TEIL 1 – DIE FRAU HINTER DEN KRANKENAKTEN
Wenn man an ein Konzentrationslager denkt, denkt man häufig an Stacheldraht, Wachtürme und bewaffnete Männer. Doch in Ravensbrück konnte eine Entscheidung über Leben und Tod auch an einem Schreibtisch fallen. Eine Frau schlug eine Krankenakte auf, las einen Namen und setzte ein Zeichen. Für die Gefangene bedeutete dieses Zeichen möglicherweise Deportation, Gaskammer oder Tod. Elisabeth Marschall war Krankenschwester gewesen. Sie hatte gelernt, wie man Kranke versorgt, wie man Wunden behandelt und wie man Menschen in ihren schwächsten Stunden beisteht. Doch im Konzentrationslager Ravensbrück wurde medizinische Erfahrung in ein Werkzeug der Verfolgung verwandelt. Nach dem Krieg behauptete Marschall, sie habe die tödliche Bedeutung vieler Entscheidungen nicht vollständig verstanden. Doch die Zeugenaussagen zeichneten ein anderes Bild. Und am Ende wartete in Hameln ein Galgen auf die Frau, die einst geschworen hatte, Kranken zu helfen.

Elisabeth Marschall wurde am 27. Mai 1886 in Meiningen geboren, im Deutschen Kaiserreich, lange bevor Adolf Hitler überhaupt eine politische Rolle spielte. Ihre Jugend war von einer Welt geprägt, die heute kaum noch existiert. Das Kaiserreich bestimmte das öffentliche Leben, soziale Hierarchien waren deutlich, und der Beruf der Krankenschwester galt für viele Frauen als eine der wenigen angesehenen Möglichkeiten, außerhalb des eigenen Haushalts beruflich tätig zu sein. Marschall entschied sich für diesen Weg. Sie absolvierte eine Ausbildung zur Krankenschwester und begann 1909 in ihrem Beruf zu arbeiten. Damals konnte niemand ahnen, dass Jahrzehnte später dieselben medizinischen Fähigkeiten in den Dienst eines verbrecherischen Staates gestellt werden würden.
Die junge Elisabeth arbeitete zunächst in einem medizinischen Umfeld, das mit den späteren Konzentrationslagern kaum vergleichbar war. Eine Krankenschwester kümmerte sich um Patienten, verabreichte Medikamente, half Ärzten und versuchte, Menschen durch Krankheit und Verletzung zu begleiten. Der Beruf verlangte Disziplin und Zuverlässigkeit. Marschall blieb ihm viele Jahre treu. Doch die politische Welt um sie herum veränderte sich. Der Erste Weltkrieg zerstörte das Kaiserreich. Die Weimarer Republik entstand. Wirtschaftliche Krisen, politische Gewalt und gesellschaftliche Unsicherheit prägten Deutschland. Schließlich kam die Weltwirtschaftskrise.
Nach 1929 verloren Millionen Menschen ihre Arbeit. Familien verarmten. Unternehmen gingen bankrott. Politische Parteien versprachen radikale Lösungen. Kommunisten und Nationalsozialisten gewannen an Einfluss. Viele Menschen waren bereit, Parteien zu unterstützen, die versprachen, die alte Ordnung zu zerstören und Deutschland wieder stark zu machen. Elisabeth Marschall trat 1931 der NSDAP bei. Damit traf sie eine politische Entscheidung, lange bevor das nationalsozialistische Regime seine vollständige Macht entfaltet hatte.
Im Januar 1933 wurde Adolf Hitler Reichskanzler. Innerhalb weniger Monate veränderte sich Deutschland. Oppositionelle Parteien wurden verfolgt. Gewerkschaften wurden zerschlagen. Die Presse wurde gleichgeschaltet. Die Polizei erhielt immer größere Macht. Konzentrationslager entstanden zunächst vor allem für politische Gegner. Dachau wurde bereits im März 1933 eröffnet. Was zunächst wie ein Instrument gegen politische Feinde erschien, entwickelte sich bald zu einem umfassenden System der Verfolgung.
Die nationalsozialistische Propaganda drang in beinahe jeden Lebensbereich ein. Joseph Goebbels kontrollierte das Propagandaministerium. Zeitungen, Radio, Film und öffentliche Veranstaltungen verbreiteten ein idealisiertes Bild Hitlers. Kinder lernten politische Lieder und Sprüche. Erwachsene wurden aufgefordert, den Führer öffentlich zu verehren. Die Gesellschaft wurde zunehmend danach beurteilt, ob Menschen in das nationalsozialistische Weltbild passten.
Für die jüdische Bevölkerung begann gleichzeitig ein Prozess der systematischen Ausgrenzung. Gesetze nahmen Juden ihre Bürgerrechte. Menschen verloren Arbeitsplätze, Geschäfte und gesellschaftliche Stellung. Die Nürnberger Gesetze machten die rassistische Ideologie des Regimes zu staatlichem Recht. Juden wurden nicht mehr als gleichberechtigte Bürger betrachtet. Sie wurden zu einer angeblich biologisch minderwertigen Gruppe erklärt.
Die Reichspogromnacht vom 9. und 10. November 1938 zeigte, wie weit diese Entwicklung bereits gegangen war. Synagogen brannten. Geschäfte wurden zerstört. Menschen wurden auf offener Straße misshandelt. Tausende jüdische Männer wurden in Konzentrationslager verschleppt. Gewalt war nicht mehr nur versteckte Diskriminierung. Sie wurde öffentlich, organisiert und staatlich geduldet.
Während all dies geschah, arbeitete Elisabeth Marschall weiter im medizinischen Bereich. Ihre politische Loyalität gegenüber dem NS-Regime war längst kein Geheimnis mehr. Im April 1943 wurde sie als Oberschwester in das Konzentrationslager Ravensbrück versetzt. Damit betrat sie eine Welt, in der medizinische Begriffe ihre Bedeutung verloren hatten.
Ravensbrück war 1939 eröffnet worden und entwickelte sich zum größten Konzentrationslager für Frauen im nationalsozialistischen Deutschland. Frauen aus zahlreichen europäischen Ländern wurden dorthin deportiert. Unter ihnen befanden sich politische Gefangene, Jüdinnen, Polinnen, Russinnen, Sinti und Roma sowie Frauen, die aus anderen Gründen vom Regime verfolgt wurden. Insgesamt durchliefen ungefähr 132.000 Frauen das Lager. Zehntausende starben durch Hunger, Krankheiten, Zwangsarbeit, Misshandlungen, Hinrichtungen und systematische Vernichtung.
Das Lager war nicht nur ein Gefängnis. Es war ein System. SS-Männer kontrollierten Verwaltung und Bewachung. Weibliche Aufseherinnen überwachten die Gefangenen unmittelbar. Viele dieser Frauen wurden in Ravensbrück ausgebildet. Das Lager entwickelte sich dadurch zu einer Art Schule der Gewalt. Frauen lernten dort, wie Gefangene zu kontrollieren, zu bestrafen und zu terrorisieren waren.
Eine der bekanntesten Aufseherinnen war Dorothea Binz. Ihre Brutalität wurde später von Überlebenden beschrieben. Für neue Aufseherinnen konnte Ravensbrück damit ein Ort werden, an dem Grausamkeit nicht bestraft, sondern belohnt wurde. Gefangene waren keine Menschen mehr, sondern Arbeitskräfte, Nummern und Körper, die dem Staat zur Verfügung standen.
Marschall kam nicht als gewöhnliche Krankenschwester nach Ravensbrück. Als Oberschwester erhielt sie Verantwortung über den medizinischen Bereich. Das hätte eigentlich bedeutet, die Kranken zu schützen. In der Realität war das Krankenrevier jedoch Teil des Lagersystems. Medizinische Entscheidungen konnten über das Überleben einer Gefangenen bestimmen.
Besonders grausam waren die medizinischen Experimente, die ab 1942 in Ravensbrück durchgeführt wurden. SS-Ärzte führten Versuche an weiblichen Häftlingen durch. Einige Frauen wurden absichtlich verletzt, ihre Wunden infiziert und anschließend mit verschiedenen Medikamenten behandelt. Ziel war es unter anderem, die Behandlung schwerer Verletzungen bei deutschen Soldaten zu untersuchen. Doch die Versuchspersonen hatten keine freie Entscheidung. Sie konnten nicht zustimmen. Sie konnten nicht gehen. Sie konnten sich nicht weigern.
Die Methoden waren brutal. Knochen wurden gebrochen. Wunden wurden künstlich infiziert. Bakterien wurden in den Körper eingebracht. Medikamente wurden getestet. Teilweise wurden operative Eingriffe vorgenommen, ohne dass eine normale medizinische Versorgung gewährleistet war. Besonders polnische Frauen wurden für diese Versuche ausgewählt. Viele überlebten nicht. Andere trugen lebenslange körperliche Schäden davon.
Auch Sterilisationsversuche wurden durchgeführt. Frauen und Kinder wurden ohne freiwillige Zustimmung medizinischen Eingriffen unterzogen. Sinti und Roma gehörten zu den Gruppen, die besonders stark betroffen waren. Schwangerschaften wurden beendet. Neugeborene starben oder wurden ihren Müttern nicht ausreichend versorgt. Das medizinische Personal arbeitete dabei nicht außerhalb des Systems. Es war ein Bestandteil des Systems.
Marschalls Position machte ihre Rolle besonders bedeutsam. Sie war nicht einfach eine Person, die zufällig im Lager arbeitete. Als Oberschwester hatte sie Zugang zu medizinischen Informationen und war an der Organisation des Krankenbereichs beteiligt. Sie wusste, welche Frauen krank waren. Sie wusste, welche Frauen nicht mehr arbeiten konnten. Und sie hatte mit Auswahlprozessen zu tun.
In der Nacht vor bestimmten Exekutionen soll Marschall das Krankenrevier aufgesucht und anhand von Akten Frauen ausgewählt haben. Die Entscheidung konnte sich dabei auf medizinische Informationen stützen: Wer war zu schwach? Wer konnte nicht mehr arbeiten? Wer galt als „unnütz“? In einem normalen Krankenhaus hätte eine solche Information dazu geführt, dass ein Patient zusätzliche Pflege erhielt. In Ravensbrück konnte sie das Gegenteil bedeuten.
Eine besonders große Auswahl betraf rund 800 weibliche Häftlinge, die schließlich nach Auschwitz-Birkenau deportiert wurden. Viele von ihnen überlebten den Transport nicht oder wurden nach ihrer Ankunft ermordet. Für die Frauen war der Begriff „Transport“ keine neutrale Verwaltungsmaßnahme. Er konnte das Ende ihres Lebens bedeuten.
Marschall arbeitete dabei mit SS-Ärzten zusammen. Einer von ihnen war Adolf Winkelmann. Später beschrieb er vor Gericht, wie die Selektionen abliefen. Gefangene mussten an den Ärzten vorbeigehen. Die Untersuchungen waren oberflächlich. Frauen mussten ihre Beine zeigen, damit beurteilt werden konnte, ob sie noch marschfähig waren. Wer offensichtlich krank, schwach oder arbeitsunfähig war, konnte ausgewählt werden.
Die Absurdität dieser Szene ist kaum zu übersehen. Ein Mensch wurde nicht untersucht, um ihn zu heilen. Er wurde untersucht, um festzustellen, ob er noch wirtschaftlich verwertbar war.
Genau hier zeigt sich, wie die nationalsozialistische Ideologie die Medizin zerstörte. Gesundheit wurde nicht mehr danach bewertet, ob ein Mensch leiden musste. Sie wurde danach bewertet, ob dieser Mensch noch arbeiten konnte.
Marschall sollte später behaupten, sie habe nicht gewusst, dass bestimmte Selektionen letztlich zum Tod in den Gaskammern führten. Doch die Staatsanwaltschaft stellte die Frage, wie eine erfahrene Oberschwester die Konsequenzen ihrer Tätigkeit nicht hätte erkennen können. Ravensbrück war kein normales Krankenhaus. Menschen verschwanden ständig. Transporte kamen und gingen. Gefangene kehrten nicht zurück.
Überlebende erinnerten sich an die Angst im Krankenrevier. Wer krank wurde, war nicht automatisch sicherer. Im Gegenteil: Krankheit konnte das Todesurteil bedeuten. Ein Körper, der nicht mehr arbeiten konnte, verlor in der Logik des Lagers seinen „Wert“.
Für Marschall bedeutete ihre Stellung damit eine Verantwortung, die sie später nicht einfach abstreifen konnte.
Sie hatte die Möglichkeit gehabt, Menschen zu helfen.
Sie entschied sich, im System zu bleiben.
Und das System verlangte von ihr nicht nur Gehorsam.
Es verlangte Entscheidungen.
Das Lager wurde immer brutaler, je länger der Krieg dauerte. Die Zahl der Gefangenen stieg. Lebensmittel wurden knapper. Krankheiten breiteten sich aus. Zwangsarbeit erschöpfte die Frauen. Gleichzeitig wurden die medizinischen Einrichtungen für immer mehr Menschen zu Orten von Selektion und Tod.
Im Jahr 1944 verschärfte sich die Situation erneut. In Ravensbrück wurden Anlagen für die Ermordung von Gefangenen eingerichtet. Die Vernichtung wurde damit noch unmittelbarer Teil des Lageralltags. Wer als nicht mehr arbeitsfähig galt, konnte nun in ein System geraten, dessen Ziel nicht Heilung, sondern Tod war.
Marschall war zu diesem Zeitpunkt längst eine erfahrene Funktionärin innerhalb des Lagers.
Doch dann begann das Reich zusammenzubrechen.
Die Rote Armee rückte näher.
Die Front verschob sich nach Westen.
Die Konzentrationslager konnten ihre Verbrechen nicht länger so leicht verbergen.
Im April 1945 wurde Ravensbrück schließlich evakuiert. Tausende Frauen wurden auf Todesmärsche geschickt. Viele waren bereits so geschwächt, dass sie kaum laufen konnten. Wer zurückblieb, riskierte erschossen zu werden. Andere starben unterwegs an Hunger, Krankheit und Erschöpfung.
Am 30. April 1945 erreichten sowjetische Truppen das Lager und befreiten die Überlebenden.
Für viele Frauen bedeutete die Befreiung den ersten Moment seit Jahren, in dem sie wieder frei atmen konnten.
Für Elisabeth Marschall begann dagegen die letzte Phase ihres Lebens.
Die Uniformen verschwanden.
Das Lager existierte nicht mehr.
Die Macht, die sie geschützt hatte, war zusammengebrochen.
Nun würde sie nicht mehr nach ihren Befehlen beurteilt werden.
Sondern nach ihren Taten.
Und einige Monate später würde sie in Hamburg vor einem britischen Militärgericht stehen.
Doch bevor das Urteil fiel, mussten Überlebende erzählen, was in Ravensbrück geschehen war.
Und ihre Aussagen sollten eine Welt sichtbar machen, die Marschall später lieber vergessen hätte.
FORTSETZUNG FOLGT …

