Sie bat ihren Nachbarn, eine Woche lang ihren Freund zu spielen – doch am Ende wusste keiner mehr, was noch gelogen war

Sie bat ihren Nachbarn, eine Woche lang ihren Freund zu spielen – doch am Ende wusste keiner mehr, was noch gelogen war

Drei Monate nach der Trennung bestand Lukas Hartmanns Leben aus Arbeit, Tiefkühlpizza und langen Abenden auf seinem Balkon.

Meine Nachbarin gab sich als meine Freundin aus, um meine Ex-Freundin eifersüchtig zu machen … do...

Er wohnte in einem ruhigen Mehrfamilienhaus in Hamburg-Eimsbüttel. Von seiner Wohnung im dritten Stock konnte er die Dächer der Nachbarhäuser sehen, die Bäume entlang der Straße und an klaren Tagen sogar einen schmalen Streifen Himmel, der sich über die Stadt spannte.

Früher hatte er diesen Ausblick gemocht.

Seit Katharina gegangen war, wirkte er nur noch leer.

Sie waren fast sechs Jahre zusammen gewesen. Es hatte keine dramatische Trennung gegeben, keinen Betrug, keinen lauten Streit. Katharina hatte eines Abends ihre Hände um eine Tasse Tee gelegt und gesagt:

—Ich fühle mich nicht mehr lebendig.

Lukas hatte geglaubt, er hätte sie falsch verstanden.

—Was bedeutet das?

—Bei dir ist alles sicher. Alles geplant. Alles vernünftig. Aber ich habe das Gefühl, dass ich verschwinde.

Zwei Wochen später war sie ausgezogen.

Einen Monat danach erfuhr Lukas durch gemeinsame Freunde, dass sie mit Tobias zusammen war, einem Fotografen, der ständig reiste, spontan Konzerte besuchte und vermutlich niemals Tiefkühlpizza aß.

Seitdem verglich Lukas sich mit einem Mann, den er kaum kannte.

Tobias war aufregend.

Lukas war sicher.

Und seit Katharina Sicherheit mit Langeweile gleichgesetzt hatte, fühlte sich jede ruhige Eigenschaft wie ein persönlicher Fehler an.

Die einzige Person, die sich weigerte, ihn in Ruhe versinken zu lassen, war Anna Berger aus der Wohnung gegenüber.

Anna war Grundschullehrerin und konnte mit jedem Menschen sprechen. Sie kannte den Namen des Paketboten, brachte der älteren Frau aus dem Erdgeschoss jeden Freitag Gebäck mit und hatte einmal einen völlig fremden Mann an der Bushaltestelle davon überzeugt, dass sein neuer Haarschnitt ausgezeichnet aussah.

Sie besaß die beunruhigende Fähigkeit, zu erkennen, wenn jemand nur vorgab, es gehe ihm gut.

Am Abend nach Katharinas Auszug hatte sie Lukas auf dem Treppenabsatz gefunden.

Er saß zwischen zwei Umzugskartons und hielt eine Lampe im Arm, die Katharina vergessen hatte.

Anna hatte nichts gefragt.

Sie hatte zwei Tassen Kaffee geholt, sich neben ihn gesetzt und gesagt:

—Du musst heute nichts erklären.

Seitdem erschien sie regelmäßig vor seiner Tür.

Manchmal brauchte sie angeblich Hilfe mit einer Getränkekiste.

Manchmal hatte sie zu viel Kuchen gebacken.

Und manchmal erklärte sie einfach:

—Du sitzt seit drei Tagen auf diesem Balkon. Zieh Schuhe an. Wir gehen spazieren.

Lukas wusste, dass die meisten ihrer Vorwände erfunden waren.

Er war ihr trotzdem dankbar.

An einem Mittwochabend lag eine Einladung in seinem Briefkasten.

Jan, ein alter Studienfreund, feierte seinen fünfunddreißigsten Geburtstag. Die Feier sollte am Samstag in einer großen Altbauwohnung in Ottensen stattfinden.

Unter der Einladung stand in einer handschriftlichen Nachricht:

„Katharina und Tobias kommen auch. Ich hoffe, das ist okay.“

Lukas las den Satz mehrmals.

Natürlich war es nicht okay.

Er stellte sich vor, wie Katharina neben Tobias lachen würde. Wie alle anderen so taten, als wäre die Situation vollkommen normal. Wie jemand ihn fragte, ob er inzwischen auch jemanden kennengelernt habe.

Er würde allein dort stehen, ein Bier halten und so tun, als bedeute es ihm nichts.

Am selben Abend klopfte Anna an seine Tür.

Sie trug eine Schüssel Nudelsalat.

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—Ich habe zu viel gemacht.

—Du kochst für vier Personen, obwohl du allein lebst.

—Ich plane gern für unerwartete Gäste.

Sie trat ein, bevor er antworten konnte, und entdeckte die Einladung auf dem Tisch.

—Jans Geburtstag?

Lukas nickte.

—Katharina kommt.

Anna stellte die Schüssel ab.

—Mit dem neuen Mann?

—Tobias.

—Der Fotograf, der auf jedem Bild aussieht, als hätte er gerade einen Berg bestiegen?

—Genau der.

Anna betrachtete ihn.

—Du willst hingehen.

—Jan ist mein Freund.

—Aber du willst nicht allein hingehen.

Lukas öffnete den Kühlschrank.

—Ich werde schon überleben.

—Das ist kein überzeugender Satz.

—Was soll ich sonst tun?

Anna lehnte sich gegen die Arbeitsplatte.

—Nimm mich mit.

Lukas drehte sich um.

—Als Begleitung?

—Als deine neue Freundin.

Er lachte.

Anna nicht.

—Du meinst das ernst.

—Vollkommen.

—Warum solltest du dich als meine Freundin ausgeben?

—Weil Katharina glaubt, du würdest ohne sie langsam in deiner Wohnung verwelken.

—Das tue ich doch.

—Das muss sie nicht wissen.

Lukas schüttelte den Kopf.

—Das ist kindisch.

—Ja.

—Manipulativ.

—Auch das.

—Und wahrscheinlich eine schreckliche Idee.

Anna lächelte.

—Die besten Ideen beginnen oft genau so.

Er stellte zwei Teller auf den Tisch.

—Ich will Katharina nicht verletzen.

—Du willst, dass sie überrascht ist.

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Lukas schwieg.

Anna hatte recht.

Ein Teil von ihm wollte sehen, wie Katharinas Gesicht sich veränderte, wenn sie ihn mit einer anderen Frau sah. Er wollte beweisen, dass er nicht langweilig, verlassen oder wertlos war.

—Nur für einen Abend —sagte er schließlich.

—Natürlich.

—Und wir übertreiben nicht.

—Wir sollten wenigstens glaubwürdig sein.

—Keine Küsse.

Anna hob eine Augenbraue.

—Du stellst erstaunlich viele Regeln für eine Beziehung auf, die noch nicht begonnen hat.

Lukas zeigte auf sie.

—Genau deshalb ist es eine schlechte Idee.

—Abgemacht.

Sie hielt ihm die Hand hin.

Als Lukas einschlagen wollte, zog sie sie zurück.

—Ich habe allerdings eine Bedingung.

—Natürlich hast du die.

—Nächste Woche heiratet meine Schwester Marie in Lübeck.

—Und?

—Du kommst mit.

Lukas verstand erst nach einigen Sekunden.

—Als dein Freund?

—Als mein unglaublich charmanter, verlässlicher und völlig verliebter Freund.

—Warum brauchst du einen falschen Freund?

Annas Lächeln verschwand.

Sie setzte sich.

—Sebastian wird dort sein.

Der Name sagte Lukas etwas. Anna hatte ihn nur einmal erwähnt.

—Dein Ex-Verlobter?

—Ja.

—Der dich kurz vor der Hochzeit verlassen hat?

Anna sah auf ihre Hände.

—So ungefähr.

—Und er kommt zur Hochzeit deiner Schwester?

—Mit Franziska.

—Wer ist Franziska?

—Meine Cousine.

Lukas schwieg.

Anna hob den Blick.

—Meine Familie wird mich ansehen, als wäre ich zerbrechlich. Meine Mutter wird fragen, ob es mir wirklich gut geht. Meine Tanten werden flüstern. Und Sebastian wird glauben, ich hätte mein Leben seit ihm nicht weitergeführt.

—Also willst du mich benutzen, damit er eifersüchtig wird.

—Nicht eifersüchtig. Beeindruckt.

—Das ist fast dasselbe.

—Du benutzt mich für Katharina.

Lukas konnte nicht widersprechen.

Anna streckte erneut die Hand aus.

—Ein Abend für dich. Ein Wochenende für mich.

—Ein Wochenende?

—Familienhochzeit. Man kann nicht nach zwei Stunden verschwinden.

—Anna…

—Gegenseitige Hilfe. Keine Gefühle, keine Missverständnisse und danach kehren wir zu unserem normalen Leben zurück.

Lukas betrachtete ihre ausgestreckte Hand.

Dann schlug er ein.

—Einverstanden.

—Sehr gut.

—Ich bereue es jetzt schon.

—Das macht dich nur glaubwürdiger.

Am Samstag erschien Anna zwanzig Minuten vor der Abfahrt in Lukas’ Wohnung.

Sie trug ein dunkelblaues Kleid, das ihre Augen heller wirken ließ. Ihr Haar fiel offen über die Schultern, und als Lukas die Tür öffnete, vergaß er für einen Moment, dass alles nur gespielt war.

Anna musterte ihn.

—Nein.

—Was?

—Das Hemd.

—Was stimmt damit nicht?

—Es sieht aus, als würdest du zu einem Vorstellungsgespräch gehen.

Sie schob ihn zurück ins Schlafzimmer, wählte ein anderes Hemd aus dem Schrank und öffnete die obersten beiden Knöpfe.

Dann trat sie näher und sprühte etwas Parfüm an seinen Hals.

—Warum trägst du Frauenparfüm bei dir?

—Damit Katharina glaubt, ich verbringe genug Zeit in deiner Nähe.

Lukas sah sie an.

—Du hast darüber erschreckend gründlich nachgedacht.

—Ich bin Lehrerin. Vorbereitung ist alles.

Vor Jans Wohnung blieb Anna stehen.

—Wir brauchen eine Geschichte.

—Welche Geschichte?

—Wie wir zusammengekommen sind.

—Wir sind Nachbarn.

—Zu langweilig.

—Es ist die Wahrheit.

—Unsere Beziehung ist nicht wahr.

Sie dachte kurz nach.

—Stromausfall.

—Was?

—Im ganzen Haus fiel der Strom aus. Ich hatte Angst im Dunkeln, du hast Kerzen gebracht, wir haben bis drei Uhr morgens geredet und danach war alles anders.

—Du hast keine Angst im Dunkeln.

—Katharina weiß das nicht.

—Und wenn jemand fragt, wann das war?

—Vor sieben Wochen.

—Wo war unser erstes Date?

—Italienisch essen in der Schanze.

—Unser erster Ausflug?

—Hamburger Dom. Du hast beim Dosenwerfen einen hässlichen Plüschfrosch für mich gewonnen.

—Ich kann nicht werfen.

—Dann ist die Geschichte besonders romantisch.

Bevor Lukas antworten konnte, hakte Anna sich bei ihm ein und klingelte.

Die Reaktion war sofort sichtbar.

Jan begrüßte Lukas herzlich, dann sah er Anna an und versuchte erfolglos, seine Überraschung zu verbergen.

Im Wohnzimmer drehten sich mehrere Köpfe.

Katharina stand neben Tobias am Fenster.

Ihr Lächeln erstarrte.

Für einen kurzen Moment empfand Lukas Genugtuung.

Dann schämte er sich dafür.

Anna schien keine Unsicherheit zu kennen. Sie legte einen Arm um seine Taille, begrüßte die Gäste und erzählte bereits zehn Minuten später einer Gruppe von Freunden die Geschichte des angeblichen Stromausfalls.

—Lukas stand mit sechs Kerzen vor meiner Tür —sagte sie—, aber nur zwei funktionierten.

—Die anderen waren Dekoration —warf Lukas ein.

—Er behauptete, sie seien aus Sicherheitsgründen nicht angezündet gewesen.

Alle lachten.

Anna lehnte den Kopf an seine Schulter.

Es wirkte so natürlich, dass Lukas beinahe selbst glaubte, sie hätten jenen Abend wirklich miteinander verbracht.

Katharina beobachtete sie.

Tobias erzählte von einer Reise nach Island, doch sie hörte kaum zu.

Später fing sie Lukas in der Küche ab.

—Seit wann seid ihr zusammen?

Lukas öffnete eine Flasche Wasser.

—Seit einigen Wochen.

—Du hast nie von ihr erzählt.

—Wir hatten nicht gerade viel Kontakt.

Katharina verschränkte die Arme.

—Sie wohnt gegenüber von dir, oder?

—Ja.

—War da schon etwas, als wir noch zusammen waren?

—Nein.

—Bist du sicher?

Lukas sah sie überrascht an.

—Du hast mich verlassen.

Katharina senkte die Stimme.

—Ich frage nur.

In diesem Moment trat Anna in die Küche.

Sie legte eine Hand auf Lukas’ Brust.

—Da bist du. Ich dachte schon, du lässt mich allein mit Jans Kollegen über Baufinanzierung reden.

Dann sah sie Katharina an.

—Entschuldige. Ich wollte euch nicht stören.

Ihre Stimme war freundlich, aber die Hand blieb auf Lukas’ Brust liegen.

Katharina betrachtete die Geste.

—Nein, wir waren fertig.

Als sie gegangen war, flüsterte Lukas:

—Das war ziemlich besitzergreifend.

Anna lächelte weiter.

—Du kannst mir später danken.

Am Ende des Abends wurde getanzt.

Anna zog Lukas ins Wohnzimmer.

—Ich tanze nicht.

—Heute schon.

—Das war nicht Teil der Vereinbarung.

—Glaubwürdigkeit erfordert Opfer.

Sie legte seine Hand an ihre Taille und führte ihn zwischen die anderen Paare.

Anfangs bewegte Lukas sich steif.

Dann lachte Anna über einen falschen Schritt, rückte näher und sagte:

—Hör auf nachzudenken.

—Das ist schwer.

—Dann sieh nur mich an.

Lukas tat es.

Für einige Sekunden wurden die Musik, Katharina und alle anderen Menschen im Raum unwichtig.

Anna sah ihn nicht an, als müsste sie eine Rolle spielen.

Sie sah ihn an, als wäre er tatsächlich der einzige Mann im Raum.

Etwas in Lukas wurde unruhig.

Auf dem Heimweg sprachen sie kaum.

Vor ihren Wohnungstüren ließ Anna seinen Arm los.

—Mission erfüllt.

—Du warst überzeugend.

—Du auch.

—Katharina war eindeutig überrascht.

Anna suchte ihren Schlüssel.

—Das wolltest du doch.

—Ja.

Doch der Triumph, den er erwartet hatte, fühlte sich merkwürdig leer an.

Zwei Tage später schrieb Katharina ihm.

Sie wollte sich auf einen Kaffee treffen.

Anna stand im Flur, als Lukas die Nachricht las.

—Du wirst hingehen —sagte sie.

—Es ist nur Kaffee.

—Natürlich.

—Was soll das bedeuten?

—Nichts.

—Du klingst, als wäre es etwas.

Anna zog ihre Jacke an.

—Ich glaube nur, dass du vorsichtig sein solltest. Sie hat dich verlassen, weil sie etwas anderes wollte. Jetzt sieht sie dich mit jemandem und plötzlich interessiert sie sich wieder.

—Vielleicht hat sie ihre Entscheidung bereut.

—Oder ihr gefällt nicht, dass du nicht mehr auf sie wartest.

Lukas steckte das Telefon ein.

—Ich muss selbst herausfinden, was sie will.

—Dann tu das.

Katharina wartete in einem Café nahe der Alster.

Sie sah müde aus.

—Mit Tobias läuft es nicht gut —sagte sie nach wenigen Minuten.

Lukas wusste nicht, was er darauf antworten sollte.

—Er ist spontan —fuhr sie fort—, aber manchmal ist er einfach unzuverlässig. Bei dir wusste ich immer, woran ich war.

—Du hast gesagt, genau das würde dich erdrücken.

—Vielleicht habe ich Sicherheit mit Langeweile verwechselt.

Sie legte ihre Hand auf seine.

Durch das Fenster sah Lukas eine vertraute Gestalt auf dem Gehweg.

Anna.

Sie stand draußen und blickte direkt auf ihre Hände.

Dann drehte sie sich um.

Lukas zog seine Hand zurück und lief hinaus.

Doch Anna war bereits verschwunden.

In den folgenden Tagen wurde sie distanzierter.

Sie erinnerte ihn daran, dass sie für Maries Hochzeit noch eine gemeinsame Geschichte üben mussten, sprach aber nur über organisatorische Dinge.

Am Donnerstag fuhren sie nach Lübeck, um Marie kennenzulernen.

Marie war jünger als Anna, aber deutlich misstrauischer.

—Wie habt ihr euch kennengelernt? —fragte sie beim Abendessen.

—Wir wohnen gegenüber —sagte Lukas.

—Und wann habt ihr euch verliebt?

Anna antwortete sofort:

—Während eines Stromausfalls.

Marie sah zwischen ihnen hin und her.

—Anna hat keine Angst im Dunkeln.

Lukas räusperte sich.

—Nein. Aber ich hatte welche.

Anna sah ihn überrascht an.

Später standen sie in der Küche und trockneten Geschirr ab.

—Warum hast du das gesagt? —fragte sie.

—Weil es glaubwürdiger war.

—Du wirst besser im Lügen.

Lukas legte das Handtuch weg.

—Marie hat mich gefragt, was ich an dir mag.

Anna hielt inne.

—Was hast du gesagt?

—Dass du jeden Raum heller machst. Dass du bemerkst, wenn Menschen traurig sind, selbst wenn sie lächeln. Und dass du nie zulässt, dass jemand allein bleibt, nur weil er nicht um Hilfe bitten kann.

Anna sah ihn lange an.

—Das war nicht Teil unserer Geschichte.

—Nein.

—War es wahr?

Bevor Lukas antworten konnte, rief Marie aus dem Wohnzimmer nach ihnen.

Am nächsten Abend klingelte Katharina bei Lukas.

Sie brachte eine Kiste mit Büchern und Kleidung, die noch bei ihr gestanden hatten.

—Ich dachte, du möchtest deine Sachen zurück.

Sie sprachen im Flur.

Katharina begann zu weinen.

Lukas nahm sie reflexartig in den Arm.

In diesem Moment öffnete sich Annas Wohnungstür.

Sie sah die Umarmung.

Katharina löste sich sofort.

—Ich sollte gehen.

Anna wartete, bis sie im Treppenhaus verschwunden war.

—Du verschwendest keine Zeit.

—Sie war traurig.

—Und du rettest sie natürlich.

—Was ist dein Problem?

Anna lachte bitter.

—Ich habe kein Recht, eifersüchtig zu sein. Wir sind schließlich nur ein Vertrag.

—Dann verhalte dich auch so.

Die Worte waren härter, als Lukas beabsichtigt hatte.

Anna zuckte zusammen.

—Du willst Katharina nicht zurück.

—Das weißt du nicht.

—Doch. Du willst nur beweisen, dass du nicht wertlos bist. Dass sie einen Fehler gemacht hat.

Lukas spürte, wie Wut in ihm aufstieg.

—Und du benutzt mich nicht, um Sebastian und deiner Familie etwas zu beweisen?

Anna wurde blass.

—Das ist etwas anderes.

—Warum? Weil deine Lüge edler ist?

Sie drehte sich um und ging in ihre Wohnung.

Die Hochzeit in Lübeck begann zwei Tage später unter einem grauen Himmel.

Anna und Lukas reisten gemeinsam an, doch zwischen ihnen lag eine Kälte, die selbst ihre angebliche Liebesgeschichte kaum verbergen konnte.

Sebastian erschien am Nachmittag.

Er war ruhig, höflich und wirkte nicht wie der rücksichtslose Mann, den Lukas erwartet hatte.

Neben ihm stand Franziska.

Als Anna den Raum betrat, sah Sebastian sie an, als wäre alles andere bedeutungslos geworden.

Während des Empfangs zog Franziska Lukas beiseite.

—Sie hat dir wahrscheinlich erzählt, Sebastian hätte sie kurz vor der Hochzeit verlassen.

—Hat er nicht?

Franziska schüttelte den Kopf.

—Anna hat die Hochzeit abgesagt.

—Warum?

—Sie hatte erfahren, dass sie vielleicht keine Kinder bekommen kann. Sebastian wollte immer eine große Familie. Sie glaubte, ihn freigeben zu müssen.

Lukas starrte sie an.

—Und du?

—Ich war damals für ihn da. Es war kompliziert. Feige und kompliziert.

Kurz danach suchte Sebastian Anna auf.

Lukas sah sie im Garten miteinander sprechen.

Später fand er Anna allein hinter dem Festsaal.

Ihre Augen waren gerötet.

—Sebastian sagt, er hätte mich trotzdem geheiratet —sagte sie.

—Glaubst du ihm?

—Ich weiß es nicht.

—Was willst du?

Anna sah ihn direkt an.

—Ich will wissen, ob das zwischen uns nur eine Rolle war.

Lukas’ Herz schlug schneller.

—Anna…

—Liebst du mich oder hast du nur Angst, wieder allein zu sein?

Er wollte antworten.

Doch in seinem Kopf erschienen Katharina, die Jahre der Gewohnheit, der Kaffee an der Alster und all die Zweifel, die er seit der Trennung mit sich trug.

Sein Schweigen dauerte nur wenige Sekunden.

Für Anna war es lang genug.

Sebastian kam auf sie zu.

—Ich fahre zurück nach Lübeck. Soll ich dich mitnehmen?

Anna sah Lukas ein letztes Mal an.

Er sagte nichts.

Dann stieg sie zu Sebastian ins Auto.

Lukas blieb auf dem Parkplatz stehen, während Regen auf sein Jackett fiel.

Marie trat neben ihn.

—Sie hat Sebastian nicht gewählt.

—Sie ist mit ihm gegangen.

—Weil du dich geweigert hast, sie zu wählen.

Zurück in Hamburg war Annas Wohnung still.

Ihr Briefkasten wurde geleert, doch Lukas sah sie nicht.

Drei Tage später stand Katharina vor seiner Tür.

—Ich habe Tobias verlassen.

Lukas schwieg.

—Ich möchte es noch einmal versuchen.

Noch vor wenigen Wochen hatte er davon geträumt, diese Worte zu hören.

Jetzt empfand er nur Traurigkeit.

—Nein.

Katharina sah ihn verletzt an.

—Wegen Anna?

—Wegen uns.

—Ich dachte, du wolltest mich zurück.

—Ich wollte gewinnen.

Die Erkenntnis war so schlicht, dass sie beinahe grausam wirkte.

—Ich wollte beweisen, dass du einen Fehler gemacht hast. Aber das ist nicht dasselbe wie Liebe.

Katharina nickte langsam.

—Vielleicht habe ich dasselbe getan.

Sie verabschiedeten sich ohne Streit.

Am nächsten Abend hörte Lukas einen Schlüssel im Flur.

Anna stand vor ihrer Wohnungstür. Sie wirkte müde, aber ruhig.

—Wo warst du?

—Bei einer Freundin.

—Und Sebastian?

—Wir haben gesprochen.

Lukas wartete.

—Er hat mir verziehen, dass ich für ihn entschieden habe. Ich habe ihm verziehen, dass er sich danach Franziska zugewandt hat. Aber wir sind nicht mehr die Menschen, die heiraten wollten.

—Ist er bei ihr?

—Er ist zu Franziska gefahren, um die Sache ehrlich zu beenden. Was danach passiert, ist nicht mehr meine Geschichte.

Anna öffnete ihre Tür.

—Warte.

Sie sah ihn an.

—Katharina war hier —sagte Lukas—. Sie wollte zurückkommen.

Annas Gesicht blieb unbewegt.

—Und?

—Ich habe Nein gesagt.

—Wegen mir?

—Weil ich endlich verstanden habe, dass ich sie nicht mehr liebe.

Er trat näher.

—Und weil ich dich liebe.

Anna schloss für einen Moment die Augen.

—Auf dem Parkplatz konntest du das nicht sagen.

—Ich hatte Angst, dass meine Gefühle nur aus Einsamkeit entstehen. Dass ich dich festhalte, weil ich nicht wieder verlassen werden will.

—Und jetzt?

—Jetzt habe ich immer noch Angst. Aber ich weiß, dass ich lieber Angst mit dir habe als Sicherheit in einer Lüge.

Anna lehnte sich gegen den Türrahmen.

—Das klingt verdächtig gut vorbereitet.

—Ich hatte mehrere Tage Zeit.

Ein schwaches Lächeln erschien auf ihrem Gesicht.

—Was willst du, Lukas?

—Eine echte Chance. Keine erfundenen Stromausfälle, keine falschen ersten Verabredungen und keine Menschen, die wir beeindrucken müssen.

—Und wenn es schwierig wird?

—Dann rede ich.

—Auch wenn du Angst hast?

—Gerade dann.

Anna schwieg.

Lukas spürte, wie jede Sekunde schwerer wurde.

Schließlich sagte sie:

—Ich habe eine Bedingung.

—Natürlich.

—Niemand schweigt, wenn das Herz die Wahrheit bereits kennt.

Lukas nickte.

—Abgemacht.

Diesmal besiegelten sie ihre Vereinbarung nicht mit einem geschäftlichen Handschlag.

Anna zog ihn zu sich und küsste ihn.

Es war kein spektakulärer Kuss.

Keine Musik spielte.

Niemand sah zu.

Und gerade deshalb fühlte er sich echter an als alles, was sie in den vergangenen Wochen inszeniert hatten.

Katharina zog einige Monate später nach Köln. Sie schrieb Lukas einen Brief, in dem sie ihm Glück wünschte.

Er antwortete, dass er hoffe, sie finde das Leben, nach dem sie gesucht hatte.

Beide hatten etwas gelernt.

Sicherheit war nicht automatisch Langeweile.

Und Sehnsucht war nicht automatisch Liebe.

Anna und Sebastian fanden nicht wieder zusammen. Manche Beziehungen zerbrechen nicht, weil keine Liebe vorhanden ist, sondern weil Menschen aus Angst Entscheidungen füreinander treffen, die niemand von ihnen verlangt hat.

Anna und Lukas begannen von vorn.

Ihr erstes echtes Date fand in einem kleinen italienischen Restaurant statt.

—Das ist enttäuschend —sagte Anna—. Genau das haben wir in unserer erfundenen Geschichte behauptet.

—Dann müssen wir wenigstens zum Dom gehen.

—Und du gewinnst mir einen hässlichen Plüschfrosch.

Lukas brauchte zwölf Versuche.

Der Frosch stand später auf Annas Fensterbank.

Sie stritten weiterhin.

Anna sprach zu schnell, wenn sie wütend war. Lukas brauchte manchmal zu lange, um zu verstehen, was er fühlte.

Doch sie gingen nicht mehr schweigend auseinander.

Wenn einer von ihnen Angst bekam, musste er es aussprechen.

Wenn einer glaubte, etwas zum Wohl des anderen opfern zu müssen, fragte er zuerst, ob dieses Opfer überhaupt gewollt war.

Denn Annas ursprünglicher Vorschlag war nie das wirkliche Risiko gewesen.

Eine Woche lang einen Freund zu spielen war einfach.

Schwieriger war es, keine Rollen mehr zu benutzen, sobald echte Gefühle entstanden.

Schwieriger war es, nicht aus Stolz zu schweigen.

Nicht aus Angst zu fliehen.

Und nicht für einen geliebten Menschen zu entscheiden, was angeblich das Beste für ihn war.

Jahre später erzählten Anna und Lukas Freunden manchmal, sie hätten sich während eines Stromausfalls ineinander verliebt.

Technisch gesehen war das eine Lüge.

Doch Anna behauptete, das Licht sei tatsächlich ausgegangen.

Nicht im Haus.

Sondern in dem alten Leben, in dem beide glaubten, sie müssten anderen etwas beweisen.

Danach hatten sie gelernt, einander ohne Publikum zu wählen.

Ohne Drehbuch.

Ohne falsche Namen für echte Gefühle.

Und wenn Lukas heute an jenen ersten Handschlag in seiner Küche zurückdachte, wusste er, dass Anna ihm damals nicht nur einen Tausch vorgeschlagen hatte.

Sie hatte ihm unbewusst eine Tür geöffnet.

Er musste nur lernen, hindurchzugehen, bevor seine Angst sie wieder schloss.