Es war kurz nach fünf, als Katherina Burger die Tür meines Büros schloss und sagte: „Felix, heute Abend spielst du meinen Verlobten. “ Ich dachte zuerst, sie mache einen Scherz. Aber Katherina machte keine Scherze, nicht im Büro und schon gar nicht mit mir. Draußen peitschte der Novemberregen gegen die Fenster der Hamburger Hafencity.

Ich starrte sie an und fragte, was genau sie damit meine. Sie verschränkte die Arme und antwortete völlig ernst: „Meinen Verlobten. Für ungefähr drei Stunden. Abendessen, Familie, ein bisschen Small Talk.
Danach ist alles wieder normal. “
Jeder vernünftige Mensch hätte jetzt nach dem Warum gefragt. Stattdessen hörte ich mich sagen: „Okay, wann fahren wir los? “ Erst nach ein paar Sekunden Schweigen begriff ich, dass mein Mund eine Entscheidung getroffen hatte, an der mein Gehirn nicht beteiligt gewesen war.
Sie fragte, ob ich nicht wissen wolle, warum. Ich sagte, doch, sehr sogar, aber offenbar hatte ich schon zugesagt. Zum ersten Mal, seit ich sie kannte, musste Katherina kurz lachen. Nur eine Sekunde, dann war ihre professionelle Miene wieder da.
Sie erklärte, ihre Mutter feiere ihren sechzigsten Geburtstag in Blankenese, die ganze Familie komme, und außerdem ein Mann namens Sebastian Krüger, den ihre Mutter unbedingt wieder an ihrer Seite sehen wolle. Ich kannte Sebastian dem Namen nach. Seine Familie besaß eine große Immobiliengruppe, und in unserem Unternehmen wurde seit Monaten darüber geredet, dass Berger Logistik möglicherweise ein riesiges Hafenprojekt mit ihnen entwickeln würde. Ich fragte, ob sie ihrer Mutter erzählt habe, sie sei verlobt, damit die sie nicht mit Sebastian verkuppele.
Katherina verzog das Gesicht. So ungefähr, sagte sie, es sei eine schlechte spontane Entscheidung gewesen. Ich grinste. Das beruhigte mich irgendwie, dass sogar Geschäftsführerinnen Entscheidungen trafen, bevor ihr Gehirn beteiligt war.
Sie warnte mich, mich nicht zu früh über sie lustig zu machen. Dann wurde sie ernst. Ihre Mutter hatte seit Katharinas Trennung vor zwei Jahren ständig versucht, Sebastian zurückzubringen, obwohl Katherina mit ihm nie wirklich glücklich gewesen war und die Beziehung selbst beendet hatte. Vor drei Wochen hatte ihre Mutter wieder angerufen und behauptet, Sebastian werde zur Geburtstagsfeier kommen.
Katherina hatte genervt geantwortet: „Kann er gern. Ich komme sowieso mit meinem Verlobten. “
Und jetzt brauchte sie plötzlich einen Verlobten. Sie nickte.
Ihre beste Freundin meinte, sie solle sich krankmelden, aber dann hätte ihre Mutter spätestens am nächsten Morgen vor ihrer Wohnung gestanden. Ich fragte, warum sie ausgerechnet mich ausgesucht hatte, wo doch fast zweihundert Menschen in der Firma arbeiteten, Männer, die deutlich eleganter und überzeugender als falsche Verlobte gewesen wären. Katherina schaute kurz zum Fenster. „Weil du dich nicht verstellst, weil du keine Geschichten weitererzählst, und weil meine Mutter binnen fünf Minuten merkt, wenn ihr jemand etwas vorspielt.
“ Ich sagte vorsichtig, dass ich ihr ja genau genommen etwas vorspielen solle. Sie hob eine Augenbraue. Ich drehte mich zu ihr, sie verzog keine Miene. Zum ersten Mal wirkte sie nicht wie die Frau, die montagmorgens einen Raum voller Abteilungsleiter mit einem einzigen Blick zum Schweigen bringen konnte.
Die ersten zwanzig Minuten verliefen erstaunlich friedlich. Dann wurde es am Tisch still. Katherina wurde still.
Nur Helene, ihre Mutter, saß vollkommen still da und musterte ihre Tochter auf diese unheimliche mütterliche Art.


