Amon Göth glaubte, Płaszów gehöre ihm wie ein Königreich aus Angst – doch am Ende standen die Stimmen der Überlebenden gegen ihn

Amon Göth glaubte, Płaszów gehöre ihm wie ein Königreich aus Angst – doch am Ende standen die Stimmen der Überlebenden gegen ihn

Im März 1938 rollten deutsche Truppen über die österreichische Grenze, und in vielen Straßen klang es nicht nach Besatzung, sondern nach Fest.

Nazi-Todesengel & seine schrecklichen Menschenversuche an Auschwitz-Insassen - Josef Mengele

Menschen warfen Blumen auf Fahrzeuge, reckten die Arme in die Höhe und riefen Hitlers Namen, als hätte sich ein lange erwarteter Traum erfüllt. In Wien und Linz drängten sich Menschenmassen, um den Mann zu sehen, der Österreich nicht nur in das Deutsche Reich eingliederte, sondern vielen das Gefühl gab, Teil einer größeren, gefährlichen Macht zu werden. Fahnen hingen aus Fenstern. Kinder wurden auf Schultern gehoben. Erwachsene weinten vor Begeisterung.

Doch hinter diesem Jubel begann sofort eine andere Geschichte.

Während die einen feierten, packten andere in Panik ihre Koffer. Jüdische Familien suchten nach Pässen, Geld, Kontakten, irgendeinem Weg aus einem Land, das über Nacht enger geworden war. Regimegegner, Sozialisten, Priester, Intellektuelle und Menschen, deren Namen bereits in Akten standen, spürten, dass die Grenze zwischen Alltag und Verfolgung verschwunden war. Was gestern noch Drohung gewesen war, wurde heute Uniform, Befehl, Stempel und offene Gewalt.

In dieser Atmosphäre trat ein Mann hervor, der den Anschluss nicht als Katastrophe, sondern als Sieg verstand: Amon Leopold Göth.

Er war 1908 in Wien geboren worden, Sohn einer katholischen Familie, die mit Büchern und Kunst handelte. Auf den ersten Blick war das kein Hintergrund, aus dem man einen späteren Lagerkommandanten erwartet hätte. Keine Ruine, kein Hunger, keine Kindheit in völliger Verwahrlosung, die als einfache Erklärung dienen könnte. Göth kam aus einer bürgerlichen Welt, in der Bücher verkauft, Rechnungen geschrieben und Sonntage wahrscheinlich ordentlich begangen wurden.

Doch in ihm wuchs früh etwas anderes.

Seine Schulzeit verlief unruhig. Er hielt es in Internaten nicht lange aus, zeigte wenig Ausdauer und schien nie wirklich in die Erwartungen seiner Familie hineinzupassen. Der Weg in das Buchgeschäft der Eltern war eher Ersatz als Berufung. Schon als Jugendlicher wurde er von radikalen nationalsozialistischen Ideen angezogen. Die Sprache von Stärke, Blut, Nation und Feind gab ihm offenbar etwas, das Schule, Arbeit und Familie ihm nicht geben konnten: ein Gefühl von Bedeutung.

Er trat früh der NSDAP bei, in einer Zeit, in der diese Bewegung in Österreich noch illegal war. Wer damals mitmachte, tat es nicht nur aus Bequemlichkeit. Es bedeutete geheime Treffen, Propaganda, Waffenschmuggel, Sprengstoff, Hass und die Bereitschaft, die eigene Heimat von innen zu destabilisieren. Göth gehörte zu jenen österreichischen Nationalsozialisten, die später als „alte Kämpfer“ gelten sollten. Männer, die sich nicht erst anschlossen, als der Sieg sicher war, sondern schon vorher bereit waren, Gewalt als politisches Werkzeug zu benutzen.

Ab 1933 verschärften österreichische Nazis ihren Terror. Es gab Anschläge, illegale Flugblätter, Grenzschmuggel und Versuche, das Land in Richtung Berlin zu treiben. Göth wurde wegen des Verdachts verfolgt, Sprengstoff transportiert zu haben. Er floh nach Deutschland, kehrte zurück, arbeitete weiter als Kurier und brachte Waffen, Funkgeräte und Material über die Grenze.

Er wurde verhaftet, kam mangels Beweisen frei und machte weiter.

1934 scheiterte der nationalsozialistische Putsch in Österreich. Bundeskanzler Engelbert Dollfuß wurde ermordet, doch die Machtübernahme gelang nicht. Für viele österreichische Nationalsozialisten war das ein Rückschlag. Für Göth war es nur eine Verzögerung. Er floh erneut nach Deutschland und wartete auf den Moment, in dem das, wofür er gearbeitet hatte, Wirklichkeit werden würde.

Dieser Moment kam 1938.

Als Österreich in das Deutsche Reich eingegliedert wurde, öffnete sich für Männer wie Göth ein neuer Weg. Aus illegalem Fanatismus wurde Karriere. Aus Parolen wurden Uniformen. Aus Hass wurde Verwaltung.

Und genau dort begann die eigentliche Dunkelheit seiner Geschichte.

Nach dem Anschluss heiratete Göth, versuchte zeitweise ein äußerlich normales Leben zu führen und trat immer tiefer in die Strukturen des Regimes ein. 1939 begann der Krieg. 1940 wurde er Mitglied der SS. Was früher geheime Aktivität gewesen war, wurde nun staatlich organisierte Gewalt. Göth erhielt Rang, Aufgabe, Vorgesetzte und Opfer.

1942 wurde er nach Lublin geschickt, in das Zentrum eines der mörderischsten Kapitel der deutschen Besatzungspolitik in Polen. Dort arbeitete er im Umfeld von Odilo Globocnik, einem der zentralen Organisatoren der Aktion Reinhard. Unter diesem Namen wurden die jüdischen Gemeinden des Generalgouvernements systematisch erfasst, beraubt, deportiert und vernichtet. Ganze Familien wurden aus Ghettos getrieben, in Züge gepfercht und in Lager geschickt, aus denen nur wenige zurückkehrten.

Göth lernte hier nicht nur Befehle.

Er lernte die Logistik des Todes.

Menschen wurden zu Listen, Kolonnen, Transporten, Arbeitskräften, Nummern. Ein Kind, das an der Hand seiner Mutter ging, erschien in einem Bericht nicht als Kind, sondern als Teil einer Maßnahme. Ein alter Mann, der auf der Straße zusammenbrach, wurde nicht als Mensch gesehen, sondern als Hindernis. Die Sprache des Systems machte aus Mord Verwaltung.

Göth passte in diese Welt.

Anfang 1943 erhielt er eine Aufgabe, die seinen Namen für immer mit einem Ort verbinden sollte: Kraków-Płaszów.

Das Lager entstand auf dem Gelände zweier jüdischer Friedhöfe. Schon diese Tatsache war eine Botschaft. Grabsteine wurden herausgerissen, Wege damit gepflastert, Erde aufgewühlt, Erinnerung geschändet. Wo Tote geruht hatten, sollten nun Lebende schuften, hungern und sterben.

Zunächst war Płaszów ein Zwangsarbeitslager. Später wurde es ausgebaut, erweitert, mit Stacheldraht, Wachtürmen, Werkstätten, Baracken und Lagerbereichen versehen. Männer, Frauen, jüdische Gefangene, polnische Häftlinge, Zwangsarbeiter und Wachmannschaften lebten in streng getrennten Zonen. Doppelte Zäune, elektrische Sicherungen und bewaffnete Posten machten deutlich, dass Flucht kaum möglich war.

Als Göth die Herrschaft übernahm, soll er den Gefangenen eine Botschaft gegeben haben, die alles über sein Selbstbild verriet.

„Ich bin euer Gott.“

Ob er jedes Wort genau so sagte, wurde später unterschiedlich überliefert. Doch für die Häftlinge war der Sinn unmissverständlich. In Płaszów entschied nicht Recht über Leben und Tod. Nicht Schuld, nicht Arbeit, nicht Alter. Göth entschied.

Und Göth wollte, dass jeder das wusste.

Der Morgen im Lager begann mit Appell. Ausgemergelte Menschen standen in Reihen, oft bei Kälte, Regen oder Schnee. Wer schwankte, fiel auf. Wer zu spät war, fiel auf. Wer krank aussah, fiel auf. In Płaszów konnte Auffallen tödlich sein.

Nach dem Appell wurden die Gefangenen zur Arbeit getrieben. Steinbrüche, Werkstätten, Straßenbau, Fabriken, Baracken, Transportkommandos. Die Arbeit war nicht nur wirtschaftliche Ausbeutung. Sie war eine Methode, Menschen zu zerbrechen. Hunger schwächte sie, Schläge beschleunigten alles, und die ständige Angst fraß die letzten Reste von Schlaf.

Die Lagerordnung war eine Fassade. Dahinter stand Willkür.

Wer versuchte zu fliehen, wurde erschossen. Wer beim Diebstahl von Nahrung erwischt wurde, konnte hundert Peitschenhiebe bekommen. Wenn jemand erfolgreich entkam, ließ Göth mitunter jeden zehnten Gefangenen aus dem betroffenen Kommando erschießen. Es ging nicht darum, eine Tat zu bestrafen. Es ging darum, Angst so tief in die Körper der Überlebenden zu schreiben, dass sie noch Jahre später zitterten, wenn sie davon erzählten.

Göth liebte öffentliche Strafen.

Er ließ Gefangene antreten, zwang andere zuzusehen und machte den Tod zum Schauspiel. Manchmal griff er selbst zur Waffe. Nicht heimlich, nicht hastig, nicht aus einer Situation heraus. Er schoss, um gesehen zu werden. Ein Gefangener ging zu langsam. Ein anderer ruhte sich einen Moment aus. Jemand trug eine Last falsch. Jemand sah in die falsche Richtung.

Ein Schuss.

Dann noch einer.

Die Leiche blieb zurück, bis jemand den Befehl bekam, sie fortzuschaffen.

Besonders gefürchtet war seine Villa auf dem Hügel. Von dort aus konnte er Teile des Lagers überblicken. Überlebende berichteten, Göth habe vom Balkon oder aus Fenstern auf Gefangene geschossen, als seien sie Zielscheiben. Für die Menschen unten wurde der Blick zur Gefahr. Niemand wusste, ob er gerade beobachtet wurde. Niemand wusste, ob ein Schritt, eine Bewegung oder eine Pause der letzte Fehler sein würde.

Wenn Göth seinen Tiroler Hut trug, verbreitete sich im Lager eine besondere Panik.

Häftlinge wussten: Heute konnte es schlimm werden.

Auch seine Hunde wurden Teil des Terrors. Sie waren darauf dressiert, Menschen anzugreifen. Für die Gefangenen war das Bellen nicht einfach ein Geräusch. Es war eine Warnung, die durch die Baracken fuhr wie ein elektrischer Schlag.

Die Grausamkeit war nicht immer laut. Manchmal lag sie in der Erwartung.

Ein Koch bereitete Suppe zu und wusste nicht, ob sie zu heiß, zu kalt, zu salzig oder zu dünn war. Ein Diener brachte Kleidung und wusste nicht, ob eine Falte genügen würde. Ein Handwerker fertigte Schuhe und wusste nicht, ob Leder, Größe oder Form seinen Tod bedeuten konnten. Göth lebte in einem Zustand dauernder Laune, und seine Laune war für andere Menschen tödlich.

Während die Gefangenen hungerten, lebte er wie ein Herrscher.

Er hatte ein Auto, Pferde, Bedienstete, Fahrer, Mechaniker, Schneider, Friseure, Köche und persönliche Hilfen. In seiner Villa wurde getrunken, gegessen, gefeiert. Dort gab es Möbel, Teppiche, Silber, Kleidung und Dinge, die aus jüdischem Besitz geraubt worden waren. Jeder Gegenstand erzählte eine stumme Geschichte. Vielleicht hatte ein Kind einmal auf diesem Teppich gespielt. Vielleicht hatte eine Frau dieses Kleid für einen Feiertag gekauft. Vielleicht war ein Familienbild aus demselben Zimmer verschwunden, bevor Göth es in seinen Besitz brachte.

Der Reichtum der Opfer wurde zur Kulisse des Täters.

Dabei zeigte sich die ganze Heuchelei der nationalsozialistischen Ideologie. Die SS predigte Rassenwahn, Reinheit, Disziplin und Opferbereitschaft. Göth dagegen plünderte, trank, misshandelte, bereicherte sich und nutzte seine Stellung für persönliche Macht. Er tat, was viele Täter taten: Er benutzte die Ideologie, wenn sie ihm Macht gab, und brach sie, wenn seine Begierden stärker waren.

Jüdische Frauen waren für ihn Opfer, Beute und Mittel der Demütigung. Bedienstete in seiner Villa lebten mit der ständigen Angst, dass ein falsches Wort, ein verschüttetes Glas oder ein Blick zur Gewalt führen würde. Wer ihm nahe war, war nicht sicherer. Er war nur näher am Abgrund.

Doch Płaszów war nicht Göths einziges Verbrechen.

Er wurde auch in die Liquidierung von Ghettos und Lagern in Südpolen einbezogen. Chrzanów, Biała, Kraków, Tarnów. Namen von Städten, in denen jüdisches Leben über Generationen gewachsen war, wurden zu Stationen einer Vernichtungspolitik.

Tarnów war besonders erschütternd.

Vor dem Krieg lebte dort eine große jüdische Gemeinde. In manchen Straßen prägten jüdische Geschäfte, Schulen, Gebetshäuser und Vereine den Alltag. Familien kannten einander, Kinder liefen durch Höfe, Händler öffneten morgens ihre Läden. Dann kamen deutsche Besatzung, Ghettoisierung, Zwangsarbeit, Hunger und Deportation.

Ab 1942 begannen die großen Aktionen. Menschen wurden aus Häusern geholt, auf Plätze getrieben, geschlagen, sortiert. Wer jung und arbeitsfähig wirkte, hatte vielleicht noch einige Wochen oder Monate. Alte, Kranke, Mütter mit kleinen Kindern und Menschen, die nicht schnell genug gingen, wurden oft sofort erschossen oder in Transporte geschickt.

Die Straßen wurden zu Tatorten.

Auf Plätzen, an Friedhöfen, in Höfen und am Stadtrand starben Menschen, deren einziges Verbrechen ihre Herkunft war. Die Überlebenden wurden in ein engeres Ghetto gezwungen, wo Hunger, Krankheit und Angst weitergingen. Dann kamen neue Selektionen, neue Transporte, neue Schüsse.

Schließlich wurde Tarnów für „judenfrei“ erklärt.

Ein Wort wie ein Verwaltungsstempel. Kalt, bürokratisch, mörderisch.

Nach dem Krieg sagten Zeugen aus, Göth habe bei solchen Aktionen persönlich Menschen erschossen, darunter Frauen und Kinder. Auch hier ging es nicht um Distanz. Er war kein Schreibtischtäter, der nur unterschrieb. Er stand dort, sah die Menschen, hörte ihre Stimmen und tötete trotzdem.

Und doch begann sein Sturz nicht, weil die SS plötzlich Mitleid mit seinen Opfern gehabt hätte.

Das ist einer der bittersten Twists dieser Geschichte.

Göth geriet nicht zuerst wegen Mordes in Gefahr, sondern wegen Diebstahls.

Im System der Täter galt jüdisches Eigentum als Besitz des Reiches. Schmuck, Devisen, Teppiche, Möbel, Kunstwerke und Wertgegenstände sollten offiziell erfasst, verteilt oder weitergeleitet werden. Göth jedoch behandelte vieles als privaten Besitz. Er plünderte für sich selbst, lagerte Güter, bereicherte sich und verletzte damit die Ordnung der Räuber.

Für seine Opfer war diese Unterscheidung absurd. Ob ihr Ring in einer Reichskasse, in einem SS-Lager oder in Göths privater Sammlung landete, änderte nichts daran, dass er gestohlen war. Doch für die SS war entscheidend, wer stehlen durfte.

Ende August 1944 wurden Waren beschlagnahmt. Am 13. September 1944 wurde Göth seines Postens enthoben und verhaftet. Die offiziellen Vorwürfe lauteten auf Bereicherung, Unterschlagung jüdischen Eigentums, Missachtung von Lagervorschriften, schlechte Versorgung von Gefangenen und weitere Regelverstöße.

Nicht Menschlichkeit brachte ihn zu Fall.

Gier brachte ihn zu Fall.

Płaszów wurde einem anderen Kommandanten unterstellt. Anfang 1945, als die Rote Armee näher rückte, wurde das Lager aufgelöst. Spuren sollten beseitigt werden. Leichen wurden exhumiert und verbrannt, Akten zerstört, Gefangene weitergetrieben. Die Täter wussten, dass sie Beweise hinterließen. Also versuchten sie, die Erde selbst zum Schweigen zu bringen.

Aber Erde schweigt nicht für immer.

Göth wurde zunächst wieder freigelassen, erneut festgenommen, dann zum Militär zurückbeordert. Wegen gesundheitlicher Probleme kam er in ein Lazarett. Der Mann, der in Płaszów wie ein unantastbarer Herrscher gewirkt hatte, wurde nun von der zusammenbrechenden Kriegsmaschinerie hin und her geschoben. Der Krieg, den er begrüßt hatte, fraß auch seine eigene Macht.

Im Mai 1945 wurde er von amerikanischen Ermittlern festgenommen. Anfangs war er nur ein weiterer Verdächtiger in einem Meer von Uniformen, Lügen und falschen Namen. Doch bald wurde klar, wen man vor sich hatte.

Amon Göth.

Der Kommandant von Płaszów.

Der Mann aus den Aussagen der Überlebenden.

Er wurde inhaftiert, schließlich an Polen ausgeliefert und 1946 in Kraków vor Gericht gestellt. Nicht weit von den Orten entfernt, an denen er einst Menschen hatte zusammentreiben, quälen und töten lassen, musste er nun zuhören, wie seine Taten benannt wurden.

Die Anklage war gewaltig.

Er wurde verantwortlich gemacht für den Tod Tausender Menschen in Płaszów, für Morde während der Liquidierung des Krakauer Ghettos, für Deportationen und Tötungen in Tarnów und anderen Orten, für die brutale Führung eines Lagers und für die Plünderung jüdischen Eigentums.

Göth bestritt die Vorwürfe.

Wie so viele Täter behauptete er, nur Befehle ausgeführt zu haben. Er stellte sich als Soldat dar, als Teil einer Hierarchie, als jemand, der nicht persönlich verantwortlich sei. Doch die Zeugenaussagen zeichneten ein anderes Bild. Sie beschrieben keinen Mann, der widerwillig Befehle erfüllte. Sie beschrieben einen Mann, der Macht genoss.

Zeugen erinnerten sich an seinen Balkon.

An seine Hunde.

An seine Schüsse.

An seine Wut.

An Menschen, die wegen Nichtigkeiten starben.

An die Angst, die morgens mit dem Appell begann und nachts nicht endete.

Göth zeigte vor Gericht keine erkennbare Reue. Berichte schildern ihn als kalt, arrogant, fast gelangweilt. Er soll sich während der Verhandlung um seine Fingernägel gekümmert haben, als ginge es nicht um Menschenleben, sondern um eine lästige Formalität.

Vielleicht glaubte er noch immer, dass seine Opfer nicht gegen ihn gewinnen konnten.

Doch diesmal standen sie nicht im Lager.

Diesmal mussten sie nicht den Blick senken.

Diesmal hörte ein Gericht zu.

Am 5. September 1946 wurde Amon Göth schuldig gesprochen und zum Tod durch den Strang verurteilt.

Acht Tage später, am 13. September 1946, wurde er im Montelupich-Gefängnis in Kraków hingerichtet. Der Ort lag nahe genug an seinem früheren Machtbereich, um fast wie eine grausame historische Klammer zu wirken. Dort, wo er einst Leben ausgelöscht hatte, endete nun sein eigenes.

Seine letzten Worte sollen „Heil Hitler“ gewesen sein.

Wenn sie so fielen, waren sie keine Überraschung. Keine späte Einsicht. Kein Bruch. Kein Mensch, der im letzten Moment vor der Wahrheit erschrak. Nur ein Mann, der bis zuletzt an der Welt festhielt, die ihm erlaubt hatte, seine Grausamkeit in Uniform zu kleiden.

Die Hinrichtung verlief nicht glatt. Die Schlinge musste mehrfach angepasst werden, weil das Seil zunächst nicht passte. Für manche wurde dieses Detail später zu einem makabren Symbol. Der Mann, der anderen den Tod so beiläufig gebracht hatte, fand selbst kein würdiges Ende. Sein Körper wurde verbrannt, seine Asche in die Weichsel gestreut.

Von ihm blieb kein Grab, an dem man trauern musste.

Doch von seinen Opfern blieb ebenfalls oft kein Grab.

Und genau darin liegt die eigentliche Schwere der Geschichte.

Amon Göth wurde verurteilt. Er starb. Sein Name wurde in Akten, Büchern und Filmen zum Symbol. Aber die Menschen, die er erschießen ließ, hatten Namen, Stimmen, Familien, Hoffnungen, Berufe, kleine Gewohnheiten, Lieblingsspeisen, Lieder, Gebete und Erinnerungen. Viele davon wurden mit ihnen ausgelöscht.

Ein Vater in Kraków, der seiner Tochter versprach, bald werde alles besser.

Eine Mutter in Tarnów, die beim Packen nicht wusste, ob sie Brot oder Fotos mitnehmen sollte.

Ein Junge in Płaszów, der lernte, nicht zu rennen, nicht zu stehen, nicht zu atmen, wenn Göth in der Nähe war.

Eine Frau in der Villa, die jeden Teller mit zitternden Händen trug.

Ein Arbeiter, der im Steinbruch zusammenbrach und wusste, dass Schwäche gesehen werden konnte.

Diese Menschen waren nicht Kulisse.

Sie waren die Geschichte.

Göth wollte, dass sie Nummern wurden. Er wollte, dass sein Wille das Einzige war, was zählte. In Płaszów baute er ein kleines Reich aus Angst, in dem ein Hut, ein Hund, ein Schritt oder ein Löffel Suppe den Unterschied zwischen Leben und Tod bedeuten konnte.

Doch sein Reich hielt nicht.

Nicht, weil es von innen moralisch erwachte. Nicht, weil seine Kameraden plötzlich begriffen, was sie getan hatten. Es brach, weil der Krieg verloren ging, weil Akten auftauchten, weil Zeugen überlebten, weil Polen nach der Befreiung Täter vor Gericht stellte und weil einige Stimmen lauter waren als die Lügen.

Das ist der letzte, entscheidende Twist.

Göth besaß Waffen, Rang, Villa, Hunde, Wächter, Fahrzeuge und die Macht des Staates. Seine Opfer besaßen fast nichts. Keine Freiheit. Kein Eigentum. Oft nicht einmal genug Kraft, um aufrecht zu stehen.

Aber einige besaßen Erinnerung.

Und Erinnerung wurde zur Anklage.

Als Göth 1946 vor Gericht saß, kehrte Płaszów zurück. Nicht als Lager, sondern als Aussage. Nicht als Ort, den die SS noch kontrollieren konnte, sondern als Wahrheit, die aus den Mündern der Überlebenden kam.

Er hatte geglaubt, Angst könne alles verschlucken.

Er hatte geglaubt, Feuer könne Spuren vernichten.

Er hatte geglaubt, wer Menschen auf Listen reduziert, lösche auch ihre Menschlichkeit.

Doch vor Gericht geschah das Gegenteil.

Jede Aussage gab einem Ermordeten ein Stück Würde zurück. Jeder Name riss ein Loch in die Fassade des „Befehls“. Jede Erinnerung zeigte, dass hinter der kalten Sprache der Täter echte Menschen standen.

Der Anschluss von 1938 hatte mit Jubel begonnen. Für viele klang er wie der Beginn einer neuen Größe. Für andere war er der Moment, in dem Türen zufielen. Aus dieser historischen Öffnung für Fanatiker trat Amon Göth hervor, erst als illegaler Aktivist, dann als SS-Mann, dann als Kommandant eines Lagers, in dem er sich für unantastbar hielt.

Acht Jahre später hing er in Kraków am Strang.

Zwischen diesen beiden Bildern liegt die ganze Warnung dieser Geschichte: Ein System des Terrors entsteht nicht an einem einzigen Tag. Es wächst aus Parolen, aus Zustimmung, aus Schweigen, aus Karrierehunger, aus Nachbarn, die wegsehen, aus Beamten, die stempeln, aus Männern, die sich plötzlich groß fühlen, wenn andere machtlos sind.

Und es endet nicht automatisch, wenn der Krieg endet.

Es endet erst, wenn Menschen hinschauen.

Wenn sie Namen sammeln.

Wenn sie aussagen.

Wenn sie sich weigern, Täter nur als Figuren der Vergangenheit zu betrachten.

Amon Göth starb 1946. Doch die Frage, die seine Geschichte hinterlässt, ist älter und gefährlicher als sein Name:

Wie weit kann ein Mensch gehen, wenn eine ganze Ordnung ihm sagt, dass seine Opfer nicht mehr zählen?

Płaszów gab darauf eine entsetzliche Antwort.

Die Überlebenden gaben eine andere.

Sie bewiesen, dass selbst ein Mann, der sich „Gott“ über ein Lager nannte, am Ende nur ein Angeklagter sein konnte, sobald die Menschen, die er vernichten wollte, ihre Stimmen zurückbekamen.