In der Nacht zum 8. April 1945 durfte im Konzentrationslager Buchenwald kein Licht zu sehen sein.

Hinter den elektrisch geladenen Zäunen, den Wachtürmen und den Baracken, in denen Tausende ausgemergelte Menschen auf Strohsäcken lagen, wussten die Häftlinge, dass der Krieg seinem Ende entgegenging. Sie hörten in der Ferne Artillerie. Sie sahen die Nervosität der SS-Männer. Sie bemerkten, wie Akten verschwanden, Fahrzeuge beladen und Gefangene in Kolonnen aus dem Lager getrieben wurden.
Die SS nannte es Evakuierung.
Die Häftlinge wussten, was dieses Wort bedeutete.
Wer das Lager verließ, sollte den anrückenden Amerikanern nicht mehr lebend in die Hände fallen. Bereits Tausende waren auf Todesmärsche geschickt worden. Menschen, die nicht weitergehen konnten, wurden am Straßenrand zurückgelassen oder erschossen. Niemand wusste, wann der Befehl kommen würde, auch die letzten Gefangenen aus Buchenwald zu entfernen.
In einem verborgenen Raum beugten sich zwei Männer über einen heimlich gebauten Kurzwellensender. Das Gerät war aus gestohlenen Teilen zusammengesetzt worden. Ein kleiner Generator lieferte den Strom. Jede Leitung, jede Schraube und jedes Stück Draht hätte bei einer Entdeckung das Todesurteil für alle Beteiligten bedeutet.
Die Hände des polnischen Häftlings Gwidon Damazyn zitterten nicht vor Angst, sondern vor Erschöpfung. Neben ihm wartete Konstantin Iwanowitsch Leonow. Sie lauschten in die Dunkelheit, während draußen Schritte über den Appellplatz hallten.
Dann begann Damazyn zu senden.
„An die Alliierten. An die Armee General Pattons. Hier Konzentrationslager Buchenwald. SOS. Wir bitten um Hilfe. Sie wollen uns evakuieren. Die SS will uns vernichten.“
Er wiederholte die Nachricht auf Deutsch, Englisch und Russisch.
Danach blieb nur das Rauschen.
Eine Minute verging.
Dann noch eine.
Vielleicht, dachte Damazyn, war die Reichweite zu gering. Vielleicht hatte niemand das Signal gehört. Vielleicht hatte irgendwo ein deutscher Funkpeiler die Übertragung aufgefangen und bereits einen Trupp losgeschickt.
Plötzlich bewegte sich der Zeiger.
Aus dem Rauschen formten sich Morsezeichen.
„KZ Buchenwald. Haltet aus. Wir eilen euch zu Hilfe. Stab der Dritten US-Armee.“
Die Männer sahen einander an. Niemand jubelte. Dazu war die Gefahr zu groß. Aber zum ersten Mal seit Jahren war durch die unsichtbaren Mauern des Lagers eine Antwort gedrungen.
Draußen stand der Wald schwarz gegen den Himmel.
In diesem Wald hatten einst Gefangene geschrien, bis die SS-Wachen den Ort den „singenden Wald“ nannten.
Nun kam aus der Dunkelheit eine andere Botschaft.
Haltet aus.
Drei Tage später erreichten Soldaten der 6. US-Panzerdivision das Lager. Noch bevor sie die Tore vollständig kontrollierten, hatten bewaffnete Mitglieder des illegalen Häftlingswiderstands begonnen, fliehende oder zurückgebliebene SS-Männer festzusetzen.
Am Nachmittag des 11. April betraten amerikanische Soldaten Buchenwald.
Was sie fanden, ließ selbst kampferprobte Männer verstummen.
Mehr als 21.000 Menschen lebten noch im Lager. Manche wogen kaum mehr als ein Kind. Ihre Gesichter bestanden aus eingefallenen Wangen, tiefen Augenhöhlen und Haut, die sich wie Papier über die Knochen spannte. Viele waren zu schwach, um aufzustehen. Andere streckten den Soldaten Hände entgegen, ohne die Kraft zu besitzen, ein Wort zu sagen.
Zwischen den Baracken lagen Tote.
Im Krematorium fanden die Amerikaner verkohlte Überreste und Leichen, die nicht mehr verbrannt worden waren. In Lagerräumen entdeckten sie konservierte menschliche Organe und tätowierte Hautstücke. Manche später verbreiteten Behauptungen, besonders jene über Lampenschirme aus Menschenhaut, blieben in Teilen umstritten. Doch die belegten Funde waren bereits entsetzlich genug. Niemand brauchte eine erfundene Grausamkeit, um das Verbrechen begreifbar zu machen.
General George S. Patton besichtigte Buchenwald wenige Tage später. Danach befahl er, Einwohner aus dem nahe gelegenen Weimar in das Lager zu bringen.
Viele behaupteten, sie hätten nichts gewusst.
Sie hatten den Rauch gesehen. Sie hatten Züge beobachtet, die Menschen auf den Ettersberg brachten. Einige hatten Häftlingskolonnen durch die Straßen ziehen sehen. Firmen und Behörden hatten Zwangsarbeiter angefordert. Dennoch wiederholten viele denselben Satz: Man habe von all dem nichts gewusst.
Die amerikanischen Soldaten ließen diese Erklärung nicht gelten.
Etwa tausend Bürger aus Weimar mussten den Weg nach Buchenwald gehen. Frauen mit Hüten, Männer in Mänteln, ältere Menschen und Jugendliche passierten das Tor mit der Inschrift „Jedem das Seine“. Sie gingen an Baracken vorbei, sahen die Überlebenden hinter dem Stacheldraht und betraten schließlich das Krematorium.
Einige begannen zu weinen.
Andere wandten den Blick ab.
Eine Frau brach zusammen.
Doch die amerikanischen Soldaten zwangen niemanden, an erfundene Propaganda zu glauben. Sie zwangen die Besucher lediglich hinzusehen.
Was sie ihnen nicht zeigen konnten, waren die Jahre vor der Befreiung. Sie konnten nicht sichtbar machen, wie aus Verwaltungsakten, Verordnungen, Befehlen und geduldetem Hass ein System entstanden war, in dem ein Mann wie Martin Sommer beinahe unbegrenzte Macht erhielt.
Und sie konnten die Stimmen derer nicht zurückbringen, die im Bunker von Buchenwald verschwunden waren.
Der Mann unter der Uniform
Walter Gerhard Martin Sommer wurde am 8. Februar 1915 als Sohn einer Bauernfamilie geboren. Nichts an seiner Herkunft deutete zwangsläufig darauf hin, dass sein Name eines Tages für Folter und Mord stehen würde.
Er war kein dämonisches Wesen, das außerhalb der Gesellschaft entstanden war.
Gerade darin lag das Beunruhigende.
Sommer war ein Mensch, der sich entschied, Teil eines Systems zu werden, das ihm Macht über Wehrlose versprach. 1931, noch vor Hitlers vollständiger Machtübernahme, trat er der NSDAP bei. Zwei Jahre später schloss er sich der SS an.
Damals brauchte das neue Regime Männer wie ihn.
Nach Januar 1933 verwandelten die Nationalsozialisten Deutschland nicht mit einem einzigen Gesetz in eine Diktatur. Die Entrechtung kam in Hunderten Verordnungen, Vorschriften und Verwaltungsentscheidungen. Jüdische Deutsche wurden Schritt für Schritt aus Berufen, Schulen, Geschäften und dem öffentlichen Leben gedrängt. Politische Gegner verschwanden. Nachbarn lernten wegzusehen. Beamte stempelten Dokumente. Arbeitgeber kündigten Mitarbeiter. Polizisten verhafteten Menschen, die am Tag zuvor noch durch dieselben Straßen gegangen waren.
Gewalt wurde nicht nur befohlen.
Sie wurde verwaltet.
Im März 1933 entstand bei München das Konzentrationslager Dachau. Anfangs wurden dort vor allem Kommunisten, Sozialdemokraten, Gewerkschafter und andere politische Gegner eingesperrt. Später kamen Juden, Zeugen Jehovas, Sinti und Roma, homosexuelle Männer und Menschen hinzu, die das Regime als „asozial“ oder „Berufsverbrecher“ abstempelte.
Unter Theodor Eicke entwickelte sich Dachau zum Modell für das gesamte Lagersystem. Dort lernten SS-Männer, Gefangene nicht als Menschen zu betrachten. Ein falsch gemachtes Bett, ein nicht schnell genug ausgeführter Befehl oder ein Blick in die falsche Richtung konnten zu Schlägen, Arrest oder Tod führen.
Die Wachmannschaften wurden darin geschult, Mitleid als Schwäche zu verachten.
Auch Sommer erhielt dort seine Ausbildung.
Er lernte, dass Hunger nicht nur eine Folge schlechter Versorgung, sondern ein Herrschaftsmittel war. Ein Mensch, der ständig nach Nahrung suchte, verlor Kraft zum Widerstand. Er lernte, dass Zwangsarbeit einen Gefangenen zugleich ausbeuten und zerstören konnte. Er lernte vor allem, wie leicht sich persönliche Grausamkeit hinter einem dienstlichen Befehl verbergen ließ.
Im Sommer 1937 wurde Sommer nach Buchenwald versetzt.
Das Lager war damals gerade erst errichtet worden. Es lag auf dem Ettersberg nahe Weimar, einer Stadt, die sich gern mit Goethe, Schiller und deutscher Kultur schmückte. Nur wenige Kilometer von den Häusern und Theatern entfernt entstand eine Welt, in der Menschen Nummern trugen und ihr Leben vom Blick eines Wachmannes abhängen konnte.
Buchenwald wuchs schnell. Politische Gefangene bildeten zunächst einen großen Teil der Häftlinge. Später wurden Männer aus fast allen von Deutschland besetzten Ländern dorthin verschleppt. Juden, Widerstandskämpfer, Kriegsgefangene, Geistliche, Sinti und Roma, Homosexuelle und deutsche Deserteure lebten hinter demselben elektrisch geladenen Zaun.
An den Wachtürmen standen Maschinengewehre.
Doch die gefährlichste Waffe war nicht immer eine Schusswaffe.
Manchmal war es ein Schlüsselbund in der Hand von Martin Sommer.
Der Bunker
Nahe dem Haupttor befand sich das Arrestgebäude, das die Häftlinge nur den Bunker nannten. Offiziell diente es der Bestrafung von Verstößen gegen die Lagerordnung. Tatsächlich war es ein Ort, an dem Gefangene verschwinden konnten, ohne dass die übrigen Häftlinge erfuhren, was mit ihnen geschah.
Sommer wurde Aufseher dieses Bunkers.
Hinter seiner scheinbar gewöhnlichen Bürotätigkeit verbarg sich eine private Herrschaft. Unter seinem Schreibtisch soll sich ein geheimes Fach befunden haben, in dem er Instrumente, Medikamente und Spritzen aufbewahrte. Gefangene sagten später aus, Sommer habe Menschen Phenol, Schlafmittel oder Luft in die Blutbahn injiziert.
Eine Injektion mit Luft konnte wie ein medizinischer Vorgang aussehen. Der Tod ließ sich als Herzversagen eintragen. Eine Akte wurde geschlossen, eine Nummer gestrichen, ein Leichnam zum Krematorium gebracht.
Manchmal geschah nicht einmal das sofort.
Zeugen berichteten, Sommer habe Tote über Nacht in seiner Zelle oder in der Nähe seines Schlafplatzes liegen lassen. Wenn am Morgen ein Karren kam, warf er den Körper selbst darauf, als entsorge er einen Gegenstand.
Auf dem Appellplatz und am sogenannten Prügelbock wurde die Gewalt öffentlich.
Ein Gefangener musste sich über den Block beugen. Die Beine wurden festgeschnallt. Dann erhielt er Stock- oder Peitschenhiebe. Doch der körperliche Schmerz war nur ein Teil der Strafe. Der Gefangene musste jeden Schlag laut mitzählen.
„Eins!“
Der Stock traf.
„Zwei!“
Noch ein Schlag.
Wer sich verzählte, vor Schmerz verstummte oder eine Zahl wiederholte, musste von vorn beginnen.
Ein Mann konnte zu 25 Schlägen verurteilt sein und 40, 50 oder 60 erhalten. Manche wurden bewusstlos vom Block getragen. Andere starben an den Verletzungen oder an Nierenversagen.
Sommer soll sich einmal über Blasen an seinen eigenen Händen beklagt haben, nachdem er einen Gefangenen so lange geschlagen hatte, dass selbst sein Körper die Belastung spürte.
Wenn ein anderer SS-Mann seiner Meinung nach nicht hart genug zuschlug, nahm Sommer den Stock an sich.
Er betrachtete Grausamkeit nicht als Ausbruch.
Er machte sie zur täglichen Arbeit.
Am Rand des Lagers standen Bäume, an denen Gefangene mit hinter dem Rücken zusammengebundenen Armen aufgehängt wurden. Durch das Hochziehen verdrehten sich die Schultergelenke. Das Gewicht des Körpers zog die Arme nach oben, bis Sehnen rissen oder Gelenke auskugelten.
Die Schreie waren im Lager zu hören.
SS-Männer sprachen spöttisch vom „singenden Wald“.
Der Name war ein zweifaches Verbrechen. Er bezeichnete nicht nur die Folter. Er verwandelte die Schmerzenslaute der Opfer in Unterhaltung.
Sommer soll Geistliche besonders gehasst haben. Ein Priester wurde im Winter im Freien aufgehängt und mit Wasser übergossen, bis Kälte und Eis seinen Körper überwältigten. Ein anderer wurde angegriffen, während er einem Sterbenden geistlichen Beistand leistete.
Doch der bekannteste Fall war der des österreichischen Priesters Otto Neururer.
Sechsunddreißig Stunden
Otto Neururer hatte keine Waffe getragen und keinen Anschlag geplant. Er war Priester in Tirol. Nach dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich hatte er einer jungen Frau von der Heirat mit einem Mann abgeraten, den er für ungeeignet und gefährlich hielt. Dieser Mann besaß Verbindungen zur nationalsozialistischen Partei.
Neururers seelsorgerischer Rat wurde als politische Beleidigung ausgelegt.
Er wurde verhaftet, nach Dachau verschleppt und später nach Buchenwald gebracht.
Im Lager bat ihn ein Mithäftling um eine Taufe. Neururer wusste, dass religiöse Handlungen streng bestraft werden konnten. Er wusste auch, dass die Bitte möglicherweise eine Falle war.
Trotzdem stimmte er zu.
Kurz darauf brachte man ihn in den Bunker.
Was dort genau geschah, wurde später aus Aussagen von Mithäftlingen und Zeugen rekonstruiert. Neururer soll an den Füßen aufgehängt worden sein, sodass sein Körper kopfüber hing. Das Blut drängte in seinen Kopf. Jede Bewegung verstärkte den Schmerz.
Stunde um Stunde verging.
Er schrie nicht um Gnade.
Er soll gebetet haben.
Nach 36 Stunden war Otto Neururer tot.
Die SS versuchte, seinen Tod zu verschleiern. Doch unter den Häftlingen verbreitete sich die Wahrheit. Ein Mann war ermordet worden, weil er selbst im Konzentrationslager noch das getan hatte, was er als seine Pflicht ansah.
Für Sommer war Neururer nur einer von vielen.
Gefangene wurden ausgehungert, in winzige Zellen gesperrt oder so aufgehängt, dass ihre Füße den Boden nicht berührten. Manche erhielten vergiftete Nahrung. Andere wurden mit Eisenstangen geschlagen. Zeugen berichteten von Körpern, die gewaltsam zusammengebogen, von Rücken, die mit harten Bürsten aufgerissen, und von Essig, der in offene Wunden gegossen wurde.
Es gab Berichte über einen Gefangenen, dessen Kopf in einem Schraubstock zerquetscht worden sei.
Manche Aussagen ließen sich später nicht mehr in jedem Detail überprüfen. Sommer und seine Verteidiger sollten sich genau daran klammern. Sie wussten, dass zwischen einem überlebenden Zeugen und einem gerichtsfesten Beweis oft eine Lücke lag.
Diese Lücke war von der SS absichtlich geschaffen worden.
Tote konnten nicht aussagen.
Krankenakten konnten gefälscht werden.
Leichen wurden verbrannt.
Die Überlebenden aber erinnerten sich.
Sie erinnerten sich an Sommers Stimme, seine Schritte im Flur und an das Geräusch seines Schlüsselbundes. Sie erinnerten sich daran, wie eine Zellentür geöffnet wurde und ein Gefangener danach nie wieder auf den Appellplatz zurückkehrte.
Und sie erinnerten sich an eine Frau, deren Name später fast ebenso berüchtigt werden sollte wie der ihres Mannes: Ilse Koch.
Die Macht der Kochs
Karl Otto Koch war Kommandant von Buchenwald. Seine Ehefrau Ilse bewegte sich im Umfeld der Lagerführung und nutzte die Macht ihres Namens. Nach späteren Zeugenaussagen provozierte sie Gefangene bewusst, beobachtete sie und meldete Männer, die sie angeblich unangemessen angesehen hatten.
Ein Blick konnte genügen.
Der Beschuldigte wurde abgeholt.
Im Bunker wartete Sommer.
Rund um die Kommandantur entstand ein Milieu, in dem Gewalt, Diebstahl und persönlicher Luxus nebeneinander existierten. Während Gefangene hungerten, bereicherten sich Funktionäre an beschlagnahmtem Eigentum. Während Menschen an Erschöpfung starben, veranstalteten SS-Angehörige gesellschaftliche Abende.
Das Lager war kein Ort, an dem jeder Täter ununterbrochen wie ein rasender Wahnsinniger wirkte.
Das machte es noch verstörender.
Dieselben Menschen, die tagsüber Gefangene misshandelten, konnten abends trinken, lachen, Musik hören und mit ihren Ehefrauen zusammensitzen. Am nächsten Morgen legten sie Uniformen an und setzten die Gewalt fort.
Sommer wurde innerhalb dieses Systems gefürchtet, aber lange nicht gestoppt.
Er war nützlich.
Er brachte Gefangene zum Schweigen. Er bestrafte, ohne Fragen zu stellen. Er wusste, wie man einen Tod als Krankheit oder Unfall erscheinen ließ.
Doch 1941 begannen selbst innerhalb der SS Zweifel an den Vorgängen in Buchenwald aufzukommen.
Nicht etwa, weil die Führung plötzlich das Leiden der Gefangenen entdeckt hätte.
Der wahre Grund war viel zynischer.
Es ging um gestohlenes Eigentum, Korruption und Morde, die nicht ordnungsgemäß genehmigt worden waren.
Wenn Mörder Mörder untersuchen
Josias zu Waldeck und Pyrmont, ein hoher SS- und Polizeiführer im Raum Weimar, erhielt Hinweise auf Unregelmäßigkeiten. Es folgten Befragungen von Wachleuten und Gefangenen. Berichte gelangten bis zu Heinrich Himmler.
Das NS-System hatte Millionen Menschen ihrer Rechte beraubt. Es hatte Konzentrationslager geschaffen und Massenmord organisiert. Dennoch besaß es interne Regeln darüber, wer töten, wer sich bereichern und wer Befehle erteilen durfte.
Karl Otto Koch hatte diese Grenzen überschritten.
1943 wurde der SS-Richter Georg Konrad Morgen mit weiteren Untersuchungen beauftragt. Morgen war kein Gegner des Konzentrationslagersystems. Er stellte nicht die Rechtmäßigkeit der Verfolgung infrage. Er untersuchte Verbrechen innerhalb des verbrecherischen Systems: persönliche Bereicherung, eigenmächtige Tötungen und Handlungen, die nicht durch Befehle gedeckt waren.
Diese Unterscheidung war moralisch grotesk.
Für die Opfer machte es keinen Unterschied, ob ihr Tod von Berlin angeordnet oder von Sommer persönlich beschlossen worden war.
Doch für die SS war genau das entscheidend.
Morgen stieß auf Korruption, verschwundene Wertgegenstände und verdächtige Todesfälle. Karl Otto Koch wurde angeklagt, verurteilt und im April 1945, kurz vor der Befreiung Buchenwalds, von der SS erschossen.
Ilse Koch entging in diesem internen Verfahren einer Verurteilung, weil die Beweise als unzureichend galten.
Auch Sommer geriet unter Druck.
Zeugen schilderten seine sadistischen Methoden. Die Ermittler kamen zu dem Schluss, dass seine Grausamkeit selbst nach den Maßstäben der SS krankhaft und exzessiv gewesen sei. Er wurde degradiert und aus seiner Stellung entfernt.
Aber er wurde nicht an die Familien seiner Opfer ausgeliefert.
Er wurde nicht vor ein unabhängiges Gericht gestellt.
Er wurde an die Front geschickt.
Dort sollte er sich, wie es hieß, bewähren.
Das war der erste bittere Twist: Das Regime bestrafte den Henker von Buchenwald nicht dafür, dass er Menschen gefoltert hatte. Es bestrafte ihn dafür, dass er eigenmächtig gehandelt und die Ordnung der Täter verletzt hatte.
Dann wendete sich der Krieg gegen ihn.
An der Ostfront wurde Sommer bei einer Explosion schwer verwundet. Sein rechter Arm und sein rechtes Bein mussten amputiert werden; sein verbliebener Arm war dauerhaft geschädigt. Der Mann, der Gefangene an ihren Armen hatte aufhängen lassen, war nun selbst auf fremde Hilfe angewiesen.
Doch körperliches Leid war keine Gerechtigkeit.
Es brachte keinen Ermordeten zurück.
Und es bedeutete keineswegs, dass Sommer für seine Taten verurteilt werden würde.
Die verlorenen Jahre
Am Ende des Krieges geriet Sommer in sowjetische Gefangenschaft. 1950 wurde er als Kriegsverbrecher eingestuft. Er blieb jahrelang in Haft, während sich Europa veränderte.
Deutschland war geteilt. Aus den früheren Alliierten waren Gegner im Kalten Krieg geworden. Die junge Bundesrepublik wollte Hunderttausende Vermisste und Gefangene aus der Sowjetunion zurückholen. Familien warteten auf Männer, von denen sie seit einem Jahrzehnt nichts gehört hatten.
1955 reiste Bundeskanzler Konrad Adenauer nach Moskau. Im Zusammenhang mit den anschließenden Vereinbarungen kehrten die letzten größeren Gruppen deutscher Gefangener zurück.
Unter ihnen befand sich Martin Sommer.
Er kam nicht in Handschellen nach Westdeutschland.
Er kam als schwer verwundeter Heimkehrer.
Das Bild hätte täuschen können: ein beinamputierter Mann, dem ein Arm fehlte und dessen verbliebene Hand kaum funktionierte. Jemand musste ihm beim Anziehen helfen. Jemand musste seinen Rollstuhl bewegen. Wer nur seinen Körper sah, konnte in ihm einen gebrochenen Kriegsveteranen erkennen.
Doch hinter diesem Körper lebte der ehemalige Bunkeraufseher von Buchenwald.
Zunächst wurde Sommer wegen seines Gesundheitszustandes als nicht verhandlungsfähig betrachtet. Er lebte in einer Versorgungseinrichtung und schien der Justiz zu entgleiten. Mehr als zehn Jahre waren seit den Morden vergangen. Viele Tatorte existierten nicht mehr. Dokumente waren zerstört. Zeugen lebten über Europa und die ganze Welt verstreut.
Ein Teil der deutschen Gesellschaft wollte nach vorn sehen.
Man sprach vom Wiederaufbau, vom Wirtschaftswunder und von einer neuen Zukunft. Hinter verschlossenen Türen saßen jedoch ehemalige Häftlinge, die nachts noch immer den Bunker sahen.
Für sie war Sommer nicht Vergangenheit.
Er war der Mann, dessen Schritte sie im Flur gehört hatten.
Ermittler begannen, Zeugenaussagen zusammenzutragen. Die Aufgabe war ungeheuer schwierig. Es genügte nicht zu beweisen, dass Sommer ein grausamer Wachmann gewesen war. Für eine Mordverurteilung mussten ihm konkrete Taten, Opfer und Absichten zugeordnet werden.
Sommer bestritt vieles.
Er behauptete, Aussagen seien übertrieben oder verwechselt worden. Sein körperlicher Zustand wurde zu einem stillen Teil der Verteidigung. Konnte dieser hilflose Mann wirklich jener gefürchtete SS-Aufseher sein?
Die Zeugen kannten die Antwort.
Einer nach dem anderen berichtete von den Zellen, den Injektionen, den Schlägen und den Leichen. Manche Stimmen stockten. Andere klangen nach all den Jahren erstaunlich nüchtern. Sie wussten, dass jede Übertreibung der Verteidigung helfen konnte.
Sie erzählten nicht nur, was Sommer getan hatte.
Sie erklärten, wie das System funktionierte: wie Gefangene ausgewählt, in den Bunker gebracht und aus den Listen entfernt wurden; wie Totenscheine falsche Ursachen nannten; wie Angst dafür sorgte, dass niemand Fragen stellte.
Das Gericht musste hinter den schwer verletzten Mann im Rollstuhl sehen.
Es musste den jungen SS-Mann erkennen, der einst einen Schlüsselbund getragen und sich im Bunker wie ein Herr über Leben und Tod bewegt hatte.
Der Prozess
1958 begann in Bayreuth der Prozess gegen Martin Sommer.
Der Gerichtssaal war kein Krematorium, kein Bunker und kein Appellplatz. Er war hell, geordnet und von Regeln bestimmt. Gerade diese Normalität wirkte wie ein Gegensatz zu den Taten, über die dort gesprochen wurde.
Sommer saß im Rollstuhl.
Die Anklage warf ihm die Ermordung zahlreicher Häftlinge vor. Nicht alle bekannten oder vermuteten Taten konnten verhandelt werden. Bei manchen fehlten Namen, bei anderen waren die Zeugen tot. Die Jahre hatten Spuren ausgelöscht, die zur Zeit des Lagers absichtlich nicht dokumentiert worden waren.
Doch mehrere Fälle ließen sich rekonstruieren.
Überlebende beschrieben Sommer als Mann, der Gefangene nicht im Affekt, sondern kontrolliert gequält habe. Er habe Injektionen vorbereitet, Strafen angeordnet und Methoden gewechselt. Es ging nicht um einen einzelnen Gewaltausbruch.
Es ging um ein Muster.
Sommer versuchte, Verantwortung auf Befehle, Vorgesetzte und andere Wachleute zu verteilen. Das war die vertraute Sprache vieler NS-Prozesse: Niemand hatte entschieden, jeder hatte nur gehorcht, und am Ende schien das Verbrechen geschehen zu sein, ohne dass ein Täter existierte.
Doch Sommer war nicht lediglich ein kleines Rad gewesen.
Im Bunker hatte er Handlungsspielraum besessen.
Er hatte ihn genutzt.
Das Gericht verurteilte ihn wegen mehrfachen Mordes zu lebenslangem Zuchthaus. Im Mittelpunkt standen nachweisbare Tötungen, darunter Morde durch Injektionen. Für zahllose weitere Opfer gab es keine eigene gerichtliche Feststellung mehr.
Das Urteil löste keine einfache Genugtuung aus.
Ein Mann war verurteilt worden, doch viele seiner Opfer blieben namenlos. Er hatte Jahre nach dem Krieg als Gefangener und später als Pflegebedürftiger gelebt, während Familien nicht einmal wussten, wo die Asche ihrer Angehörigen lag.
Und dann kam die nächste Wendung.
Sommer verbrachte den Rest seines Lebens nicht in einer gewöhnlichen Gefängniszelle.
Seine schwere Behinderung machte intensive Pflege notwendig. Er wurde in einer Haft- und Pflegeeinrichtung untergebracht. Der Staat, dessen Justiz ihn verurteilt hatte, sorgte dafür, dass er Nahrung, medizinische Betreuung und ein Bett erhielt.
Genau jene Dinge, die er seinen Opfern genommen hatte.
Für manche Überlebende war das kaum zu ertragen. Doch darin lag der Unterschied zwischen einem Rechtsstaat und dem System, dem Sommer gedient hatte. Gerechtigkeit durfte nicht bedeuten, seine Methoden zu übernehmen. Ein verurteilter Mörder blieb ein Mensch mit gesetzlichen Rechten.
Sommer starb 1988 im Alter von 73 Jahren in einem Gefängniskrankenhaus.
Er starb in einem Bett.
Es gab eine Akte über seinen Tod.
Ein Arzt stellte das Ende seines Lebens fest.
Niemand warf seinen Körper auf einen Karren und ließ seine Angehörigen über die Ursache im Unklaren.
Der letzte Zeuge
Heute ist der ehemalige Bunker von Buchenwald still.
Besucher gehen durch Räume, in denen jeder Schritt widerhallt. Die Zellen sind leer. Keine Stimme zählt Peitschenhiebe. Kein Schlüssel dreht sich nachts im Schloss.
Doch die Stille bedeutet nicht, dass nichts mehr dort ist.
An den Wänden haften die Erinnerungen der Überlebenden. In Archiven liegen Aussagen, Briefe und Gerichtsakten. Namen, die Sommer zu Nummern machen wollte, wurden wieder sichtbar gemacht.
Die Befreiung Buchenwalds war nicht der Moment, in dem die Geschichte endete. Für die Überlebenden begann danach ein anderer Kampf: Sie mussten leben, obwohl ihre Familien ermordet worden waren. Sie mussten erzählen, obwohl viele Menschen nicht zuhören wollten. Sie mussten vor Gerichten beweisen, was in einer Welt geschehen war, die gerade deshalb geschaffen worden war, keine Beweise zu hinterlassen.
Martin Sommer hatte vermutlich geglaubt, der Bunker werde sein Geheimnis bewahren.
Er hatte Tote verbrennen lassen.
Er hatte Akten manipuliert.
Er hatte Gefangene so lange gequält, bis ihre Stimmen verstummten.
Doch er übersah etwas.
Nicht jeder starb.
Einige überlebten den Prügelbock. Einige kamen aus dem Bunker zurück. Einige hörten die Schreie anderer und prägten sich die Namen ein. Einige sahen, welche Spritzen Sommer benutzte und wohin die Leichen gebracht wurden.
Am 8. April 1945 sendeten Gefangene aus Buchenwald ein Signal in die Nacht. Sie wussten nicht, ob jemand antworten würde. Dennoch nahmen sie das Risiko auf sich.
„Wir bitten um Hilfe.“
Drei Tage später kamen die Amerikaner.
Dreizehn Jahre später saß Sommer vor Gericht.
Zwischen diesen beiden Ereignissen lagen zerstörte Beweise, politische Interessen, Schweigen und die Hoffnung vieler Täter, dass die Zeit ihre Verbrechen bedecken würde.
Aber die Zeit tat es nicht vollständig.
Sie verwandelte die Stimmen der Opfer in Zeugenaussagen.
Sie verwandelte das heimliche Wissen in Akten.
Und sie verwandelte den Mann, der im Bunker über Leben und Tod entschieden hatte, in einen Angeklagten, der zuhören musste, während seine Opfer seine Taten beschrieben.
Vielleicht ist das der erschütterndste Twist der Geschichte.
Sommer wurde nicht von einem mächtigeren Henker besiegt. Er wurde von Menschen zu Fall gebracht, die er für wehrlos gehalten hatte.
Von Häftlingen, deren Namen er auslöschen wollte.
Von Zeugen, die er zum Schweigen bringen wollte.
Von Überlebenden, die sich weigerten, zu vergessen.
Als die Bürger von Weimar im April 1945 durch das Lagertor gingen, sahen sie die sichtbaren Überreste des Verbrechens. Sie sahen Tote, Krematoriumsöfen und ausgemergelte Menschen.
Was sie nicht sehen konnten, war der lange Schatten, den Buchenwald über die folgenden Jahrzehnte werfen würde.
Dieser Schatten reichte bis in den Gerichtssaal von Bayreuth.
Er reichte bis zum Bett, in dem Martin Sommer 1988 starb.
Und er reicht bis heute zu jedem Menschen, der vor der Frage steht, wie eine Gesellschaft auf offenes Unrecht reagiert.
Mit Widerstand?
Mit Gleichgültigkeit?
Oder mit dem Satz, den nach 1945 so viele wiederholten?
„Wir haben nichts gewusst.“
Die Geschichte Buchenwalds zeigt, dass Verbrechen dieses Ausmaßes nicht nur Täter benötigen. Sie benötigen Formulare, Transporte und Lieferverträge. Sie benötigen Beamte, Nachbarn und Zuschauer. Sie benötigen Menschen, die Gerüchte hören und beschließen, nicht nachzufragen.
Doch dieselbe Geschichte zeigt auch das Gegenteil.
Ein versteckter Draht kann eine Nachricht nach draußen tragen.
Ein Gefangener kann sich einen Namen merken.
Ein Überlebender kann Jahre später vor Gericht treten.
Und eine Stimme, die ein Henker längst zum Schweigen gebracht glaubte, kann zurückkehren.
Im „singenden Wald“ von Buchenwald waren die Schreie einst Teil des Terrors gewesen.
Am Ende wurden sie zu Beweisen.
Martin Sommer hatte Schlüssel, Waffen und die Macht der SS besessen. Seine Opfer hatten scheinbar nichts.
Doch sie besaßen etwas, das er nicht vollständig zerstören konnte:
die Erinnerung.
Und genau diese Erinnerung öffnete dreizehn Jahre nach der Befreiung noch einmal die Tür des Bunkers – diesmal nicht, um ein neues Opfer hineinzubringen, sondern um den Henker selbst seiner Vergangenheit gegenüberzustellen.


