Zwischen Schuld, Schweigen und Aufarbeitung: Die schwierigen Wege der Familien der NS-Elite
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs im Jahr 1945 stand nicht nur Deutschland vor einem Neuanfang. Auch die Familien der führenden Nationalsozialisten mussten mit dem Zusammenbruch des NS-Regimes, den Verbrechen ihrer Angehörigen und der Frage nach Verantwortung umgehen.

Während die meisten Deutschen mit der Niederlage, der Entnazifizierung und dem Wiederaufbau beschäftigt waren, standen die Kinder und Enkel wichtiger NS-Funktionäre vor einer besonderen Herausforderung: Sie mussten mit einem Familiennamen leben, der weltweit mit Krieg, Diktatur und Massenverbrechen verbunden war.
Die Nachfahren selbst waren nicht automatisch für die Taten ihrer Eltern oder Großeltern verantwortlich. Dennoch prägte das Erbe ihrer Familien viele ihrer Lebenswege.
Die Kinder der mächtigsten Männer des NS-Regimes
Gudrun Himmler: Die Tochter des SS-Chefs
Heinrich Himmler war als Reichsführer-SS einer der Hauptorganisatoren des Holocaust und verantwortlich für den Aufbau des Terrorapparates der SS.
Seine Tochter Gudrun Burwitz (1929–2018) blieb ihrem Vater auch nach 1945 emotional verbunden. Anders als viele andere Nachkommen distanzierte sie sich nicht vollständig von seinem Vermächtnis.
Sie unterstützte ehemalige SS-Angehörige und war mit rechtsextremen Kreisen verbunden. Besonders umstritten war ihr Engagement für die sogenannte „Stille Hilfe“, eine Organisation, die ehemaligen NS-Tätern juristische und finanzielle Unterstützung gewährte.
Ihr Leben zeigte, wie unterschiedlich Nachkommen mit der Vergangenheit ihrer Eltern umgehen konnten.
Edda Göring: Leben im Schatten des Namens
Edda Göring (1938–2018) war die einzige Tochter von Hermann Göring, einem der mächtigsten Männer des NS-Staates und enger Vertrauter Adolf Hitlers.
Nach dem Krieg lebte sie weitgehend zurückgezogen. Sie arbeitete unter anderem im medizinischen Bereich und vermied lange Zeit die große Öffentlichkeit.
Ihr Verhältnis zu ihrem Vater blieb jedoch umstritten. Während Historiker Hermann Görings zentrale Rolle bei der Errichtung der NS-Herrschaft und seinen Verbrechen hervorheben, betrachtete Edda Göring ihn vor allem aus der Perspektive einer Tochter.
Ihr Beispiel zeigt den Konflikt zwischen persönlicher Familienbindung und historischer Verantwortung.
Die Kinder von Joseph Goebbels: Eine Tragödie im Bunker
Joseph Goebbels, Hitlers Propagandaminister, gehörte zu den wichtigsten Ideologen des NS-Regimes.
Kurz vor dem Zusammenbruch Deutschlands töteten Goebbels und seine Frau Magda im Führerbunker ihre sechs gemeinsamen Kinder und begingen anschließend Selbstmord.
Damit endete diese direkte Familienlinie. Ein Sohn Goebbels aus einer früheren Beziehung überlebte und führte nach dem Krieg ein Leben außerhalb der Öffentlichkeit.
Wolf Rüdiger Heß: Der Kampf um den Ruf seines Vaters
Rudolf Heß war Hitlers Stellvertreter bis zu seinem Flug nach Großbritannien im Jahr 1941. Nach dem Krieg wurde er bei den Nürnberger Prozessen zu lebenslanger Haft verurteilt.
Sein Sohn Wolf Rüdiger Heß (1937–2001) setzte sich jahrzehntelang für die Freilassung seines Vaters ein. Er vertrat die Ansicht, Rudolf Heß sei zu Unrecht behandelt worden, und blieb bis zu seinem Tod politisch aktiv in dieser Frage.
Seine Haltung wurde von vielen Historikern kritisch bewertet.
Andere Nachfahren gingen einen anderen Weg
Nicht alle Kinder und Enkel von NS-Funktionären verteidigten ihre Familienmitglieder. Einige setzten sich intensiv mit der Vergangenheit auseinander und verurteilten die Taten ihrer Angehörigen öffentlich.
Niklas Frank: Offene Abrechnung mit dem Vater
Niklas Frank, Sohn von Hans Frank, dem Generalgouverneur im besetzten Polen, wurde bekannt durch seine scharfe Kritik an seinem Vater.
Hans Frank wurde im Nürnberger Prozess zum Tode verurteilt und 1946 hingerichtet. Sein Sohn bezeichnete ihn später öffentlich als Verbrecher und beschäftigte sich intensiv mit der Verantwortung seiner Familie.
Martin Bormann junior: Ein neuer Lebensweg
Martin Bormann junior war der Sohn von Martin Bormann, Hitlers Privatsekretär und einer der einflussreichsten Männer im NS-Regime.
Nach dem Krieg wandte er sich dem Christentum zu, wurde katholischer Priester und distanzierte sich von der Ideologie seines Vaters.
Die Belastung eines bekannten Namens
Für viele Nachfahren bedeutete der Familienname eine lebenslange Belastung.
Einige wechselten ihren Namen, um nicht ständig mit ihrer Vergangenheit verbunden zu werden. Andere suchten bewusst die Öffentlichkeit, um über Schuld, Verantwortung und Erinnerung zu sprechen.
Besonders schwierig war die Frage, wie man mit einem Erbe umgehen soll, das man selbst nicht geschaffen hat, aber ständig mit sich trägt.
Die Nachkommen mussten zwischen mehreren Möglichkeiten wählen:
- die Vergangenheit zu verdrängen,
- die Familiengeschichte zu verteidigen,
- oder sich kritisch damit auseinanderzusetzen.
Die zweite und dritte Generation nach dem Nationalsozialismus
Auch Enkel und Urenkel ehemaliger NS-Funktionäre beschäftigten sich später mit der Geschichte ihrer Familien.
Einige engagierten sich in der Erinnerungskultur, besuchten ehemalige Konzentrationslager oder unterstützten Bildungsprojekte über den Holocaust. Andere blieben öffentlich unauffällig.
Die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit wurde dadurch zu einem generationsübergreifenden Prozess.
Fazit: Ein Erbe, das über Jahrzehnte nachwirkte
Die Nachfahren der Nazis wurden nach 1945 nicht für die Verbrechen ihrer Angehörigen verantwortlich gemacht. Trotzdem mussten viele von ihnen mit einer außergewöhnlichen historischen Belastung leben.
Ihre Geschichten zeigen unterschiedliche Wege des Umgangs mit Vergangenheit: Schweigen, Verteidigung, Verdrängung oder ehrliche Aufarbeitung.
Die Geschichte der NS-Nachfahren erinnert daran, dass die Folgen einer Diktatur nicht mit ihrem Zusammenbruch verschwinden. Sie wirken oft noch lange in Familien, Gesellschaften und kommenden Generationen weiter.


