die biologische Reproduktion reduziert, und Gerda Bormann verkörpert dieses Ideal vollständig und bereitwillig.

Sie trägt traditionelle deutsche Kleidung, ordnet sich öffentlich der Autorität ihres Mannes unter und präsentiert sich als nationalsozialistische Musterfrau und Mutter. Die Familie lebt auf dem Obersalzberg in Bayern. Martin Bormann hat den Alpenkomplex ab 1935 selbst zu einem Rückzugsort und Führungszentrum für Hitler und dessen engsten Kreis ausgebaut. Bormann kauft die umliegenden landwirtschaftlichen Flächen auf, bis sich der Komplex über zehn Quadratkilometer erstreckt.

Er lässt Straßen, Kasernen, Gästehäuser und das berühmte Kehlsteinhaus, auch als Adlerhorst bekannt, errichten. Seine eigene Familie zieht in ein Haus in Sichtweite des Berghofs, Adolf Hitlers Ferienresidenz auf dem Obersalzberg. Für Gerda ist diese Nähe zu Hitler ein fester Bestandteil ihres gesamten erwachsenen Lebens. Ihre Kinder spielen in unmittelbarer Nähe zu den Männern, die den Massenmord im besetzten Europa anordnen.

Der häusliche Alltag ist jedoch deutlich weniger glanzvoll. Martin Bormann ist grob und herrschsüchtig. Unter den Besuchern des Obersalzbergs ist er dafür bekannt, nach seiner Frau zu pfeifen, als würde er einen Hund rufen. Er trinkt viel und gerät wegen häuslicher Angelegenheiten in Wutanfälle.

Einigen Berichten zufolge wird er in den Momenten unkontrollierter Wut auch gegenüber Gerda und den Kindern gewalttätig. Angeblich schlägt er zwei seiner Kinder mit einer Peitsche, weil sie Angst vor einem großen Hund haben. Ein anderes Kind tritt er, weil es in eine Pfütze fällt. Auch in der Öffentlichkeit demütigt er Gerda auf eine Weise, die selbst Gäste in Verlegenheit bringt.

Bormann führt außerdem eine langjährige Affäre mit der Schauspielerin Manja Behrens und verbringt während der Kriegsjahre mehr Zeit mit ihr als mit seiner eigenen Familie. Gerda reagiert daraufhin weder mit Trauer noch mit Vorwürfen, sondern mit einer ideologischen Rechtfertigung. In einem Brief schreibt sie an ihren Mann: „Sorge dafür, dass sie in einem Jahr ein Kind bekommt und ich im nächsten Jahr, damit du immer eine Frau hast, die einsatzfähig ist. “

Gerda geht in dieser Frage noch weiter.

Im Februar 1944 setzt sie sich schriftlich für das ein, was sie als Volksnotehe bezeichnet, eine staatlich geregelte Notfallpolygamie. Sie argumentiert, die Kriegsverluste machten eine radikale Neuordnung der Ehe notwendig. Jeder Mann von ausreichendem Wert solle das gesetzliche Recht auf mehrere Ehefrauen erhalten, die abwechselnd Kinder zur Welt bringen. Das Wort Ehebruch, so ihr Vorschlag, solle vollständig aus dem deutschen Sprachgebrauch gestrichen werden.

Mit diesen Ansichten ist sie radikaler als viele andere Nationalsozialisten. Dieselben Briefe sind voller gewalttätiger antisemitischer Sprache. Gerda schreibt mit einem Hass über Juden, der dem ihres Mannes in nichts nachsteht. Sie bewundert Julius Streicher, den Herausgeber der antisemitischen NS-Propagandazeitung Der Stürmer und einen der fanatischsten antisemitischen Hetzer innerhalb der gesamten NS-Führung.

Ihre Kinder wachsen in einem Haushalt auf, der das Christentum ausdrücklich als unvereinbar mit dem Nationalsozialismus ablehnt. Die ältesten Kinder werden noch protestantisch getauft, das erste mit Hitler als Paten. Die später geborenen Kinder werden überhaupt nicht mehr getauft. Ihr Sohn Martin Adolf beschreibt später einen Haushalt, der vor allem von Rassenlehre und nationalsozialistischer ideologischer Disziplin geprägt ist.

Mitgefühl gilt als Schwäche, und die Kinder werden in dem Glauben erzogen, zur biologischen Elite des NS-Staates zu gehören. Während dieser Jahre baut der Mann, dessen Stellung Gerda all diesen Einfluss verschafft, den Verwaltungsapparat des Völkermordes mit auf. Bormann ist bereits seit den frühen Jahren des Regimes an antijüdischen Maßnahmen beteiligt. Nach dem Flug von Heß nach Schottland am 10.

Mai 1941 übernimmt Bormann die Leitung der Parteikanzlei und ist für sein Handeln nur Hitler gegenüber verantwortlich. Er unterzeichnet den Erlass vom 31. Mai 1941, mit dem die Nürnberger Gesetze auf die annektierten Ostgebiete Europas ausgeweitet werden. Nach diesem Erlass und dem Einmarsch in die Sowjetunion im Juni 1941 erhält die Parteikanzlei Berichte der Einsatzgruppen.

Diese mobilen Mordkommandos der SS operieren im Osten und ermorden im Sommer und Herbst 1941 Tausende Juden. Rechtliche und administrative Fragen, die sich aus der Wannseekonferenz vom Januar 1942 ergeben, auf der die sogenannte Endlösung formell koordiniert wird, werden auch an die Parteikanzlei weitergeleitet. Dadurch werden die Behörde und ihr Leiter zu Mitverantwortlichen für das, was folgt. Am 12.

April 1943 ernennt Hitler Bormann offiziell zu seinem persönlichen Sekretär. Damit erhält er faktisch die Kontrolle über alle innenpolitischen Angelegenheiten in Deutschland. Martin Bormann zählt zu den wichtigsten Initiatoren des Holocaust. Gerda weiß von der Arbeit ihres Mannes und feiert jeden Schritt seines Aufstiegs innerhalb des Systems des Massenmordes.

Doch am Ende erreicht der Krieg, den sie unterstützt, auch ihre eigene Haustür. Am 25. April 1945 greifen britische und amerikanische Bomber den Obersalzberg bei einem schweren Luftangriff an und zerstören große Teile des Komplexes. Noch am selben Tag flieht Gerda mit ihren Kindern nach Süden.

Sie überquert die Grenze nach Italien und gelangt in das Dorf Wolkenstein in Südtirol. Martin Bormann bleibt bis zum Ende bei Hitler im Führerbunker in Berlin. Er ist Trauzeuge bei Hitlers Hochzeit mit Eva Braun und befindet sich im Bunker, als Hitler am 30. April Selbstmord begeht.

Am 1. Mai flieht Bormann aus dem Führerbunker. Noch in derselben Nacht stirbt er bei dem Versuch, die sowjetischen Linien in Berlin zu durchbrechen. Sein Schicksal bleibt jedoch jahrzehntelang ungeklärt.

Erst 1998 werden seine sterblichen Überreste durch eine DNA-Analyse zweifelsfrei identifiziert. Die alliierten Behörden spüren Gerda in Wolkenstein auf und verhaften sie. Mehrere Tage lang wird sie im Gefängnis verhört. Sie darf keinen Besuch empfangen und keine Briefe schreiben.

Im Herbst 1945 wird sie in ein Krankenhaus in der italienischen Stadt Meran verlegt, wo die Ärzte Gebärmutterkrebs diagnostizieren. Sie stirbt am 23. März 1946 und wird auf dem deutschen Soldatenfriedhof in Meran beigesetzt. Dort teilt sie sich im Gräberfeld Nummer 610 ein Grab mit dem deutschen Soldaten Horst Brüger.

Sie stirbt jedoch nicht an Krebs, sondern an einer Quecksilbervergiftung infolge ihrer Behandlung. Gerdas Vater Walter Buch wird im Rahmen der Entnazifizierung als Hauptschuldiger eingestuft. Am 12. November 1949 begeht er Selbstmord.

Ihre überlebenden Kinder, die sich mit ihr in Italien befinden, kommen in die Obhut des Geistlichen Theodor Schmidt, der sie später adoptiert. Der älteste Sohn Martin Adolf wird 1959 zum Priester geweiht, arbeitet als Missionar in Afrika und setzt sich für den Rest seines Lebens öffentlich mit den Überzeugungen und Taten seiner Eltern auseinander. Dennoch werden auch gegen ihn selbst schwere Vorwürfe erhoben. 2011 beschuldigt ihn ein ehemaliger Schüler eines katholischen Internats in Österreich, ihn als Zwölfjährigen vergewaltigt zu haben.

Bormann war dort Anfang der 1960er Jahre als Priester und Erzieher tätig. Andere ehemalige Schüler werfen ihm vor, gegen sie und weitere Schüler schwere körperliche Gewalt ausgeübt zu haben. Gerda Bormann selbst wird nie vor Gericht gestellt und muss sich öffentlich für die Ideologie, der sie sich so bereitwillig verschrieben hat, niemals verantworten. Doch ihre erhaltenen Briefe lassen kaum Zweifel an ihren Überzeugungen.

Sie ist keine passive Zuschauerin im Schatten mächtiger Männer, sondern eine überzeugte Nationalsozialistin. Selbst im intimsten Bereich des Familienlebens akzeptiert und verteidigt sie das rassistische Weltbild des Regimes. Ihre Geschichte erinnert daran, dass das NS-System nicht nur von den Männern getragen wird, die Befehle erteilen und den Massenmord organisieren. Es wird auch von jenen gestützt, die seine Ideen in den eigenen vier Wänden und im Alltag normalisieren.

Bormann ist 36 Jahre alt, als sie stirbt.