TEIL 1 – DER WEG IN DIE MASCHINERIE DES MASSENMORDES
Am 1. September 1939 begann mit dem deutschen Überfall auf Polen ein Krieg, der Europa in eine Katastrophe stürzen sollte. Doch hinter den vorrückenden Panzern und Flugzeugen bewegten sich andere Einheiten, deren Aufgabe nicht nur militärischer Natur war. Einsatzgruppen folgten der Wehrmacht und machten Jagd auf Menschen, die das nationalsozialistische Regime als politische oder rassische Feinde bezeichnete. Lehrer, Priester, Ärzte, Intellektuelle und andere Angehörige der polnischen Gesellschaft wurden verfolgt und ermordet. Weniger als zwei Jahre später sollte aus dieser Gewalt ein noch umfassenderes System werden. Als Deutschland im Juni 1941 die Sowjetunion angriff, wurden die mobilen Mordkommandos zu einem zentralen Instrument des Holocaust. Männer, Frauen und Kinder wurden hinter der Front zusammengetrieben, erschossen und in Massengräbern verscharrt. Einer der Männer, die diese Gewalt nicht nur ausführen ließen, sondern ihre Durchführung organisieren sollten, war Friedrich August Jeckeln. Seine Geschichte zeigt, wie aus politischem Fanatismus, Gehorsam und persönlichem Ehrgeiz ein Täter werden konnte, der für den Tod von weit über hunderttausend Menschen mitverantwortlich war.

Friedrich Jeckeln wurde am 2. Februar 1895 in Hornberg im damaligen Deutschen Reich geboren. Seine Jugend unterschied sich zunächst kaum von der vieler Männer seiner Generation. Der Erste Weltkrieg veränderte jedoch sein Leben. Nach dem Ausbruch des Krieges im Juli 1914 trat Jeckeln in den Militärdienst ein und wurde an der Westfront eingesetzt. Zunächst diente er als Artillerieoffizier, später wurde er zum Flugdienst ausgebildet. 1916 erlitt er eine schwere Verwundung. Wie viele Männer, die den Krieg erlebt hatten, kehrte er in eine Gesellschaft zurück, die von Niederlage, politischen Spannungen und wirtschaftlichen Problemen geprägt war. Deutschland hatte den Krieg verloren, die Monarchie war zusammengebrochen und die junge Republik wurde von vielen ihrer Gegner als Symbol nationaler Demütigung betrachtet.
Nach seiner Entlassung aus der Armee arbeitete Jeckeln auf einem Hof in der Nähe der Freien Stadt Danzig. Dort heiratete er Charlotte Hirsch, die Tochter des Besitzers. Das Paar hatte drei Kinder. Doch auch in seinem privaten Leben zeigte sich später, wie stark sich seine politische Haltung veränderte. 1927 wurde die Ehe geschieden. Als Begründung spielte der angeblich jüdische Hintergrund von Charlottes Vater eine Rolle. Jeckeln entwickelte sich in diesen Jahren zu einem fanatischen Antisemiten und überzeugten Gegner des Kommunismus. Der Hass auf politische Gegner und Juden war für ihn nicht mehr nur eine politische Meinung. Er wurde zu einem Bestandteil seiner Weltanschauung.
1929 trat Jeckeln der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei, der NSDAP, bei. Ein Jahr später folgte sein Eintritt in die SS. Diese Organisation war 1925 gegründet worden und hatte zunächst unter anderem die Aufgabe, Hitler und andere führende Nationalsozialisten zu schützen. Unter Heinrich Himmler entwickelte sich die SS jedoch zu einer gewaltigen Macht innerhalb des nationalsozialistischen Staates. Ihre Mitglieder unterlagen strenger Disziplin und schworen persönliche Treue gegenüber Hitler und der nationalsozialistischen Führung. Die SS sollte nicht nur politische Gegner verfolgen. Sie wurde zu einem Instrument, mit dem das Regime seine rassistische und politische Vision in die Wirklichkeit umsetzen wollte.
Himmler übernahm im Januar 1929 die Führung der SS. Unter seiner Leitung wuchs die Organisation schnell. Als Hitler 1933 an die Macht kam, war die SS bereits eine der wichtigsten Machtstrukturen des Regimes. Politische Gegner wurden verfolgt, verhaftet und in Konzentrationslager gebracht. Kommunisten, Sozialdemokraten und Gewerkschafter gerieten ebenso ins Visier wie Menschen, die aufgrund ihrer Herkunft oder ihrer Weltanschauung als Feinde definiert wurden. Die SS entwickelte sich zu einem Staat im Staat. Ihre Mitglieder sahen sich nicht als gewöhnliche Polizisten oder Soldaten. Sie glaubten, an der Schaffung einer rassisch definierten nationalsozialistischen Gesellschaft mitzuwirken.
Jeckeln stieg innerhalb dieses Systems schnell auf. Ab 1933 gehörte er dem Reichstag an, dem Parlament des Deutschen Reiches. Gleichzeitig war er für politische Verfolgung verantwortlich. Seine Gegner beschrieben ihn als rücksichtslos, brutal und autoritär. Kommunisten, Sozialdemokraten und Gewerkschaftsmitglieder wurden von ihm unerbittlich bekämpft. Ein besonders berüchtigter Fall war die Ermordung von elf Kommunisten und Gewerkschaftern in Rieseberg am 4. Juli 1933. Die Opfer wurden von SS-Mitgliedern brutal misshandelt und getötet. Die Rieseberg-Morde zeigten bereits früh, wohin Jeckelns fanatische politische Haltung führen konnte. Gewalt war für ihn kein letzter Ausweg. Sie wurde zu einem Mittel der politischen Herrschaft.
Der nationalsozialistische Staat gewöhnte seine Bevölkerung Schritt für Schritt an diese Gewalt. Zuerst wurden politische Gegner als Verräter bezeichnet. Dann wurden Juden aus dem öffentlichen Leben ausgeschlossen. Gesetze nahmen ihnen Rechte und wirtschaftliche Möglichkeiten. Propaganda machte aus Nachbarn angebliche Feinde. Die Grenzen dessen, was gesellschaftlich akzeptiert wurde, verschoben sich immer weiter. Als 1939 der Krieg begann, verfügte das Regime bereits über Institutionen, Personal und Ideologien, die eine noch größere Eskalation ermöglichten.
Der deutsche Angriff auf Polen am 1. September 1939 war ein Wendepunkt. Deutschland verfügte über eine gewaltige militärische Überlegenheit. Mehr als 2.000 Panzer, hunderte Bomber und Jagdflugzeuge sowie rund 60 Divisionen wurden eingesetzt. Insgesamt standen etwa 1,5 Millionen deutsche Soldaten für den Angriff bereit. Die Kombination aus schnellen Panzerverbänden und Luftangriffen führte zu einer neuen Form der mobilen Kriegsführung, die bald weltweit mit dem Begriff „Blitzkrieg“ verbunden wurde. Die polnischen Streitkräfte konnten dem Angriff nicht dauerhaft standhalten.
Am 17. September griff auch die Sowjetunion von Osten her in Polen ein. Die polnische Regierung verließ das Land. Anfang Oktober war der militärische Widerstand weitgehend gebrochen. Deutschland und die Sowjetunion teilten das besetzte Polen gemäß den geheimen Vereinbarungen ihres Nichtangriffspaktes auf. Für die polnische Bevölkerung begann eine Zeit von Besatzung, Repression und Terror. Während die Wehrmacht militärische Operationen durchführte, gingen SS- und Polizeieinheiten gegen Zivilisten vor.
Jeckeln wurde nach Kriegsbeginn zum aktiven Dienst bei der Waffen-SS einberufen. Er diente als Offizier in einer SS-Panzerdivision. Diese Einheiten waren Teil der militärischen Strategie, mit der Deutschland Polen und später Frankreich besiegte. Panzer sollten feindliche Linien durchbrechen, Verbände voneinander trennen und der nachfolgenden Infanterie den Weg öffnen. Für Jeckeln bedeutete der Krieg zunächst eine Rückkehr in eine militärische Umgebung. Doch schon bald sollte sich seine Rolle radikal verändern.
Am 22. Juni 1941 begann Deutschland unter dem Decknamen „Unternehmen Barbarossa“ den Angriff auf die Sowjetunion. Hitler brach damit bewusst den zuvor geschlossenen Nichtangriffspakt. Der Krieg im Osten war von Anfang an anders geplant als ein gewöhnlicher militärischer Konflikt. Die nationalsozialistische Führung betrachtete ihn als rassischen und ideologischen Vernichtungskrieg. Juden und Slawen wurden als minderwertig betrachtet, der sowjetische Staat wurde mit dem Begriff des „jüdischen Bolschewismus“ gleichgesetzt. Deutsche Soldaten und Offiziere wurden auf einen Krieg vorbereitet, in dem traditionelle Grenzen zwischen militärischen und zivilen Zielen immer weiter verschwanden.
Unmittelbar nach Beginn des Angriffs endete Jeckelns Dienst an der Front. Heinrich Himmler setzte ihn als Höheren SS- und Polizeiführer für Südrussland ein. Damit erhielt Jeckeln eine Position, die ihm weit mehr Macht über die zivile Bevölkerung gab als seine frühere militärische Tätigkeit. In seinem Zuständigkeitsbereich kontrollierte er SS-, Polizei- und Sicherheitsoperationen. Er war nun nicht mehr nur ein Offizier in einem Krieg. Er wurde zu einem der Männer, die den Terror hinter der Front organisierten.
Zu diesem Zeitpunkt arbeiteten Einsatzgruppen mit Einheiten der deutschen Armee und lokalen Hilfskräften zusammen. Ihre Aufgabe bestand unter anderem darin, Menschen zu identifizieren, zusammenzutreiben und zu ermorden. Besonders Juden waren Ziel dieser Operationen. Aber auch Sinti und Roma, sowjetische Funktionäre, Kriegsgefangene und Menschen mit Behinderungen wurden verfolgt. Die Massenerschießungen fanden oft nur wenige Kilometer hinter der Front statt. Dörfer und Städte wurden zu Orten des Massenmordes.
Im Sommer 1941 erreichte diese Gewalt eine neue Dimension. Der mit Deutschland verbündete ungarische Staat erklärte der Sowjetunion am 27. Juni den Krieg. Kurz darauf begannen ungarische Behörden, Juden zu deportieren, die ihre ungarische Staatsangehörigkeit nicht nachweisen konnten. Besonders betroffen waren jüdische Gemeinden in der damals unter ungarischer Kontrolle stehenden Transkarpatischen Ukraine. Menschen wurden in Güterwagen verladen und über die damalige Grenze gebracht. Viele von ihnen wurden den deutschen Behörden übergeben.
Bis zum 10. August 1941 waren etwa 14.000 Juden aus Ungarn in von Deutschland kontrollierte Gebiete deportiert worden. Viele wurden in das hastig eingerichtete Ghetto von Kamianets-Podilskyi gebracht. Die Stadt lag in der Westukraine und war bereits von deutschen Truppen besetzt. Das Ghetto verfügte kaum über ausreichende sanitäre Einrichtungen oder Versorgung. Für die deutsche Besatzungsmacht stellte sich die Frage nicht, wie diese Menschen geschützt werden konnten. Die Frage lautete vielmehr, wie man sie beseitigen würde.
Am 26. August 1941 traf Friedrich Jeckeln in Kamianets-Podilskyi ein. Er übernahm persönlich die Leitung der bevorstehenden Mordaktion. Damit wurde aus einer Deportation eine systematisch organisierte Vernichtung. Die Menschen, die in die Stadt gebracht worden waren, hatten kaum eine Möglichkeit zu verstehen, was ihnen bevorstand. Viele waren bereits erschöpft von den Transporten und den Bedingungen im Ghetto. Für sie gab es keinen sicheren Ort mehr.
Am 28. August begann das Massaker. Die Opfer wurden in Gruppen aus der Stadt geführt. Sie mussten ihre Kleidung ablegen und wurden zu vorbereiteten Gruben gebracht. Dort wurden sie erschossen. Männer, Frauen und Kinder wurden gleichermaßen getötet. Die Leichen fielen in Massengräber. Der Mord wurde nicht durch einen spontanen Ausbruch von Gewalt ausgelöst. Er war vorbereitet, organisiert und von den Verantwortlichen als Operation behandelt worden.
Innerhalb von nur zwei Tagen wurden nach den im Ausgangsmaterial beschriebenen Angaben etwa 23.600 Juden ermordet. Damit gehörte das Massaker von Kamianets-Podilskyi zu den frühesten Massenmorden des Holocaust in einer fünfstelligen Größenordnung. Für Jeckeln war es jedoch kein Abschluss. Es war der Beginn einer Phase, in der sein Name immer enger mit den größten Massenerschießungen im besetzten Osteuropa verbunden wurde.
Nur wenige Tage später bewegte sich die deutsche Front weiter nach Osten. Am 19. September 1941 besetzten deutsche Truppen Kiew. Die Stadt war vor dem Krieg eine bedeutende jüdische Gemeinde gewesen. Zehntausende Juden waren dort geblieben, nachdem andere geflohen oder zur sowjetischen Armee eingezogen worden waren. Viele der Zurückgebliebenen waren Frauen, Kinder, ältere Menschen oder Kranke. Sie hatten nicht gewusst, dass ihre Anwesenheit in der Stadt sie bald zum Ziel einer organisierten Mordaktion machen würde.
Zwischen dem 20. und 28. September erschütterten Explosionen Kiew. Sprengsätze, die vom sowjetischen NKWD zurückgelassen worden waren, zerstörten Teile des Stadtzentrums und töteten deutsche Soldaten und Beamte. Die deutsche Besatzungsmacht nutzte diese Sabotage als Vorwand. Die Juden von Kiew wurden kollektiv für die Zerstörung verantwortlich gemacht, obwohl es keine Grundlage gab, eine ganze Bevölkerungsgruppe dafür zu bestrafen. Die Entscheidung war bereits Teil einer rassistischen Vernichtungspolitik.
Am 28. September wurden die Juden der Stadt aufgefordert, sich am folgenden Morgen zur angeblichen Umsiedlung einzufinden. Die Bekanntmachungen erzeugten eine tödliche Täuschung. Viele Menschen glaubten, sie würden lediglich an einen anderen Ort gebracht. Sie nahmen Gepäck mit. Sie warteten. Sie kamen. Schließlich versammelten sich mehr als 30.000 Menschen an den Sammelpunkten.
Die Kolonnen bewegten sich in Richtung Babi Jar, einer Schlucht außerhalb des damaligen Stadtzentrums. Die Menschen wurden von deutschen und unterstützenden Polizeieinheiten weitergetrieben. Wer langsamer wurde, wurde geschlagen oder gestoßen. Nach Berichten von Zeugen mussten die Opfer an verschiedenen Stellen Gepäck, Mäntel, Schuhe, Kleidung und Wertsachen abgeben. Alles wurde systematisch gesammelt. Die Menschen wurden ihrer letzten persönlichen Besitztümer beraubt, bevor sie getötet wurden.
Die Schlucht wurde zu einem Ort des Massenmordes. Männer, Frauen und Kinder wurden gezwungen, sich auszuziehen und hinunterzugehen. Unten wurden die Opfer von den Schützen an die vorbereiteten Stellen geführt. Menschen wurden gezwungen, sich auf bereits getötete Personen zu legen. Danach wurden sie erschossen. Die Reihen der Leichen wuchsen übereinander. Der Vorgang wurde wiederholt, bis immer neue Gruppen die Schlucht erreichten.
Eine Überlebende namens Dina Pronitschewa beschrieb nach dem Krieg, was sie erlebt hatte. Sie berichtete von Gruppen aus Männern, Frauen, älteren Menschen und Kindern, die gezwungen wurden, ihre Kleidung abzulegen und zur Schlucht zu gehen. Sie erinnerte sich an die Schreie und an die Stimmen von Kindern, die nach ihren Müttern riefen. Ihre Aussage wurde zu einem wichtigen Zeugnis über die Gewalt in Babi Jar.
Pronitschewa überlebte, weil sie in die Schlucht sprang, bevor sie erschossen wurde, und sich anschließend zwischen den Leichen tot stellte. Ihr Überleben war eine Ausnahme. Für die meisten Menschen, die an diesem Ort ankamen, gab es keine Rückkehr. Die Schlucht wurde zu einem Massengrab. Die deutsche Besatzungsmacht versuchte später, die Spuren des Verbrechens zu beseitigen.
Die Morde in Babi Jar endeten nicht nach den ersten Tagen. In den folgenden Monaten wurden dort weitere Menschen ermordet, darunter Juden, Sinti und Roma sowie sowjetische Kriegsgefangene. Menschen, die sich versteckten, konnten von lokalen Helfern verraten und den deutschen Besatzungsbehörden ausgeliefert werden. Insgesamt wurden in Babi Jar nach den Angaben des Ausgangsmaterials etwa 100.000 Menschen getötet. Der Ort wurde damit zu einem der bekanntesten Schauplätze des nationalsozialistischen Massenmordes.
Jeckeln betrachtete solche Operationen nicht als Ausnahme. Er entwickelte ein Verfahren, das später mit seinem Namen verbunden wurde. Die Opfer wurden zusammengetrieben, über eine Strecke zum Tatort geführt, ihrer Kleidung und Wertsachen beraubt und anschließend in vorbereiteten Gruben erschossen. Die Methode sollte den Ablauf vereinheitlichen. Der Massenmord erhielt dadurch eine organisatorische Struktur. Jeckeln behandelte Menschenleben wie Material, das in einer vorgegebenen Reihenfolge verarbeitet werden konnte.
Das war eine der erschreckendsten Eigenschaften seiner Tätigkeit. Der Mord wurde nicht nur durch Hass motiviert. Er wurde organisiert. Es gab Zuständigkeiten, Transportwege, Sammelpunkte, Wachmannschaften, Schützen und Berichte. Die Beteiligten mussten wissen, wie viele Menschen an einem bestimmten Tag ankommen sollten und wie sie mit den Leichen umgehen würden. Das nationalsozialistische System verwandelte die Ermordung von Zivilisten in einen Verwaltungsprozess.
Am 5. November 1941 traf Jeckeln mit seinem Stab in Riga ein. Rund fünfzig Männer und Helfer gehörten zu seiner Gruppe. Heinrich Himmler wollte auch die jüdische Bevölkerung Lettlands vernichten. Gleichzeitig sollten deutsche und österreichische Juden in das Rigaer Ghetto deportiert werden. Damit entstand ein makabres System: Menschen aus dem Deutschen Reich sollten an einen Ort gebracht werden, während die dort lebenden Juden ermordet wurden, um Platz zu schaffen.
Jeckeln erhielt den Auftrag, die Juden des Rigaer Ghettos zu töten. Als Tatort wählte er den Wald von Rumbula, etwa fünfzehn Kilometer südöstlich von Riga. Der Wald wurde zu einem weiteren Schauplatz organisierter Massenerschießungen. Die Opfer wurden aus ihren Wohnungen geholt, in Kolonnen zusammengetrieben und aus der Stadt geführt.
Am 30. November 1941 begann das Massaker von Rumbula. Die Sicherheitspolizei trieb etwa 25.000 Juden aus dem Ghetto. Die Menschen mussten mehrere Kilometer bis zu den Tötungsstätten gehen. Wieder wurden sie ihrer Wertsachen und Kleidung beraubt. Wieder wurden sie gezwungen, sich in vorbereitete Gruben zu legen. Wieder standen Schützen bereit.
Jeckeln bezeichnete das Verfahren selbst als „Sardinenbüchsen-Methode“. Der Name machte deutlich, wie stark er die Menschen entmenschlicht hatte. Die Opfer wurden in Schichten in die Gruben gelegt, damit möglichst viele Leichen auf möglichst kleinem Raum untergebracht werden konnten. Was für die Täter eine Frage der Effizienz war, bedeutete für die Opfer das Ende ihres Lebens.
Schätzungsweise 25.000 bis 27.000 Juden wurden bei den Morden von Rumbula getötet. Nur wenige Menschen konnten fliehen oder sich verstecken. Selbst erfahrene Angehörige der Einsatzgruppen sollen von der Dimension und Grausamkeit der Erschießungen erschüttert gewesen sein. Die Gewalt war inzwischen so massiv geworden, dass selbst Täter an die Grenzen dessen stießen, was sie ertragen konnten. Das führte nicht zum Ende des Mordens.
Stattdessen suchte das Regime nach Methoden, die das Töten für die Täter leichter machen konnten. Massenerschießungen wurden zunehmend durch Gaskammern ergänzt und ersetzt. Die Täter mussten die Opfer nicht mehr aus nächster Nähe erschießen. Die industrielle Form des Mordes entwickelte sich weiter. Auschwitz und andere Vernichtungszentren wurden zu Orten, an denen Menschen in noch größerem Umfang ermordet werden konnten.
Jeckeln blieb jedoch ein wichtiger Vertreter des Systems der Massenerschießungen. Seine Bedeutung lag nicht nur in der Zahl der Opfer, sondern in seiner Fähigkeit, verschiedene Kräfte zusammenzuführen. SS-Einheiten, Polizeikräfte und lokale Helfer konnten unter seiner Führung eingesetzt werden. Er war ein Organisator des Terrors. Seine Befehle wurden in konkrete Gewalt umgesetzt.
Der Krieg ging weiter. 1942 und 1943 veränderte sich die militärische Lage. Der deutsche Vormarsch im Osten kam zum Stillstand. Der sowjetische Sieg von Stalingrad am 2. Februar 1943 wurde zu einem entscheidenden Wendepunkt. Die deutsche Armee erlitt eine schwere Niederlage. Von diesem Moment an wurde immer deutlicher, dass das nationalsozialistische Reich den Krieg nicht gewinnen würde.
Doch der Niedergang der deutschen Streitkräfte bedeutete nicht das Ende der Verbrechen. Im Gegenteil. Je näher die Niederlage rückte, desto größer wurde der Versuch, Spuren zu vernichten. Dokumente wurden zerstört. Massengräber sollten verschwinden. Gefangene wurden auf Todesmärsche geschickt. Die Täter wussten, dass die Front sich bewegte und dass ihre Taten eines Tages untersucht werden könnten.
Jeckeln blieb bis in die letzten Kriegsjahre hinein Teil der SS-Führung. Im Juli 1944 wurde er zum General der Waffen-SS und Polizei ernannt. Der Titel zeigte, dass sein Aufstieg trotz der begangenen Verbrechen nicht beendet worden war. Das System hatte ihn nicht bestraft. Es hatte ihn belohnt.
Doch 1945 brach die Welt zusammen, die seine Macht ermöglicht hatte.
Die sowjetische Armee rückte weiter nach Westen vor. Berlin wurde zum Schlachtfeld. Im April 1945 begann die letzte große Offensive auf die deutsche Hauptstadt. Adolf Hitler zog sich in seinen Bunker zurück. Am Ende beging er Selbstmord. Das nationalsozialistische Regime stand vor seinem endgültigen Zusammenbruch.
Für Männer wie Friedrich Jeckeln bedeutete der Zusammenbruch etwas anderes als für Millionen Opfer des Krieges. Für die Opfer hatte die Gewalt ihr Leben ausgelöscht. Für die Täter begann die Zeit der Verantwortung.
Jeckeln wurde am 28. April 1945 bei Halbe von sowjetischen Truppen gefangen genommen. Der Mann, der zuvor über SS- und Polizeieinheiten verfügt hatte, war nun selbst Gefangener. Er konnte keine Kolonnen mehr aufstellen. Er konnte keine Befehle mehr geben. Er konnte keine Schluchten oder Wälder mehr in Tatorte verwandeln.
Aber die Vergangenheit war mit ihm gefangen genommen worden.
Und die Sowjets wussten, wen sie vor sich hatten.
CLIFFHANGER – ENDE TEIL 1


