„Wir haben morgen viel zu erledigen, Mann. Ich freue mich auf morgen.“ Die Nacht bevor eine fremde Frau mir auf Instagram schrieb und mir eine kostenlose Wimpernbehandlung anbot, schrieb sie ihrem…

„Wir haben morgen viel zu erledigen, Mann. Ich freue mich auf morgen.“ Die Nacht bevor eine fremde Frau mir auf Instagram schrieb und mir eine kostenlose Wimpernbehandlung anbot, schrieb sie ihrem...

Der 16. August 2022 war ein Dienstag in Baden-Württemberg. Die Hitze des Tages hing noch in den Straßen, als die Schatten länger wurden. In Eppingen, einer kleinen Stadt zwischen Heilbronn und Karlsruhe, machte sich eine junge Frau fertig.

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Sie war 23 Jahre alt, arbeitete als Kellnerin und hatte heute frei. Sie hatte einen Termin. Jemand hatte ihr auf Instagram geschrieben. Eine Frau, die behauptete, einen Beauty-Salon zu eröffnen, bot ihr eine kostenlose Schönheitsbehandlung an.

Als Gegenleistung sollte die junge Frau den Salon auf ihrem Instagram-Kanal bewerben. Ein standardmäßiges Angebot, so standardmäßig wie das Internet eben ist in 2022. Eine Nachricht von einer Fremden. Ein Angebot, das zu gut klang, um wahr zu sein, aber nicht zu gut, um es nicht zumindest zu versuchen.

Die junge Frau hatte ein schlechtes Gefühl. Sie schickte ihrem Freund ihren Live-Standort. Nur zur Sicherheit, weil man das eben macht, wenn man jemanden Unbekanntes trifft. Weil man das macht, wenn still ein Warnsignal im Hinterkopf aufleuchtet und sagt: „Sei vorsichtig.

“ Aber sie ging trotzdem, weil sie 23 war, weil sie an das Gute im Menschen glaubte, weil sie sich nicht unterkriegen ließ, weil sie ihr ganzes Leben lang eine Kämpferin gewesen war—und Kämpferinnen bleiben nicht zu Hause, wenn die Welt ihnen etwas anbietet. Um 18:47 Uhr stieg sie in einen schwarzen Mercedes-Coupé. Auf den Beifahrersitz, neben einer Frau, die sie noch nie gesehen hatte, während hinten ein Mann saß. 20 Minuten später hielt das Auto in einem Waldgebiet zwischen Massenbachhausenund Bad Rappenau-Fürfeld, nur wenige Kilometer von ihrem Zuhause entfernt.

Ein Ort, den sie vielleicht kannte, vielleicht auch nicht—es spielte keine Rolle mehr. Denn in diesem Wald geschah etwas, das niemand verdient und von dem es keine Rückkehr gibt. Ihr Name war Khadija. Sie war 23 Jahre alt, Kellnerin, Beauty-Bloggerin, Träumerin, Kämpferin.

Und sie würde diese Nacht nicht überleben. Nicht, weil sie etwas falsch gemacht hätte. Nicht, weil sie irgendjemandem etwas schuldete, sondern weil sie aussah wie eine Frau, die beschlossen hatte zu verschwinden—und die jemanden brauchte, der an ihrer Stelle sterben sollte, bevor sie es tat. 56 Messerstiche, Schlagringe, ein Wald in der Dämmerung und eine Instagram-Nachricht, die wie eine Chance aussah und ein Todesurteil war.

Das Letzte, was die Welt von Khadija sah, war, wie sie ihre Schicht im Café Schümli in Heilbronn beendete. Ihre beste Freundin, Lila, arbeitete dort mit ihr. Die beiden verabschiedeten sich bis zum nächsten Tag. Ganz normal.

Ein Satz, den man sagt, ohne nachzudenken, weil man annimmt, dass es einen nächsten Tag geben wird. Aber Khadija is nicht jemand, der einfach verschwindet. Sie meldet sich immerbei Lila, bei ihrem Freund, bei den Menschen, die sie liebt. Und als Lila am nächsten Tag nichts von ihr hörte, wusste sie sofort, dass etwas nicht stimmte.

Sie ging zur Kriminalpolizei und erstattete eine Vermisstenanzeige. Noch am selben Tag—aber zu diesem Zeitpunkt war Khadija bereits tot. Ihr Körper lag auf der Rückbank eines schwarzen Mercedes-Coupés in Ingolstadt, 200 Kilometer entfernt—und die Polizei glaubte, die Tote sei jemand anderes. Die Besitzerin des Autos, eine junge deutsch-irakische Frau namens Sharaban, deren eigene Eltern die Leiche gefunden und als ihre Tochter identifiziert hatten.

Für 24 Stunden glaubte die Welt: Sharaban ist tot. Für 24 Stunden war Khadija namenlos. Für 24 Stunden trauerten die falschen Eltern um die falsche Tochter. Und dann drehte sich alles.

Bevor ich weitermache, möchte ich etwas sagen. Diese Geschichte ist verstörender als die meisten Geschichten, die ich hier erzähle. Denn in diesem Fall wurde eine junge Frau nicht aus Eifersucht getötet, nicht aus Hass, nicht aus Rache—sondern weil sie ein Gesicht hatte. Das falsche Gesicht.

Ein Gesicht, das einem anderen Gesicht zu ähnlich sah. Khadija wurde getötet, weil sie existierte, weil sie ein Foto auf Instagram gepostet hatte, das wie jemand anderes aussah, weil ein Algorithmus oder ein menschliches Auge entschied: Sie sieht aus wie ich. Sie kann sterben, damit ich verschwinden kann. Ich erzähle diese Geschichte für Khadija—nicht für die Täterin, über die schon genug berichtet wurde, nicht für die Sensation, die dieser Fall zweifellos ist, sondern für eine junge Frau, die 23 Jahre alt war und Träume hatte und die es verdient, als Mensch in Erinnerung zu bleiben.

Nicht als Doppelgängerin, nicht als„die Andere“, sondern als Khadija—nicht für den Fall. Für den Menschen. Lass mich dir erzählen, wer Khadija war. Khadija kam aus Oran, einer Küstenstadt am Mittelmeer im Westen Algeriens.

Eine Metropole mit fast 700. 000 Einwohnern. Weiße Häuser, blaues Meer, ein Hafen, der nach Salz und Fisch roch. Eine Stadt, diedie schön und laut und lebendig war.

Irgendwann kam Khadija nach Deutschland. Wie genau und wann—das gehört zu den Details ihres Lebens, die privat bleiben sollten. Was wir wissen, ist, dass sie eine Zeitlang im Albert-Schweitzer-Kinderdorf in Waldenburg, im Hohenlohekreis, aufwuchs. Dort traf sie Lila, ihre beste Freundin, die Frau,die später sagen würde:„Wir haben uns nicht ohne Grund gefunden.

“ „Wir haben uns gesagt: Wir sind nicht die Opfer unserer eigenen Geschichte. “

Lass diesen Satz einen Moment wirken. Zwei junge Frauen, die sich in einem Kinderdorf finden, die beschließen, sich vom Leben nicht unterkriegen zu lassen. Die sich geschworen haben, immer aufeinander aufzupassen.

Khadija sagt, sie habe Gewalt und schreckliche Dinge erlebt. Sie habe nicht alles verarbeiten können. Sie hatte depressive Phasen, zog sich zurück, aber sie war eine Kämpferin. Immer.

Lass mich hier kurz innehalten. Ich erzähle dir das nicht, um Mitleid zu erregen. Ich erzähle dir das, weil Khadija mehr war als das, was ihr an jenem Augustabend widerfuhr. Sie war ein Mensch, der sich nach oben kämpfte, der sich nicht unterkriegen ließ, der trotz allem an das Gute glaubte.

Khadija zog von Waldenburg nach Leingarten, später nach Eppingen in die Johannes-Kleinheins-Straße. Sie fand Arbeit als Kellnerin im Café Schümli in Heilbronn und bei Hans im Glück. Sie hatte eine Begabung für Sprachen. Sie wollte Dolmetscherin werden.

Heiraten. Kinder bekommen. Sie hatte Pläne, sie lebte das Leben, und sie hatte einen Instagram-Account, wie Millionen anderer junger Frauen auch. Sie postete Bilder, Beauty-Tipps, Selfies—ein normales Leben, so wie junge Frauen es 2022 führen, was niemand für gefährlich hält.

Aber für Khadija wurde genau dieser Account ihr Verderben, weil irgendwo in Ingolstadt, 300 km entfernt, eine Frau durch Instagram scrollte. Sie suchte nicht nach Beauty-Tipps. Sie suchte nach einem Gesicht. Nach einem Gesicht, das aussah wie ihres.

Nach einer Frau, die aussah wie sie. Zwischen 20 und 25 Jahren, etwa 1,60 bis 1,70 groß, keine Tattoos, dunkle Haare—und sie fand Khadija. Ich lasse diesen Gedanken einfach so stehen. Er braucht keine weiteren Worte.

Ich möchte dir Khadija jetzt beschreiben, damit du sie siehst—nicht als Opfer, sondern als Mensch. Zum Zeitpunkt ihres Todes war Khadija 23 Jahre alt. Sie stammte ursprünglich aus Oran, Algerien. Sie hatte langes dunkles Haar und ein offenes, warmes Gesicht.

Auf den Fotos, die ihre Freunde geteilt haben, siehst du eine junge Frau, die lächelt, die lebt, die Pläne hat. Ihre beste Freundin Lila beschreibt sie so:„Sie war warmherzig und schön. In allem fand sie etwas Positives. “ „Wenn du jemanden triffst, über den du schon Schlechtes gehört hast“, pflegte Khadija zu sagen,„gib ihm eine Chance.

Wir sind im Hier und Jetzt, nicht in der Vergangenheit. “ Ihr Chef im Café Schümli sagt einfach:Khadija war ein großartiger Mensch. Das sind keine leeren Phrasen. Das sind die Worte von Menschen, die sie kannten, die sie vermissen, die ihre Abwesenheit jeden einzelnen Tag spüren.

Lass mich jetzt rekonstruieren, was passiert ist. Langsam, weil jedes Detail in dieser Geschichte zählt und weil es zwei Geschichten gibt, die am 16. August 2022, an einem Wendepunkt, kollidieren. Die Geschichte von Khadija und die Geschichte einer Frau, die beschloss, nicht mehr sie selbst zu sein.

Ich beginne mit dem, was wir über den Plan wissen. Denn dieser Mord war kein Unfall. Es war kein Streit, der eskalierte. Es war kein Verbrechen aus Leidenschaft, keine Eifersucht, keine Hitze des Augenblicks.

Dieser Mord war geplant. Über Wochen, über Monate, systematisch, im Frühjahr 2022. Eine junge Frau in Ingolstadt, Sharaban, hat ein Problem. Ihre Ehe ist gescheitert.

Der Mann, den sie nach religiösem Ritus geheiratet hat, hat sie für immer verlassen, und ihre Familie, Jesiden aus dem Nordirak, setzt sie unter Druck. Der Konflikt zwischen den Familien eskaliert. Sharaban sieht keinen Ausweg. Sie will verschwinden.

Ein neues Leben beginnen. Unter einer neuen Identität. Aber um zu verschwinden, musst du tot sein—oder zumindest für tot gehalten werden. Und so schmiedet Sharaban einen Plan, so kaltblütig, dass erfahrene Ermittler später sagen würden:„Wir hatten noch nie einen Fall wie diesen.

“ Vor allem nicht mit so einer Wendung. Sie sucht auf Instagram nach Frauen, die ihr ähnlich sehen. Sie schreibt mindestens 24 Frauen an. Sie macht Komplimente, sie baut Vertrauen auf.

Sie lockt sie mit kostenlosen Schönheitsbehandlungen und dem Versprechen, in einem Musikvideo aufzutreten. Einige Frauen lehnen ab, einige sind misstrauisch. Eine fragt sogar den Rapper Lune direkt und bekommt die Antwort:„Das ist alles fake, geh nicht hin. “

Aber Khadija bekommt eine andere Nachricht von einem anderen Fake-Account.

Diesmal: ein Angebot für eine kostenlose Wimpernbehandlung in einem Beauty-Salon, den es gar nicht gibt. In Ravenstein, im Neckar-Odenwald-Kreis. Khadija sagt zu. Zur gleichen Zeit sucht Sharaban nach jemandem, der bereit ist, für sie zu töten.

Sie fragt verschiedene Männer in ihrem Bekanntenkreis. Einer lehnt ab, ein anderer nimmt es nicht ernst. Dann trifft sie Shaqir, einen jungen Mann aus dem Kosovo. Er sagt ja.

In der Nacht vor der Tat schreibt sie ihm eine Nachricht:„Wir haben morgen viel zu erledigen, Mann. “ „Ich freue mich auf morgen. “

Stell dir das einmal vor. Eine Frau schreibt einem Mann, der am nächsten Tag jemanden töten soll, eine Nachricht, in der sie sich freut.

Wie auf einen Ausflug, wie auf ein Abenteuer, wie auf etwas Schönes, das gleich passieren wird. Ich lasse diesen Gedanken so stehen, denn er sagt alles, was du über die Täterin wissen musst. 16. August 2022.

Der Tag. Am Nachmittag beendet Khadija ihre Schicht im Café Schümli. Sie verabschiedet sich von Lila. „Bis morgen.

“ Dann geht sie nach Hause. Sie erzählt ihrem Freund, sie habe einen Termin für eine Schönheitsbehandlung. Sie erzählt einer Freundin dasselbe. Sie schickt ihrem Freund ihren Live-Standort über ihr Handy, weil sie ein flaues Gefühl hat, weil etwas in ihr sagt:„Pass auf!

18:44 Uhr. Ein schwarzes Mercedes-Coupé fährt in Eppingen vor. Sharaban sitzt am Steuer, Shaqir auf der Rückbank. Sie haben die 300 km von Ingolstadt nach Eppingen zurückgelegt.

Nur für diesen Moment. Nur für Khadija. 18:47 Uhr. Khadija steigt ein.

Beifahrerseite. Sie kennt die beiden nicht. Aber sie glaubt an das Beauty-Studio, an die Wimpernbehandlung, an das Angebot, das über Instagram kam. Das Auto fährt los.

Richtung Norden. Weg von Eppingen, Richtung Massenbachhausen. 19:07 Uhr. Nach einer 20-minütigen Fahrt hält das Auto im Waldgebiet Stöckach zwischen Massenbachhausenund Bad Rappenau.

Ein abgelegener Ort, still. Keine Menschenseelein der Nähe. Unter einem Vorwand wird Khadija überredet, auszusteigen. Wir wissen nicht genau, was gesagt wird.

Wir wissen nur, was als Nächstes passiert. Shaqir schlägt Khadija mit Schlagringen auf den Hinterkopf. Sie fällt zu Boden, und dann beginnen die Messerstiche. 47 Stiche in Kopf, Gesicht, Brust, Seite.

47 Mal in einem Wald, wenige Kilometer von dem Ort entfernt, den Khadija ihr Zuhause nannte. Khadijas Leiche wird auf die Rückbank des Mercedes gelegt—aber sie lebt noch. Sie ist schwer verletzt, aber sie lebt. 19:28 Uhr.

Das Auto hält auf dem Parkdeck eines Kaufland-Marktes in Bad Rappenau. 9 Minuten langin einem Parkplatz neben Familienautos und Einkaufswagen und Menschen, die ihren Wocheneinkauf erledigen. Und auf der Rückbank des schwarzen Mercedes stirbt Khadija an neun weiteren Messerstichen. 56 Messerstiche insgesamt, um ein Gesicht unkenntlich zu machen, um sicherzustellen, dass niemand merkt, dass die Tote nicht Sharaban ist, sondern jemand anderes.

Jemand, der 23 Jahre alt war und Träume hatte und an diesem Morgen noch Kaffee im Café serviert hatte. Das Auto fährt weiter. 300 km zurück nach Ingolstadt, mit Khadijas Leiche auf der Rückbank. Die beiden parken den Mercedes vor Sharabans früherer Wohnung.

Wo ihre Eltern ihn finden werden. Wo das Inszenierung seinen Höhepunkt erreichen soll. Der ursprüngliche Plan war, das Auto und die Leiche anzuzünden. Aber dazu kommt es nicht.

Die Eltern kommen früher als erwartet. Sie suchen ihre Tochter. Sie finden den Mercedes. Sie schauen auf die Rückbank.

Das Gesicht ist entstellt. Unkenntlich. Und sie tun, was jede Mutter, jeder Vater tun würde. Sie identifizieren ihre Tochter—weil es ihr Auto ist, weil die Leiche aussieht wie sie, weil es nicht sein kann, dass jemand anderes in diesem Auto liegt.

Kurz vor Mitternacht stellt ein Notarzt den Tod fest. Die Polizei beginnt die Ermittlungen. Die Nachricht verbreitet sich. Eine junge deutsch-irakische Frau wurde in ihrem eigenen Auto in Ingolstadt getötet.

Ein Gewaltverbrechen. Die Polizei sucht den Täter. Für 24 Stunden glaubt die gesamte Ermittlungsmaschinerie: Das Opfer ist Sharaban. Für 24 Stunden hat Khadija keinen Namen.

Für 24 Stunden trauern die falschen Eltern. Und dann kommt der Wendepunkt. Am nächsten Tag tauchen Überwachungskameraaufnahmen von vor einer Pizzeria in Ingolstadt auf. Und auf diesen Bildern ist eine Frau zu sehen.

Weinend, verstört—aber lebendig. Es ist Sharaban. Die Frau, die tot sein sollte, lebt. Die Frau, die auf der Rückbank ihres eigenen Autos gelegen haben soll, steht vor einer Pizzeria und weint.

Zur gleichen Zeit erkennt eine Bekannte von Sharaban sie auf der Straße und alarmiert die Polizei. Die Obduktion bringt die Bestätigung. Die DNA der Toten stimmt nicht mit Sharaban überein. Die Tote ist jemand anderes.

Die Tote ist Khadija aus Eppingen, 23 Jahre alt, Algerierin, Bloggerin, Kellnerin, Kämpferin. 17. August, einen Tag nach der Tat. Die Polizei verhaftet Sharaban und Shaqir.

Beide befinden sich seitdem in Untersuchungshaft. Es gibt Dinge in diesem Fall, die ich nicht vergessen kann und nicht vergessen will. Erster Punkt: Die Suche auf Instagram. Sharaban hat mindestens 24 Frauen kontaktiert, die ihr ähnlich sahen.

24. Das bedeutet, 23 andere Frauen hätten an Khadijas Stelle sterben können. 23 andere Leben,die nur durch Zufall verschont wurden—weil sie das Angebot ablehnten, weil sie misstrauisch waren, weil sie nicht antworteten. Khadija antwortete, und das kostete sie das Leben.

Nicht, weil sie unvorsichtig war, sondern weil sie an das Gute im Menschen glaubte, weil sie eine Chance sah, wo keine war. Zweiter Punkt: Das flaue Gefühl. Khadija schickte ihren Live-Standort an ihren Freund. Sie hatte ein schlechtes Gefühl.

Sie hörte darauf—aber sie ging trotzdem. Und dieser Widerspruch ist so menschlich, dass es wehtut, weil wir ihn alle kennen. Dieses Gefühl, das sagt: Hier stimmt etwas nicht. Und dann die Stimme, die antwortet:„Du übertreibst.

“ „Es wird schon gut gehen. “

Dritter Punkt: Die Inszenierung. Das Gesicht des Opfers wurde absichtlich entstellt. 56 Messerstiche, viele davon ins Gesicht und in den Kopf.

Nicht aus Wut, nicht im Affekt, sondern um sicherzustellen, dass das Opfer nicht identifiziert wird, um die Polizei glauben zu lassen, es sei Sharaban, damit die Eltern ihre Tochter auf der Rückbank sehen und nicht fragen:„Wer ist das wirklich? “ Das ist nicht nur ein Gewaltverbrechen. Das ist kalkuliert, kalt, präzise, unmenschlich. Vierter Punkt: Der Supermarkt-Parkplatz.

Khadija war nach dem Angriff im Wald noch am Leben. Schwer verletzt, aber am Leben. Und die beiden Täter hielten auf dem Parkdeck eines Kaufland-Supermarkts zwischen Einkaufswagen und Familienautos—und dort wurde Khadija mit neun weiteren Messerstichen getötet, auf einem Parkplatz, auf dem andere Leute ihre Einkaufstüten in ihre Autos luden. Niemand hat etwas bemerkt.

Fünfter Punkt: Die Nachricht. „Wir haben morgen viel zu erledigen. Alter, ich freue mich auf morgen. “ Eine Nachricht, geschrieben in der Nacht vor dem Mord, von einer Frau, die weiß, dass ein Mensch am nächsten Tag sterben wird, die sich darauf freut, die es„erledigen“ nennt, als wäre es Einkaufen, ein Termin, eine Aufgabe auf einer Liste.

Sechster Punkt: Der versuchte Auftragsmord. Was viele nicht wissen: Sharaban wollte nicht nur ihren eigenen Tod vortäuschen. Sie hatte zuvor einen Mann beauftragt, ihren Schwager zu töten. Für 10.

000 Euro. Sie hatte bereits 5. 000 gezahlt. Der Mann gab nur vor, zuzustimmen.

Der Schwager überlebte. Aber Sharaban wurde auch dafür verurteilt—wegen versuchter Anstiftung zum Mord. Zusätzlich zum Mord an Khadija. Der Prozess am Landgericht Ingolstadt begann am 16.

Januar 2024. 192 Zeugen wurden geladen. 53 Verhandlungstage, fast ein Jahr dauerten. Sharaban brach schließlich ihr Schweigen und behauptete, sie sei dabeigewesen, habe aber nichts getan.

Sie behauptete, Shaqir habe alles alleine gemacht. Sie sagte, sie habe sogar versucht, ihn zu stoppen. Das Gericht glaubte ihr nicht. Es sagte, das sei in allen Punkten widerlegt.

Shaqir schwieg während des gesamten Prozesses. Kein einziges Wort zu seinem Motiv. Aber Freunden soll er nach der Tat gesagt haben:„Wegen dieser Frau habe ich ein unschuldiges Mädchen getötet. “

Am 19.

Dezember 2024 sprach das Landgericht Ingolstadt das Urteil: lebenslange Haft für beide. Für Sharaban zusätzlich die Feststellung der besonderen Schwere der Schuld. Das bedeutet, eine vorzeitige Entlassung nach 15 Jahren ist praktisch ausgeschlossen. Der Vorsitzende Richter Konrad Kliegl sagte, es sei eine verstörende Tat gewesen,und er kritisierte die Verteidigung, die den Prozess durch unzählige Anträge auf 53 Tage in die Länge gezogen hatte.

Er nannte es Prozessverschleppung. Ein Jahr Verfahren, in dem Khadijas Vater jede Woche im Gerichtssaal saß, gezwungen zuzuhören, wie die Anwälte der Täterin behaupteten, alles sei ganz anders gewesen. Im September 2025 bestätigte der Bundesgerichtshof das Urteil—rechtskräftig. Und jetzt möchte ich über die Menschen sprechen, die Khadija geliebt haben.

Da ist Lila, Khadijas beste Freundin. Die Frau, die mit ihr im Kinderdorf aufwuchs, die mit ihr geschworen hat, aufeinander aufzupassen, die mit ihr im Café arbeitete, die sich am Abend des 16. August von ihr verabschiedete. Bis morgen.

Und die am Morgen nichts von ihr hörte, die zur Polizei ging, die eine Vermisstenanzeige erstattete und die dann erfuhr, dass ihre beste Freundin tot war. Lila sagt:„Wir waren endlich angekommen. Wir waren erwachsene Frauen—und dann war Khadija weg. “ Nicht, weil sie ging, nicht, weil sie verschwand, sondern weil jemand sie brauchte—als Leiche, als Requisite, als Werkzeug in einem Plan, so unmenschlich, dass man ihn nicht glauben will.

Da ist ein Vater. Khadijas Vater, der in der Dokumentation über den Fall spricht, der fast ein Jahr im Gerichtssaal saß, der sich anhören musste, wie die Verteidigung anzweifelte, dass seine Tochter wegen ihrer Ähnlichkeit getötet wurde, der ertragen musste, wie die Täterin behauptete, sie habe nichts getan. Der 53 Verhandlungstage abwarten musste. Bis das Gericht sagte, was er bereits wusste:„Sie haben meine Tochter ermordet.

Da ist ein Freund—der Mann, dem Khadija am Abend ihres Todes ihren Live-Standort schickte. Der wusste, wo sie war, und der trotzdem nichts tun konnte, weil der Standort in einem Wald endete, weil 20 Minuten reichen, um einen Menschen zu töten, weil ein Live-Standort kein Schutzschild ist. Da sind Kollegen im Café Schümli, die sich weigerten, mit Journalisten zu sprechen, weilder Medienrummel ihnen zu viel sei. Aber die auch sagten:Khadija war ein großartiger Mensch.

Ein Satz—und in diesem Satz steckt mehr Trauer als in jedem Zeitungsartikel, der über diesen Fall geschrieben wurde. Die Wunde heilt nicht, wenn man nicht weiß, was die Wunde verursacht hat. Khadijas Familie und Freunde wissen jetzt, was passiert ist. Das Gericht hat es festgestellt—aber das Wissen macht es nicht besser.

Es macht es nur konkreter. Es gibt der Leere einen Namen, aber es füllt sie nicht. Eppingen liegt noch immer dort, wo es immer lag. Zwischen Heilbronnund Karlsruhe.

Die Johannes-Kleinheins-Straße ist noch immer eine ruhige Straße. Das Café Schümli in Heilbronn serviert noch immer Kaffee. Das Waldgebiet Stöckach bei Fürfeld steht noch immer still zwischen den Feldern, als wäre nichts passiert. Aber etwas ist passiert.

An einem Augustabend im Jahr 2022 antwortete eine junge Frau auf eine Nachricht auf Instagram. Eine Nachricht, die wie eine Chance aussah, wie ein kostenloser Termin, wie etwas Kleines, Harmloses, Alltägliches—und diese Nachricht kostete sie das Leben. Wir leben in einer Welt, in der eine Nachricht von einem Fremden normal ist, in der Angebote im Internet zum Alltag gehören, in der wir jeden Tag Entscheidungen treffen, die wir für unbedeutend halten. Antworten oder nicht antworten, einsteigen oder nicht einsteigen, vertrauen oder misstrauen.

Khadija vertraute—nicht, weil sie naiv war, sondern weil sie ein Mensch war, der an das Gute glaubte. Der sagte:„Gib ihm eine Chance. “ „Wir sind im Hier und Jetzt. “ Und genau diese Eigenschaft, die sie zu einem besonderen Menschen machte, wurde ihr Verderben.

Das ist keine Lehre. Es gibt keine Lehre in diesem Fall, die etwas besser macht. Es gibt nur eine junge Frau, die nicht mehr da ist,und eine Welt, die sich fragen muss, wie es dazu kommen konnte. Khadija, 23 Jahre alt, aus Oran, Algerien, aus Eppingen, Baden-Württemberg, Kellnerin, Beauty-Bloggerin, Kämpferin, Träumerin.

Die Frau, die Dolmetscherin werden wollte, die heiraten wollte, die Kinder haben wollte, die in allem etwas Positives fand. Getötet am 16. August 2022 in einem Wald bei Fürfeld—weil sie ein Gesicht hatte, das einem anderen Gesicht ähnelte. Für immer 23.

Wenn du dieses Video bis hierher geschaut hast, danke. Danke, dass du dir Khadijas Geschichte angehört hast. Nicht die Geschichte des Doppelgänger-Mordes. Khadijas Geschichte.

Die Geschichte eines Menschen, der mehr war als eine Ähnlichkeit, der mehr war als ein Werkzeug im Plan einer Fremden, der lebte und liebte und träumte und es verdient hätte, alt zu werden. An der Stelle im Waldgebiet Stöckach, wo Khadija getötet wurde, liegen Blumen und Kerzen. Die Menschen aus der Gegend haben sie dorthin gelegt. Für eine junge Frau, die sie nicht kannten, aber die sie nicht vergessen wollen.

Und falls dich diese Geschichte an etwas erinnert hat, falls du dich in einer Situation wiederfindest, in der du dich unsicher fühlst, in der dich jemand unter Druck setzt, in der du Angst hast—dann gibt es Hilfe. Du erreichst das Hilfstelefon „Gewalt gegen Frauen“ unter der 116 016 rund um die Uhr. Kostenlos. Anonym und in vielen Sprachen.

Du erreichst die Telefonseelsorge unter 0800 111 oder 0800 222, ebenfalls kostenlos und anonym. Du erreichst den Weißen Ring, der Opfern von Straftaten hilft, unter 116 006. Du bist nicht allein, auch wenn eine Nachricht auf deinem Bildschirm etwas anderes verspricht. Nicht jede Chance ist eine Chance—aber jeder Mensch ist ein Mensch,und kein Mensch ist ein Doppelgänger.

Khadija war kein Doppelgänger. Sie war Khadija.