Der alte Mann stand zitternd in meinem Büro und schob mir einen zerknitterten Brief über den Tisch. „Sie wollen ihn laufen lassen“, flüsterte er. „Diesen Pulos. Er sagt, er hätte nur gegen die…

Der alte Mann stand zitternd in meinem Büro und schob mir einen zerknitterten Brief über den Tisch. „Sie wollen ihn laufen lassen“, flüsterte er. „Diesen Pulos. Er sagt, er hätte nur gegen die...

Die Vororte von Thessaloniki, Ende der 1940er Jahre. Die Straßen rochen noch immer nach Staub, Blei und Schweiß, und die Mauern trugen die Narben von Besatzung und Bürgerkrieg. Ich war ein junger Rechtsanwalt, gerade frisch von der Universität, als ich das erste Mal von dem Mann hörte, dessen Name in den Dörfern Westmakedoniens wie ein Fluch ausgesprochen wurde. Es war ein warmer Frühlingsmorgen, als ein alter Bauer aus der Gegend um Pier in mein Büro schlurfte.

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Seine Hände zitterten, als er einen zerknitterten Brief aus seiner Jacke zog. „Sie wollen ihn wieder laufen lassen“, sagte er mit belegter Stimme. „Sie sagen, er habe nur seine Pflicht getan. Aber ich habe gesehen, was er getan hat.

Ich habe gesehen, wie sie die Scheune angezündet haben. “

Er sprach von Oberst Georgios Pulos, dem Mann, der mit den Deutschen zusammengearbeitet hatte. Der Mann, der während der Schreckensherrschaft der Nazis in Griechenland ganze Dörfer an die Besatzer verraten hatte. Er war verhaftet worden, zum Tode verurteilt, aber da war dieser letzte Trumpf, den er ausspielte: Er bot an, im neuen Bürgerkrieg gegen die Kommunisten zu kämpfen.

Auf einmal sprachen seine Anwälte von Patriotismus, von Rettung des Vaterlandes. Die Erinnerung an Pier schnürte mir die Kehle zu. 327 Menschen, Männer, Frauen, Kinder. Ich hatte die Berichte gelesen, die kalten Protokolle der Militärgerichte, aber die nüchternen Zahlen konnten das Entsetzen nicht wiedergeben.

Die Augenzeugenberichte, die in den Prozessakten schlummerten, taten es. Ein alter Pfarrer hatte beschrieben, wie die Soldaten der 4. SS-Polizei-Panzergrenadier-Division am 24. April 1944 das Dorf umstellt hatten.

Die Männer wurden zusammengetrieben, Gruppenweise erschossen. Frauen, die um ihr Leben flehten, wurden mit Kolben niedergeschlagen. Die Kinder schrien nach ihren Müttern. Am Anfang, so erzählte der Bauer, hörte man nur die Schüsse.

Dann das Krachen der brennenden Balken. Die Dorfbewohner wurden in die Scheunen und Ställe getrieben, die Türen wurden von den deutschen Soldaten und ihren griechischen Helfern, den Männern des Pulos, von außen verriegelt. Das Feuer breitete sich rasch aus. Wer zu fliehen versuchte, wurde niedergemacht.

Sogar die Säuglinge verschonten sie nicht. Ich schloss die Akte vor mir und sah dem Bauern in die Augen. „Ich werde den Fall übernehmen“, sagte ich. „Niemand, der das getan hat, darf davonkommen, nur weil er jetzt einen neuen Krieg führen will.

Die folgenden Wochen waren eine Reise in die dunkelsten Stunden der Geschichte Griechenlands. Ich reiste durch die zerstörten Dörfer, sprach mit den Hinterbliebenen, die auf den Ruinen ihrer Häuser hockten. Ihre Geschichten waren alle gleich und doch von einer einzigartigen Grausamkeit. Da war die Witwe, deren Mann vor ihren Augen erschossen worden war, weil er ein Stück Brot für seine Kinder erbettelt hatte.

Da war der junge Mann, der als Kind die Flammen des eigenen Hauses gesehen hatte, in dem seine Großmutter verbrannt war, weil sie zu gebrechlich war, um zu fliehen. Und da war der alte Hirte, der die 12. 000 Schafe zählte, die die Deutschen und die Männer des Pulos aus den Tälern getrieben hatten, während die Überlebenden zu Fuß nach Ptolemaida marschiert wurden, wo sie als Geiseln festgehalten wurden. Das Massaker von Pier, so wurde mir klar, war kein Betriebsunfall des Krieges gewesen.

Es war eine geplante, systematische Vernichtung einer Gemeinschaft gewesen. Die 365 niedergebrannten Häuser, die konfiszierten 10 Tonnen Weizen, die gestohlenen 3. 500 Pferde und Rinder. Alles, was das Leben der Menschen ausmachte, sollte ausgelöscht werden.

Die Erinnerung an den Kommandeur Karl Schümers, der das Massaker befohlen und später sein eigenes Grab auf einer Mine gefunden hatte, war kein Trost für die Lebenden. Doch nun stand nicht Schümers vor Gericht, sondern sein Handlanger. Pulos Berufung auf den Patriotismus war eine Farce. Ich sammelte die Aussagen der Überlebenden, derer, die den Tod ihrer Familien gesehen hatten.

Ich stellte die Chronologie zusammen, die Beweise für die Plünderungen, die Beteiligung an den Erschießungen, die Zusammenarbeit mit den Besatzern in Westmakedonien. Jede Akte, die ich öffnete, roch nach verbranntem Holz und Blut. Am Tag der Verhandlung im Sondergericht für Kollaborateure in Thessaloniki war der Saal bis auf den letzten Platz gefüllt. Die Luft war drückend, voller unterdrückter Wut.

Pulos saß im Zeugenstand, sein Gesicht war eine Maske aus Kalkül. Er trug einen sauberen Anzug, seine Haare waren pomadisiert, und er wirkte wie ein Mann, der glaubte, die Regeln des Spiels zu kennen. Er gab zu, mit den Deutschen zusammengearbeitet zu haben. Aber er tat es mit einer Arroganz, die das Blut in meinen Adern gefrieren ließ.

„Ich habe für Griechenland gekämpft“, sagte er mit fester Stimme. „Ich habe gegen den Kommunismus gekämpft. Das war der wahre Feind. Die Deutschen waren ein notwendiges Übel auf diesem Weg.

Ich stand auf und hielt ein Foto aus den Archiven hoch. Es zeigte ihn, in deutscher Uniform, neben einem SS-Offizier, vor der brennenden Kirche von Pier. „Sehen Sie sich das an, Herr Oberst“, sagte ich ruhig. „Ist das auch Patriotismus?

Wenn Sie die Flammen sehen, in denen Ihre Landsleute verbrannt sind? “

Zum ersten Mal zuckte etwas in seinem Gesicht. „Ich habe keine Befehle gegeben“, sagte er. „Ich habe nur die Deutschen geführt, sie durch das Gelände gelotst.

Die Morde habe ich nicht befohlen. “

Doch dann, in einer Wendung, die den ganzen Saal erschauern ließ, rief einer der Überlebenden aus den hinteren Reihen: „Du warst es, der uns an die Deutschen verraten hat! Du hast ihnen verraten, wo die Partisanen waren, und hast deine eigenen Leute in den Tod geschickt, um deine Felder zu retten! “

Die Ruhe brach.

Die Menge begann zu toben. Die Richter mussten die Sitzung kurz unterbrechen. Pulos blieb starr auf seinem Platz sitzen, und ich sah, wie seine Fassade bröckelte, als er realisierte, dass seine Worte von Patriotismus die Menschen nicht mehr überzeugen konnten. In der Mittagspause zog sich das Gericht zur Beratung zurück.

Ich stand auf dem Flur, umgeben von den wartenden Familien. Ein alter Mann legte mir seine runzlige Hand auf die Schulter. „Junge“, sagte er leise, „meine ganze Sippe ist an diesem Tag gestorben. Ich will nur, dass die Welt das weiß.

Dass es nicht vergessen wird. “

Als die Richter zurückkehrten, herrschte Totenstille im Saal. Das Urteil wurde verlesen: Schuldig der Kollaboration und der Kriegsverbrechen. Pulos wurde zum Tode verurteilt.

Doch der Kampf war noch nicht vorbei. Das Urteil musste vom Justizministerium bestätigt werden, und in den folgenden Wochen arbeitete Pulos‘ Verteidigung mit aller Macht dagegen an. Sie reichten Gnadengesuche ein. Sie argumentierten, dass seine Erfahrung im Kampf gegen die Kommunisten wertvoll für die Nation sei.

Man bot an, ihn in den Norden zu schicken, in die Berge, wo der Bürgerkrieg weiterging. Ich wurde von mehreren Seiten bedrängt. Hohe Beamte flüsterten mir zu, ich solle nicht so viel Druck ausüben. „Die Zeiten sind kompliziert“, sagten sie, „wir brauchen Männer, die hart zuschlagen können.

“ Aber ich dachte an die Scheunen von Pier. Ich dachte an den alten Bauern, dessen zitternde Hände mir den Brief gegeben hatten. Und ich weigerte mich nachzugeben. Ich stellte meine Akten zusammen, die Aussagen, die Zeugenberichte, die Fotos, und verfasste ein Gutachten, das dem Ministerium vorgelegt werden sollte.

Es sollte die Glaubwürdigkeit der Aussagen von Pulos zerschlagen. In einem letzten Gnadengesuch an die griechische Regierung flehte Pulos um sein Leben, bot an, an vorderster Front gegen die linken Aufständischen zu kämpfen, sprach von seinem Patriotismus, der sich nach dem Krieg gezeigt habe. Er wollte sich als Retter des Landes stilisieren, als er doch der Totengräber seiner eigenen Landsleute gewesen war. Der Frühling von 1949 war ein einziger Monat der Anspannung.

Der Bürgerkrieg wütete, die Fronten waren unsicher, und die Politik spielte ihr eigenes Spiel. Ich bekam Drohbriefe. Unbekannte Anrufe rissen mich nachts aus dem Schlaf. „Lass es gut sein, Anwalt“, sagte eine Stimme am Telefon.

„Es gibt wichtigere Schlachten. “

Doch am 11. Juni 1949 wurde das Urteil vollstreckt. Georgios Pulos wurde in Athen von einem Erschießungskommando hingerichtet.

Die Männer, die in jenem April 1944 in Pier gemordet hatten, hatten ihre Rechnung beglichen. Karl Schümers war 1944 auf eine Mine gefahren. Die 4. SS-Division war in den Kämpfen in Serbien, Ungarn und der Slowakei zerrieben worden und kapitulierte schließlich zerschlagen an der Elbe.

Und nun war auch Pulos gestorben, nicht in den Bergen kämpfend, sondern vor einem Erschießungskommando in der Hauptstadt. Monate später, als ich die Prozessakten ins Archiv zurückbrachte, begegnete ich dem alten Bauern aus meinem Büro wieder. Er stand vor dem Justizpalast, die Sonne schien ihm ins Gesicht, und er lächelte zum ersten Mal, seit ich ihn kannte. „Es ist vorbei“, sagte er.

„Wir können jetzt vielleicht endlich anfangen zu vergessen. “ Er wandte sich um und ging die Straße hinunter. Ich sah ihm nach, bis er in der Menge verschwand. Die Gerechtigkeit war langsam gewesen, aber sie war gekommen.

Und die Erinnerung an Pier, so wusste ich in diesem Moment, würde dennoch fortleben, in den Herzen derer, die überlebt hatten, und in den Geschichten, die sie ihren Kindern erzählen würden.