DER JUDE, DEN HITLER PERSÖNLICH SCHÜTZEN LIESS – DIE UNGLAUBLICHE GESCHICHTE VON EDUARD BLOCH

DER JUDE, DEN HITLER PERSÖNLICH SCHÜTZEN LIESS – DIE UNGLAUBLICHE GESCHICHTE VON EDUARD BLOCH

TEIL 1 – DER ARZT, DER HITLERS MUTTER BEHANDELTE

Am 12. März 1938 standen deutsche Soldaten an der österreichischen Grenze. Panzer und Fahrzeuge bewegten sich ins Land, doch sie stießen kaum auf Widerstand. Vielerorts wurden sie mit Blumen und Jubel empfangen. Während Adolf Hitler seinen Triumph feierte, begann für die jüdische Bevölkerung Österreichs ein Albtraum. Menschen rannten zu Konsulaten, suchten nach Visa und versuchten verzweifelt, noch rechtzeitig aus dem Land zu entkommen. Doch mitten in dieser Atmosphäre aus Angst und Gewalt lebte ein jüdischer Arzt in Linz, dessen Name Hitler noch aus seiner Jugend kannte. Sein Name war Eduard Bloch. Und während andere Juden gedemütigt, enteignet und verhaftet wurden, erhielt ausgerechnet Bloch einen Schutz, der fast unglaublich erscheint: Adolf Hitler selbst setzte sich für seine Sicherheit ein. Wenn du historische Geschichten über Menschen magst, deren Leben plötzlich mit den mächtigsten Figuren ihrer Zeit verbunden wird, bleib bis zum Ende. Denn hinter dieser außergewöhnlichen Verbindung stand keine Freundschaft im gewöhnlichen Sinn, sondern eine Geschichte über Krankheit, Dankbarkeit, persönliche Erinnerung und ein Regime, das Millionen Menschen aufgrund ihrer Herkunft verfolgte.

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Eduard Bloch wurde am 30. Januar 1872 in Frauenberg geboren, das damals zu Österreich-Ungarn gehörte. Er wuchs in einer Zeit auf, in der das Habsburgerreich noch große Teile Mitteleuropas umfasste und jüdische Familien in vielen Städten zunehmend in das gesellschaftliche Leben integriert waren. Bloch entschied sich für die Medizin. Er studierte in Prag und diente später als Sanitätsoffizier in der österreichischen Armee. Diese Erfahrung prägte ihn. Er lernte, unter schwierigen Bedingungen Verantwortung zu übernehmen und Menschen unabhängig von ihrer gesellschaftlichen Stellung zu behandeln.

1899 wurde Bloch nach Linz versetzt. Zwei Jahre später eröffnete er dort eine eigene Praxis. Linz war keine Metropole wie Wien, doch für Bloch wurde die Stadt zu seinem Lebensmittelpunkt. Er arbeitete lange Stunden und war dafür bekannt, auch nachts zu Patienten zu fahren. Gerade arme Familien konnten sich einen Arztbesuch oft nur schwer leisten. Bloch machte daraus keinen Unterschied. Wer Hilfe brauchte, bekam sie. Er verlangte nicht immer ein Honorar und behandelte seine Patienten mit einer Geduld, die ihm bald großes Vertrauen einbrachte.

1902 heiratete er Lilli Kafka. Gemeinsam bekamen sie eine Tochter namens Trude. Die Familie lebte ein weitgehend assimiliertes jüdisches Leben. Bloch war österreichischer Bürger, Arzt und Teil der lokalen Gesellschaft. Religion und Herkunft waren für ihn nicht das Zentrum seines öffentlichen Auftretens. Er war vor allem Mediziner. Seine Patienten kannten ihn als den Arzt, der kam, wenn andere nicht mehr weiterwussten.

Dann begegnete ihm eine Familie, deren Name Jahrzehnte später die Welt erschüttern sollte.

Clara Hitler lebte mit ihren Kindern in Linz. Ihr Ehemann Alois war bereits 1903 gestorben. Die Ehe war schwierig gewesen. Alois galt als autoritär und herrisch. Nach seinem Tod musste Clara ihre Familie allein zusammenhalten. Sie hatte sechs Kinder zur Welt gebracht. Eines davon war Adolf, geboren 1889.

Adolf war zu diesem Zeitpunkt ein junger Mann ohne klare Zukunft. Er träumte davon, Künstler zu werden. Er zeichnete und malte. Sein Vater hatte wenig Verständnis für diese Ambitionen gehabt. Clara dagegen unterstützte ihren Sohn, soweit sie konnte. Sie glaubte an sein Talent. Diese enge Beziehung zwischen Mutter und Sohn sollte später eine der wichtigsten Erinnerungen in Eduard Blochs Leben werden.

1906 bemerkte Clara einen Knoten in ihrer Brust.

Zunächst ignorierte sie ihn.

Sie hatte einen Haushalt zu führen.

Kinder.

Finanzielle Sorgen.

Alltägliche Pflichten.

Sie hoffte vermutlich, dass der Knoten wieder verschwinden würde.

Doch im Januar 1907 wurden die Schmerzen so stark, dass sie nachts nicht mehr schlafen konnte. Schließlich ging sie zu Eduard Bloch.

Der Arzt untersuchte sie.

Und erkannte, dass die Situation ernst war.

Clara hatte Brustkrebs.

Bloch wusste, dass die Nachricht die Familie erschüttern würde. Eine Behandlung war möglich, doch die medizinischen Möglichkeiten jener Zeit waren begrenzt. Er erklärte Adolf, der damals fast achtzehn Jahre alt war, wie schlecht die Aussichten seiner Mutter standen.

Für den jungen Adolf war diese Nachricht ein Schock.

Seine Mutter war die wichtigste Person in seinem Leben.

Er hatte seinen Vater verloren.

Er hatte die Aufnahme an der Wiener Kunstakademie nicht geschafft.

Seine Zukunft war unsicher.

Doch nun drohte er auch seine Mutter zu verlieren.

Clara selbst nahm die Diagnose mit großer Ruhe auf. Bloch erinnerte sich später daran, dass sie ihr Schicksal mit religiöser Ergebenheit akzeptierte. Sie beklagte sich nicht. Sie glaubte, dass ihr Leben in Gottes Hand lag.

Sie unterzog sich einer Operation.

Der Chirurg stellte fest, dass der Krebs bereits weiter fortgeschritten war.

Die Krankheit hatte sich ausgebreitet.

Bloch musste der Familie mitteilen, dass die Aussichten schlecht waren.

Adolf kehrte aus Wien nach Linz zurück.

Er wollte bei seiner Mutter sein.

In den folgenden Monaten kümmerte er sich gemeinsam mit seinen Geschwistern um Clara. Die Familie lebte in ständiger Angst vor dem nächsten gesundheitlichen Rückschlag.

Im Herbst verschlechterte sich Claras Zustand.

Adolf suchte verzweifelt nach einer Möglichkeit, ihr zu helfen.

Er wandte sich erneut an Bloch.

Der Arzt versuchte eine damals angewandte Behandlung mit Jodoform. Zwischen November und Anfang Dezember wurde Clara wiederholt behandelt. Die Therapie war schmerzhaft und belastend. Die Operationswunden wurden geöffnet, und mit Jodoform behandelte Verbände wurden auf das erkrankte Gewebe gelegt.

Für die heutige Medizin wirken diese Methoden erschreckend.

Doch Bloch arbeitete mit den Möglichkeiten seiner Zeit.

Er wusste, dass Clara wahrscheinlich nicht mehr zu retten war.

Adolf wollte es nicht akzeptieren.

Für ihn war sie seine Mutter.

Die einzige Person, bei der er sich wirklich geliebt fühlte.

Die Familie Hitler hatte wenig Geld.

Bloch wusste das.

Er reduzierte seine Gebühren.

Manchmal verlangte er überhaupt kein Honorar.

Für einen Arzt mit einer kleinen Praxis war das kein unbedeutendes Opfer.

Aber Bloch sah offenbar keinen Grund, eine verzweifelte Familie zusätzlich finanziell zu belasten.

Claras Zustand wurde immer schlechter.

Sie litt unter den Schmerzen der Krankheit und den Nebenwirkungen der Behandlung.

Schließlich starb sie am 21. Dezember 1907 in Linz.

Sie war erst siebenundvierzig Jahre alt.

Adolf war am Boden zerstört.

Bloch hatte erlebt, wie eng Mutter und Sohn miteinander verbunden waren. Er hatte gesehen, wie der junge Mann um Clara gekämpft hatte. Er hatte auch erlebt, wie die Familie die Krankheit kaum finanziell bewältigen konnte.

Clara wurde in Leonding beigesetzt.

Für Adolf war ihr Tod ein Wendepunkt.

Er kehrte nach Wien zurück.

Er wollte weiterhin Künstler werden.

Doch seine zweite Bewerbung an der Wiener Akademie der bildenden Künste scheiterte ebenfalls.

Seine Zeichnungen überzeugten die Prüfer nicht.

Er stand vor einer Zukunft, die völlig anders aussah, als er sie sich vorgestellt hatte.

1913 zog er nach München.

Er verdiente Geld mit Aquarellen und Skizzen.

Dann begann der Erste Weltkrieg.

Hitler trat der deutschen Armee bei.

Er wurde verwundet und erhielt mehrere Auszeichnungen.

1918 wurde er bei einem Giftgasangriff in Belgien verletzt und teilweise erblindet. Er kam in ein Lazarett in Pasewalk.

Dort erhielt er am 11. November 1918 die Nachricht vom Waffenstillstand.

Deutschland hatte den Krieg verloren.

Die Monarchie war zusammengebrochen.

Die politische Welt, die Hitler gekannt hatte, existierte nicht mehr.

Er kehrte nach München zurück.

Dort fand er eine neue politische Richtung.

1919 arbeitete er für ein Informationsbüro der bayerischen Militärverwaltung. Seine Aufgabe bestand zunächst darin, Informationen über politische Gruppen zu sammeln und Soldaten politisch zu schulen.

Doch Hitler begann zunehmend, selbst zu sprechen.

Über Kommunismus.

Über Deutschland.

Über den Versailler Vertrag.

Und vor allem über Juden.

Sein Antisemitismus wurde immer radikaler.

Er trat der Deutschen Arbeiterpartei bei, die später zur NSDAP wurde.

Innerhalb weniger Jahre entwickelte er sich zum führenden Redner der Bewegung.

Seine politische Sprache war aggressiv.

Er versprach nationalen Wiederaufstieg.

Er versprach die Beseitigung politischer Gegner.

Er versprach, Deutschland neu zu gestalten.

Und er verband diese Ziele mit einer rassistischen Ideologie, in der Juden als Feinde des deutschen Volkes dargestellt wurden.

1921 übernahm Hitler die Führung der NSDAP.

Die Bewegung wuchs.

1923 scheiterte der Hitler-Putsch in München.

Hitler wurde verhaftet.

Er schrieb während seiner Haft „Mein Kampf“.

Darin formulierte er offen seine antisemitischen und expansionistischen Vorstellungen.

Die NSDAP blieb zunächst eine politische Randbewegung.

Doch die wirtschaftliche und politische Krise Deutschlands half ihr später beim Aufstieg.

1929 kam die Weltwirtschaftskrise.

Arbeitslosigkeit und Armut nahmen zu.

Das Vertrauen in die Demokratie sank.

Die Nationalsozialisten versprachen Ordnung und Stärke.

Im Juli 1932 wurde die NSDAP stärkste Partei im Reichstag.

Am 30. Januar 1933 ernannte Reichspräsident Paul von Hindenburg Adolf Hitler zum Reichskanzler.

Innerhalb kürzester Zeit verwandelte Hitler die Demokratie in eine Diktatur.

Politische Gegner wurden verfolgt.

Grundrechte eingeschränkt.

Die Presse kontrolliert.

Jüdische Menschen systematisch diskriminiert.

Konzentrationslager entstanden.

Und während Deutschland sich veränderte, lebte Eduard Bloch weiterhin in Linz.

Er war inzwischen ein älterer Mann.

Er hatte sein Leben der Medizin gewidmet.

Er war Jude.

Und nun wurde seine Identität, die jahrzehntelang kaum eine Rolle für seine Patienten gespielt hatte, plötzlich zu einer tödlichen Gefahr.

Doch dann geschah etwas, das Bloch selbst kaum verstehen konnte.

Adolf Hitler erinnerte sich an ihn.

Nicht als politischen Gegner.

Nicht als Juden.

Sondern als den Arzt, der seine Mutter behandelt hatte.

Hitler soll Bloch als einen „Edeljuden“ bezeichnet haben.

Er soll sinngemäß gesagt haben, wenn alle Juden so wären wie Bloch, gäbe es keine sogenannte „Judenfrage“.

Dieser Gedanke war widersprüchlich und erschreckend.

Denn Hitler hatte inzwischen eine Ideologie geschaffen, die Juden kollektiv verfolgte.

Und trotzdem machte er für einen einzelnen Mann eine Ausnahme.

Nicht aus einer grundsätzlichen Abkehr vom Antisemitismus.

Sondern aufgrund einer persönlichen Erinnerung.

Das machte Blochs Situation gleichzeitig privilegiert und gefährlich.

Denn sein Schutz hing nicht von einem Gesetz ab.

Er hing von Hitlers persönlichem Willen ab.

Und niemand wusste, wie lange dieser Wille Bestand haben würde.

Dann kam der März 1938.

Österreich stand vor einer historischen Katastrophe.

Hitler verlangte politische Veränderungen.

Der österreichische Bundeskanzler Kurt Schuschnigg versuchte zunächst, Widerstand zu leisten.

Doch der Druck aus Berlin wurde immer größer.

Am 11. März trat Schuschnigg zurück.

Arthur Seyß-Inquart wurde Bundeskanzler.

Österreichische Nationalsozialisten übernahmen wichtige Positionen.

Am 12. März überschritten deutsche Truppen die Grenze.

Es gab keinen großen militärischen Widerstand.

Stattdessen wurden die Soldaten vielerorts von Menschenmengen begrüßt.

Hitler wurde gefeiert.

Die Propaganda nutzte die Bilder für ihre Zwecke.

Doch während auf den Straßen Fahnen wehten, begann für österreichische Juden eine neue Ära des Terrors.

Geschäfte wurden geplündert.

Menschen wurden geschlagen.

Juden wurden gezwungen, Straßen zu reinigen.

Andere mussten öffentliche Toiletten säubern.

Männer und Frauen wurden gedemütigt.

In Wien bildeten sich Schlangen vor ausländischen Konsulaten.

Menschen suchten verzweifelt nach einer Möglichkeit, das Land zu verlassen.

Die meisten hatten keine.

Und auch Eduard Bloch wusste, dass die Gefahr nun unmittelbar vor seiner Haustür stand.

Er war sechsundsechzig Jahre alt.

Seine Frau Lilli war ebenfalls gefährdet.

Seine Tochter Trude lebte bereits in den Vereinigten Staaten.

Bloch schrieb einen Brief an Hitler.

Er bat um Hilfe.

Was dann geschah, sollte zu einem der außergewöhnlichsten Kapitel der Geschichte des Anschlusses werden.

Hitler ordnete persönlich an, dass Bloch geschützt werden sollte.

Die Gestapo erhielt entsprechende Anweisungen.

Bloch war damit einer der wenigen österreichischen Juden, denen ein solcher persönlicher Schutz zuteilwurde.

Doch Bloch wusste:

Dieser Schutz konnte nur so lange bestehen, wie Hitler ihn wollte.

Und draußen verschärfte sich die Verfolgung jeden Tag.

Zwei Wochen nach dem Anschluss, am 28. März 1938, standen plötzlich Gestapo-Beamte vor Blochs Haus.

Sie sagten, sie hätten gehört, dass er Erinnerungsstücke von Hitler besitze.

Zwei Postkarten.

Ein Gemälde.

Die Beamten wollten sie sehen.

Bloch konnte sich nicht weigern.

Die Gestapo nahm die beiden Postkarten an sich.

Das Gemälde war zu diesem Zeitpunkt bereits nicht mehr im Besitz der Familie.

Bloch hatte damit sogar innerhalb seines angeblichen Schutzes erlebt, dass die Gestapo jederzeit seine Privatsphäre verletzen konnte.

Doch die eigentliche Frage war eine andere:

Wenn Hitler Bloch tatsächlich schützen ließ – wie lange konnte dieser Schutz einen jüdischen Arzt in einem vollständig nazifizierten Österreich retten?

Und was würde geschehen, wenn Bloch versuchen würde, das Land zu verlassen?

CLIFFHANGER – ENDE TEIL 1