DER ROSA WINKEL – WIE DIE NAZIS HOMOSEXUELLE MÄNNER VERFOLGTEN UND WARUM IHR LEIDEN NACH 1945 NICHT ENDETE

DER ROSA WINKEL – WIE DIE NAZIS HOMOSEXUELLE MÄNNER VERFOLGTEN UND WARUM IHR LEIDEN NACH 1945 NICHT ENDETE

TEIL 1 – ALS EIN LEBEN ZUM VERBRECHEN ERKLÄRT WURDE

Am 30. Januar 1933 wurde Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannt. Was zunächst wie ein weiterer Machtwechsel innerhalb eines politisch instabilen Deutschlands aussah, entwickelte sich innerhalb weniger Monate zur Errichtung einer Diktatur. Grundrechte wurden eingeschränkt, politische Gegner verfolgt und jüdische Menschen systematisch ausgegrenzt. Doch eine weitere Gruppe geriet zunehmend in das Visier des neuen Staates: homosexuelle Männer. Was die Nationalsozialisten zunächst mit Überwachung und Schließungen von Treffpunkten bekämpften, verwandelte sich bald in ein umfassendes System aus Denunziation, Verhaftung, Verhör, Gefängnis und Konzentrationslagern. Zehntausende Männer wurden verfolgt. Tausende kamen in Konzentrationslager. Viele starben. Und selbst für diejenigen, die das Ende der NS-Herrschaft überlebten, bedeutete der Mai 1945 nicht automatisch Freiheit.

Fetched image 1

Um zu verstehen, wie es dazu kommen konnte, muss man einige Jahre zurückgehen. Denn homosexuelles Leben war im Deutschland des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts keineswegs unsichtbar. Seit 1871 stellte der Paragraph 175 des deutschen Strafgesetzbuches sexuelle Beziehungen zwischen Männern unter Strafe. Trotzdem entstanden in größeren Städten Gemeinschaften, Treffpunkte, Zeitschriften und Organisationen, die sich für eine Entkriminalisierung einsetzten. Besonders Berlin entwickelte sich während der Weimarer Republik zu einem internationalen Zentrum einer sichtbaren homosexuellen Subkultur.

Bars, Vereine, Zeitschriften und Beratungsstellen entstanden. Männer konnten sich treffen, Freundschaften schließen und teilweise offen über ihre Sexualität sprechen. Das bedeutete keineswegs, dass sie vollständig akzeptiert wurden. Diskriminierung, Erpressung und strafrechtliche Verfolgung blieben Realität. Doch im Vergleich zu späteren Jahren existierte eine gesellschaftliche und politische Bewegung, die Veränderungen forderte.

Eine der wichtigsten Organisationen war das Wissenschaftlich-humanitäre Komitee, das bereits 1897 gegründet worden war. Sein Ziel war unter anderem die Abschaffung des Paragraphen 175. Männer und Frauen engagierten sich dafür, wissenschaftliche Erkenntnisse gegen Vorurteile zu setzen und die rechtliche Gleichstellung homosexueller Menschen voranzutreiben.

Auch Magnus Hirschfeld spielte dabei eine zentrale Rolle. Der Arzt und Sexualwissenschaftler gründete später das Institut für Sexualwissenschaft in Berlin. Dort wurden Menschen beraten, medizinisch untersucht und wissenschaftlich erforscht. Hirschfeld setzte sich öffentlich gegen die Kriminalisierung homosexueller Beziehungen ein.

Die Weimarer Republik war deshalb eine widersprüchliche Zeit. Einerseits blieb §175 bestehen. Andererseits entwickelte sich eine gesellschaftliche Offenheit, die für konservative und radikale politische Kräfte wie eine Bedrohung wirkte.

Die Nationalsozialisten gehörten zu diesen Kräften.

Sie betrachteten die kulturelle Entwicklung der Weimarer Jahre als Zeichen eines gesellschaftlichen Niedergangs. Kunst, Wissenschaft, Sexualität und moderne Lebensformen wurden von der NS-Propaganda als „dekadent“ oder „entartet“ bezeichnet. Besonders problematisch war für die Nationalsozialisten die Vorstellung, dass Menschen ihre Sexualität außerhalb der traditionellen Ehe leben konnten.

Ihre Ideologie stellte die Fortpflanzung der sogenannten „arischen“ Bevölkerung ins Zentrum. Die Familie sollte dem Staat Kinder liefern. Männer sollten als Soldaten und Ernährer auftreten, Frauen als Mütter zukünftiger Generationen.

Homosexualität passte nicht in dieses Weltbild.

Für die Nationalsozialisten war sexuelle Beziehung nicht in erster Linie eine persönliche Angelegenheit. Sie wurde zu einer politischen Frage.

Ein Mann, der keine Kinder zeugte, galt in dieser Ideologie als jemand, der seine vermeintliche Pflicht gegenüber dem „Volk“ nicht erfüllte.

Daraus entstand eine besonders gefährliche Verbindung zwischen Sexualpolitik und rassistischer Staatsideologie.

Nicht jeder Nationalsozialist äußerte sich öffentlich gleich stark gegen Homosexualität. Einige führende Funktionäre sprachen kaum darüber. Andere waren offen homophob. Heinrich Himmler entwickelte später eine besonders radikale Vorstellung von der angeblichen Gefahr homosexueller Männer für die deutsche Gesellschaft.

Doch zunächst gab es innerhalb der NS-Bewegung selbst einen Mann, dessen Existenz diese Propaganda komplizierter machte.

Ernst Röhm.

Röhm war einer der mächtigsten Männer innerhalb der nationalsozialistischen Bewegung. Als Führer der Sturmabteilung, der SA, verfügte er über enormen politischen Einfluss. Die SA war eine paramilitärische Organisation mit Millionen Mitgliedern und spielte eine wichtige Rolle bei der Einschüchterung politischer Gegner.

Röhm war homosexuell.

Seine sexuelle Orientierung war innerhalb der NSDAP kein unbekanntes Geheimnis. Röhm selbst betrachtete seine Homosexualität nicht als Widerspruch zu seiner politischen Tätigkeit. Für ihn gehörte seine persönliche Sexualität nicht zur Frage seiner Loyalität gegenüber der nationalsozialistischen Bewegung.

Doch 1931 wurde daraus ein öffentlicher Skandal.

Eine linke Zeitung veröffentlichte Berichte über Röhms Homosexualität.

Hitler stellte sich zunächst hinter ihn.

Röhm war für Hitler politisch zu wichtig, um ihn wegen seiner Sexualität aufzugeben.

Das bedeutete allerdings nicht, dass die Nationalsozialisten ihre grundsätzliche Ablehnung homosexueller Männer aufgaben.

Röhm war eine Ausnahme, die aufgrund seiner Macht toleriert wurde.

Und genau das sollte sich ändern.

Im Juni 1934 wurde Röhm zum Ziel einer politischen Säuberung.

Hitler hatte mehrere Gründe, die SA-Führung zu beseitigen. Die Reichswehr betrachtete die riesige SA als Bedrohung. Konservative Eliten verlangten Garantien für die Zukunft des Militärs. Gleichzeitig fürchtete Hitler, dass Röhm zu mächtig geworden war.

Im Rahmen der sogenannten „Nacht der langen Messer“ wurden Röhm und zahlreiche andere SA-Führer ermordet.

Röhms Homosexualität wurde anschließend propagandistisch benutzt, um seine Beseitigung zu rechtfertigen.

Die NS-Führung stellte ihn als moralisch verkommen dar.

Damit wurde seine sexuelle Orientierung plötzlich zu einem politischen Beweisstück.

Die Botschaft war klar:

Ein homosexueller Mann konnte innerhalb des nationalsozialistischen Systems nicht mehr einfach als Individuum betrachtet werden.

Seine Sexualität konnte als Beweis für angebliche politische und moralische Verderbtheit benutzt werden.

Nach Röhms Ermordung veränderte sich die staatliche Verfolgung homosexueller Männer deutlich.

Die nationalsozialistische Führung hatte nun einen politischen Vorwand, um ihre Kampagne zu intensivieren.

Treffpunkte wurden geschlossen.

Bars wurden überwacht.

Zeitschriften und Verlage verschwanden.

Vereine mussten sich auflösen.

Kommunikationsnetzwerke wurden zerstört.

Das Institut für Sexualwissenschaft von Magnus Hirschfeld wurde 1933 von Nationalsozialisten überfallen und zerstört. Bücher wurden beschlagnahmt und öffentlich verbrannt.

Die Zerstörung des Instituts war mehr als ein Angriff auf ein Gebäude.

Sie war ein Angriff auf Wissen.

Auf Forschung.

Auf die Möglichkeit, Sexualität wissenschaftlich und ohne ideologische Vorurteile zu untersuchen.

Die Nationalsozialisten wollten nicht nur homosexuelle Menschen verfolgen.

Sie wollten auch die gesellschaftlichen Strukturen zerstören, die ihnen Sichtbarkeit und gegenseitige Unterstützung ermöglicht hatten.

Ein homosexueller Mann sollte möglichst allein sein.

Ohne Freunde.

Ohne Vereine.

Ohne Treffpunkte.

Ohne Presse.

Ohne Organisation.

Denn ein isolierter Mensch lässt sich leichter überwachen und einschüchtern.

Ab Ende 1933 und Anfang 1934 wurden außerdem neue polizeiliche Methoden eingesetzt.

Die Polizei begann, Menschen zu erfassen, die wegen bestimmter Sexualdelikte verurteilt worden waren. Einige dieser Maßnahmen trafen auch homosexuelle Männer.

Immer häufiger reichte der Verdacht.

Eine Anzeige.

Ein Gerücht.

Ein Name.

Ein Brief.

Ein Nachbar konnte zur Polizei gehen.

Ein Kollege.

Ein ehemaliger Freund.

Ein Familienmitglied.

Ein Denunziant musste nicht unbedingt Beweise besitzen.

Es genügte, einen Verdacht zu äußern.

Für homosexuelle Männer wurde dadurch der Alltag zunehmend gefährlich.

Jede private Beziehung konnte zu einer Gefahr werden.

Jeder Streit konnte in eine Anzeige münden.

Jede zurückgewiesene Annäherung konnte als Rache benutzt werden.

Die Polizei begann, Informationen zu sammeln.

Im Herbst 1934 ordnete Reinhard Heydrich an, dass in deutschen Großstädten Listen homosexueller Männer erstellt werden sollten.

Diese später als „Rosa Listen“ bezeichneten Sammlungen enthielten Namen von Männern, die den Behörden als homosexuell bekannt oder verdächtig waren.

Die Bezeichnung „Rosa Listen“ war keine offizielle nationalsozialistische Bezeichnung.

Sie entstand später.

Doch die Listen hatten eine reale Funktion.

Sie machten aus privaten Informationen staatliche Daten.

Einmal erfasst, konnte ein Mann jahrelang im Blick der Polizei bleiben.

Ende 1934 führte die Gestapo Razzien in Bars und anderen Treffpunkten durch.

Männer wurden festgenommen.

Viele hatten keinerlei politische Tätigkeit ausgeübt.

Sie waren keine Widerstandskämpfer.

Sie hatten keine politischen Flugblätter verteilt.

Sie waren einfach Männer, die verdächtigt wurden, sexuelle Beziehungen zu anderen Männern zu haben.

Einige glaubten zunächst, sie könnten nach einer kurzen Befragung wieder nach Hause gehen.

Doch die Verhöre wurden brutal.

Die Polizei wollte Namen.

Namen von Partnern.

Namen von Freunden.

Namen weiterer Männer.

Unter psychischem und körperlichem Druck wurden Aussagen erzwungen.

Ein Verdächtiger konnte dadurch weitere Menschen in Gefahr bringen, obwohl er selbst nur versucht hatte, die Folter zu überleben.

So entstanden ganze Ketten von Verhaftungen.

Ein Mann wurde verhaftet.

Sein Name wurde genannt.

Der nächste wurde verhaftet.

Dieser nannte weitere Namen.

Und so konnte eine einzelne Untersuchung ein ganzes Netzwerk zerstören.

Dann kam die nächste entscheidende Verschärfung.

Im Juni 1935 änderten die Nationalsozialisten den Paragraphen 175.

Die neue Fassung war wesentlich weiter gefasst als zuvor.

Nicht mehr nur eindeutig nachweisbare sexuelle Handlungen konnten verfolgt werden.

Auch andere Formen körperlicher Nähe konnten unter bestimmten Umständen als strafbar interpretiert werden.

Damit wurde der Spielraum der Polizei und Gerichte erheblich erweitert.

Die Zahl der Strafverfahren stieg.

Schätzungen gehen davon aus, dass während der NS-Herrschaft etwa 100.000 Männer aufgrund des Paragraphen 175 verhaftet wurden.

Mehr als 53.000 wurden verurteilt.

Die Verfolgung traf damit nicht nur eine kleine Gruppe.

Sie wurde zu einer Massenerscheinung.

Doch nicht jeder Verurteilte kam in ein Konzentrationslager.

In vielen Fällen folgte zunächst ein Gerichtsverfahren.

Ein Mann konnte freigesprochen werden.

Oder eine Gefängnisstrafe erhalten.

Nach Verbüßung dieser Strafe wurden viele wieder entlassen.

Andere gerieten jedoch in die sogenannte „Vorbeugende Polizeihaft“.

Die Gestapo und Kripo konnten Männer, die sie als besonders gefährlich betrachteten, in Konzentrationslager einweisen.

Mehrfach Verurteilte waren besonders gefährdet.

Doch auch andere Kriterien konnten eine Rolle spielen.

Die Konzentrationslager bedeuteten eine völlig andere Dimension des Terrors.

Zwischen etwa 5.000 und 15.000 Männer wurden als homosexuelle Häftlinge in Konzentrationslagern interniert.

Sie mussten häufig einen rosa Winkel tragen.

Das rosafarbene Dreieck wurde auf die Häftlingskleidung genäht.

Es diente der SS dazu, die angebliche Häftlingskategorie sofort zu erkennen.

Doch es hatte noch eine andere Wirkung.

Es machte die Männer sichtbar.

Nicht als Individuen.

Sondern als Gruppe.

Und innerhalb der Hierarchie der Lager standen sie häufig besonders schlecht.

Viele andere Häftlingsgruppen betrachteten sie mit Vorurteilen.

Die Nationalsozialisten hatten die gesellschaftliche Homophobie nicht erfunden.

Sie nutzten vorhandene Vorurteile und verstärkten sie.

Ein Mann mit rosa Winkel konnte deshalb nicht automatisch auf Solidarität anderer Häftlinge hoffen.

Die Isolation machte sein Überleben schwieriger.

In manchen Lagern wurden homosexuelle Häftlinge besonders brutalen Arbeiten zugeteilt.

Sie konnten geschlagen werden.

Sie wurden öffentlich gedemütigt.

Sie wurden sexuell missbraucht.

Und einige wurden Opfer medizinischer Experimente.

Im Konzentrationslager Buchenwald wurden homosexuelle Häftlinge unter anderem für pseudowissenschaftliche Versuche missbraucht.

Die SS versuchte, angebliche Methoden zu finden, mit denen homosexuelle Männer „geheilt“ werden könnten.

Dazu gehörten auch hormonelle Experimente.

Einige Häftlinge erhielten Implantate, die Testosteron freisetzten.

Die Vorstellung dahinter war grausam und wissenschaftlich haltlos.

Homosexualität wurde nicht als natürliche Variation menschlicher Sexualität verstanden.

Sie wurde als Krankheit oder Defekt behandelt, den man durch Gewalt beseitigen könne.

Die Konsequenzen waren tödlich.

Andere homosexuelle Häftlinge wurden für medizinische Experimente mit Medikamenten oder Verletzungen missbraucht.

In den Lagern existierte kein wirksamer Schutz vor medizinischer Gewalt.

Ein Häftling konnte nicht Nein sagen.

Sein Körper gehörte in der Vorstellung der SS dem Staat.

Besonders brutal war die Behandlung in manchen Lagern, wenn homosexuelle Häftlinge zur Zwangsarbeit eingesetzt wurden.

In Mauthausen und Flossenbürg wurden sie teilweise Arbeiten zugeteilt, die unter den gegebenen Bedingungen kaum zu überleben waren.

Ein Mann konnte den ganzen Tag schwere Lasten tragen.

Bei Schnee.

Bei Hitze.

Bei Hunger.

Unter Schlägen.

Und wenn er zusammenbrach, konnte sein Tod später einfach als natürliche Todesursache registriert werden.

Die Lagerverwaltung musste keine Wahrheit dokumentieren.

Sie musste nur die Statistik weiterführen.

Mindestens mehrere tausend Männer mit dem rosa Winkel starben in den Konzentrationslagern.

Die genaue Zahl lässt sich nicht vollständig feststellen.

Viele Unterlagen wurden gegen Kriegsende vernichtet.

Und manche homosexuellen Männer wurden nicht unter dem rosa Winkel registriert.

Wenn ein Mann gleichzeitig Jude war, konnte seine jüdische Identität die offizielle Häftlingskategorie bestimmen.

Wenn er als politischer Gegner verfolgt wurde, konnte er ein rotes Abzeichen tragen.

Wenn er aus anderen Gründen inhaftiert wurde, konnte wiederum eine andere Kategorie verwendet werden.

Die Verfolgung homosexueller Männer war deshalb größer als die Zahl derjenigen, die offiziell den rosa Winkel trugen.

Eine einzelne Biografie zeigt die Brutalität dieses Systems besonders deutlich.

Josef Kohout.

Er war erst vierundzwanzig Jahre alt, als er im März 1939 verhaftet wurde.

Seine Weihnachtskarte an einen männlichen Liebhaber war abgefangen worden.

Ein privater Brief wurde damit zu einem Beweismittel.

Kohout kam schließlich nach Sachsenhausen.

Dort erlebte er eine Welt, in der die Zugehörigkeit zum rosa Winkel seinen Alltag bestimmte.

Homosexuelle Häftlinge durften teilweise nicht frei mit anderen Blocks sprechen.

Sie wurden isoliert.

Ihr Block war ausschließlich mit homosexuellen Männern belegt.

Kohout berichtete später von extremen Bedingungen.

Im Winter bildete sich Eis an den Fenstern.

Die Männer mussten trotzdem unter unmenschlichen Bedingungen schlafen.

Ihre Bewegungen wurden kontrolliert.

Selbst kleine Gesten konnten bestraft werden.

Die SS behandelte sie so, als müsse ihre Sexualität ständig überwacht und bestraft werden.

Kohout überlebte.

Viele andere nicht.

Er konnte nach dem Krieg ein neues Leben beginnen.

Doch die Erinnerungen blieben.

Und genau darin liegt eine der größten Schwierigkeiten bei der historischen Aufarbeitung.

Überlebende mussten mit einer Gesellschaft zurückkehren, die ihre Verfolgung nicht automatisch als Unrecht betrachtete.

Denn der Krieg war noch nicht vorbei gewesen, als eine andere Katastrophe für viele dieser Männer begann.

Und die meisten wussten zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass ihre Freiheit nach 1945 keineswegs garantiert sein würde.

TEIL 2 – BEFREIUNG OHNE FREIHEIT

Im Frühjahr 1945 erreichten alliierte Truppen die Konzentrationslager.

Die Häftlinge wurden befreit.

Für viele bedeutete dieser Moment das Ende eines jahrelangen Albtraums.

Doch für homosexuelle Männer war die Situation besonders kompliziert.

Sie verließen die Lager mit Körpern, die von Hunger, Gewalt und Krankheit gezeichnet waren.

Mit Erinnerungen an Tote.

Mit Traumata.

Und mit der Erkenntnis, dass die Gesellschaft, in die sie zurückkehrten, ihre Sexualität weiterhin kriminalisierte.

Der Nationalsozialismus war besiegt.

Paragraph 175 blieb.

Das bedeutete, dass ein Mann, der wegen homosexueller Beziehungen während der NS-Zeit verfolgt worden war, nicht automatisch als Opfer anerkannt wurde.

Viele Verurteilungen blieben bestehen.

Einige Männer mussten sogar ihre Haftstrafen weiter verbüßen.

Für sie musste die Befreiung deshalb wie eine unvollständige Befreiung wirken.

Die Lager waren offen.

Die SS war verschwunden.

Aber der Paragraph, der sie ins Gefängnis gebracht hatte, existierte noch.

Das war eine der bittersten historischen Kontinuitäten nach 1945.

Die Bundesrepublik übernahm zunächst die verschärfte nationalsozialistische Fassung des Paragraphen 175.

Damit wurde eine rechtliche Grundlage der NS-Verfolgung weitergeführt.

Zehntausende Männer wurden auch nach dem Krieg strafrechtlich verfolgt.

Die Angst blieb.

Viele homosexuelle Männer konnten deshalb nicht öffentlich erzählen, was ihnen widerfahren war.

Sie mussten schweigen.

Über ihre Gefängnisaufenthalte.

Über die Konzentrationslager.

Über den rosa Winkel.

Über die Menschen, die sie verloren hatten.

Über die Gewalt.

Über die medizinischen Experimente.

Über sexuelle Übergriffe.

Denn die Gesellschaft, in die sie zurückkehrten, war noch immer von Homophobie geprägt.

Ein Überlebender konnte nicht einfach sagen:

„Ich wurde verfolgt, weil ich homosexuell bin.“

Er riskierte, erneut verurteilt zu werden.

In Westdeutschland blieb §175 lange bestehen.

Erst 1969 wurde die Strafbarkeit einvernehmlicher sexueller Beziehungen zwischen erwachsenen Männern wesentlich eingeschränkt.

In der DDR kam es 1968 zur Entkriminalisierung.

Doch selbst diese Veränderungen bedeuteten nicht sofort gesellschaftliche Gleichstellung.

Viele Menschen, die die NS-Zeit überlebt hatten, hatten Jahrzehnte des Schweigens hinter sich.

Ihre Geschichten blieben in Familien verborgen.

Einige erzählten ihren Kindern nie, was passiert war.

Andere schrieben erst im hohen Alter darüber.

Manche warteten bis zu den letzten Jahren ihres Lebens.

Warum?

Weil sie Angst hatten.

Angst vor Ablehnung.

Angst vor Scham.

Angst davor, dass niemand ihnen glauben würde.

Und vielleicht auch, weil die Worte fehlten.

Wie erklärt man einem Menschen, dass man wegen eines Liebesbriefes verhaftet wurde?

Wie erzählt man, dass man im Konzentrationslager den rosa Winkel tragen musste?

Wie beschreibt man, dass die SS einen Menschen nicht nur als Häftling, sondern als „pervers“ betrachtete?

Wie erzählt man von einem Freund, der neben einem starb?

Wie spricht man über sexuelle Gewalt, wenn man sein ganzes Leben gelernt hat, darüber zu schweigen?

Viele konnten es nicht.

Deshalb ist die Geschichte der homosexuellen Verfolgten in Deutschland lange weniger sichtbar gewesen als andere Teile der NS-Geschichte.

Erst Jahrzehnte später begann sich das zu ändern.

Historiker untersuchten Gerichtsakten.

Überlebende wurden interviewt.

Dokumente wurden ausgewertet.

Die Namen der Opfer wurden gesammelt.

Erinnerungsorte entstanden.

Und langsam wurde deutlich, wie groß die Verfolgung tatsächlich gewesen war.

Schätzungen gehen von etwa 100.000 Verhaftungen nach §175 während der NS-Zeit aus.

Mehr als 53.000 Männer wurden verurteilt.

Zwischen 5.000 und 15.000 Männer wurden in Konzentrationslager eingewiesen.

Mindestens mehrere tausend starben dort.

Doch Zahlen erzählen nicht alles.

Hinter jeder Zahl stand ein Mensch.

Ein Name.

Eine Familie.

Ein Beruf.

Ein Freundeskreis.

Ein Zuhause.

Ein Leben.

Vielleicht war einer dieser Männer Bäcker.

Ein anderer Lehrer.

Ein weiterer Handwerker.

Vielleicht hatte einer eine Schwester, die nie verstand, warum ihr Bruder plötzlich verschwunden war.

Vielleicht hatte ein anderer einen Partner, dessen Name niemals in einer offiziellen Akte auftauchte.

Und vielleicht gab es Männer, die vor der Verhaftung dachten, ihre größte Sorge sei die Entdeckung ihrer Sexualität.

Sie konnten sich nicht vorstellen, dass ein Staat daraus einen Grund für Freiheitsentzug und Lagerhaft machen würde.

Die Nationalsozialisten verbanden Homophobie mit ihrer Vorstellung von „Volksgemeinschaft“.

Ein homosexueller Mann wurde nicht nur als moralisch unerwünscht dargestellt.

Er wurde als Gefahr für die Zukunft Deutschlands bezeichnet.

Die Propaganda behauptete, Männer müssten Kinder zeugen, um die sogenannte „arische“ Bevölkerung zu vermehren.

Homosexualität wurde deshalb als Angriff auf die Geburtenrate dargestellt.

Heinrich Himmler ging in dieser Frage besonders weit.

Er sah homosexuelle Männer als Bedrohung für die deutsche Gesellschaft.

Diese Vorstellung führte zu immer aggressiveren Maßnahmen.

Polizei und Gestapo suchten nach Verdächtigen.

Denunziationen wurden zu einem wichtigen Werkzeug.

Und genau hier zeigt sich, wie eine Diktatur nicht nur durch ihre Behörden funktioniert.

Sie funktioniert auch durch die Beteiligung gewöhnlicher Menschen.

Ein Nachbar konnte jemanden anzeigen.

Ein Arbeitskollege.

Ein ehemaliger Freund.

Ein enttäuschter Liebhaber.

Ein Familienmitglied.

Manche Denunzianten waren ideologisch überzeugt.

Andere handelten aus persönlicher Feindschaft.

Wieder andere wollten sich einen Vorteil verschaffen.

Das Ergebnis war dasselbe.

Die staatliche Gewalt erhielt Informationen.

Ein Name wurde notiert.

Eine Adresse wurde überprüft.

Eine Person wurde überwacht.

Dann kam die Verhaftung.

Diese Verbindung zwischen staatlicher Verfolgung und gesellschaftlichen Vorurteilen war besonders gefährlich.

Denn der Staat musste nicht jeden Mann selbst finden.

Die Gesellschaft half ihm dabei.

Doch es gab auch Männer, die sich der Diktatur widersetzten.

Homosexualität bedeutete nicht automatisch politische Opposition.

Aber einige homosexuelle Männer wurden zu Widerstandskämpfern.

Ein besonders eindrucksvolles Beispiel ist Willem Arondeus.

Arondeus war ein niederländischer Künstler und gehörte zum Widerstand gegen die deutsche Besatzung der Niederlande.

1943 beteiligte er sich an einem Angriff auf das Amsterdamer Einwohnermeldeamt.

Das Ziel war, Registrierungsunterlagen zu zerstören.

Die Nazis nutzten diese Daten, um jüdische Menschen und andere Verfolgte aufzuspüren.

Der Widerstand wollte die Unterlagen vernichten und damit Menschen schützen.

Arondeus und seine Mitstreiter zerstörten einen erheblichen Teil der Akten.

Doch die Gruppe wurde verraten.

Arondeus wurde verhaftet.

Er übernahm die Verantwortung für die Aktion.

Sein Verhalten trug möglicherweise dazu bei, dass andere Beteiligte vor der Todesstrafe bewahrt wurden.

Vor seiner Hinrichtung sorgte Arondeus dafür, dass seine sexuelle Orientierung bekannt wurde.

Seine Botschaft war sinngemäß:

Die Öffentlichkeit sollte wissen, dass homosexuelle Menschen ebenfalls mutig sein können.

Arondeus wurde im Juli 1943 hingerichtet.

Er war achtundvierzig Jahre alt.

Seine Geschichte zeigt, dass homosexuelle Männer während der NS-Zeit nicht ausschließlich Opfer waren.

Einige leisteten Widerstand.

Einige halfen Juden.

Einige versteckten Verfolgte.

Einige schlossen sich Untergrundorganisationen an.

Andere versuchten einfach, zu überleben.

Und genau diese Unterschiede sind wichtig.

Nicht jeder homosexuelle Mann hatte dieselben Möglichkeiten.

Ein als „arisch“ eingestufter Mann konnte versuchen, seine Sexualität zu verbergen.

Ein jüdischer homosexueller Mann war zusätzlich von der rassistischen Verfolgung betroffen.

Roma und Sinti wurden ebenfalls aus rassistischen Gründen verfolgt.

Ein politischer Gegner konnte wegen seiner politischen Haltung verhaftet werden.

Die verschiedenen Verfolgungskategorien konnten sich überschneiden.

Das nationalsozialistische System war deshalb kein einfacher Apparat mit nur einem Feindbild.

Es war ein komplexes System, das Menschen nach Rasse, Sexualität, Politik, sozialem Verhalten und vielen anderen Kriterien kategorisierte.

Für homosexuelle Männer bedeutete das, dass ihre Sexualität manchmal der Hauptgrund für die Verfolgung war.

In anderen Fällen war sie nur eine von mehreren Eigenschaften, die der Staat gegen sie verwenden konnte.

Während des Zweiten Weltkriegs veränderte sich die Verfolgung erneut.

Mit zunehmender militärischer Krise brauchte Deutschland immer mehr Soldaten.

Männer, die zuvor wegen §175 verurteilt worden waren, konnten unter bestimmten Umständen dennoch in die Wehrmacht eingezogen werden.

Das zeigt erneut die Widersprüchlichkeit des Regimes.

Die Nationalsozialisten behaupteten, homosexuelle Männer seien eine Gefahr für das deutsche Volk.

Aber wenn das Militär dringend Soldaten brauchte, konnte diese angebliche Gefahr plötzlich weniger wichtig werden.

Ein Beispiel war Albrecht Becker.

Er war Fotograf, Produktionsdesigner und Schauspieler.

Das NS-Regime verfolgte ihn wegen des Verdachts auf Homosexualität.

Später wurde er jedoch für den Militärdienst eingesetzt.

Er überlebte den Krieg und starb erst Jahrzehnte später.

Diese Fälle zeigen, dass die nationalsozialistische Verfolgung nicht immer nach einem einzigen starren Muster funktionierte.

Ideologie und praktische Bedürfnisse standen manchmal im Widerspruch.

Doch für die Männer in den Konzentrationslagern spielte diese politische Willkür kaum eine Rolle.

Sie waren der Gewalt ausgeliefert.

Im November 1942 erhielten Konzentrationslagerkommandanten offiziell größere Möglichkeiten, Zwangskastrationen bei Häftlingen mit rosa Winkel anzuordnen.

Damit wurde ein weiterer Eingriff in den Körper der Gefangenen institutionalisiert.

Ein Mann konnte gezwungen werden, sich einem medizinischen Eingriff zu unterziehen, nur weil der Staat seine sexuelle Orientierung als Verbrechen betrachtete.

Die Vorstellung dahinter war nicht medizinische Heilung.

Es war Kontrolle.

Der Staat wollte nicht nur das Verhalten bestrafen.

Er wollte den Körper selbst verändern.

Und die SS betrachtete diese Männer als besonders verwundbar.

In der Häftlingshierarchie standen sie häufig weit unten.

Andere Gefangene waren selbst Opfer des Systems und dennoch von gesellschaftlichen Vorurteilen geprägt.

Solidarität war nicht garantiert.

Ein rosa Winkel konnte einen Häftling sogar zusätzlich gefährden.

Das bedeutete, dass Überleben nicht nur von körperlicher Stärke abhing.

Es konnte davon abhängen, welche Arbeit man bekam.

Welche Kontakte man hatte.

Welche Sprache man sprach.

Ob ein Kapo Schutz gewährte.

Ob ein SS-Mann einen mochte oder hasste.

Ob andere Häftlinge bereit waren, Lebensmittel zu teilen.

Manche jüngeren Männer konnten durch sexuelle Beziehungen zu Funktionshäftlingen oder SS-Angehörigen vorübergehend Vorteile erhalten.

Doch solche Beziehungen bedeuteten nicht Freiheit.

Sie bedeuteten Abhängigkeit.

Ein Mensch, der Schutz durch einen mächtigen Häftling erhielt, konnte diesen Schutz jederzeit verlieren.

Das Lager blieb ein System von Gewalt.

Und genau deshalb starben so viele.

Mindestens mehrere tausend Männer mit dem rosa Winkel überlebten die Konzentrationslager nicht.

Die genaue Zahl wird wahrscheinlich niemals vollständig bekannt sein.

Zu viele Dokumente wurden zerstört.

Zu viele Menschen wurden unter anderen Kategorien registriert.

Zu viele Geschichten gingen verloren.

Auch die Täter vernichteten gegen Kriegsende Beweise.

Die Archive der Reichszentrale zur Bekämpfung der Homosexualität und Abtreibung wurden teilweise zerstört.

Damit verschwanden wichtige Unterlagen über die Verfolgung.

Doch nicht alles konnte ausgelöscht werden.

Gerichtsakten blieben.

Überlebende erzählten.

Familien bewahrten Dokumente.

Und Jahrzehnte später begannen Historiker, die Puzzleteile zusammenzufügen.

Die Aufarbeitung war langsam.

Sehr langsam.

Erst in den 1990er Jahren erkannte die deutsche Regierung homosexuelle Verfolgte offiziell stärker als Opfer der NS-Zeit an.

2002 wurden nationalsozialistische Verurteilungen nach §175 aufgehoben.

Damit konnten Betroffene erstmals in größerem Umfang eine formelle Rehabilitierung erfahren.

Doch für viele kam diese Anerkennung zu spät.

Einige waren bereits gestorben.

Andere waren alt.

Viele hatten Jahrzehnte lang geschwiegen.

Und manche wollten gar nicht mehr darüber sprechen.

Josef Kohut überlebte.

Er lernte nach dem Krieg einen Lebenspartner kennen.

Sie blieben bis zu Kohuts Tod zusammen.

Seine Geschichte ist deshalb nicht nur eine Geschichte des Leidens.

Sie ist auch eine Geschichte des Weiterlebens.

Das ist wichtig.

Denn die Geschichte homosexueller Männer während des Nationalsozialismus darf nicht ausschließlich als Geschichte des Todes erzählt werden.

Es gab auch Überlebende.

Menschen, die neue Familien gründeten.

Menschen, die arbeiteten.

Liebten.

Freundschaften schlossen.

Und irgendwann bereit waren, ihre Geschichte zu erzählen.

Andere konnten das nicht.

Manche starben mit ihren Erinnerungen.

Andere nahmen die Wahrheit mit ins Grab.

Deshalb ist die Erinnerung heute umso wichtiger.

Denn Diskriminierung beginnt nicht immer mit Gewalt.

Sie beginnt oft mit Sprache.

Mit Spott.

Mit der Behauptung, eine Gruppe sei „anders“.

Mit der Vorstellung, manche Menschen seien weniger wert.

Mit der Idee, dass ein Staat bestimmen darf, welche Liebe akzeptabel ist.

Die Nationalsozialisten gingen diesen Weg extrem weit.

Sie verwandelten Vorurteile in Gesetze.

Gesetze in Polizeiarbeit.

Polizeiarbeit in Verhaftungen.

Verhaftungen in Gefängnisse.

Und für Tausende schließlich in Konzentrationslager.

Das ist die eigentliche Warnung dieser Geschichte.

Nicht nur, dass die Nazis homosexuelle Männer verfolgten.

Sondern wie diese Verfolgung möglich wurde.

Eine Gesellschaft hatte bereits Vorurteile.

Ein Staat verstärkte sie.

Behörden sammelten Informationen.

Bürger lieferten Denunziationen.

Gerichte verurteilten.

Polizei und Gestapo verhörten.

Die SS misshandelte.

Und schließlich starben Menschen.

Kein einzelner Schritt sah immer wie der Beginn einer Katastrophe aus.

Doch alle Schritte zusammen führten dorthin.

Deshalb muss die Geschichte der Männer mit dem rosa Winkel erinnert werden.

Nicht als Randthema.

Nicht als Fußnote.

Sondern als Teil der Geschichte des nationalsozialistischen Terrors.

Und auch als Teil der Geschichte darüber, wie Vorurteile zu staatlicher Gewalt werden können.

Der rosa Winkel war ursprünglich ein Instrument der Ausgrenzung.

Heute ist er in vielen Kontexten zu einem Symbol der Erinnerung geworden.

Er erinnert an Menschen, deren Sexualität vom Staat zu einem Verbrechen gemacht wurde.

An Menschen, die in Konzentrationslagern litten.

An Menschen, die ermordet wurden.

An Menschen, die überlebten.

Und an Menschen, die nach 1945 noch Jahrzehnte warten mussten, bis ihr Leiden als Unrecht anerkannt wurde.

Die Männer, die damals verfolgt wurden, hatten keine einheitliche Geschichte.

Einige waren politisch aktiv.

Andere überhaupt nicht.

Einige waren verheiratet.

Andere lebten offen mit Partnern.

Einige versteckten ihre Sexualität.

Andere weigerten sich, sich zu verleugnen.

Einige flohen.

Andere blieben.

Einige leisteten Widerstand.

Andere versuchten nur, den nächsten Tag zu erreichen.

Aber sie alle hatten etwas gemeinsam:

Sie waren Menschen.

Sie hatten Wünsche.

Ängste.

Beziehungen.

Familien.

Berufe.

Hoffnungen.

Und keiner von ihnen verdiente das, was der NS-Staat ihnen antat.

Heute wissen wir mehr.

Wir kennen die Gesetze.

Wir kennen die Namen vieler Täter.

Wir kennen die Konzentrationslager.

Wir kennen den rosa Winkel.

Wir kennen die Geschichten von Überlebenden.

Aber Erinnerung ist niemals endgültig.

Jede Generation muss entscheiden, was sie bewahren will.

Und deshalb müssen diese Geschichten weiter erzählt werden.

Nicht aus Sensationslust.

Nicht um alte Wunden aufzureißen.

Sondern weil Vergessen gefährlich sein kann.

Wenn Menschen beginnen, eine Gruppe als minderwertig darzustellen, sollte die Geschichte uns aufmerksam machen.

Wenn politische Bewegungen behaupten, bestimmte Menschen seien eine Gefahr für die Gesellschaft, sollten wir fragen, wohin solche Sprache führen kann.

Wenn der Staat beginnt, intime Beziehungen zu kontrollieren, sollte die Vergangenheit uns daran erinnern, welche Folgen das haben kann.

Und wenn Vorurteile zu Gesetzen werden, darf niemand sagen:

„Das ist nur eine Kleinigkeit.“

Für die Männer mit dem rosa Winkel war es keine Kleinigkeit.

Es war ihr Leben.

Ihre Freiheit.

Ihre Würde.

Und für Tausende war es ihr Tod.

Der Nationalsozialismus endete 1945.

Aber die Vorurteile, die er benutzt und verstärkt hatte, verschwanden nicht automatisch.

Das ist vielleicht die bitterste Erkenntnis dieser Geschichte.

Die Befreiung eines Konzentrationslagers bedeutete nicht automatisch die Befreiung aus gesellschaftlicher Diskriminierung.

Die Kapitulation Deutschlands bedeutete nicht automatisch rechtliche Gleichheit.

Und das Ende der Diktatur bedeutete nicht automatisch, dass alle Opfer anerkannt wurden.

Viele homosexuelle Männer mussten Jahrzehnte warten.

Manche warteten ihr ganzes Leben.

Heute können wir ihre Geschichten lesen.

Wir können ihre Namen nennen.

Wir können verstehen, dass sie nicht nur „Häftlinge“ waren.

Sie waren Menschen, die geliebt haben.

Menschen, die Angst hatten.

Menschen, die hofften.

Menschen, die überlebten.

Und Menschen, die nicht überlebten.

Der rosa Winkel erinnert deshalb nicht nur an ein Symbol der NS-Zeit.

Er erinnert an die Konsequenzen von Entmenschlichung.

An die Gefahren von Hass.

An die zerstörerische Kraft von staatlich organisierter Diskriminierung.

Und daran, dass Freiheit niemals selbstverständlich ist.

Wenn dich diese Geschichte bewegt oder zum Nachdenken gebracht hat, teile sie mit anderen. Schreib in die Kommentare, ob du bereits von der Verfolgung homosexueller Männer während der NS-Zeit gehört hattest oder welcher Teil dieser Geschichte dich am meisten überrascht hat.

Und wenn du historische Geschichten über Menschen erzählen möchtest, deren Schicksale zu lange vergessen wurden, abonniere den Kanal.

Denn hinter jeder Zahl steht ein Mensch.

Hinter jeder Akte steht ein Leben.

Hinter jedem Namen steht eine Geschichte.

Und hinter dem rosa Winkel standen Männer, die von einem Staat zu Feinden erklärt wurden, nur weil sie Männer liebten.

Wir dürfen sie nicht vergessen.

Nicht die Menschen, die in Dachau starben.

Nicht diejenigen, die Sachsenhausen nicht überlebten.

Nicht diejenigen, die in Buchenwald für medizinische Experimente missbraucht wurden.

Nicht diejenigen, die nach ihrer Befreiung noch Jahre oder Jahrzehnte unter dem Paragraphen 175 litten.

Und auch nicht diejenigen, die den Mut fanden, nach dem Krieg ihre Geschichten zu erzählen.

Denn Erinnerung bedeutet nicht nur, sich an die Vergangenheit zu erinnern.

Erinnerung bedeutet, aus ihr Verantwortung für die Gegenwart abzuleiten.

Der rosa Winkel war einst ein Zeichen dafür, dass ein Mensch ausgegrenzt werden sollte.

Heute kann er uns daran erinnern, warum kein Mensch wegen seiner Identität, seiner Liebe oder seiner persönlichen Freiheit zum Feind gemacht werden darf.

Das ist das Vermächtnis dieser Geschichten.

Und deshalb müssen sie weiter erzählt werden.

ENDE