
Die tief stehende Sonne legte kupferfarbenen Glanz auf das Wasser. Auf dem Oberdeck der HMS Barham blieben einige Matrosen stehen, um die Wärme auf ihren Gesichtern zu spüren. Andere kamen aus den stickigen Räumen unter Deck, weil gerade die Wachablösung begonnen hatte und Tee ausgeschenkt wurde. Für wenige Minuten roch die Luft nicht nach Öl, Schweiß und Cordit, sondern nach Salz und Rauch.
Der siebzehnjährige Brian Samuels glaubte später, dass genau diese gewöhnliche Ruhe das Grausamste an jenem Tag gewesen sei.
Kein Alarm heulte. Niemand rannte. Niemand sah die vier dunklen Körper, die in kaum vierhundert Metern Entfernung unter der Wasseroberfläche auf das Schiff zurasten.
Vierundzwanzig Sekunden später wurde Brian vom Deck gerissen.
Nur vier Minuten danach existierte eines der mächtigsten Schlachtschiffe der Royal Navy nicht mehr.
Doch die Geschichte der Barham begann nicht mit der Explosion. Sie begann mit einer gescheiterten Geheimmission, einem kaum beachteten Sonarkontakt und einem deutschen U-Boot-Kommandanten, der eigentlich ganz woanders hätte sein sollen.
Der Schatten vor der Küste
Am 24. November 1941 lief die britische Schlachtflotte ins östliche Mittelmeer aus. Die Lage in Nordafrika war angespannt. Die britische 8. Armee versuchte, den Ring um Tobruk zu sprengen und Rommels Afrikakorps zurückzudrängen. Jede italienische Versorgungslieferung, die Libyen erreichte, konnte den Kampf verlängern. Deshalb schickte Admiral Andrew Cunningham seine schweren Einheiten auf See.
An der Spitze fuhr die HMS Queen Elizabeth. Dahinter folgte die Barham, am Ende der Linie die HMS Valiant. Acht Zerstörer bildeten einen beweglichen Schutzschirm um die drei Schlachtschiffe. Aus der Ferne musste die Formation wie eine schwimmende Festung wirken: Stahlkolosse mit gewaltigen Geschütztürmen, flankiert von schnellen Wachhunden, die das Meer nach U-Booten absuchten.
Die Barham war fast 195 Meter lang und verdrängte mehr als 31.000 Tonnen. Acht 15-Zoll-Geschütze bildeten ihre Hauptbewaffnung, ihr Gürtelpanzer war stellenweise dreizehn Zoll stark. Sie hatte die Schlacht von Jütland und frühere Treffer überstanden. Sie war alt, mächtig und scheinbar schwer zu töten.
Aber ihr stärkster Panzer lag dort, wo feindliche Granaten einschlagen sollten: oberhalb der Wasserlinie.
Tief darunter war sie verwundbarer.
Westlich der britischen Formation bewegte sich U-331 unter dem Kommando von Kapitänleutnant Hans-Diedrich von Tiesenhausen. Er war nicht mit dem Auftrag ausgelaufen, britische Schlachtschiffe zu jagen. Sein Boot hatte zuvor acht deutsche Kommandosoldaten an die ägyptische Küste bringen sollen. Sie sollten eine Eisenbahnlinie sabotieren, die britische Versorgung schwächen und anschließend wieder aufgenommen werden.

Die Operation war gescheitert.
Die Soldaten wurden nicht zurückgeholt. U-331 kehrte ohne sie zur normalen Patrouille zurück, und am 19. November ließ Tiesenhausen Kurs auf das Seegebiet bei Sidi Barrani nehmen. Es war eine Entscheidung, die in einem Kriegstagebuch nur eine Zeile beanspruchte. Doch genau diese Kursänderung brachte das U-Boot auf den Weg der britischen Schlachtflotte.
Am Morgen des 25. November, um 8.55 Uhr, meldeten die Horcher Schraubengeräusche aus nördlicher Richtung.
Tiesenhausen stand in der engen Zentrale, umgeben von Ventilen, Instrumenten und Männern, deren Gesichter im elektrischen Licht bleich wirkten. Im Inneren eines U-Bootes gab es keinen Horizont. Die Welt bestand aus Geräuschen: dem Brummen der Maschinen, dem Knacken des Druckkörpers, dem Murmeln von Befehlen und den entfernten Schlägen fremder Propeller.
„Mehrere Schiffe“, sagte der Horcher.
„Typ?“
„Noch nicht festzustellen.“
Tiesenhausen brauchte keine Gewissheit. Es genügte, dass dort draußen etwas Großes fuhr.
U-331 begann die Jagd.
Stundenlang versuchte das Boot, den Abstand zu verringern. Wenn es die Lage erlaubte, tauchte es auf, um mit höherer Geschwindigkeit vorzustoßen. Jedes Auftauchen war ein Wagnis. Ein einziges britisches Flugzeug hätte das graue U-Boot auf dem glitzernden Wasser erkennen können. Jeder Zerstörer am Horizont konnte innerhalb von Minuten über ihm stehen.
Um 14.30 Uhr erschien im Sehrohr zunächst nur eine dünne Rauchfahne. Dann zeichneten sich Masten ab. Tiesenhausen hielt das Okular fest und wartete darauf, dass die Konturen deutlicher wurden.
Zuerst sah er Zerstörer.
Zwanzig Minuten später erkannte er, was sie bewachten.
Keine Frachter. Keine Kreuzer.
Drei Schlachtschiffe.
Für einen Augenblick muss selbst Tiesenhausen gezögert haben. Vor ihm zog ein großer Teil der britischen Seemacht vorbei. Die Queen Elizabeth führte, die Barham lag in der Mitte, die Valiant folgte. Die Formation lief mit ungefähr zwanzig Knoten. Dazwischen und an den Flanken bewegten sich die Zerstörer, jederzeit bereit, auf einen Sonarkontakt zu reagieren.
Ein vernünftiger Kommandant hätte Abstand gehalten.
Tiesenhausen ließ angreifen.
Er benutzte die tief stehende Sonne wie einen Vorhang. Aus britischer Sicht lag das U-Boot in der blendenden Helligkeit. U-331 glitt in den Schutzschirm hinein, während über ihm die Zerstörer vorbeizogen. Jede Schraube klang in der Zentrale wie eine herannahende Hinrichtung.
Um 15.47 Uhr befahl Tiesenhausen Gefechtsstationen.
Sein erstes Ziel war die Queen Elizabeth. Dann änderten die britischen Schiffe ihren Kurs nach Westen. Die günstige Schusslösung auf das Führungsschiff zerfiel. Dafür schob sich die Barham, das zweite Schiff der Linie, vor das Sehrohr.
Tiesenhausen folgte ihr mit dem Fadenkreuz.
Er wusste nicht, dass sich an Bord gerade Männer für eine Tasse Tee anstellten.
Acht Glasen
Auf der Barham schlug die Schiffsglocke acht Glasen. Es war vier Uhr nachmittags, der Beginn einer neuen Wache.
In den unteren Decks war die Luft warm und schwer. Männer räumten Geschirr weg, schoben sich durch schmale Durchgänge oder warteten an Niedergängen. Wer frei hatte, suchte einen Platz an Deck. Das Licht war weich, der Himmel klar. Der Krieg schien für einen seltenen Moment weit entfernt.
Brian Samuels war siebzehn Jahre alt. In einem anderen Leben hätte er vielleicht eine Werkstatt besucht, mit Freunden Fußball gespielt oder sich darüber geärgert, zu früh nach Hause kommen zu müssen. Nun stand er auf einem Schlachtschiff, umgeben von Männern, die gelernt hatten, Angst in Witze zu verwandeln.
„Wenn der Koch den Tee noch dünner macht“, spottete jemand, „können wir damit die Kessel füllen.“
Ein paar Männer lachten.
Um 16.15 Uhr erhielt der Zerstörer HMS Jarvis einen Sonarkontakt in etwa tausend Yards Entfernung.
Das Signal war da. Kurz, unsicher und leicht als Störung zu deuten.
Es wurde als falscher Kontakt verworfen.
Vielleicht war das Meer voller Echos. Vielleicht passte die Anzeige nicht zum erwarteten Bild. Ein Mann hatte nur Sekunden, um zwischen einem technischen Irrtum und einer tödlichen Warnung zu entscheiden. In diesem Augenblick verschwand die Entscheidung im gewöhnlichen Wachdienst.
Unter Wasser sah Tiesenhausen die gewaltige Bordwand der Barham durch das Sehrohr wandern. Die Entfernung betrug nur ungefähr vierhundert Yards. So nah, dass ein Fehler kaum noch korrigiert werden konnte. So nah, dass auch U-331 beim Gegenangriff wahrscheinlich keine zweite Chance bekommen würde.
„Rohr eins bis vier – los!“
Vier elektrische G7E-Torpedos verließen das Boot. Jeder war etwa sieben Meter lang und trug einen Sprengkopf von rund 280 Kilogramm. Ihre Elektromotoren hinterließen keine auffällige Blasenspur wie ältere Druckluftmodelle. Sie liefen in drei bis fünf Metern Tiefe, geradewegs auf den Bereich unterhalb des stärksten Panzergürtels zu.
Im U-Boot begann das Zählen.
Auf der Barham bemerkte niemand etwas.
Vierundzwanzig Sekunden.
Dann hob sich das Meer.
Der erste Treffer war kein Geräusch, das Brian hörte. Er fühlte ihn. Der Stahl unter seinen Füßen schlug nach oben, als hätte ein Riese von unten gegen den Rumpf getreten. Der Junge wurde in die Luft geschleudert. Noch bevor er begriff, wohin er fiel, folgte ein zweiter Schlag, dann ein dritter.
Auf der Valiant hörte der Matrose Charles Morgan eine gewaltige Detonation. Zwei weitere krachten fast unmittelbar dahinter. Wasserfontänen stiegen an der mittleren und achteren Sektion der Barham empor. Schwarzer Rauch quoll über das Deck und verschluckte große Teile des Schiffes.
Die Barham war auf der Backbordseite dreimal getroffen worden.
Im Rumpf wurde Metall aufgerissen. Meerwasser raste durch beschädigte Räume und drückte Luft, Öl und Trümmer vor sich her. Männer wurden gegen Schotten geschleudert, Lampen erloschen, Dampf zischte aus Leitungen. In manchen Abteilungen blieb kaum Zeit für einen Schrei.
Das Schiff neigte sich zunächst heftig nach Steuerbord, als die Explosionen es wegdrückten. Dann kam die Gegenbewegung. Langsam, aber unaufhaltsam fiel es nach Backbord zurück, auf die Seite der Treffer.
Unter Deck drängten Männer zu den Hauptniedergängen. Das Licht war ausgefallen. Körper stießen in der Dunkelheit gegeneinander. Einer rief: „Raus! Raus hier!“ Ein anderer versuchte, Ordnung in die Menge zu bringen, doch die Barham nahm bereits Schlagseite an. Der Boden wurde zur schiefen Wand. Türen klemmten. Leitern, die eben noch senkrecht gewesen waren, verwandelten sich in Hindernisse.
Auf der Brücke spürte Ian Macdonald, wie das Leben aus dem Schiff wich.
Die Maschinen stoppten.
Der Strom brach zusammen.
Aus der Tiefe kam ein langes, mahlendes Krachen, als würde der Rumpf selbst stöhnen.
Es bedurfte keines ausgesprochenen Befehls. Die Männer verstanden: Das war kein Schaden, den Pumpen und Reparaturtrupps noch beherrschen konnten.
Die Barham starb.
Jeder musste einen Weg ins Freie finden.
Das U-Boot, das plötzlich flog
Tiesenhausen wollte nach dem Abschuss sofort in die Tiefe gehen. Doch der Verlust des Gewichts aus den vier Bugrohren und eine falsch behandelte Ballastzelle brachten U-331 aus dem Gleichgewicht.
Das Boot stieg.
In der Zentrale bewegten sich die Tiefenanzeigen in die falsche Richtung.
„Bug runter!“
Männer warfen ihr Gewicht nach vorn. Ventile wurden bedient. Wasser sollte in die Tanks. Doch der Druckkörper gehorchte nicht schnell genug. U-331 durchbrach die Oberfläche direkt vor der alarmierten britischen Flotte.
Charles Morgan sah auf der Valiant plötzlich einen U-Boot-Turm aus dem Wasser kommen. Das Boot lag nur ungefähr 150 Yards entfernt, knapp sieben Grad an Steuerbord voraus, und drehte von links nach rechts.
„Volle Kraft voraus! Hart Steuerbord!“
Die Valiant legte sich in die Kurve. Für einen Moment schien es, als könne das Schlachtschiff den Angreifer einfach unter seinem Bug zerquetschen. Die 40-Millimeter-Geschütze eröffneten das Feuer, doch das Ziel war zu nah. Die Rohre ließen sich nicht tief genug richten. Die Geschosse rasten über U-331 hinweg.
Auf dem deutschen Boot hörten die Männer Einschläge und das Donnern der riesigen britischen Maschinen. Über ihnen wuchs die Valiant zu einer stählernen Wand.
Dann sank U-331 weg.
Der Bug des Schlachtschiffes verfehlte das U-Boot auf der Steuerbordseite um kaum vierzig Yards.
Die erste Gefahr war vorüber. Die zweite begann sofort.
U-331 tauchte zu steil. Die Tiefenanzeige lief weiter: einhundert Meter, zweihundert Meter, tiefer. Der Druckkörper knackte. Geräte vibrierten. In den Gesichtern der Besatzung lag die unausgesprochene Erkenntnis, dass das Boot nun nicht mehr von britischen Wasserbomben, sondern vom Meer selbst zerdrückt werden konnte.
Es sank bis auf etwa 869 Fuß, weit unter seine vorgesehene sichere Tiefe.
Tiesenhausen kämpfte um die Kontrolle. Befehle wurden weitergegeben, Ballast korrigiert, Tiefenruder umgelegt. Sekunden dehnten sich. Jeder Mann wartete auf das scharfe Bersten einer Naht.
Doch der Rumpf hielt.
Langsam fing sich U-331. Das Boot wandte sich nach Nordosten und entkam. Tiesenhausen konnte nicht sehen, was hinter ihm geschah. Er wusste nur, dass seine Torpedos getroffen hatten. Ob er ein Schlachtschiff versenkt hatte, wusste er nicht.
Während das U-Boot in die Dunkelheit glitt, richtete auf der Valiant ein Kriegsberichterstatter seine Kamera auf die sterbende Barham.
Sein Name war John Turner.
Was er filmte, sollte für Jahre beschlagnahmt werden.
Vier Minuten aus Stahl und Feuer
Nur ungefähr zwei Minuten von Turners Film blieben erhalten. Die Kamera lief nicht durchgehend. Deshalb wirkt der Untergang in den Aufnahmen schneller, beinahe unwirklich. Aus den Aussagen der Überlebenden ergibt sich jedoch, dass zwischen den Torpedotreffern und dem Verschwinden des Schiffes etwa viereinhalb Minuten lagen.
Auf einem kenternden Schlachtschiff sind viereinhalb Minuten ein ganzes Leben.
In Turners erster Sequenz hat sich der Rauch der ersten Explosionen bereits teilweise verzogen. Die Barham liegt ungefähr fünfzehn Grad nach Backbord. Die Valiant fährt noch nahe der ursprünglichen Linie, während die Queen Elizabeth im Hintergrund zu manövrieren beginnt.
Auf der geneigten Barham kämpfen sich Männer nach oben. Manche erreichen das Wetterdeck durch Luken. Andere kommen nie aus der Dunkelheit. Die Neigung nimmt weiter zu, und mit jedem Grad verändert das vertraute Schiff seine Gestalt. Handläufe werden zu Leitern. Decks verwandeln sich in Hänge. Gegenstände lösen sich und rutschen polternd nach Backbord.
Etwa eine Minute später hat die Valiant die Barham überholt. Das getroffene Schiff liegt noch tiefer. Von außen sind kaum offene Flammen zu sehen. Doch das bedeutet nicht, dass im Inneren kein Feuer brennt.
Tief im Achterschiff lagern Granaten und Corditladungen. Die 4-Zoll-Magazine befinden sich in der Nähe jener Zonen, in denen das Meer durch den aufgerissenen Rumpf eindringt. Weiter unten warten die Magazine der gewaltigen 15-Zoll-Geschütze. Sie sind so konstruiert, dass Feuer sie nicht erreichen soll.
Doch das Schiff ist nicht mehr in der Lage, sich an seine Konstruktion zu halten.
Auf der nächsten Filmsequenz schneidet die Valiant vor dem Bug der Barham vorbei. Die Schlagseite nähert sich fünfundvierzig Grad. Seltsamerweise drehen sich die Schrauben der Barham noch. Im Wasser erscheint ein Kielwasser, als versuche das sterbende Schiff weiterzufahren, obwohl seine Maschinen kurz zuvor als ausgefallen gemeldet worden waren.
Vielleicht lief Restenergie durch die Wellen. Vielleicht arbeiteten einzelne Anlagen noch für wenige Augenblicke.
Bei einem Untergang können widersprüchliche Wahrheiten nebeneinander bestehen.
Die Männer sammeln sich auf der hohen Steuerbordseite und am Bug. Dort scheint der Rumpf am wenigsten zerstört. Dort liegt das Wasser noch nicht direkt unter ihren Füßen.
Brian Samuels klettert, rutscht und hält sich fest. Um ihn herum springen bereits Männer ins Meer. Manche wählen den falschen Augenblick. Während das Schiff weiterrollt, hebt sich der Unterwasserrumpf aus den Wellen. Wer zu früh abspringt, kann auf den Stahl schlagen, den Propellern zu nahe kommen oder von nachrutschenden Trümmern getroffen werden.
Brian zieht seine schweren Schuhe aus.
Er wartet.
Das Warten widerspricht jedem Instinkt. Doch das Schiff rollt, und der Abstand zum Wasser verändert sich jede Sekunde. Brian sieht Männer springen, verschwinden oder gegen den Rumpf schlagen.
Er zählt nicht. Er hört nur das Knacken des Stahls und die Stimmen.
Auf der Brücke sucht Ian Macdonald ebenfalls einen Ausweg. Die Welt hat sich um fast eine halbe Drehung verschoben. Unter ihm liegt nicht mehr das Deck, sondern eine schräge Fläche, die ihn zum Wasser zieht. Überall bewegen sich Menschen in dieselbe Richtung, doch es gibt keine geordnete Evakuierung, keine Zeit für Boote, keine Möglichkeit, mehr als den nächsten Griff zu planen.
Bei ungefähr 103 Sekunden in Turners Film setzt die Aufnahme kurz aus. Als die Kamera wieder läuft, rollt die Barham schneller. Innerhalb von etwa zwölf Sekunden legt sie weitere dreißig Grad zurück.
Die Steuerbordseite steigt hoch in die Luft. Der dunkle, mit Algen und Muscheln gezeichnete Unterwasserrumpf erscheint. Männer werden zu winzigen Punkten auf einem gewaltigen Stück Stahl.
Dann öffnet sich im Achterschiff die Hölle.
Die Explosion ist so groß, dass sie nicht wie eine gewöhnliche Detonation wirkt, sondern wie die plötzliche Auflösung des gesamten Schiffes. Eine Wand aus Rauch, Feuer und Metall schießt in den Himmel. Das Heck scheint auseinanderzureißen. Geschützturmteile, Stahlplatten und zahllose kleinere Fragmente werden hochgeschleudert.
Brian spürt keinen einzelnen Stoß.
Die Luft selbst schlägt ihn fort.
Er fällt ins Wasser und wird sofort nach unten gerissen.
Ian Macdonald stürzt fast im selben Augenblick. Über ihm explodiert das Schlachtschiff. Unter ihm öffnet sich der Sog von mehr als 30.000 Tonnen Stahl. Das Wasser wird schwarz. Luftblasen, Öl, Holz, Kleidungsstücke und Metallteile wirbeln durcheinander. Macdonald versucht, die Luft anzuhalten, doch er weiß nicht mehr, wo oben ist.
Der Druck zieht ihn tiefer.
Seine Lungen brennen.
Er denkt nicht an Ruhm, Pflicht oder das Empire. In jener Dunkelheit existiert nur noch ein tierischer Wunsch: ein weiterer Atemzug.
Dann trifft ihn eine gewaltige Blase. Später nennt er sie eine „göttliche Luftblase“. Sie trägt ihn nach oben, fort aus dem Sog, bis er zwischen Trümmern und Rauch die Oberfläche durchbricht.
Brian wird ebenfalls unter Wasser herumgeschleudert. Er weiß nicht, ob Sekunden oder Minuten vergehen. Als er auftaucht, erkennt er die Welt kaum wieder. Wo eben ein Schlachtschiff gewesen ist, steht eine schwarze Wolke. Öl liegt auf dem Wasser. Männer schreien nach Hilfe. Manche rufen Namen, die niemand beantwortet.
Turners Kamera zeigt im letzten Abschnitt nur noch Rauch. Der Bug der Barham ragt für kurze Zeit hoch, fast senkrecht, bevor er verschwindet. Auf dem aufgerichteten Kiel scheint sich noch eine einzelne Gestalt zu bewegen: ein Mensch, der über den Rücken eines versinkenden Giganten läuft.
Eine Minute später lichtet sich die Wolke.
Das Meer ist leer.
Warum explodierte die Barham?
Die spätere Untersuchung musste ein Verbrechen ohne Tatort rekonstruieren. Das Wrack lag mehr als 9.000 Fuß tief, und der entscheidende Bereich war zerstört. Niemand konnte den Weg des Feuers verfolgen.
Bekannt war, dass die Torpedos auf eine Tiefe von drei bis fünf Metern eingestellt gewesen waren. Sie trafen unterhalb des Hauptpanzergürtels. Die Sprengköpfe rissen große Öffnungen in den Rumpf, und Wasser überflutete mehrere Räume beinahe gleichzeitig.
Dabei entstand ein besonders gefährlicher Effekt. Wasser, das sich frei in breiten Räumen bewegt, bleibt nicht ruhig liegen. Wenn ein Schiff krängt, läuft es zur tieferen Seite und verstärkt die Neigung. Die Masse verschiebt sich erneut, das Schiff kippt weiter, noch mehr Wasser dringt ein.
Die Barham verlor nicht nur Auftrieb.
Sie verlor ihr Gleichgewicht.
Aber die Torpedos allein erklären nicht die letzte, gewaltige Explosion.
Die Untersuchungskommission vermutete, dass ein Feuer in die achteren 4-Zoll-Magazine gelangte und von dort die Hauptmagazine unter den Geschütztürmen X oder Y erreichte. Dort lagerte Cordit, der Treibstoff für die schweren Geschosse. Wenn eine solche Menge nahezu gleichzeitig entzündet wird, explodiert nicht einfach ein Raum. Die freigesetzte Energie zerreißt die gesamte Struktur ringsum.
Eine zweite Theorie hielt es für möglich, dass kaltes Meerwasser in heiße Kesselräume eindrang und eine Kettenreaktion begünstigte. Vielleicht schuf die Kombination aus Dampf, Ölfeuer und Magazinbrand den letzten Impuls.
Vollständig beweisen ließ sich keine Version.
Das Meer hatte den wichtigsten Zeugen verschluckt.
Doch in einem Punkt waren sich alle Erklärungen ähnlich: Die Barham war nicht durch einen einzigen fatalen Defekt verloren gegangen. Mehrere Katastrophen griffen ineinander. Treffer unter dem Panzer. Rasche Flutung. Verlust der Stabilität. Feuer in der Nähe der Magazine.
Und viel zu wenig Zeit.
Die scheinbar unverwundbare Festung besaß genau dort eine tödliche Schwäche, wo ihre stärkste Rüstung endete.
Die Köpfe im schwarzen Nebel
HMS Hotspur fuhr in die Rauchwolke hinein.
Die Männer auf dem Zerstörer beschrieben sie später wie einen Londoner Nebel, nur heißer, dunkler und voller verbrannten Öls. Zunächst sahen sie fast nichts. Dann riss der Rauch stellenweise auf.
Überall trieben Köpfe im Wasser.
Hunderte Männer hatten den Untergang überlebt.
Sie klammerten sich an Holz, Hängematten, Flöße oder die Körper anderer. Manche waren kaum verletzt. Andere verloren Blut, während sie noch versuchten zu schwimmen. Öl bedeckte Gesichter und Uniformen. Wer rief, schluckte die bittere Brühe.
Brian Samuels entdeckte einen schwer verwundeten Mann und half, ihn an ein Rettungsmittel und schließlich zu den Rettern zu bringen. Erst als der Körper aus dem Wasser gehoben wurde, sah Brian, dass unterhalb der Oberschenkel nichts mehr vorhanden war.
Dieser Anblick blieb ihm.
Nicht die Geschütze oder der stolze Bug. Nicht einmal die gewaltige Explosion. Sondern ein Mann, der noch lebte, obwohl der untere Teil seines Körpers fehlte.
Ian Macdonald wurde ebenfalls gerettet. Unter den Überlebenden befand sich sogar Vizeadmiral Henry Pridham-Wippell. Insgesamt konnten ungefähr 450 Menschen aus dem Meer geholt werden.
Dass so viele überlebten, wirkte angesichts der Filmaufnahmen wie ein Wunder. Doch auch dieses Wunder hatte eine nüchterne Erklärung. Der Angriff erfolgte kurz nach acht Glasen, zur Teezeit und während der Wachablösung. Ungewöhnlich viele Männer befanden sich auf oder nahe dem Oberdeck. Die relativ intakte, hohe Steuerbordseite und der Bug boten für wenige Minuten einen schmalen Fluchtweg.
Wer tief im Schiff arbeitete, hatte diese Chance oft nicht.
Insgesamt starben 862 Offiziere und Matrosen. Manche wurden von den ersten Explosionen getötet. Andere ertranken in abgeriegelten Abteilungen oder fanden keinen Weg durch die geneigten Korridore. Wieder andere erreichten das Deck und starben bei der Magazinexplosion.
Von 1.287 Menschen an Bord kehrten 862 nicht zurück.
Für die Überlebenden begann nach der Rettung eine zweite, stillere Prüfung. Sie mussten erklären, was geschehen war, und gleichzeitig darüber schweigen.
Denn offiziell war die HMS Barham noch nicht gesunken.
Das Schiff, das nicht fehlen durfte
Großbritannien hatte wenige Monate zuvor die HMS Hood verloren. Die Nachricht hatte das Land erschüttert. Nun war ein weiteres berühmtes Großkampfschiff binnen Minuten vernichtet worden. Ein sofortiges Eingeständnis hätte Deutschland einen gewaltigen Propagandasieg geschenkt.
Noch wichtiger war, dass die deutsche Marine zunächst gar nicht sicher wusste, was U-331 getroffen hatte.
Tiesenhausen meldete einen Angriff auf ein Schlachtschiff, doch die Versenkung war nicht bestätigt. Die Briten erkannten ihre Gelegenheit. Solange der Feind nicht wusste, dass die Barham fehlte, konnte er die veränderte Stärke der Mittelmeerflotte nicht zuverlässig berechnen.
Auch die Lage in Asien spielte eine Rolle. Japan wurde aggressiver. Jede öffentlich bekannte Schwächung der Royal Navy konnte politische und militärische Folgen haben.
Also verschwand die Barham ein zweites Mal, diesmal aus den Nachrichten.
Familien erhielten Mitteilungen, doch sie wurden zur strengsten Verschwiegenheit verpflichtet. Mütter, Ehefrauen und Geschwister erfuhren, dass ein Mann vermisst oder tot war, durften aber nicht sagen, welches Schiff verloren gegangen war.
Trauer wurde zu einer geheimen Handlung.
John Turners Film wurde beschlagnahmt. Die Bilder von der Explosion, dem aufgerichteten Bug und den winzigen Gestalten auf dem Rumpf verschwanden in einem Archiv. Erst 1945 durfte die Öffentlichkeit sie sehen.
Die Regierung bestätigte den Verlust der Barham erst am 27. Januar 1942, mehr als zwei Monate nach dem Untergang.
Doch ein Geheimnis, das Hunderte Familien teilen, bleibt selten vollkommen dicht.
In Schottland trat eine Frau namens Helen Duncan als spiritistisches Medium auf. Während einer Séance behauptete sie, der Geist eines toten Matrosen habe ihr vom Untergang der HMS Barham berichtet. Zu diesem Zeitpunkt war die Katastrophe offiziell noch geheim.
Für manche war das ein Beweis übersinnlicher Kräfte.
Für die Behörden war es möglicherweise ein Leck.
Wie konnte sie von dem Schiff wissen? Hatte jemand aus einer betroffenen Familie gesprochen? Hatte Duncan Gerüchte gesammelt? Oder gab es eine Verbindung zu Spionen? Die Geschichte wurde mit jeder Wiederholung unheimlicher: ein versenktes Schlachtschiff, ein toter Matrose und eine Frau, die behauptete, Stimmen aus dem Jenseits zu hören.
1944 wurde Helen Duncan nach dem Witchcraft Act von 1735 verurteilt. Ihr Fall wurde später zum bizarren Nachhall der Barham-Katastrophe. Ein modernes Kriegsschiff war von elektrischen Torpedos zerstört worden, doch eine der seltsamsten juristischen Folgen stützte sich auf ein Gesetz aus dem 18. Jahrhundert.
Das war jedoch nicht der größte Twist dieser Geschichte.
Der größte lag darin, dass selbst der Mann, der die Torpedos abgefeuert hatte, zunächst nicht wusste, was er getan hatte.
Der Sieger ohne Bestätigung
U-331 kehrte erst acht Tage später nach Salamis zurück. Tiesenhausen meldete seine Beobachtungen, aber er konnte keinen Untergang bestätigen. Er hatte die Explosionen gehört, war dann vor der Valiant abgetaucht und bis an die Grenze der Zerstörung gesunken. Als sein Boot wieder sicher war, lag die britische Flotte längst hinter ihm.
Admiral Karl Dönitz lobte später die Ruhe und Entschlossenheit, mit der Tiesenhausen die Gelegenheit genutzt hatte. Zugleich war die Beinahe-Katastrophe des U-Bootes nicht zu übersehen. Ein einziger Fehler bei der Ballastbehandlung hatte U-331 fast ebenso sicher vernichtet wie britische Geschütze oder Wasserbomben.
Am 27. Januar 1942, genau an dem Tag, an dem Großbritannien den Verlust der Barham öffentlich machte, erhielt Tiesenhausen das Ritterkreuz. Er wurde befördert. Für die deutsche Propaganda war er der Mann, der mit einem kleinen U-Boot einen Giganten gefällt hatte.
Doch der Krieg gewährte seinen Siegern keine dauerhafte Rolle.
Im November 1942, während der alliierten Operation Torch, versenkte U-331 den amerikanischen Truppentransporter USS Leedstown. Kurz darauf wurde das Boot von Flugzeugen entdeckt, die von der HMS Formidable operierten.
Am 17. November 1942 ging U-331 unter.
Zweiunddreißig Männer starben. Siebzehn überlebten, darunter Tiesenhausen. Der Kommandant, der mehr als 800 britische Seeleute in den Tod geschickt hatte, wurde aus dem Meer gezogen und geriet in britische Gefangenschaft.
Tiesenhausen wurde später nach Kanada gebracht. Nach dem Krieg ließ er sich in Vancouver nieder, arbeitete als Architekt und widmete sich der Naturfotografie. Er starb im Jahr 2000.
Sein Leben dauerte fast sechs Jahrzehnte länger als die vier Minuten, die ihn berühmt gemacht hatten.
Was der geheime Film bewahrte
Das Wrack der HMS Barham liegt in mehr als 9.000 Fuß Tiefe. Seine genaue Lage wurde nie mit jener Sicherheit untersucht und dokumentiert, die bei leichter erreichbaren Wracks möglich ist. Es gilt als geschütztes Kriegsgrab. Die meisten Toten ruhen noch immer dort.
Ihre Namen stehen auf den Marineehrenmalen von Portsmouth, Plymouth und Chatham. In Stein gemeißelt wirken sie ordentlich, Zeile für Zeile.
Der Untergang selbst war das Gegenteil: Lärm, Dunkelheit, Öl, zerberstender Stahl und Männer, die in wenigen Sekunden entscheiden mussten, ob sie springen oder warten sollten.
Die Kamera von John Turner verwandelte diese Sekunden in ein Vermächtnis.
Gerade weil der Film stumm ist, wirkt er so verstörend. Man sieht den Rauch, aber hört die Schreie nicht. Man sieht die winzigen Menschen auf dem Rumpf, kennt aber ihre Namen nicht. Man sieht den Bug verschwinden, ohne zu spüren, wie kalt das Wasser war.
Die Aufnahmen zeigen auch eine Wahrheit, die Kriegsmeldungen gern verbergen: Große Schiffe sterben nicht würdevoll. Sie marschieren nicht in den Mythos. Sie kippen, brechen auseinander und ziehen Menschen mit sich.
Brian Samuels überlebte, weil er sich auf dem richtigen Deck befand, seine Schuhe auszog und einige Sekunden länger wartete als andere.
Ian Macdonald überlebte, weil eine Luftblase ihn aus einem Strudel hob.
Tiesenhausen überlebte, weil der Druckkörper seines U-Bootes in einer Tiefe hielt, für die es nicht gebaut worden war.
Hunderte weitere Männer überlebten durch eine offene Tür, einen zufälligen Griff, ein Stück Holz oder den schlichten Umstand, dass gerade Teezeit war.
Das ist vielleicht die letzte und grausamste Wendung der Geschichte.
Die Barham war jahrelang gegen Granaten gepanzert, mit schweren Geschützen bewaffnet und von acht Zerstörern bewacht. Doch am Ende entschieden keine dreizehn Zoll Stahl über Leben und Tod.
Es entschieden vierundzwanzig Sekunden.
Es entschied ein Sonarsignal, das wie ein Irrtum wirkte.
Es entschied, wer an diesem Nachmittag Tee trinken wollte.
Als der Rauch sich verzog, war das Meer wieder glatt. Die Queen Elizabeth, die Valiant und die Zerstörer fuhren weiter. U-331 entkam unter ihnen. In Großbritannien warteten Familien auf Nachrichten, die sie später nicht weitererzählen durften.
Und in einem verschlossenen Archiv lag ein Film, auf dem die Welt hätte sehen können, was geschehen war.
Vier Jahre lang blieb er verborgen.
Doch als die Bilder schließlich veröffentlicht wurden, zeigte sich etwas, das kein Geheimhaltungsbefehl mehr auslöschen konnte: Auf dem letzten sichtbaren Stück des kenternden Rumpfes bewegte sich noch ein Mensch.
Niemand kann mit Sicherheit sagen, wer er war.
Vielleicht erreichte er das Wasser. Vielleicht wurde er von der Explosion erfasst. Vielleicht gehört sein Name zu den Geretteten, vielleicht zu den 862 Namen auf den Denkmälern.
Der Film gibt keine Antwort.
Er lässt ihn für immer dort oben laufen: allein auf dem Kiel eines untergehenden Schlachtschiffes, zwischen Feuer und Meer, in den letzten Sekunden der HMS Barham.


