„Guten Morgen“, sagte ich, als ich in das Taxi stieg, „zur Maximilianstraße 12, bitte. “
Der Fahrer, ein Mann um die 50 mit grauem Bart, drehte sich zu mir um. Sein Gesicht wurde ernst. „Entschuldigen Sie, aber sind Sie Herr Obermeier?

Heinrich Obermeier? “
Ich war überrascht. „Ja, der bin ich. Woher kennen Sie mich?
“
„Mein Name ist Georg Huber. Normalerweise mische ich mich nicht ein, aber gestern habe ich Ihre Tochter gefahren. “
Mein Herz begann schneller zu schlagen. „Sabine?
Ist ihr etwas passiert? “
„Herr Obermeier, was ich Ihnen jetzt sage, wird weh tun. Aber ich denke, Sie haben das Recht, die Wahrheit zu erfahren. “
Mir wurde kalt.
„Gestern Abend habe ich Ihre Tochter und einen Mann zu einem noblen Restaurant gefahren. Sie waren sehr vertraut miteinander. Sie hielten Händchen, küssten sich. “
Ich runzelte die Stirn.
„Sie meinen ihren Mann Thomas? “
„Nein. Es war definitiv nicht ihr Ehemann. Dieser Mann war jünger, dunkelhaarig, sehr elegant.
Sie nannten sich beim Vornamen. “
Ein eisiger Schauer lief mir über den Rücken. Sabine, meine kleine Prinzessin, betrog ihren Mann. „Aber das ist noch nicht alles“, fuhr er fort.
„Sie haben sich unterhalten. Es ging um Sie. “
„Um mich? “
„Der Mann fragte, ob Sie schon das Testament geändert hätten.
Sie sagte, Sie würden noch zögern, aber sie hätte einen Plan, Sie zu überzeugen. “
Mir wurde schwindelig. „Welchen Plan? “
„Sie wollte Ihnen erzählen, dass sie sich scheiden lässt, dass sie Geld braucht und dass Sie ihr das Haus überschreiben sollen, damit es nicht an ihren Mann geht.
“
Ich starrte ihn ungläubig an. „Sabine würde mich niemals belügen. “
„Es tut mir leid, aber es wird noch schlimmer. Der Mann sprach über ein Pflegeheim.
Dass es einfacher wäre, wenn Sie erstmal dort wären. “
Ich schnappte nach Luft. „Ich bin doch kerngesund. “
„Das weiß ich.
Deshalb erzähle ich es Ihnen. Diese beiden planen etwas gegen Sie. Etwas Schreckliches. “
Ich sank in den Sitz zurück.
Meine eigene Tochter. Zusammen mit einem Fremden. Sie wollten mein Haus. Sie wollten mich loswerden.
Das Taxi stand noch immer da. Georg Huber sah mich an. Draußen fuhr eine Straßenbahn vorbei, die Geräusche drangen dumpf durch die Scheibe. „Bringen Sie mich bitte nach Hause“, sagte ich leise.
Er nickte. Während der Fahrt dachte ich an Sabine. An ihre Kindheit. An all die Jahre.
Und dann an ihre Stimme, die vor ein paar Wochen am Telefon so süß geklungen hatte. „Papa, ich muss dich dringend besuchen. Es gibt etwas Wichtiges zu besprechen. “
Heute sollte sie vorbeikommen.
Als ich ausstieg, zahlte ich und wollte mich bedanken. Aber Georg Huber legte mir die Hand auf den Arm. „Herr Obermeier, seien Sie vorsichtig. Passen Sie auf sich auf.
“
Ich nickte. Dann ging ich ins Haus. Die Stunden vergingen. Ich rührte keinen Kaffee an.
Ich starrte auf das Familienfoto im Wohnzimmer. Sabine lachte dort, mit Thomas, den Enkeln. Dieses Bild war eine Lüge. Um 17 Uhr klingelte es.
Ich öffnete die Tür. Da stand sie. Mit einem warmen Lächeln. „Papa, wie schön dich zu sehen.
“
Ich bat sie herein. Wir setzten uns ins Wohnzimmer. Sie trank einen Schluck Wasser und sah mich dann an mit diesem Blick, den ich so gut kannte, wenn sie etwas wollte. „Papa, ich muss mit dir über etwas Ernstes sprechen.
“
„Schieß los“, sagte ich ruhig. „Thomas und ich… wir haben uns getrennt. Ich bin so verzweifelt. Ich weiß nicht, wie ich das alles schaffen soll.
“
Ihre Augen wurden feucht. Sie wirkte ehrlich. Aber ich sah jetzt etwas anderes. Eine Schauspielerin.
„Ich brauche deine Hilfe“, sagte sie. „Es geht um das Haus. Ich muss es Thomas wegnehmen. Sonst stehe ich vor dem Nichts.
“
Ich schwieg. „Papa? Verstehst du mich? Du würdest mir doch helfen, oder?
Es wäre die Rettung für mich. Du könntest mir das Haus überschreiben. Dann könnte ich es halten. Und für dich wäre dann eine gute Lösung gefunden… Vielleicht ein schönes Pflegeheim, wo man sich um dich kümmert.
“
Die Worte hingen im Raum. Ich sah sie an. Meine Tochter. Ihr Gesicht war freundlich.
Aber ihre Augen hatten etwas Hartes. „Du willst mich also ins Pflegeheim abschieben? “ Meine Stimme war ruhig. Kalt.
„Papa, das ist doch nicht böse gemeint“, sagte sie schnell. „Es geht um dein Wohl. “
„Mein Wohl. “ Ich stand auf.
„Sabine, ich weiß von dem Mann. Markus. Ich weiß, was ihr plant. “
Ihr Gesicht wurde aschfahl.
„Was… wie kommst du darauf? “
„Das spielt keine Rolle. Aber ich weiß genug. “
Sie sprang auf.
„Papa, du verstehst das falsch! “
„Ich verstehe sehr gut. “ Ich sah sie an. „Weißt du, was ich gelernt habe in 40 Jahren?
Man sollte nie dem Glauben, was jemand sagt. Man sollte dem trauen, was er tut. “
Sabine wurde rot. „Du bist ungerecht!
“
„Ich bin vorsichtig“, sagte ich. „Und ich habe einen Anwalt. “
Ihr Blick wurde kalt. „Du wirst das noch bereuen.
Das schwöre ich. “
Sie riss ihre Tasche vom Tisch und stürmte aus dem Haus. Die Tür knallte. Ich blieb allein im Wohnzimmer zurück.
Am nächsten Morgen rief ich meinen Anwalt an. Dann besuchte ich Georg Huber. Ich fand ihn an seinem Taxistand. „Herr Huber“, sagte ich, „ich brauche Ihre Hilfe.
Sie haben mir gestern das Leben gerettet. Jetzt brauche ich Sie, um es zurückzubekommen. “
Georg Huber lächelte. „Worum geht es?
“
„Ich will wissen, wer dieser Markus ist. Und ich will wissen, was sie wirklich vorhaben. Aber das Wichtigste: Ich will ihnen eine Lektion erteilen, die sie nie vergessen werden. “
Georg Huber sah mich lange an.
„Herr Obermeier, ich habe gesehen, wie Ihre Tochter über Sie gesprochen hat. Sie hat Sie wie einen Gegner behandelt, nicht wie einen Vater. Ich helfe Ihnen. “
Wir schüttelten Hände.
Vier Tage später hatte ich einen Termin bei meinem Anwalt. Wir stellten alles um. Das Testament, die Vollmachten. Meine Bankkonten.
Nichts war mehr erreichbar. Am Freitag rief Sabine an. Ihre Stimme klang wieder süß. „Papa, ich möchte mich entschuldigen.
Ich war durcheinander. Können wir uns treffen? “
„Ja“, sagte ich. „Im Park.
Um drei Uhr. “
Ich kam früh. Ich setzte mich auf eine Bank. Um drei Uhr kam Sabine.
Neben ihr ein Mann. Dunkelhaarig, elegant. Markus. Sie setzten sich zu mir.
Sabine lächelte. „Papa, das ist Markus. Mein Partner in der Firma. Er ist wirklich nur ein Kollege.
“
„Natürlich“, sagte ich. Markus lächelte. „Ihr Haus ist wunderschön, Herr Obermeier. Sabine hat mir Fotos gezeigt.
“
„Ja“, sagte ich. „Es ist ein gutes Haus. Aber ich habe es gerade verkauft. “
Sabines Gesicht fiel zusammen.
„Was? Du hast das Haus verkauft? Ohne mich zu fragen? “
„Es ist mein Haus“, sagte ich.
„Ich habe es vor 25 Jahren gekauft. Und ich habe es gestern für einen sehr guten Preis verkauft. “
„Aber wohin willst du dann leben? “, fragte sie mit dünner Stimme.
„Ich habe ein kleines Haus in der Nähe von Garmisch gekauft“, sagte ich. „Dort werde ich alt. In Ruhe. “
Sabine stand auf.
Ihre Augen wurden glasig. „Du wagst es. Du wagst es, das Familienhaus zu verkaufen. “
„Ich wagte es“, sagte ich.
Markus versuchte sie zu beruhigen. Aber sie schüttelte seine Hand ab. „Ich schwöre dir: Wenn du das durchziehst, wirst du mich nie wiedersehen. Deine Enkel auch nicht.
“
Ich stand auf. „Sabine, du wolltest mich ins Pflegeheim stecken. Du wolltest mein Haus. Und du wolltest mich betrügen, während du mich angelogen hast.
Ich habe dir all deine Jahre gegeben. Und das ist mein Dank. “
Sie standen vor mir. Sabine mit Tränen aus Wut.
Markus mit zusammengepressten Lippen. „Ich wünsche dir alles Gute“, sagte ich. Und dann ging ich. Ich hörte ihre Rufe hinter mir.
Aber ich drehte mich nicht um. Der Taxifahrer wartete am Ende des Parks. Georg Huber öffnete mir die Tür. „Alles erledigt?
“, fragte er. „Ja“, sagte ich. Ich stieg ein. Er fuhr los.
Die Stadt verschwand hinter uns. Vor mir lag die Straße nach Süden. In eine neue, ruhige Zukunft. Ein paar Monate später stand ich auf der Terrasse meines kleinen Hauses.
Die Berge waren schneebedeckt. Ich hörte, wie das Telefon klingelte. Sabine. Schon zum zehnten Mal.
Ich ließ es klingeln. Dann schaltete ich das Gerät aus. Ich schenkte mir einen Kaffee ein und setzte mich in die Sonne. Der Frieden war zurück.
Und Georg Huber wurde mein bester Freund.


