KARL EBERHARD SCHÖNGART – DER SS-GENERAL, DER BEFEHLE GAB UND AM GALGEN ENDETE

KARL EBERHARD SCHÖNGART – DER SS-GENERAL, DER BEFEHLE GAB UND AM GALGEN ENDETE

TEIL 1 – DER WEG IN DIE MASCHINERIE DES TERRORS

Im Frühjahr 1945 lag Europa in Trümmern, doch Karl Eberhard Schöngart war noch immer überzeugt, dass seine Männer gehorchen würden. Jahrelang hatte er hinter verschlossenen Türen Entscheidungen getroffen, die für andere Menschen den Tod bedeuteten. Er hatte Listen gesehen, Befehle unterschrieben, Einsatzgruppen geführt und Vergeltungsmaßnahmen angeordnet. Jetzt rückte die Niederlage näher. Seine Uniform schützte ihn nicht mehr. Seine Organisation zerfiel. Und bald würde ein britisches Gericht einen einzelnen Mord untersuchen, während die weitaus größeren Verbrechen, die Schöngart in Polen und der Sowjetunion begangen hatte, kaum zur Sprache kamen. Am Ende sollte eine Frage über sein Schicksal entscheiden: Hatte er den Befehl gegeben, einen amerikanischen Piloten zu töten, oder versuchte er nur, die Verantwortung auf seine Untergebenen abzuwälzen?

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Wenn dich Geschichten über die dunkelsten Kapitel des Zweiten Weltkriegs interessieren, bleib bis zum Ende. Denn Schöngarts Geschichte handelt nicht nur von einem einzelnen Mord. Sie zeigt, wie ein junger Mann nach dem Ersten Weltkrieg in paramilitärische Organisationen geriet, wie er sich immer tiefer in die nationalsozialistische Sicherheitsmaschinerie einfügte und schließlich zu einem Funktionär wurde, der Massenmorde als Teil seiner Aufgabe betrachtete.

Karl Eberhard Schöngart wurde am 22. April 1903 in Leipzig geboren. Er wuchs in einem nationalistisch geprägten Umfeld auf. Deutschland hatte den Ersten Weltkrieg verloren, die Monarchie war zusammengebrochen und die junge Weimarer Republik kämpfte mit politischen Konflikten, wirtschaftlicher Unsicherheit und radikalen Bewegungen auf beiden Seiten des politischen Spektrums. Für viele junge Männer bedeutete die Nachkriegszeit nicht Freiheit, sondern Demütigung und Orientierungslosigkeit. Schöngart fand seine Antwort in der Politik der extremen Rechten.

Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs schloss er sich dem Freikorps an. Diese paramilitärischen Verbände bestanden überwiegend aus ehemaligen Soldaten und Veteranen. Sie kämpften gegen kommunistische Aufstände und andere Gruppen, die sie als Bedrohung für Deutschland betrachteten. Gewalt war in diesen Formationen kein ungewöhnliches Mittel. Viele ihrer Mitglieder entwickelten eine politische Weltanschauung, in der militärische Disziplin, Nationalismus und der Kampf gegen den Kommunismus miteinander verbunden waren.

Im März 1920 beteiligte sich Schöngart am Kapp-Putsch. Ziel der Verschwörer war es, die Regierung der Weimarer Republik zu stürzen und eine autoritäre Ordnung zu errichten. Der Putsch scheiterte. Ein Generalstreik brachte das öffentliche Leben zum Erliegen und zwang die Putschisten zum Rückzug. Schöngart wurde wegen Hochverrats beziehungsweise der Vorbereitung eines Hochverratsverfahrens festgenommen. Eine spätere Amnestie bewahrte ihn jedoch vor einer langen Haft.

Nur wenige Jahre später war er erneut politisch aktiv.

1922 trat Schöngart der NSDAP bei. Im November desselben Jahres wurde er Mitglied der SA, der Sturmabteilung der Nationalsozialisten. Die SA war die paramilitärische Organisation der Partei. Ihre Mitglieder trugen die bekannten braunen Uniformen und spielten bei politischen Veranstaltungen, Einschüchterungen und Straßenkämpfen eine wichtige Rolle.

Am 8. und 9. November 1923 nahm Schöngart am Hitler-Ludendorff-Putsch in München teil. Adolf Hitler versuchte gemeinsam mit seinen Anhängern, die bayerische Regierung zu stürzen und anschließend die Macht in Deutschland zu übernehmen. Der Putsch scheiterte. Schöngart wurde erneut festgenommen. Wieder blieb seine Strafe begrenzt.

1924 diente er kurzzeitig in der deutschen Armee. Doch als sich die politische und wirtschaftliche Lage in Deutschland Mitte der 1920er Jahre stabilisierte, zog er sich vorübergehend aus der aktiven Politik zurück. Er konzentrierte sich auf sein Studium und seine berufliche Entwicklung. An der Universität Leipzig studierte er Rechtswissenschaften und promovierte später.

Diese Phase könnte wie eine Unterbrechung seiner politischen Radikalisierung wirken. Doch sie war keine endgültige Abkehr.

Er heiratete Dorothea Gross.

Das Paar bekam zwei Kinder.

Schöngart hatte nun eine Familie, eine akademische Ausbildung und die Möglichkeit, eine bürgerliche Karriere aufzubauen.

Dann kam 1933.

Am 30. Januar ernannte Reichspräsident Paul von Hindenburg Adolf Hitler zum Reichskanzler.

Innerhalb weniger Monate verwandelte Hitler den deutschen Staat in eine Diktatur. Politische Gegner wurden verhaftet. Parteien wurden verboten. Gewerkschaften zerschlagen. Die Presse wurde gleichgeschaltet. Die SS und Gestapo entwickelten sich zu zentralen Werkzeugen der politischen Verfolgung.

Schöngart kehrte in den nationalsozialistischen Machtapparat zurück.

Er trat der SS bei und wurde erneut Mitglied der NSDAP. Im November 1935 wechselte er zur Gestapo. Ein Jahr später wurde er beim Sicherheitsdienst der SS eingesetzt, dem SD.

Damit hatte er endgültig einen Weg eingeschlagen, der ihn nicht mehr nur an die politische Peripherie führte.

Er wurde Teil der Sicherheitsstruktur des Regimes.

Die Gestapo verfolgte politische Gegner.

Der SD sammelte Informationen.

Die SS organisierte Terror.

Gemeinsam bildeten diese Institutionen einen Apparat, der den nationalsozialistischen Staat gegen seine eigenen Bürger und später gegen die Bevölkerung der besetzten Gebiete einsetzte.

Schöngart leitete in den folgenden Jahren verschiedene Gestapo-Dienststellen. Er galt als intelligent, energisch und durchsetzungsfähig. Er war körperlich beeindruckend und trat selbstbewusst auf. Untergebenen gegenüber konnte er humorvoll wirken. Er trank regelmäßig Alkohol und war für drastische Bemerkungen bekannt.

Doch hinter diesem Auftreten stand eine fanatische antisemitische Haltung.

Für Schöngart waren Juden nicht einfach eine Bevölkerungsgruppe, gegen die politische Maßnahmen ergriffen wurden.

Sie wurden zu Feinden erklärt.

Und wer sie nicht mit der geforderten Härte bekämpfte, konnte selbst zum Ziel werden.

Nach den vorliegenden Berichten machte Schöngart seinen Offizieren deutlich, dass SS-Angehörige, die sich weigerten, an Massenerschießungen von Juden teilzunehmen, mit schweren Konsequenzen rechnen mussten. Er stellte damit klar, dass Gewalt nicht nur erlaubt, sondern erwartet wurde.

Am 1. September 1939 überfiel Deutschland Polen.

Der Zweite Weltkrieg begann.

Hinter den deutschen Frontverbänden rückten Einsatzgruppen der SS und Sicherheitspolizei vor. Ihre Aufgabe bestand unter anderem darin, politische Gegner, jüdische Menschen, Angehörige der polnischen Elite und andere als Feinde definierte Gruppen zu verfolgen und zu töten.

Lehrer.

Ärzte.

Priester.

Wissenschaftler.

Politiker.

Beamte.

Juden.

Die Morde waren Teil einer umfassenden Besatzungs- und Vernichtungspolitik.

Schöngart stieg innerhalb dieses Systems weiter auf.

Im Januar 1941 wurde er zum Leiter des SD und der Sicherheitspolizei im Generalgouvernement ernannt. Sein Hauptsitz befand sich in Krakau.

Das Generalgouvernement war das von Deutschland besetzte Gebiet Zentralpolens, das nicht unmittelbar in das Deutsche Reich eingegliedert worden war. Es wurde unter einer brutalen Besatzungsverwaltung geführt. Die polnische Bevölkerung wurde unterdrückt. Jüdische Menschen wurden entrechtet, in Ghettos gezwungen und schließlich zur Vernichtung deportiert.

Schöngart war nun einer der wichtigsten Sicherheitsfunktionäre in diesem Gebiet.

Seine Position bedeutete, dass er Informationen erhielt, Operationen koordinierte und Entscheidungen innerhalb des Sicherheitsapparats beeinflussen konnte.

Doch der Krieg sollte bald eine neue Dimension erreichen.

Am 22. Juni 1941 startete Deutschland die Operation Barbarossa.

Die Wehrmacht griff die Sowjetunion an.

Hinter den Frontlinien begannen die Einsatzgruppen mit einer beispiellosen Mordkampagne. Juden wurden unabhängig von Alter und Geschlecht erschossen. Kommunistische Funktionäre wurden verfolgt. Roma und Sinti wurden ermordet. Sowjetische Beamte und andere als Feinde definierte Personen wurden getötet.

Millionen Menschen würden in den kommenden Jahren Opfer dieser Politik werden.

Schöngart wurde mit Operationen in Gebieten betraut, die zuvor unter sowjetischer Kontrolle gestanden hatten.

Einer dieser Orte war Lemberg, das heutige Lwiw in der Westukraine.

Vor dem Krieg war Lemberg ein wichtiges kulturelles Zentrum. Polen, Juden, Ukrainer und andere Bevölkerungsgruppen lebten dort. Die jüdische Gemeinschaft war groß und kulturell bedeutend.

Mit dem deutschen Einmarsch begann eine Katastrophe.

Die jüdische Bevölkerung wurde verfolgt.

Die polnische Elite wurde ins Visier genommen.

Schöngart spielte bei diesen Operationen eine wichtige Rolle.

Im Juli 1941 wurden zahlreiche polnische Akademiker und Mitglieder ihrer Familien ermordet.

Die Opfer waren Professoren, Wissenschaftler, Ärzte und andere Intellektuelle.

Ihre Auswahl war kein Zufall.

Die deutsche Besatzung wollte mögliche politische und intellektuelle Widerstandszentren zerstören.

Menschen wurden nicht nur deshalb getötet, weil sie Juden waren.

Auch die polnische Elite wurde als Gefahr betrachtet.

Ein Land ohne Lehrer, Wissenschaftler und politische Führung sollte leichter zu kontrollieren sein.

Schöngart war Teil dieses Systems.

Er unterstützte Maßnahmen, bei denen prominente polnische Bürger und Intellektuelle zu Zielscheiben wurden.

Währenddessen verschärfte sich die Verfolgung der jüdischen Bevölkerung.

In Lemberg lebten vor dem Krieg mehr als hunderttausend Juden.

Mehr als 99 Prozent der jüdischen Bevölkerung der Stadt wurden während des Holocaust ermordet.

Die Zahlen allein können die Katastrophe kaum beschreiben.

Familien wurden auseinandergerissen.

Kinder verloren ihre Eltern.

Eltern verloren ihre Kinder.

Menschen wurden aus ihren Wohnungen vertrieben.

Sie wurden in Ghettos gedrängt.

Später wurden sie erschossen oder in Vernichtungslager deportiert.

Schöngarts Sicherheitsapparat war Teil dieser Entwicklung.

Im Sommer 1941 wurden auch in anderen Gebieten unter seinem Einfluss Massenerschießungen durchgeführt.

Zwischen Juli und September wurden zehntausende polnische Juden ermordet.

Die Gewalt wurde zunehmend systematisch.

Massenerschießungen waren nicht mehr einzelne lokale Ereignisse.

Sie wurden Teil einer überregionalen Strategie.

Einsatzgruppen bewegten sich hinter den Frontlinien.

Lokale Polizei und Hilfskräfte wurden eingesetzt.

Gefangene wurden zusammengetrieben.

Gruben wurden ausgehoben.

Menschen mussten sich ausziehen.

Dann fielen Schüsse.

Schöngart war kein einfacher Beobachter dieser Entwicklung.

Er war ein hoher Sicherheitsfunktionär.

Er war an der Koordination beteiligt.

Und seine Haltung gegenüber Juden war eindeutig.

Im Januar 1942 wurde er zu einer der wichtigsten Besprechungen des NS-Regimes eingeladen.

Am 20. Januar trafen sich hochrangige Vertreter verschiedener Reichsministerien in einer Villa am Berliner Wannsee.

Reinhard Heydrich leitete die Konferenz.

Offiziell ging es um die Koordination der sogenannten „Endlösung der Judenfrage“.

Tatsächlich ging es um die organisatorische Umsetzung der europaweiten Vernichtung der Juden.

Heydrich erläuterte den Teilnehmern die Pläne.

Millionen europäische Juden sollten deportiert, zur Zwangsarbeit eingesetzt und schließlich ermordet werden.

Schöngart gehörte zu den Teilnehmern.

Keiner der anwesenden Funktionäre erhob öffentlich Einspruch gegen die grundsätzliche Politik.

Stattdessen wurden organisatorische Fragen besprochen.

Wer war zuständig?

Wie sollten Transporte koordiniert werden?

Welche Behörden mussten zusammenarbeiten?

Welche Gruppen waren betroffen?

Der Holocaust war keine spontane Explosion von Gewalt.

Er war auch ein bürokratischer Prozess.

Listen.

Transporte.

Dienststellen.

Befehle.

Züge.

Ghettos.

Lager.

Massenerschießungen.

Die Wannsee-Konferenz zeigte, wie verschiedene Teile des deutschen Staates zusammenarbeiteten.

Schöngart war Teil dieser Welt.

Doch innerhalb der SS war nicht alles nach außen hin sauber.

Korruption und Plünderung waren weit verbreitet.

Im Juni 1942 wurde Schöngart selbst mit Vorwürfen konfrontiert. Ihm wurden unter anderem Unterschlagung, Korruption, Plünderung und Kunstdiebstahl vorgeworfen.

Doch Heinrich Himmler griff nicht mit voller Härte durch.

Ein öffentlicher Skandal über Korruption innerhalb der SS hätte dem Regime geschadet.

Das zeigte eine bittere Ironie.

Ein Mann konnte an Massenmorden beteiligt sein und trotzdem vor allem wegen Korruption Probleme bekommen.

Die SS war kein moralischer Staat.

Sie war eine Machtorganisation.

Loyalität und Nutzen standen häufig über Recht und Moral.

Schöngarts Karriere blieb trotz der Vorwürfe erhalten.

1943 wurde er nach Griechenland versetzt.

Dort diente er in der 4. SS-Polizei-Division.

Antipartisanenoperationen gehörten zu seinen Aufgaben.

Auch dort wurde Gewalt gegen Zivilisten häufig als Mittel gegen Widerstand eingesetzt.

Im Juli 1944 wurde Schöngart nach Den Haag versetzt.

Er übernahm eine hohe Position innerhalb der Sicherheitspolizei und des SD in den besetzten Niederlanden.

Die deutsche Besatzung war dort bereits unter enormem Druck.

Der niederländische Widerstand wurde aktiver.

Alliierte Luftangriffe nahmen zu.

Die deutsche Führung reagierte mit zunehmender Brutalität.

Schöngart sollte in den letzten Kriegsmonaten noch einmal zeigen, wie weit er bereit war zu gehen.

Im November 1944 stürzte ein alliierter Bomber in den Niederlanden ab.

Einer der Besatzungsmitglieder, der amerikanische Leutnant Americo Esdale, überlebte den Absturz.

Er war sechsundzwanzig Jahre alt.

Verletzt, aber offenbar noch bei Bewusstsein, landete er auf dem Gelände einer Villa außerhalb der Stadt.

Er wusste nicht, dass die Villa mit dem deutschen Sicherheitsdienst verbunden war.

SS-Männer nahmen ihn fest.

Der amerikanische Pilot wurde in den Keller gebracht.

Er war nun Gefangener.

Und genau an diesem Punkt hätte die Geschichte anders verlaufen können.

Ein abgeschossener alliierter Pilot konnte als Kriegsgefangener behandelt werden.

Er hätte verhört und anschließend in ein Kriegsgefangenenlager gebracht werden können.

Doch Schöngart entschied sich anders.

Nach den späteren Zeugenaussagen wurde der Pilot für seine Hinrichtung vorbereitet.

Seine Flugausrüstung wurde ihm abgenommen.

Man gab ihm zivile Kleidung.

Seine Hände wurden hinter dem Rücken gefesselt.

Ein Fahrzeug brachte ihn zu einem vorbereiteten Grab.

Er wusste, dass er sterben sollte.

Einer der Männer erklärte ihm auf Englisch, was geschehen würde.

Der junge Amerikaner soll nur gesagt haben, dass er sehr niedergeschlagen sei.

Dann trat ein SS-Unteroffizier zurück.

Ein Schuss traf den Piloten in den Nacken.

Er war tot.

Sein Körper wurde in dem vorbereiteten Grab verscharrt.

Das Grab wurde anschließend verborgen.

Doch Schöngart sollte nicht lange von diesem Mord profitieren.

Denn Menschen hatten den Vorgang beobachtet.

Und einige würden nach dem Krieg aussagen.

CLIFFHANGER – ENDE TEIL 1