BLEIBURG 1945: DIE VERGESSENE KATASTROPHE NACH DEM KRIEG – WIE ZEhntausende Gefangene AUSGELIEFERT WURDEN UND WARUM DIE WAHRHEIT ÜBER IHRE LETZTEN TAGE BIS HEUTE UMSTRITTEN IST

BLEIBURG 1945: DIE VERGESSENE KATASTROPHE NACH DEM KRIEG – WIE ZEhntausende Gefangene AUSGELIEFERT WURDEN UND WARUM DIE WAHRHEIT ÜBER IHRE LETZTEN TAGE BIS HEUTE UMSTRITTEN IST

TEIL 1 — DER WEG NACH BLEIBURG

Der Krieg war praktisch vorbei. Deutschland lag in Trümmern, die Wehrmacht zerfiel, und überall in Europa legten Soldaten ihre Waffen nieder. Doch im Mai 1945 begann für Zehntausende Menschen auf dem Balkan erst die letzte und zugleich dunkelste Etappe ihres Krieges. Sie bewegten sich nach Norden, Richtung Österreich, in der Hoffnung, dort britische Truppen zu erreichen und sich ihnen zu ergeben. Unter ihnen befanden sich Soldaten, Angehörige verschiedener bewaffneter Verbände, politische Funktionäre und eine gewaltige Zahl von Zivilisten. Viele fürchteten die heranrückenden jugoslawischen Partisanen mehr als alles andere. Sie glaubten, dass eine Übergabe an die Briten ihnen Gefangenschaft, vielleicht sogar das Leben retten würde. Stattdessen begann eine Rückführung, deren Folgen bis heute Historiker, Politiker und Familien der Opfer beschäftigen. Wenn du historische Geschichten hören möchtest, in denen nicht alles schwarz und weiß ist, dann bleib bis zum Ende. Denn Bleiburg war nicht einfach die Geschichte eines einzelnen Massakers. Es war das Ergebnis eines brutalen Krieges, widersprüchlicher Befehle, politischer Entscheidungen und einer Vergeltung, die sich später selbst in ein neues Verbrechen verwandelte.

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Um zu verstehen, warum diese Menschen überhaupt in Richtung Österreich flohen, muss man vier Jahre zurückgehen. Im April 1941 griff das nationalsozialistische Deutschland gemeinsam mit seinen Verbündeten das Königreich Jugoslawien an. Die jugoslawische Armee war politisch und organisatorisch geschwächt. Das Königreich war von nationalen Spannungen geprägt, und die deutschen Truppen stießen aus mehreren Richtungen vor. Gleichzeitig bombardierte die deutsche Luftwaffe Belgrad. Die Angriffe trafen Wohngebiete, Verkehrswege und öffentliche Einrichtungen. Innerhalb weniger Tage war deutlich geworden, dass die jugoslawische Armee dem Angriff nicht standhalten konnte. Am 17. April 1941 kapitulierte das Königreich. Sein Gebiet wurde unter den Besatzungsmächten und ihren Verbündeten aufgeteilt. Doch mit der militärischen Niederlage begann keine ruhige Besatzungszeit. Im Gegenteil: Jugoslawien wurde zu einem der brutalsten Kriegsschauplätze Europas.

Auf dem Gebiet Kroatiens und Teilen Bosniens entstand der sogenannte Unabhängige Staat Kroatien. Sein tatsächliche Unabhängigkeit war allerdings begrenzt. Das Regime stand unter dem Einfluss der Achsenmächte und wurde von der faschistischen Ustaša-Bewegung unter Ante Pavelić geführt. Von Beginn an verfolgte das Regime eine radikale Politik gegen diejenigen Bevölkerungsgruppen, die es als Feinde betrachtete. Besonders Serben, Juden und Roma wurden Opfer systematischer Verfolgung und Ermordung. Auch politische Gegner wurden verfolgt. Gefängnisse, Lager und Hinrichtungsstätten entstanden. Das größte und berüchtigtste Lager des Regimes befand sich bei Jasenovac. Dort wurden zehntausende Menschen ermordet. Die genaue Opferzahl ist bis heute Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen, doch dass dort Massenverbrechen stattfanden, steht außer Frage.

Gleichzeitig entwickelte sich in anderen Teilen Jugoslawiens ein komplexes Geflecht aus Widerstand, Bürgerkrieg, Kollaboration und ethnischer Gewalt. Die kommunistischen Partisanen unter Josip Broz Tito bauten eine immer stärkere Widerstandsbewegung auf. Ihnen gegenüber standen unter anderem die serbischen Tschetniks, deren verschiedene Verbände je nach Situation gegen die Besatzer kämpften, mit ihnen kooperierten oder gegen andere ethnische Gruppen vorgingen. In Slowenien entstanden antikommunistische Formationen, darunter die Slowenische Heimwehr, die sich schließlich eng an die deutschen Besatzungsstrukturen anlehnte. Damit war der Krieg nicht mehr nur ein Kampf zwischen Besatzern und Widerstandskämpfern. Er wurde gleichzeitig zu einem Bürgerkrieg, in dem Nachbarn gegen Nachbarn kämpften und alte politische und ethnische Konflikte mit einer Brutalität ausgetragen wurden, die nach dem Ende der Besatzung noch lange nachwirken sollte.

Für die Partisanen waren die bewaffneten Verbände, die mit den Achsenmächten zusammengearbeitet hatten, nicht einfach reguläre Gegner. Viele von ihnen wurden als Verantwortliche für jahrelange Verbrechen betrachtet. Partisaneneinheiten hatten selbst schwere Verbrechen begangen, doch am Ende des Krieges waren sie die militärisch stärkere Seite. Von den Alliierten wurden sie zunehmend als legitime jugoslawische Widerstandsbewegung anerkannt. Ihre Armee wuchs gewaltig und umfasste gegen Kriegsende hunderte tausende Kämpfer. Als sich Deutschland im Frühjahr 1945 dem Zusammenbruch näherte, wurde deshalb für viele Kollaborateure und antikommunistische Einheiten eine Frage entscheidend: Was würde passieren, wenn Tito sie in die Hände bekam?

Die Antwort schien ihnen klar. Sie wollten nach Westen. Österreich erschien als möglicher Zufluchtsort. Dort standen britische Truppen. Für viele Soldaten bedeutete eine Kapitulation gegenüber den Briten die Hoffnung auf Kriegsgefangenschaft nach den Regeln des Kriegsrechts. Für manche Zivilisten bedeutete sie schlicht die Hoffnung, nicht in die Hände der Partisanen zu fallen. Doch die Menschen, die sich nun in Bewegung setzten, bildeten keine einheitliche Gruppe. In den Kolonnen marschierten kroatische Streitkräfte, slowenische antikommunistische Einheiten, verschiedene kleinere Formationen und eine große Zahl von Zivilisten. Auch deutsche Soldaten befanden sich unter den Flüchtenden. Manche Zivilisten waren Angehörige der kollaborierenden Regime, andere wollten einfach nur dem Vormarsch der Partisanen entkommen.

Am 3. Mai 1945 entschied die kroatische Führung, sich nach Westen zurückzuziehen. Die Ustaša-Führung hoffte, ihre Truppen könnten sich den Briten ergeben. Ante Pavelić selbst sollte jedoch nicht an der Spitze dieser Kolonnen bleiben. Während viele einfache Soldaten und Zivilisten den gefährlichen Weg nach Norden antraten, suchten führende Vertreter des Regimes Möglichkeiten zur Flucht. Einige von ihnen sollten später über verschiedene Fluchtrouten nach Italien, Spanien oder Lateinamerika gelangen. Die Männer, die sie zurückließen, hatten diese Möglichkeit nicht. Sie marschierten weiter.

Die letzten Kriegstage verwandelten die Straßen Sloweniens in eine riesige Fluchtbewegung. Menschen waren zu Fuß unterwegs, manche mit Wagen, manche mit wenigen Habseligkeiten. Familien versuchten, zusammenzubleiben. Soldaten drängten nach vorne. Gerüchte verbreiteten sich schneller als verlässliche Informationen. Manche behaupteten, die Briten würden jeden aufnehmen. Andere warnten davor, dass Tito niemanden verschonen würde. Die Menschen wussten nicht, wem sie glauben konnten. Hinter ihnen rückten die Partisanen vor. Vor ihnen lag die österreichische Grenze.

Die kroatische Hauptkolonne erreichte Mitte Mai das Gebiet um Bleiburg in Kärnten. Die genaue Zahl der Menschen, die sich dort befanden, lässt sich heute nicht mehr zuverlässig feststellen. Schätzungen für die vorderen Teile der Kolonne bewegen sich im Bereich von mehreren zehntausend Menschen. Dahinter befanden sich weitere große Gruppen noch auf jugoslawischem Gebiet. Männer, Frauen und Kinder waren erschöpft. Viele hatten tagelang kaum gegessen. Einige hatten seit Tagen nicht richtig geschlafen. Die meisten wussten nicht, was mit ihnen geschehen würde.

In Bleiburg befand sich das britische Hauptquartier der 38. Irischen Brigade. Die britischen Einheiten standen unter dem Kommando höherer alliierter Befehlshaber in Österreich. Für die Flüchtlinge bedeutete das britische Zeichen auf den Uniformen zunächst Hoffnung. Sie hatten den Eindruck, endlich die Seite erreicht zu haben, bei der sie sich sicher fühlen konnten. Doch die politische Lage war komplizierter. Die Briten hatten eigene Interessen. Sie wollten ihre Truppen nicht in einen neuen Konflikt mit Titos Jugoslawien verwickeln. Gleichzeitig konnten sie keine hunderttausende Menschen dauerhaft versorgen und bewachen.

Am 15. Mai kam es zu Verhandlungen auf Schloss Bleiburg. Vertreter der kroatischen Streitkräfte trafen auf jugoslawische Partisanen und britische Offiziere. Auf kroatischer Seite hoffte man weiterhin auf eine Kapitulation gegenüber den Briten. Die Partisanen wollten die Kontrolle über die Kolonne. Einer ihrer Vertreter, Milan Basta, soll den Briten zugesichert haben, dass Gefangene menschlich behandelt und lediglich politische Verantwortliche vor Gericht gestellt würden. Für die Menschen in der Kolonne waren solche Zusicherungen entscheidend. Sie konnten nicht wissen, was in den kommenden Tagen tatsächlich passieren würde.

Die britische Führung hatte zu diesem Zeitpunkt bereits weitreichende Entscheidungen getroffen. General Charles Keightley, der für die britischen Truppen in diesem Raum verantwortlich war, stand vor einem schwierigen politischen Problem. Tito hatte Truppen in Gebiete Österreichs und rund um Triest vorgeschoben, die auch von Großbritannien und seinen Verbündeten beansprucht wurden. London wollte keine neue militärische Konfrontation. Der Krieg gegen Deutschland war gerade erst beendet. Niemand wollte unmittelbar danach einen weiteren bewaffneten Konflikt auf dem Balkan beginnen.

Hinzu kam ein praktisches Problem. Die britischen Truppen konnten eine riesige Zahl von Gefangenen nicht einfach aufnehmen. Es fehlten Unterkünfte, Lebensmittel, Transporte und Bewachungskapazitäten. Das bedeutete jedoch nicht automatisch, dass eine Auslieferung an die jugoslawischen Behörden folgen musste. Es gab unterschiedliche Auffassungen innerhalb der britischen Führung. Einige Offiziere waren besorgt über die Konsequenzen. Andere sahen in der Rückführung eine praktische Lösung.

Die Befehle waren teilweise widersprüchlich. Einerseits gab es Anweisungen, jugoslawische Staatsangehörige den Truppen Titos zu übergeben. Andererseits existierten zeitweise Überlegungen, bestimmte Gruppen über Italien abzutransportieren. Für die Menschen vor Ort war davon wenig zu erkennen. Sie sahen nur britische Soldaten, die ihnen schließlich mitteilten, dass ihre Hoffnung auf eine Kapitulation in Österreich nicht erfüllt werden würde.

Die Kolonne sollte sich den jugoslawischen Truppen ergeben.

Für viele begann in diesem Moment die eigentliche Tragödie.

Manche Menschen versuchten noch zu fliehen. Andere widersetzten sich. Einige glaubten weiterhin, dass ihnen nichts passieren würde. Die britischen Soldaten entwaffneten zahlreiche Gefangene. Die Waffen wurden abgegeben. Männer, die kurz zuvor noch bewaffnet gewesen waren, standen nun ungeschützt in langen Reihen. Viele glaubten, dass der Krieg für sie endgültig vorbei sei. Sie wussten nicht, dass ihre Übergabe an die Partisanen für einige von ihnen der Beginn eines neuen Weges in Gefangenschaft und Tod sein würde.

Die Ereignisse direkt auf dem Feld von Bleiburg wurden später zu einem zentralen Bestandteil der Erinnerung. Jahrzehnte später erzählten Überlebende und Emigranten von Schüssen und einem großen Massaker. Manche Darstellungen beschrieben das Feld selbst als Ort einer gewaltigen Erschießung. Historiker haben diese Schilderungen jedoch unterschiedlich bewertet. Nach heutiger Forschung lässt sich ein großes Massaker unmittelbar auf dem Bleiburger Feld nicht eindeutig belegen. Es gab Gewalt und Tote, aber die massenhaften Tötungen, die mit Bleiburg verbunden wurden, ereigneten sich vor allem in den Tagen und Wochen danach, als die Gefangenen tief in das jugoslawische Gebiet zurückgebracht wurden.

Diese Unterscheidung ist wichtig.

Denn sie verändert die Geschichte nicht zu einer harmloseren Geschichte.

Sie macht sie genauer.

Das eigentliche Drama begann, als die Gefangenen gezwungen wurden, den Weg zurückzugehen.

Sie waren nicht mehr Flüchtlinge auf dem Weg nach Österreich.

Sie waren Gefangene.

Viele marschierten zu Fuß.

Die Kolonnen wurden von Partisanen bewacht.

Die Menschen wussten nicht, wohin sie gebracht wurden.

Einige glaubten noch immer, dass sie in ein Gefangenenlager kommen würden.

Andere hatten bereits erkannt, dass ihre Situation weitaus gefährlicher war.

Je weiter sie sich von der österreichischen Grenze entfernten, desto größer wurde die Angst.

Die Gefangenen waren erschöpft.

Viele hatten seit Tagen kaum Nahrung erhalten.

Wasser war knapp.

Wer aus der Reihe trat, riskierte Strafe.

Wer nicht mehr laufen konnte, konnte zurückbleiben.

Und wer zurückblieb, war oft seinem Schicksal ausgeliefert.

Die Kolonnen wurden zu einem langen Marsch durch eine Landschaft, die gerade erst aus einem jahrelangen Krieg hervorgegangen war.

Die Menschen gingen an zerstörten Dörfern vorbei.

Sie sahen Verwundete.

Sie sahen Tote.

Sie hörten Schüsse.

Manche erzählten später, dass Gefangene ihrer Wertsachen beraubt wurden.

Andere berichteten von Schlägen und Misshandlungen.

Mit jedem Kilometer verschwand die Hoffnung, dass die Briten zurückkommen würden.

Die Menschen, die geglaubt hatten, britische Gefangenschaft bedeute Sicherheit, mussten nun erkennen, dass ihre Übergabe unumkehrbar war.

Unter ihnen befanden sich Männer, die an den Verbrechen der kollaborierenden Regime beteiligt gewesen waren.

Aber auch Menschen, deren individuelle Schuld nie geprüft wurde.

Genau hier liegt einer der schwierigsten Punkte der gesamten Geschichte.

Die Kolonnen bestanden nicht aus unschuldigen Zivilisten allein.

Unter den Flüchtenden waren Angehörige von Formationen, die zuvor selbst schwere Verbrechen begangen hatten.

Einige hatten Serben, Juden, Roma und politische Gegner verfolgt oder getötet.

Andere hatten den deutschen Besatzern gedient.

Manche waren Mitglieder von Einheiten, die der SS verbunden waren.

Doch die Tatsache, dass sich Täter unter den Gefangenen befanden, bedeutete nicht, dass jeder Gefangene zum Tode verurteilt werden durfte.

Ein rechtsstaatliches Verfahren hätte individuelle Schuld prüfen müssen.

Genau das geschah in vielen Fällen nicht.

Stattdessen begann ein System von Gefangenschaft, Gewalt, Zwangsmärschen und Hinrichtungen.

Der Krieg war vorbei.

Aber für die Gefangenen war die Gewalt noch lange nicht beendet.

Und während die ersten Kolonnen tiefer nach Jugoslawien geführt wurden, begann sich die Wahrheit über ihr Schicksal immer weiter von ihnen zu entfernen.

FORTSETZUNG FOLGT …