Im November 1941 begann ein neues Kapitel der nationalsozialistischen Verfolgung im besetzten Europa. Im Protektorat Böhmen und Mähren, das unter deutscher Kontrolle stand, ordnete Reinhard Heydrich die Errichtung eines Ghettos in Theresienstadt an.

Theresienstadt lag etwa 60 Kilometer nördlich von Prag. Es war eine alte Festungsstadt, die von den Nationalsozialisten in ein Ghetto und Durchgangslager verwandelt wurde. Nach außen sollte dieser Ort später als angeblich „mildere“ Form der Internierung erscheinen. In Wirklichkeit war Theresienstadt ein Teil der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie.
Viele jüdische Familien, die dorthin deportiert wurden, glaubten zunächst, es handle sich um einen vorübergehenden Aufenthaltsort. Manche hofften, sie würden nach dem Krieg nach Hause zurückkehren können. Doch diese Hoffnung war eine Täuschung.
Theresienstadt war für viele nicht das Ende der Deportation.
Es war nur die Station davor.
Von November 1941 bis Mai 1945 wurden etwa 140.000 Jüdinnen und Juden nach Theresienstadt gebracht. Fast 90.000 Menschen wurden von dort weiter in andere Lager deportiert, vor allem in die Vernichtungslager im Osten. Für die meisten bedeutete diese Weiterdeportation den Tod.
Etwa 33.000 Menschen starben bereits in Theresienstadt selbst — an Hunger, Krankheiten, Erschöpfung und den unmenschlichen Lebensbedingungen. Unter den etwa 15.000 Kindern, die durch Theresienstadt gingen, überlebte nur ein kleiner Teil.
Zu diesen Kindern gehörte Evelina Landová.
Später wurde sie unter dem Namen Evelina Merova bekannt.
Ihre Geschichte ist die Geschichte eines Mädchens, das in eine Welt gestoßen wurde, in der Kinder keine Kinder mehr sein durften. Eine Welt, in der Namen durch Nummern ersetzt wurden, Familien auseinandergerissen wurden und Überleben oft von Zufall, Mut und der Hilfe anderer abhing.
Von Theresienstadt nach Auschwitz
Evelina war noch ein Kind, als sie mit ihren Eltern nach Theresienstadt kam. Dort verbrachte sie etwa eineinhalb Jahre. Ihre Familie lebte in ständiger Unsicherheit, wie alle anderen Menschen im Ghetto.
Im Dezember 1943 wurde Evelina gemeinsam mit ihren Eltern nach Auschwitz-Birkenau deportiert.
Ihre ältere Schwester Lisa blieb zunächst in Theresienstadt zurück. Sie war schwanger. Für Evelina bedeutete diese Trennung nicht nur den Verlust einer Schwester in unmittelbarer Nähe, sondern auch das Ende jeder familiären Sicherheit, die noch geblieben war.
Auschwitz-Birkenau war anders als Theresienstadt.
Theresienstadt war ein Ort der Täuschung, der Überfüllung, des Hungers und des Wartens. Auschwitz-Birkenau war ein Zentrum der Vernichtung. Innerhalb des gesamten Lagerkomplexes Auschwitz war Birkenau der Ort, an dem der Massenmord an europäischen Jüdinnen und Juden industriell organisiert wurde.
Normalerweise wurden neu ankommende Deportierte direkt nach der Ankunft selektiert. Ein Teil wurde zur Zwangsarbeit bestimmt. Der andere Teil wurde sofort in die Gaskammern geschickt.
Doch die Gruppe aus Theresienstadt, zu der Evelina gehörte, wurde zunächst anders behandelt. Sie musste bei der Ankunft nicht durch die übliche erste Selektion. Männer und Frauen wurden getrennt. Die Menschen wurden in der sogenannten „Sauna“ mit kaltem Wasser geduscht. Danach erhielten sie alte zivile Kleidung und abgenutzte Schuhe.
Sie bekamen keine gestreifte Häftlingskleidung wie viele andere Gefangene.
Doch auch ihnen wurde ihre Identität genommen.
Evelina erhielt eine tätowierte Nummer auf dem linken Arm.
Von diesem Moment an war sie für das Lager nicht mehr Evelina.
Sie war Nummer 71266.
Das sogenannte Familienlager B2B
Evelina und ihre Familie wurden in das B2B-Familienlager gebracht. Es wurde auch „Theresienstädter Familienlager“ genannt. Dieses Lager war innerhalb von Birkenau eine besondere Einrichtung und diente zugleich der nationalsozialistischen Propaganda.
Es war am 8. September 1943 eingerichtet worden und gehörte zu den neun Lagerabschnitten von Birkenau. Der Name „Familienlager“ war jedoch irreführend. Zwar wurden Familien dort zunächst nicht sofort getrennt wie in anderen Teilen des Lagers. Doch die Bedingungen waren brutal, entwürdigend und lebensgefährlich.
Das B2B bestand aus 32 Holzbaracken. Ursprünglich waren diese Baracken als Pferdeställe gedacht. Sie hatten keine richtigen Fenster, nur schmale Öffnungen unter dem Dach. In jeder Baracke lebten etwa 300 Menschen.
Es gab eine Waschbaracke mit kaltem Wasser, das oft trüb und bräunlich war. Die Latrinen bestanden aus Beton. Männer und Frauen wurden nur durch grobe Stoffbahnen getrennt. Selbst die notwendigsten körperlichen Bedürfnisse wurden zu einem Mittel der Demütigung.
Als Evelina die Menschen sah, die vor ihr aus Theresienstadt nach Auschwitz gekommen waren, erschrak sie. Sie wirkten nicht mehr wie die Menschen, die sie aus dem Ghetto kannte. Ihre Haut war grau. Ihre Gesichter waren eingefallen. Niemand lachte. Ihre Stimmen klangen verändert, als hätten sie etwas gesehen, das sich nicht mehr in normale Sprache übersetzen ließ.
Andere Häftlinge erzählten Evelina, was Auschwitz wirklich war.
Sie sagten ihr, dass es von hier keinen normalen Ausgang gebe.
Nur durch den Schornstein.
Damit meinten sie die Krematorien, in denen die Leichen der Ermordeten verbrannt wurden.
Zunächst konnte Evelina das nicht glauben. Wie viele andere Kinder war sie mit einer Vorstellung aufgewachsen, dass die Deutschen ein zivilisiertes Volk seien. Der Gedanke, dass Menschen absichtlich und systematisch andere Menschen in Gaskammern ermordeten, war kaum begreifbar.
Doch in Birkenau wurde das Unbegreifliche jeden Tag sichtbarer.
Hunger, Appelle und Zwangsarbeit
Das Leben im Familienlager wurde von Hunger, Angst und Appellen bestimmt.
Morgens und abends mussten die Häftlinge zum Zählappell antreten. Wenn die Zahlen nicht stimmten, mussten sie stundenlang stehen bleiben — bei Kälte, Regen, Schnee oder sengender Hitze. Jeder schwache Körper, jedes Kind, jeder alte Mensch wurde gezwungen, Teil dieser grausamen Ordnung zu sein.
Die Essensrationen waren viel zu gering. Mittags gab es eine dünne Suppe. Abends ein kleines Stück Brot, manchmal mit Margarine oder künstlicher Marmelade. Der Hunger wurde zum ständigen Gedanken. Er veränderte das Bewusstsein. Menschen dachten an Brot, träumten von Brot, sprachen über Brot.
Evelinas Vater Emil musste schwere körperliche Arbeit leisten. Er arbeitete beim Straßenbau und trug Steine. Ihre Mutter Ilse wurde in einer Werkstatt eingesetzt, in der Gurte für Waffen genäht wurden.
Die Familie durfte den Bereich des B2B-Lagers nicht verlassen. Kontakt zu anderen Häftlingen war verboten. Trotzdem sahen sie die Eisenbahngleise. Sie sahen die Züge, die weitere jüdische Menschen nach Birkenau brachten. Sie wussten, dass viele dieser Menschen nach der Selektion direkt in die Gaskammern geschickt wurden.
Inmitten dieser Umgebung gab es jedoch einen Ort, der für Evelina und andere Kinder eine besondere Bedeutung bekam.
Den Kinderblock.
Freddy Hirsch und der Kinderblock 31
Baracke 31 war der Kinderblock des Familienlagers.
Für die Kinder war dieser Ort ein seltener Schutzraum, auch wenn er mitten in Auschwitz lag. Tagsüber durften sie sich dort aufhalten, bevor sie zum Abendappell zurückkehren mussten. Es gab keine Spielsachen, keine Hefte, keine Stifte. Nur niedrige Hocker, kleine Gruppen und Erwachsene, die versuchten, den Kindern etwas Menschlichkeit zu bewahren.
Die Kinder saßen nach Altersgruppen im Kreis. Erwachsene Betreuer spielten mit ihnen, sangen mit ihnen und unterrichteten sie heimlich. Alles musste mündlich geschehen. Es gab nur wenige Bücher, etwa zwölf bis vierzehn, die ins Lager geschmuggelt worden waren.
Die zentrale Figur dieses Kinderblocks war Freddy Hirsch.
Evelina kannte ihn bereits aus Prag und Theresienstadt. Hirsch war jung, sportlich, diszipliniert und charismatisch. Vor allem aber verstand er, dass Kinder auch unter extremsten Bedingungen Struktur, Sauberkeit, Beschäftigung und Hoffnung brauchten.
Er überzeugte die Lagerleitung, den Kinderblock einzurichten. Offiziell sollte er dazu dienen, die Kinder zu beschäftigen, während die Eltern arbeiteten. Tatsächlich wurde er zu einem Ort, an dem Kinder für einige Stunden am Tag nicht vollständig dem Chaos des Lagers ausgeliefert waren.
Freddy Hirsch versuchte, zusätzliche Nahrung für die Kinder zu bekommen. Er sorgte dafür, dass sie sich wuschen. Er achtete auf Läusekontrollen. Er organisierte, dass die Kinder bei schlechtem Wetter nicht draußen zum Appell stehen mussten, sondern im Block gezählt wurden.
Er ließ sie sogar singen.
Einmal bildete er einen Chor, der das Lied „Domine“ sang. Als die SS fragte, was die Kinder sangen, erklärte er, es bedeute: „Gott, bring uns Brot und Frieden.“
In Wirklichkeit war es mehr als ein Lied.
Es war ein Akt des Überlebens.
Unter den Bedingungen von Auschwitz war Hygiene nicht nur eine Frage der Würde, sondern eine Frage des Lebens. Dank Hirschs Disziplin und Fürsorge war die Sterblichkeit unter den Kindern des Kinderblocks außergewöhnlich niedrig.
Für Evelina wurde Freddy Hirsch zu einer Figur, die bewies, dass Menschlichkeit selbst dort möglich war, wo alles darauf angelegt war, sie auszulöschen.
Doch auch Freddy Hirsch konnte die Maschinerie von Auschwitz nicht aufhalten.
Die Tarnsprache des Todes
Im Februar 1944 erhielt Evelina eine Nachricht aus Theresienstadt. Ihre Schwester Lisa hatte einen Sohn geboren. Das Kind hieß Ladisček. Lisa schrieb eine Postkarte an ihre Angehörigen in Auschwitz und teilte mit, dass das Baby Freude gebracht habe.
Es war die letzte gute Nachricht der Familie.
Während im Familienlager noch kleine Momente der Hoffnung existierten, war das Schicksal vieler Häftlinge bereits in Verwaltungslisten festgelegt. In einer administrativen Baracke tauchte bei bestimmten Gefangenen die Markierung „SP6“ auf.
SP stand für „Sonderbehandlung“.
In der Sprache der SS bedeutete dieses Wort nicht Behandlung.
Es bedeutete Mord.
Am 8. März 1944 wurden Freddy Hirsch und mehr als 3.800 Menschen aus dem Familienlager in Lastwagen verladen und zu den Gaskammern gebracht. Sie wurden ermordet.
Für Evelina war dieser Tag ein Schock. Der Mann, der den Kindern Struktur, Hoffnung und Würde gegeben hatte, wurde von demselben System ausgelöscht, gegen das er sich mit jeder kleinen Handlung gestellt hatte.
Einen Monat später verlor Evelina auch ihren Vater.
Emil starb am 13. April 1944 an Tuberkulose. Er war 47 Jahre alt.
Die Familie, die schon durch Deportation und Lagerhaft beschädigt worden war, zerfiel immer weiter.
Selektion durch Mengele
Im Mai 1944 änderte sich die Lage im Familienlager. Die deutsche Kriegswirtschaft brauchte Arbeitskräfte. Deshalb sollten Menschen, die noch arbeitsfähig erschienen, in andere Lager und Rüstungsbetriebe gebracht werden.
Die Selektion führte der SS-Arzt Joseph Mengele durch.
Männer und Frauen im Alter von 16 bis 40 Jahren mussten vortreten. Sie mussten ihre tätowierte Nummer, ihr Alter und ihren Beruf nennen.
Evelina war erst 13 Jahre alt.
Doch sie verstand, dass ihr tatsächliches Alter den Tod bedeuten konnte.
Sie sagte, sie sei 16.
Als Beruf nannte sie Gärtnerin.
Neben ihr stand Gerta, eine Freundin. Mengele fragte, ob sie Zwillinge seien. Beide sagten, sie seien nur Freundinnen. Mengele ließ sie passieren und machte eine Bemerkung über „schöne jüdische Mädchen“.
Evelina erinnerte sich später daran nicht als Kompliment, sondern als etwas Leeres, Absurdes und Unheimliches. In Auschwitz konnte ein Satz, ein Blick oder eine Laune über Leben und Tod entscheiden.
Auch Evelinas Mutter Ilse überstand die Selektion. Sie war 44 Jahre alt, gab aber ein jüngeres Alter an.
Die Frauen wurden anschließend in das Frauenlager gebracht. Dort trafen sie auf neue Gewalt. Häftlinge mit grünem Winkel, die als sogenannte kriminelle Funktionshäftlinge eingesetzt wurden, schlugen und schikanierten sie. Die Schlafplätze waren erbärmlich. Die Appelle blieben endlos. Die Erschöpfung nahm zu.
Etwa 2.000 Frauen und mehrere tausend Männer wurden schließlich aus Auschwitz in andere Lager transportiert, darunter Neuengamme und Stutthof.
Evelina wurde mit ihrer Mutter und anderen Frauen in einem Güterzug nach Stutthof gebracht.
Die Vernichtung des Familienlagers
Diejenigen, die bei der Selektion nicht als arbeitsfähig galten, blieben zurück.
Im Juli 1944 wurde das Theresienstädter Familienlager in Auschwitz-Birkenau liquidiert. Etwa 7.000 Menschen wurden in den Gaskammern ermordet. Unter ihnen waren Mütter, Kinder, Alte, Kranke und Menschen, die nicht mehr als nützlich für die deutsche Kriegsindustrie galten.
Auch Evelinas Großmutter starb dort.
Die Tragödie ihrer Schwester Lisa vollendete sich einige Monate später. Am 28. Oktober 1944 kam Lisa mit ihrem kleinen Sohn Ladisček auf einem der letzten Transporte aus Theresienstadt in Auschwitz an. Beide wurden noch am Tag ihrer Ankunft in der Gaskammer ermordet.
Lisas Mann starb später auf einem Todesmarsch.
Damit war fast die gesamte Familie ausgelöscht.
Evelina aber lebte noch.
Und ihr Leidensweg war noch nicht vorbei.
Stutthof und Guutowo
Im Sommer 1944 erreichten Evelina, ihre Mutter und viele andere Frauen das Lager Stutthof. Von dort wurden sie weiter in ein Außenlager gebracht: Guutowo.
Stutthof hatte mehr als 100 Außenlager. Guutowo war eines davon. Dort mussten die Frauen Zwangsarbeit leisten, vor allem beim Ausheben von Gräben und Panzergräben. Diese sollten den Vormarsch der Alliierten aufhalten.
Als die Frauen durch die Umgebung geführt wurden, begegneten ihnen Dorfbewohner. Diese hielten sich die Nase zu. Die nationalsozialistische Propaganda hatte ihnen erzählt, Juden seien schmutzig und würden stinken.
Es war eine weitere Form der Entmenschlichung.
In Guutowo standen etwa 100 Zelte für rund 1.000 Frauen. In jedem Zelt schliefen zehn Menschen auf Stroh. Es gab kaum Schutz vor Kälte, Nässe und Wind.
Das Essen war erbärmlich. Morgens erhielten sie eine Art „Kaffee“, der nur aus dünnem warmem Wasser bestand. Mittags gab es ein Stück Brot. Nach der Arbeit bekamen sie Suppe aus ungeschälten Kartoffeln.
Im Sommer konnten manche Frauen heimlich Kartoffeln aufsammeln. Im Winter wurde der Hunger schlimmer.
Die Wachmannschaften waren brutal. Schon kleine Fehler konnten schwere Strafen nach sich ziehen. Die Frauen arbeiteten, hungerten, froren und versuchten dennoch, irgendwie am Leben zu bleiben.
Am 22. November 1944 starb Evelinas Mutter Ilse.
Sie war durch Hunger, Erschöpfung und Lagerbedingungen gebrochen.
Für Evelina war dies ein weiterer endgültiger Verlust. Sie war nun ein junges Mädchen, fast allein, in einem System, das keine Rücksicht auf Trauer, Alter oder Schwäche nahm.
Verletzung, Todesangst und Zufall
Evelinas Holzschuhe gingen kaputt. Ihre Füße wurden wund. Irgendwann konnte sie kaum noch gehen.
Eine Freundin, Annika, und deren Mutter kümmerten sich um sie. Diese Hilfe war lebenswichtig. In den Lagern konnte ein verletzter Fuß, ein Fieber oder eine Schwäche das Todesurteil bedeuten.
Dann kam ein Befehl: Kranke müssten nicht mehr arbeiten. Sie sollten zurück nach Stutthof gebracht werden, angeblich zur Behandlung.
Doch die Frauen verstanden, was das bedeutete.
„Behandlung“ konnte in der Sprache des Lagers den Weg in den Tod bedeuten.
Evelina wurde auf einen Marsch geschickt. Sie ging barfuß, mit Stroh um die Füße gewickelt. Nach langer Qual erreichte die Gruppe eine Station — doch der Bahnhof existierte nicht mehr oder war nicht nutzbar. Die Nationalsozialisten ließen sie umkehren.
Als Evelina zurückkam, glaubten viele im Lager, sie sei bereits tot gewesen.
Später kam ein weiterer Befehl. Wer noch laufen konnte, sollte nach Westen getrieben werden. Wer nicht mehr gehen konnte, sollte zu einem nahegelegenen Friedhof gebracht und von dort angeblich weitertransportiert werden.
Viele Menschen aus dieser zweiten Gruppe wurden unterwegs erschossen oder erschlagen. Annika und ihre Mutter überlebten nur, weil man sie für tot hielt.
Bei der Liquidierung des Lagers wurden einigen Häftlingen Phenolspritzen gegeben. Evelina wurde übersehen.
Auch das rettete ihr Leben.
Nicht Planung.
Nicht Gerechtigkeit.
Ein Zufall.
Befreiung
Ende Januar 1945 erreichte die Rote Armee Guutowo.
Als sowjetische Soldaten das Lager betraten, fanden sie 163 völlig erschöpfte Frauen. Für Evelina war der Moment der Befreiung kaum zu begreifen.
Die Tür öffnete sich.
Ein Soldat sagte: „Strastvuyte.“
Guten Tag.
Nach Jahren, in denen Befehle meistens Gewalt bedeuteten, war diese einfache Begrüßung wie ein Bruch in der Welt. Die Frauen waren nicht mehr Gefangene der SS. Sie waren frei.
Aber Freiheit bedeutete nicht, dass alles vorbei war.
Evelina war krank, geschwächt, traumatisiert und fast allein. Sie hatte ihre Eltern verloren. Ihre Schwester, ihr Neffe, ihre Großmutter und viele andere Verwandte waren ermordet worden.
Sie hatte überlebt.
Doch sie musste erst lernen, mit diesem Überleben weiterzuleben.
Ein neues Leben
Nach der Befreiung wurden Evelina und andere Frauen in eine sowjetische Feldklinik gebracht. Evelina erinnerte sich später daran, dass die Rotarmisten freundlich zu ihnen waren. Für ein Kind, das so viel Grausamkeit erlebt hatte, blieb diese Freundlichkeit wichtig.
Auf einer Zugreise begegnete sie einem jüdischen Kinderarzt russischer Herkunft: Dr. Mero.
Er nahm sie später an Kindes statt an.
Aus Evelina Landová wurde Evelina Merova.
In den Jahren nach dem Krieg sprach sie lange kaum über ihre Vergangenheit. Viele Überlebende taten das. Manche konnten nicht sprechen. Andere wollten ihre Kinder schützen. Wieder andere lebten in Gesellschaften, die nicht immer bereit waren zuzuhören.
Evelina konzentrierte sich auf Bildung und Zukunft. Sie studierte Germanistik. 1953 heiratete sie den jüdischen Architekten Simeon Neimark.
Sie bekam zwei Kinder: Irina und Victor.
Irina wurde später Architektin wie ihr Vater und lebte in St. Petersburg. Victor wurde Künstler und lebte in Frankfurt am Main.
Ab 1960 reiste Evelina mit ihrer Familie regelmäßig nach Prag. Dort traf sie andere Frauen wieder, die Theresienstadt überlebt hatten. Diese Begegnungen waren mehr als private Treffen. Sie waren Verbindungen zu einer Vergangenheit, die niemand sonst vollständig verstehen konnte.
1985 starb ihr Mann Simeon im Alter von 55 Jahren. Später ging Evelina in den Ruhestand. 1995 kehrte sie nach Prag zurück, in die Stadt, nach der sie sich immer gesehnt hatte.
Späte Erinnerungen
Evelinas Leben hätte Stoff für ein großes Buch geboten. Doch sie schrieb nur eine kleine Autobiografie.
Sie trug den Titel „Verspätete Erinnerungen“ und erschien 2009.
Der Titel ist bezeichnend. Viele Holocaust-Überlebende brauchten Jahrzehnte, um Worte für das zu finden, was ihnen widerfahren war. Erinnerung kam oft spät. Aber sie kam.
Und sie war notwendig.
Evelina sprach in ihrem späteren Leben zunehmend über ihre Erfahrungen. Sie verstand, dass ihre Geschichte nicht nur ihr persönliches Schicksal war. Sie war ein Teil der Geschichte Europas. Ein Zeugnis darüber, wohin Antisemitismus, Rassismus, Nationalismus und Gleichgültigkeit führen können.
Im Jahr 2023 wurde sie von World History interviewt. In diesem Gespräch äußerte sie Sorge über Antisemitismus, Intoleranz, Nationalismus und das Wiedererstarken extremistischer Ideen.
Ihre Warnung war klar: Faschismus und Nationalsozialismus beginnen nicht immer mit Lagern und Gaskammern.
Sie beginnen oft viel früher.
Mit Witzen.
Mit abfälligen Bemerkungen.
Mit antisemitischen Kommentaren im Alltag.
Mit Menschen, die wegsehen.
Mit einer Gesellschaft, die Hass duldet, solange er noch nicht gegen sie selbst gerichtet ist.
Evelina wusste, wovon sie sprach.
Sie hatte erlebt, wie Worte zu Gesetzen wurden.
Wie Gesetze zu Deportationen wurden.
Wie Deportationen zu Mord wurden.
Der Tod einer Zeugin
Evelina Merova starb am 8. Februar 2024 im Alter von 93 Jahren.
Mit ihrem Tod verlor die Welt eine weitere Stimme der letzten Generation von Holocaust-Überlebenden. Jeder dieser Menschen war mehr als ein historischer Zeuge. Jeder trug Erinnerungen in sich, die keine Akte, kein Foto und kein Museum vollständig ersetzen kann.
Wenn ein Überlebender stirbt, verschwindet ein Stück lebendige Geschichte.
Gerade deshalb bleibt Evelinas Geschichte wichtig.
Sie erinnert daran, dass der Holocaust nicht aus dem Nichts kam. Er wurde vorbereitet durch Ideologie, Propaganda, Ausgrenzung, bürokratische Planung und die Bereitschaft vieler Menschen, andere Menschen nicht mehr als Menschen zu betrachten.
Evelina war ein Kind, als sie nach Theresienstadt kam.
Sie war ein Mädchen, als sie in Auschwitz ihre Nummer bekam.
Sie war fast allein, als sie Guutowo überlebte.
Und sie war eine alte Frau, als sie die Welt noch einmal warnte.
Ihre Geschichte endet nicht mit ihrem Tod.
Sie bleibt als Auftrag.
Nicht nur zu trauern.
Nicht nur zu erinnern.
Sondern wachsam zu bleiben.
Denn die Vergangenheit wiederholt sich nicht immer in derselben Uniform.
Manchmal beginnt sie mit einem Satz, über den niemand widerspricht.


