Beim zehnjährigen Jubiläum des Cafés meines Sohnes stand seine Frau mit einem Sektglas vor 60 Gästen und stellte alle vor, die zum Erfolg beigetragen hatten. Dann kam sie zu mir und sagte: „Und das ist Elisabeth, meine Schwiegermutter. Sie hilft bei uns ein bisschen aus. Für ihr Alter macht sie das ganz ordentlich.

“ Es gab höfliches Gelächter. Ich stand in einem Café, dessen Mietvertrag auf meinen Namen läuft, und habe mitgelacht. Mein Name ist Elisabeth Trautmann. Ich bin 72 Jahre alt und lebe in Schwerin.
Bevor ich Ihnen erzähle, was drei Wochen später von diesem Café übrig war, möchte ich wissen, von wo aus Sie mir gerade zuhören. Schreiben Sie mir Ihre Stadt in die Kommentare. Ich muss wissen, dass ich damit nicht allein bin. Dass irgendwo jemand versteht, wie es ist, unsichtbar zu werden in etwas, das man selbst mit aufgebaut hat.
Angefangen hat es 2015. Mein Sohn Dennis war damals gelernter Koch und hatte seit Jahren den Traum von einem eigenen Laden. Er hatte in Hotels gearbeitet, in Restaurants, immer angestellt, immer unzufrieden. Dann wurde in der Schweriner Altstadt ein Ladenlokal frei.
80 Quadratmeter, gute Lage, Gastronomiegenehmigung schon vorhanden. Er kam zu mir und war aufgeregt wie ein Kind. Er hat den Grundriss auf meinen Küchentisch gelegt und mir erklärt, wo die Theke hinkommt. Und dann kam das Problem.
Er bekam den Mietvertrag nicht. Der Vermieter wollte Sicherheiten, und Dennis hatte keine. Er hatte einen Kredit für sein Auto, kein Eigenkapital und noch nie selbstständig gearbeitet. Ich hatte etwas.
Mein Mann Heinz war 2012 gestorben, und ich hatte die Wohnung, in der ich lebe, abbezahlt und eine kleine Lebensversicherung. Der Vermieter sagte, wenn ich als Mieterin unterschreibe, bekommt der Laden den Vertrag. Ich habe unterschrieben. Seit 2015 läuft der Mietvertrag für das Café Trautmann in der Schweriner Altstadt auf Elisabeth Trautmann, geboren 1953.
Ich habe das damals nicht als Macht gesehen. Ich habe es als Hilfe gesehen. Eine Mutter unterschreibt für ihren Sohn. So ist das.
Ich möchte kurz innehalten. Wenn Sie das kennen, wenn Sie für jemanden unterschrieben, eingesprungen, mitgeholfen haben und irgendwann nur noch das Personal waren, dann sind Sie hier richtig. Bleiben Sie dran. Was danach kam, hat neun Jahre beendet.
Das Café ging im April 2015 auf, und ich war von der ersten Woche an dort. Ich muss erklären, warum, denn das war nicht der Plan. Der Plan war, dass ich hin und wieder vorbeischaue. Aber Dennis kann kochen und mit Gästen reden, und Dennis kann nichts von dem, was ein Betrieb sonst noch braucht.
In der dritten Woche fehlte die Umsatzsteuer-Voranmeldung. In der fünften Woche standen zwei Lieferanten vor der Tür, weil niemand die Rechnungen bezahlt hatte, obwohl Geld da war. Im zweiten Monat hat er beim Steuerberater angerufen und gefragt, was eine Inventur ist. Ich habe 34 Jahre lang in der Verwaltung eines Baubetriebs gearbeitet, zuletzt als Leiterin der Buchhaltung.
Ich habe Lieferantenverträge verhandelt, Personalabrechnungen gemacht, Betriebsprüfungen begleitet. Also habe ich angefangen, das zu machen, was mein Sohn nicht kann. Das war nicht wenig. Ich habe die komplette Buchhaltung geführt: Kassenbuch, Belegwesen, Vorbereitung für den Steuerberater, Umsatzsteuer, Lohnabrechnungen für zuletzt sieben Mitarbeiter.
Ich habe den gesamten Einkauf gemacht, alle Lieferantenverträge verhandelt, Preise nachverhandelt, Reklamationen geregelt. Ich habe die Dienstpläne geschrieben. Ich habe morgens um 6:30 Uhr aufgeschlossen, damit der Bäcker liefern kann, weil Dennis um 6:30 Uhr nicht aufsteht. Ich habe abends abgerechnet, den Tagesumsatz gezählt und zur Bank gebracht.
Jahre lang, sechs Tage die Woche, zuletzt etwa 35 Stunden. Ich habe von meiner Rente gelebt, 1180 Euro, und ich habe in einem Betrieb gearbeitet, der zuletzt einen Jahresumsatz von über 400. 000 Euro hatte. Katherine kam dazu.
Sie ist Dennis’ Frau. Sie war damals Verkäuferin in einem Modegeschäft und hat dort gekündigt, als das Café eröffnet wurde. Sie sollte sich um den Service kümmern und um die Dekoration. Das hat sie auch gemacht, und sie hat es gut gemacht.
Aber sie hat sich nie um die Zahlen gekümmert, nie um den Einkauf, nie um das Personal. Das war mein Bereich. Das habe ich gemacht. Neun Jahre lang.
13. 000 Stunden, ohne einen Cent Lohn. Keine Anerkennung, keine Dankeschöns, keine Feiertage. Als meine Enkelin zur Welt kam, habe ich weniger gearbeitet, aber nicht aufgehört.
Ich wollte nicht, dass das Café kippt. Ich wollte, dass mein Sohn erfolgreich ist. Ich wollte, dass meine Enkelin ein Geschäft erbt, das etwas wert ist. Und dann kam der Moment, der alles verändert hat.
Vor ein paar Monaten hat Katherine angefangen, über „die Chefetage“ zu sprechen. Sie hat gesagt, dass sie und Dennis ein Konzept für die nächsten zehn Jahre haben. Sie haben sich ein Beratungsunternehmen geleistet, das ihnen gesagt hat, dass das Café modernisiert werden muss, dass die Marke gestärkt werden muss, dass man sich von Altlasten trennen muss. Zuerst habe ich nicht verstanden, was sie meint.
Dann wurde ich eingeladen zu einem Gespräch im Büro hinter dem Café. Dennis, Katherine und ein Anwalt. Der Anwalt hat mir eine Dankesurkunde überreicht und gesagt, dass meine Unterstützung „außerordentlich wertvoll“ war. Dann hat er gesagt, dass meine Rolle im Unternehmen „neu definiert“ werden muss.
Ich solle mich zurückziehen. „Aus gesundheitlichen Gründen“, hat er gesagt. Dabei bin ich kerngesund. Dennis hat auf den Boden geschaut.
Katherine hat gelächelt. Ich habe gesagt, dass ich den Mietvertrag unterschrieben habe. Da hat der Anwalt eine Kopie aus der Mappe gezogen und gesagt: „Frau Trautmann, der Mietvertrag läuft noch zwei Jahre. Danach wird er nicht verlängert.
Das Café wird in eine GmbH überführt. Sie sind dann nicht mehr involviert. “ Ich habe zu Dennis geschaut und gefragt: „Weißt du das? “ Er hat nicht geantwortet.
Er hat nur auf den Boden geschaut. Und in diesem Moment wusste ich, dass ich neun Jahre lang nicht für meinen Sohn gearbeitet habe, sondern für seine Frau und ihre Pläne. Ich habe nichts gesagt. Ich habe die Urkunde genommen, bin nach Hause gegangen und habe sie in den Schrank gelegt.
Drei Tage lang habe ich nichts getan. Ich habe am Fenster gesessen und auf die Straße geschaut. Am vierten Tag habe ich angefangen, Ordner zu durchzusehen. Ich habe alle Verträge gefunden, alle Rechnungen, alle Kassenbücher, die ich selbst geführt habe.
Ich habe die Mietverträge gefunden, die ich unterschrieben habe. Ich habe die Lieferantenverträge gefunden, die ich ausgehandelt habe. Ich habe die Lohnabrechnungen gefunden, die ich erstellt habe. Und dann habe ich einen Brief an den Vermieter geschrieben.
Ich habe gefragt, ob er weiß, wer den Mietvertrag unterschrieben hat. Er hat geantwortet. Ja, er weiß es. Ich habe ihm geschrieben, dass ich nicht vorhabe, den Vertrag zu verlängern.
Er hat gefragt, ob das Café weiterlaufen soll. Ich habe geschrieben, dass das nicht mein Problem ist. Das war vor zwei Wochen. Drei Wochen nach der Jubiläumsfeier, also gestern, stand ich vor dem Café.
Die Rollläden waren unten. Auf der Tür hing ein Zettel: „Wegen Renovierungsarbeiten geschlossen. “ Ich bin nicht reingegangen. Ich habe nur davor gestanden und gesehen, wie Katherine mit einem Umzugswagen vorfuhr.
Sie hat mich gesehen und ist nicht gekommen. Sie hat nur kurz gewinkt und ist dann ins Café gegangen. Dennis ist nicht aufgetaucht. Er hat mir nicht geschrieben, nicht angerufen.
Ich habe eine Stunde davor gestanden und dann bin ich nach Hause gegangen. Heute Morgen habe ich einen Anruf bekommen. Es war der Vermieter. Er hat gesagt, dass Dennis und Katherine die Räumlichkeiten bis Ende des Monats räumen müssen, weil ich den Vertrag nicht verlängere.
Er hat gesagt, dass er mir das als Erste mitteilen wollte, weil ich die Mieterin bin. Ich habe ihm gedankt und aufgelegt. Dann habe ich mich hingesetzt und diesen Text geschrieben. Ich weiß noch nicht, was ich tun werde.
Ich weiß nur, dass ich neun Jahre lang 13. 000 Stunden gearbeitet habe, ohne einen Cent zu bekommen, und dass mein Sohn mir nicht einmal in die Augen schauen konnte, als seine Frau mir mitteilte, dass ich nicht mehr gebraucht werde. Ich weiß, dass ich den Mietvertrag unterschrieben habe. Ich weiß, dass der Laden auf meinen Namen läuft.
Und ich weiß, dass ich nicht vorhabe, still zu verschwinden. Ich weiß noch nicht, wie das enden wird. Aber ich weiß, dass es noch nicht vorbei ist.


