Am 15. März 1939 rollten deutsche Panzer durch die Straßen von Prag, und die Tschechoslowakei zerfiel unter dem Druck des NS-Regimes, ohne dass ein einziger Schuss fiel. Am Ende des Tages wehten Hakenkreuzfahnen über der Stadt, und die Besetzung der tschechischen Gebiete war besiegelt. Von der Prager Burg aus proklamierte Adolf Hitler offiziell das Protektorat Böhmen und Mähren – und unter den Anwesenden stand Reinhard Heydrich, einer der gefürchtetsten Männer des Dritten Reiches.

Zwei Jahre später, im September 1941, wurde Heydrich zum stellvertretenden Reichsprotektor ernannt. Prag wurde zum Zentrum der Besatzung, und die Gewalt eskalierte: Verhaftungen, Hinrichtungen und Terror gehörten bald zum Alltag. Die tschechische Bevölkerung lebte unter einem der härtesten Besatzungsregime Europas – offiziell autonom, in Wahrheit völlig von deutscher Polizeigewalt beherrscht. Aus diesem Klima der Angst heraus formierte sich Widerstand.
Der Plan war kühn, fast unmöglich: Reinhard Heydrich zu töten, den „Schlächter von Prag“. Die Operation trug den Codenamen „Anthropoid“ und entstand aus der Überzeugung, dass nur ein sichtbares Zeichen des Widerstands die Alliierten davon überzeugen könnte, die Tschechoslowakei in ihren Vorkriegsgrenzen wiederherzustellen. Die Exilregierung in London stand unter Druck. Großbritannien hatte sie zwar anerkannt, doch das Münchner Abkommen blieb rechtlich gültig – und ohne sichtbaren Widerstand im Inland drohte das Land, nur in verkleinerten Grenzen wiedergeboren zu werden.
Die ursprüngliche Idee, dass die Protektoratsregierung aus Protest zurücktreten würde, erwies sich als illusorisch. Stattdessen passte sich die lokale Elite zunehmend den deutschen Forderungen an. Also fiel die Entscheidung: Zwei tschechoslowakische Soldaten, Jozef Gabčík und Jan Kubiš, wurden in Großbritannien ausgebildet und im Dezember 1941 per Fallschirm über dem Protektorat abgesetzt. Monatelang lebten sie im Untergrund, unterstützt von Familien und Widerstandskämpfern, die ihr Leben riskierten, um sie zu verstecken.
Die Vorbereitungen dauerten Monate – bis der Moment gekommen war. Am 27. Mai 1942, kurz nach zehn Uhr morgens, bog Heydrichs offener Mercedes in eine scharfe Kurve in Prag-Liben ein. Gabčík zog seine Maschinenpistole, doch sie klemmte.
In diesem Augenblick trat Kubiš hervor und warf eine modifizierte Panzerabwehrgranate. Die Explosion riss Heydrichs Auto auf, doch der Reichsprotektor stieg verwundet aus und feuerte noch auf seine Angreifer, bevor er zusammenbrach. Acht Tage später starb er in einem Prager Krankenhaus an seinen Verletzungen. Der Preis für das Attentat war unvorstellbar.
Die Vergeltung folgte brutal: Die SS verhängte den Ausnahmezustand, und mehr als 13. 000 Menschen wurden verhaftet. Hunderte wurden hingerichtet, darunter viele, die mit der Operation in Verbindung standen. Besonders grausam war das Schicksal der Bewohner der Dörfer Lidice und Ležáky – Lidice wurde dem Erdboden gleichgemacht, alle Männer erschossen, Frauen in Konzentrationslager gebracht und Kinder deportiert.
Auch Gabčík, Kubiš und ihre Helfer wurden schließlich in der Kirche St. Cyrill und Method in Prag aufgespürt. Nach einem stundenlangen Gefecht gegen über 700 SS-Soldaten begingen die letzten Kämpfer – darunter auch die beiden Attentäter – Selbstmord, um einer Gefangennahme zu entgehen. Die Nazis enthaupteten ihre Leichen und wollten ihre Köpfe als Mahnmal aufbewahren.
Doch die Operation Anthropoid erreichte ihr Ziel. Der Angriff auf Heydrich zeigte der Welt, dass der Widerstand lebendig war – und dass selbst die mächtigsten Männer des NS-Regimes nicht sicher sein konnten. Fortan wusste jeder Nazi-Vertreter, dass überall ausgebildete Agenten auf ihn warten könnten, bereit, Rache zu nehmen.
Die Tat von Gabčík und Kubiš wurde zum Symbol des tschechischen Widerstands und trug dazu bei, die Nachkriegsgrenzen der Tschechoslowakei zu sichern – auch wenn der Preis dafür unermesslich war.


