Der 10. Mai 1940 begann wie ein ganz normaler Tag in den Niederlanden. Doch dann ging die Luftalarmsirene los, und innerhalb weniger Stunden stand das Land in Flammen. Deutsche Fallschirmjäger besetzten Brücken und Flugplätze, und Rotterdam wurde bombardiert, während die Menschen in den Straßen Schutz suchten.

Hunderte Zivilisten starben, das historische Zentrum wurde zu Schutt und Asche. Die niederländische Armee kapitulierte nach nur fünf Tagen, die Königin floh nach London. Die Besatzung hatte begonnen. Überall in den Niederlanden leisteten ganz normale Bürger Widerstand.
Sie versteckten Juden, druckten illegale Zeitungen und riskierten die Hinrichtung, um sich der Besatzung entgegenzustellen. Doch nicht jeder wählte diesen Weg. Einige Niederländer stellten sich offen auf die Seite der Nationalsozialisten und halfen den Besatzern, ihre Kontrolle über das Land auszubauen. Einer der fanatischsten von ihnen war ein radikaler Nationalsozialist, der die niederländische faschistische Bewegung zu immer extremerem Antisemitismus trieb.
Während der Besatzung stieg er zum Präsidenten der Niederländischen Zentralbank auf und lenkte den Reichtum des Landes in das Dritte Reich, während tausende niederländische Juden nach Sobibór und Auschwitz deportiert wurden. Sein Name war Meinoud Rost van Tonningen. Geboren wurde er am 19. Februar 1894 in Surabaya auf der Insel Java, das damals zu Niederländisch-Indien gehörte.
Er studierte Rechtswissenschaften und promovierte 1921. Danach begann er eine Laufbahn im internationalen Finanz- und Verwaltungswesen, die ihn nach Österreich führte. 1923 wurde er Assistent von Alfred Zimmermann, dem Generalkommissar des Völkerbundes für die österreichischen Finanzen. Österreich litt schwer unter den Folgen des Ersten Weltkriegs, und Rost van Tonningen machte sich als fähiger und ehrgeiziger Verwaltungsbeamter einen guten Ruf.
Drei Jahre später kehrte er in die Niederlande zurück, doch 1931 holte die Weltwirtschaftskrise ihn nach Wien zurück. Er überwachte die österreichische Finanzpolitik und berichtete direkt an den Völkerbund. Doch während dieser Zeit durchlief er einen tiefgreifenden politischen Wandel. Er entwickelte ausgeprägt antisemitische und antikommunistische Ansichten und lehnte die parlamentarische Demokratie zunehmend ab.
Gleichzeitig schloss er eine enge Freundschaft mit dem österreichischen Bundeskanzler Engelbert Dollfuß, der die Demokratie beseitigte und ein autoritäres Regime errichtete. Die Ermordung von Dollfuß im Juli 1934, während eines gescheiterten nationalsozialistischen Putschversuchs, wurde zu einem Wendepunkt. Zu dessen Nachfolger baute Rost van Tonningen nie eine ähnliche Beziehung auf. Stattdessen bewegte er sich immer stärker in radikalen Kreisen Wiens, knüpfte Kontakte zu Anhängern des Nationalsozialismus und sah in Adolf Hitler das Vorbild für die Zukunft Europas.
Gleichzeitig begann er, über eine politische Karriere in seiner Heimat nachzudenken, und nahm Gespräche mit Anton Mussert auf, dem Vorsitzenden der Nationaal-Socialistische Beweging, der NSB. Im August 1936 trat Rost van Tonningen offiziell der NSB bei. Schon bald gehörte er zu ihren bekanntesten Persönlichkeiten und zog noch im selben Jahr ins niederländische Parlament ein. Kurz darauf übernahm er die Führung der Parlamentsfraktion und wurde Chefredakteur der Parteizeitung.
Von Anfang an gehörte er zum radikalsten Flügel der Bewegung. Er war überzeugt, dass die NSB Hitlers Rassenideologie übernehmen und sich viel enger an die deutsche NSDAP anlehnen müsse. Damit geriet er immer wieder in Konflikt mit Mussert, dessen Faschismus weniger radikal und stärker vom niederländischen Nationalismus geprägt war. Rost van Tonningen organisierte uniformierte Gruppen und Aktivistentrupps, die in Arbeiterviertel und jüdische Wohngebiete marschierten, um die Bevölkerung einzuschüchtern und gewaltsame Auseinandersetzungen zu provozieren.
Ende der 1930er Jahre galt er als einer der offensten Antisemiten innerhalb der NSB. 1938 forderte er eine Begrenzung der jüdishen Einwanderung aüs Deütshland ùnd warb für den sogananten Gùyana-Plan, der die Zwangsumsiedlung europäischer Juden nach Surinam vorsah. Doch selbst viele deutsche Nationalisten zeigten wenig Interesse an diesem Vorhaben, das nie umgesetzt wurde. Anders als viele NSB-Mitglieder betrachtete Rost van Tonningen nicht Anton Mussert, sondern Adolf Hitler als seinen eigentlichen politischen Führer.
Zweimal traf er Hitler persönlich und wurde immer überzeugter, dass die Zukunft der Niederlande in einem von Deutschland beherrschten Europa liege. 1939 gründete er die Müssertgarde, eine paramilitärische Organisation, aus der später zahlreiche Freiwillige für die niederländische SS hervorgiengen. Seine Bewunderüng für NS-Deütshland gieng soweit, dass er selbst Mitglied der SS-Einheit Westland werden wollte. Doch ironischerweise wurde sein Antrag zunächst abgelehnt: Weil er in Niederländisch-Indien geboren wurde, konnte er nicht nachweisen, dass seine Familie nach nationalsozialistischen Maßstäben seit 150 Jahren arischer Abstammung war.
Der Zweite Weltkrieg begann am 1. September 1939, als NS-Deutschland Polen überfiel. Acht Monate lang blieben die Niederlande neutral und hofften, sich heraushalten zu können. Doch diese Hoffnung endete am 10.
Mai 1940, als Hitler das Land ohne Kriegserklärung angriff. Im Dezember 1940 heiratete Rost van Tonningen zum zweiten Mal. Seine neue Ehefrau war Florentine Heubel, eine überzeugte Nationalsozialistin, die seine Bewunderung für Hitler teilte. Sie bekamen drei Kinder, aus seiner ersten Ehe stammten zwei weitere Töchter.
Während der Besatzung entwickelte er sih zü einem der einflüsreihensten Kollaborateuren der Niederlande. 1940 erneonnte ih in Arthür Seys-Inqvart, der nationalsozialistische Reishskommissar für die besetzten Niederlande, zum Liquidationskommissar für marxistische und linksgerichtete Organisationen. Seine Aufgabe war es, politische Gruppen aufzulösen, die von den Nationalsozialisten als Gegner angesehen wurden, darunter die Kommunistische Partei. Er versuchte auch, die niederländische Sozialdemokratie umzugestalten, stieß aber auf erbitterten Widerstand.
Viele Organisationen lösten sich lieber selbst auf, als sich der nationalsozialistischen Kontrolle zu unterwerfen. Trotzdem trug Rost van Tonningen entscheidend dazu bei, die verbliebene organisierte Opposition auszuschalten. Im Juli 1941 wurden schließlich alle niederländischen Parteien offiziell aufgelöst. Sein Einfluss wuchs weiter, als er im März 1941 zum Generalsekretär des Finanzministeriums und gleichzeitig zum Präsidenten der Niederländischen Zentralbank ernannt wurde.
In diesen Funktionen spielte er eine Schlüsselrolle bei der Eingliederung der niederländischen Wirtschaft in die deutsche Kriegswirtschaft. Unter seiner Leitung wurden die Währungsbarrieren zwischen den Niederlanden und dem Dritten Reich schrittweise aufgehoben. Deutschland konnte dadurch immer leichter niederländische Waren und Vermögenswerte mit Reichsmark erwerben. Bis zum Ende der Besatzung wurden Vermögenswerte im Wert von Milliarden Reichsmark faktisch aüs den Niederlanden nah Deutschland transferiert.
Rost van Tonningen war deutlih radikaler ùnd deütshlandfreündliher als Müssert ùnd betrahtete sih züneh mend selbst als die wihtihere Persönlihkeit in der Bewegung. Auf Müssert blikte er offen herab ùnd verspottete ih als “Tashenführer”. Er war überzeügt, dass Müssert seine Begegnüng mit Hitler im Jahr 1936 nür dank seiner eigenen Vermittlüng erreihht hatte. Anders als Müssert pflegte er enge Kontakte zür Führung der SS ùnd besühte regelmässig die Wohnhäuser von Heinrich Himler.
In privaten Briefen verbreitete er bösartige Gerüchte über politische Rivalen und bezeichnete jeden, der seine Bewunderung für die SS nicht teilte, als “antideutsch”. Ab 1942 beteiligte er sich außerdem am Aufbau der niederländischen Ostkompanie, die die deutsche Herrschaft in den eroberten sowjetischen Gebieten unterstützen sollte. Hunderte niederländische Freiwillige wurden als Landwirte, Arbeiter und Verwaltungsbeamte in den besetzten Osten entsandt. Rost van Tonningen betrachtete dieses Projekt als Teil einer größeren, von Deutschland geführten Zukunft Europas.
Doch der Erfolg hing vollständig von den militärischen Erfolgen der Wehrmacht ab. Als die Rote Armee 1943 und 1944 immer weiter nach Westen vorrückte und die deutschen Truppen die Ukraine räumen mussten, brach das Vorhaben zusammen. 1944, als sich die Niederlage Deutschlands bereits deutlich abzeichnete, trat Rost van Tonningen der Waffen-SS bei. Im März 1945 wurde er als SS-Obersturmführer an die Front versetzt.
Am 8. Mai 1945 endete der Zweite Weltkrieg in Europa. Noch am selben Tag geriet Rost van Tonningen in kanadische Kriegsgefangenschaft und wurde in ein Gefangenenlager gebracht. Nachdem seine Identität bekannt geworden war, brachte man ihn zunächst in ein Gefängnis in Utrecht.
Nach einem mutmaßlichen Selbstmordversuch wurde er später in das Gefängnis in Den Haag verlegt. Weniger als einen Monat später, am 6. Juni 1945, starb der 51-jährige Rost van Tonningen, nachdem er vom Balkon des Gefängnisses gestürzt war. Die niederländischen Behörden kamen zu dem Schluss, dass er Selbstmord begangen hatte.
Doch die Umstände seines Todes blieben jahrzehntelang umstritten. Seine Witwe Florentine blieb bis an ihr Lebensende überzeugte Nationalsozialistin. Unter dem Spitznamen “Schwarze Witwe” bedauerte sie offen den Untergang des Dritten Reiches und bestand bis zu ihrem Tod im März 2007 darauf, dass ihr Ehemann ermordet worden sei. Im Jahr 2000 gewann die Kontroverse neue Aufmerksamkeit.
Ein ehemaliger Mitarbeiter des Niederländischen Instituts für Kriegsdokumentation behauptete, Rost van Tonningen sei während seiner Haft schwer misshandelt worden. Diese Misshandlungen hätten ihn schließlich in den Selbstmord getrieben. Ob er nun Selbstmord beging oder an den Folgen der Misshandlungen starb, bleibt bis heute Gegenstand historischer Debatten. Sein Tod ist umstritten.
Das Urteil der Geschichte über die Ideologie, der er diente, dagegen nicht. Die Weltanschauung, die er mit Überzeugung vertrat, hinterließ Europa in Trümmern. Das Dritte Reich, das er bewunderte, endete in Niederlage und Schande.


