Hermann Fegelein: Der SS-Offizier, Der In Hitlers Nähe Aufstieg Und Im Bunker Wie Ein Verräter Endete

Hermann Fegelein: Der SS-Offizier, Der In Hitlers Nähe Aufstieg Und Im Bunker Wie Ein Verräter Endete

Am 3. Juni 1944, drei Tage bevor alliierte Soldaten an den Stränden der Normandie landen würden, feierte die Spitze des nationalsozialistischen Regimes noch einmal, als könne sie den Untergang mit Champagner, Uniformen und höfischen Gesten betäuben.

Die Hinrichtung von Hitlers "Schwager", Nazi-Kommandant & Kindermörder - Hermann Fegelein

Deutschland hungerte. Die Städte brannten unter Bombenangriffen. Familien standen für Brot an, während an der Front Hunderttausende starben. In den Ruinen von Hamburg, Köln, Berlin und München suchten Menschen nach Angehörigen, Möbeln, Fotos, irgendeinem Rest ihres früheren Lebens.

Doch in Salzburg und am Obersalzberg wurde Hochzeit gefeiert.

Nicht irgendeine Hochzeit.

Hermann Fegelein, ein ehrgeiziger SS-Offizier, heiratete Gretel Braun, die Schwester von Eva Braun. Damit wurde er nicht nur Teil der Braun-Familie, sondern auch auf eine gefährliche Weise mit Hitlers engstem privaten Kreis verbunden. Hitler selbst, Heinrich Himmler und Martin Bormann waren Zeugen der Zeremonie im Schloss Mirabell. Eva Braun hatte alles geplant. Drei Tage lang wurde gefeiert, als stünde das Reich nicht vor dem Abgrund.

Es war eines der letzten großen gesellschaftlichen Ereignisse der NS-Elite.

Und mittendrin stand ein Mann, dessen Karriere nicht auf Größe beruhte, sondern auf Opportunismus, Gewalt und der Fähigkeit, immer dort zu stehen, wo Macht verteilt wurde.

Hermann Fegelein lächelte.

Der Bräutigam sah aus wie ein Gewinner.

Doch hinter diesem Lächeln lagen Polen, Belarus, die Ukraine, brennende Dörfer, Massengräber und Berichte über Tausende ermordete Menschen.

Fegelein war kein ideologischer Denker wie manche Funktionäre des Regimes. Er war kein großer Stratege. Kein Mann, der Geschichte schrieb, weil er eine Vision hatte. Er war gefährlicher auf eine andere Weise: ein Karrierist, der spürte, welche Seite ihm Vorteile brachte, und der bereit war, für diese Vorteile jede Grenze zu überschreiten.

Geboren wurde Hermann Fegelein am 30. Oktober 1906 in Ansbach, im damaligen Deutschen Kaiserreich. Sein Vater betrieb in München eine Reitschule. Dort wuchs Fegelein in einer Welt von Pferden, Turnieren, Disziplin und gesellschaftlichen Kontakten auf. Er lernte früh, wie man sich bewegt, wie man Eindruck macht, wie man Menschen für sich gewinnt. Er wurde ein talentierter Reiter und nahm an Springwettbewerben teil.

Auf den ersten Blick war das der Beginn einer sportlichen Laufbahn.

Doch Fegelein war nicht nur ehrgeizig.

Er war unruhig, unbeherrscht und bereit, Regeln zu brechen, wenn sie ihm im Weg standen.

1925 trat er in das Bayerische Reiter-Regiment Nr. 17 ein, verließ es aber 1928 wieder. Im selben Jahr begann er eine Laufbahn bei der Bayerischen Landespolizei als Offiziersanwärter. Auch dort hätte er sich eine Zukunft aufbauen können. Doch schon bald zeigte sich, dass Fegelein ein Problem mit Grenzen hatte. Er galt als schwer kontrollierbar, als jemand, der seine Wut nicht immer beherrschte.

Im Sommer 1929 endete seine Polizeikarriere abrupt.

Der Grund war nicht politischer Mut, nicht ein Prinzipienstreit, nicht ein dramatischer Bruch mit einer alten Ordnung. Fegelein soll in das Büro eines Vorgesetzten eingebrochen sein, um Prüfungsantworten zu stehlen.

Es war ein kleiner Vorgeschmack auf ein größeres Muster.

Wenn Fegelein etwas wollte, nahm er es.

Später behauptete er, er habe die Polizei verlassen, weil er der NSDAP und der SS besser dienen wollte. Diese Version klang heroischer. Sie passte besser zu dem Mann, der sich nach oben verkaufen wollte. Aber der Makel blieb: Schon früh war er nicht nur ehrgeizig, sondern auch skrupellos.

Sein Vater öffnete der nationalsozialistischen Bewegung die Türen der Reitschule. SS-Leute konnten dort zusammenkommen, Reitvereine der Partei nutzten Anlage und Pferde. Für Fegelein wurde dieser Ort zur Eintrittskarte in eine neue Welt.

Im August 1930 trat er der NSDAP und der SA bei. 1933 wechselte er zur SS.

Das Timing war perfekt.

Im Januar 1933 wurde Adolf Hitler Reichskanzler. Aus einer Republik wurde in kurzer Zeit eine Diktatur. Gegner wurden verfolgt, Gewerkschaften zerschlagen, Parteien verboten, Juden ausgegrenzt, Gewalt zum politischen Werkzeug erhoben. Für Menschen mit Gewissen begann eine Zeit der Angst. Für Männer wie Fegelein öffnete sich eine Karriereleiter.

Er verstand schnell, dass im neuen Deutschland nicht Anstand belohnt wurde, sondern Treue, Härte, Anpassung und die Bereitschaft, schmutzige Aufgaben zu erledigen.

Fegelein leitete weiter die Reitschule seines Vaters und wurde durch seine Arbeit bei der Vorbereitung von Reitanlagen für die Olympischen Sommerspiele 1936 in Berlin auffällig. Heinrich Himmler, der Reichsführer SS, bemerkte ihn.

Das war der entscheidende Moment.

Himmler sah in Fegelein offenbar mehr als nur einen Reiter. Er sah einen jungen, ehrgeizigen SS-Mann, brauchbar, gefällig, charmant genug, um in Kreise vorzudringen, und brutal genug, um Befehle auszuführen. Fegelein verstand, wie man Himmler schmeichelte. Er wirkte beweglich, modern, energisch.

Bald galt er als eine Art Liebling Himmlers.

Himmler behandelte ihn beinahe wie einen Sohn und förderte ihn auffallend stark. 1937 wurde Fegelein Kommandeur der SS-Haupt-Reitschule in München, die auf Himmlers Befehl gegründet worden war. Er stieg schneller auf, als seine tatsächlichen Fähigkeiten es allein erklärt hätten.

Doch das Regime belohnte nicht nur Können.

Es belohnte Nützlichkeit.

Und Fegelein war nützlich.

Als am 1. September 1939 der Zweite Weltkrieg mit dem deutschen Angriff auf Polen begann, zeigte sich, wohin diese Nützlichkeit führen würde. Innerhalb weniger Wochen wurde Polen von Deutschland und der Sowjetunion überfallen, besetzt und aufgeteilt. Für die Bevölkerung begann eine Zeit systematischer Unterdrückung, Deportation und Mordpolitik.

Fegelein war nun nicht mehr nur der Reiteroffizier aus München.

Er wurde Teil einer Mordmaschinerie.

Am 15. November 1939 wurde das SS-Totenkopf-Reiter-Regiment 1 unter Himmlers Einfluss massiv erweitert, von vier auf dreizehn Schwadronen. Es rekrutierte unter anderem Volksdeutsche aus dem besetzten Polen. Formal standen solche Einheiten oft im Zusammenhang mit Ordnungspolizei, SS-Strukturen und sogenannten Sicherheitsaufgaben.

Die Sprache klang bürokratisch.

Die Realität war mörderisch.

Offiziell ging es um die Bekämpfung von Banden und Partisanen. Tatsächlich beteiligten sich Fegeleins Einheiten an Gewalt gegen Zivilisten, darunter polnische Eliten: Lehrer, Priester, Ärzte, lokale Würdenträger, Menschen, die vor dem Krieg bereits auf Listen standen. Wer als Träger polnischer Identität, Bildung oder gesellschaftlicher Autorität galt, konnte zum Ziel werden.

Diese Opfer wurden nicht zufällig getötet.

Sie wurden ausgesucht.

Sie wurden erschossen.

Sie verschwanden in Massengräbern.

Am 7. Dezember 1939 war Fegeleins Einheit an einem Massaker im Kampinos-Wald beteiligt, bei dem etwa 1.700 Menschen ermordet wurden. Solche Taten waren Teil einer größeren Gewaltwelle, die in Polen etwa 100.000 Menschen das Leben kostete.

Fegeleins Karriere war nun endgültig mit Blut verbunden.

Doch selbst innerhalb eines verbrecherischen Systems fiel er durch Skandale auf.

Mitte Dezember 1939 wurde sein Regiment geteilt. In den Einheiten herrschten Probleme: Waffenmangel, Versorgungsengpässe, Diebstahl, Korruption. Fegelein selbst geriet vor ein Kriegsgericht. Man warf ihm vor, Geld und Schmuck gestohlen zu haben, um sie nach Deutschland zu bringen.

Es blieb nicht dabei.

Er wurde außerdem beschuldigt, aus Habgier gemordet und Beziehungen zu polnischen Frauen gehabt zu haben. Für die Nationalsozialisten war das nicht aus Menschlichkeit ein Problem, sondern wegen ihrer rassistischen Ideologie. Polinnen galten ihnen als minderwertig. Eine solche Beziehung galt als Verstoß gegen ihre eigenen rassistischen Regeln.

Als eine seiner Geliebten schwanger wurde, soll Fegelein sie zur Abtreibung gedrängt haben.

Reinhard Heydrich, Chef des Reichssicherheitshauptamtes, wollte Fegelein mehrfach untersuchen lassen. Heydrich war selbst kein Mann der Milde. Wenn sogar er Vorwürfe gegen Fegelein verfolgen wollte, sagt das viel über das Ausmaß der Skandale.

Doch Fegelein hatte einen Schutzschild.

Heinrich Himmler.

Immer wieder schob Himmler die Vorwürfe beiseite. Der Mann, der für unzählige Menschen den Tod organisierte, bewahrte seinen Schützling vor Konsequenzen. Fegelein lernte dadurch eine gefährliche Lektion: Solange er den richtigen Gönner hatte, konnte er fast alles überstehen.

1940 nahm Deutschland den Krieg im Westen auf. Am 10. Mai begann der Angriff auf Frankreich, Belgien, Luxemburg und die Niederlande. Innerhalb von sechs Wochen wurden die Länder besiegt oder besetzt. Frankreich musste den Waffenstillstand in demselben Eisenbahnwaggon unterschreiben, in dem Deutschland 1918 seine Niederlage im Ersten Weltkrieg besiegelt hatte.

Hitler wollte nicht nur gewinnen.

Er wollte demütigen.

Fegelein nahm an diesem Feldzug teil und erhielt im Dezember 1940 das Eiserne Kreuz zweiter Klasse. Seine Laufbahn ging weiter. Die Skandale in Polen schadeten ihm kaum. Im Gegenteil: Seine Gewaltbereitschaft und Himmlers Schutz machten ihn für neue Aufgaben geeignet.

Dann kam der 22. Juni 1941.

Operation Barbarossa.

Der deutsche Angriff auf die Sowjetunion.

Mit diesem Feldzug erreichte der Krieg eine neue Dimension der Vernichtung. Für Hitler und die NS-Führung war der Osten nicht nur militärisches Gebiet. Er war ideologischer Raum. Dort sollten „Feinde“ ausgelöscht, Juden ermordet, Slawen unterworfen, Land erobert und ganze Gesellschaften zerstört werden.

Fegelein und seine Einheit wurden an die Ostfront geschickt.

Schon die Logistik zeigte die Härte des Feldzuges. Die Pferde waren erschöpft, die Männer wurden teilweise auf Lastwagen in die Kampfgebiete gebracht, die Artillerie musste mit allem bewegt werden, was verfügbar war. Doch hinter diesen militärischen Problemen stand ein viel dunklerer Auftrag.

Himmler befahl Fegeleins Einheit, in Gebieten von Belarus und der Ukraine Partisanen zu bekämpfen.

In der Sprache der SS bedeutete das oft: Zivilisten töten.

Besonders jüdische Menschen gerieten ins Zentrum der Mordaktionen. Feindliche Soldaten in Uniform konnten als Kriegsgefangene behandelt werden. Wer keine Uniform trug, wurde oft sofort erschossen. Jüdische Männer wurden massenhaft getötet, nur einzelne Spezialisten wie Ärzte oder Handwerker zeitweise ausgenommen.

Doch selbst das reichte Himmler offenbar nicht.

Er erteilte den Befehl, alle jüdischen Männer über vierzehn Jahre zu erschießen. Frauen und Kinder sollten in Sümpfe getrieben werden, um dort zu ertrinken. Als sich herausstellte, dass das Wasser zu flach war oder keine geeigneten Sümpfe vorhanden waren, wurden auch Frauen und Kinder erschossen.

Die Morde wurden häufig als „Partisanenbekämpfung“ getarnt.

Das war die Sprache des Verbrechens.

Sie verwandelte Mütter in „Verdächtige“, Kinder in „Sicherheitsproblem“, Dörfer in „Operationsgebiet“ und Massenmord in „Maßnahme“.

Fegeleins eigener Schlussbericht sprach von rund 16.000 getöteten Menschen.

Die Verluste seiner Einheit: 17 Tote, 36 Verwundete, 3 Vermisste.

Diese Zahlen zeigen die brutale Asymmetrie. Es war kein Kampf zweier gleich starker Gegner. Es war die systematische Ermordung von Menschen, die dem Vernichtungswillen der SS ausgeliefert waren.

Und wieder blieb Fegelein nicht skandalfrei.

Im Oktober 1941 wurden erneut Diebstahlsvorwürfe gegen ihn erhoben. Wieder griff Himmler ein. Wieder verschwanden Konsequenzen. Im Dezember 1942 wurde Fegelein zweimal schwer durch Scharfschützenfeuer verwundet. 1943 nahm seine Einheit weiter an sogenannten Anti-Partisanen-Operationen teil, bei denen Dörfer zerstört, Vieh beschlagnahmt und Zivilisten getötet wurden.

Doch während andere im Schlamm der Ostfront starben oder nach Niederlagen verschwanden, bewegte sich Fegelein weiter nach oben.

Im Januar 1944 wurde er in Hitlers Hauptquartier versetzt. Himmler schickte ihn als Verbindungsoffizier der SS in den Stab des Führers. Damit rückte Fegelein in den innersten Kreis des Regimes vor.

Dort wurde er nicht geliebt.

Viele aus Hitlers Umgebung verachteten ihn. Albert Speer, Hitlers Architekt und späterer Rüstungsminister, nannte Fegelein einen der widerlichsten Menschen in Hitlers Umfeld.

Aber Fegelein brauchte keine Liebe.

Er brauchte Zugang.

Und den hatte er nun.

Am 3. Juni 1944 heiratete er Gretel Braun. Für Fegelein war diese Ehe mehr als eine private Verbindung. Sie brachte ihn näher an Eva Braun und damit an Hitlers private Sphäre. Ob er Gretel wirklich liebte, ist fraglich. Viele sahen in der Hochzeit eine Karriereentscheidung. Fegelein war bekannt für Affären und einen Lebensstil, der mehr auf Genuss als auf Treue ausgerichtet war.

Traudl Junge, Hitlers letzte Privatsekretärin, erinnerte sich nach dem Krieg, Fegelein habe einmal gesagt, für ihn zähle nur seine Karriere und ein Leben voller Vergnügen.

Dieser Satz passt erschreckend gut zu ihm.

Während Millionen litten, suchte Fegelein Vorteile.

Während sein Regiment mordete, sammelte er Auszeichnungen.

Während das Reich zerfiel, feierte er Hochzeit.

Drei Tage nach dieser Hochzeit landeten die Alliierten in der Normandie. Der 6. Juni 1944 wurde zum Wendepunkt im Westen. Deutschland kämpfte nun an mehreren Fronten gegen eine Übermacht, die Schritt für Schritt näher rückte.

Und dann kam der 20. Juli 1944.

Claus Schenk Graf von Stauffenberg brachte eine Bombe in Hitlers Hauptquartier Wolfsschanze. Der Anschlag scheiterte. Hitler überlebte. Fegelein war anwesend und wurde leicht am linken Oberschenkel verletzt.

Der gescheiterte Anschlag löste eine Welle der Rache aus.

Mehr als 7.000 Menschen wurden verhaftet. Etwa 4.980 wurden hingerichtet, oft auf dürftiger Beweislage oder im Zusammenhang mit weit gefassten Verdächtigungen. Der Volksgerichtshof unter Roland Freisler inszenierte Schauprozesse, in denen Angeklagte gedemütigt und zum Tod verurteilt wurden. Später verzichtete das Regime teilweise auf solche Verfahren, weil einige Angeklagte es wagten, Hitler und das Regime vor Gericht anzugreifen.

Fegelein zeigte dabei keinen Abscheu.

Im Gegenteil.

Er soll gerne Fotos von erhängten Verschwörern herumgezeigt haben.

So war er: nicht nur Mitläufer, sondern ein Mann, der sich am Untergang anderer noch profilierte.

Doch die Macht, an die er sich geklammert hatte, begann endgültig zu zerfallen.

Anfang 1945 lag das Dritte Reich am Boden. Im Osten rückte die Rote Armee vor, im Westen die Alliierten. Städte wurden zerstört. Flüchtlinge flohen vor den Fronten. Die NS-Führung redete weiter von Endsieg, während in Wirklichkeit nur noch die Frage blieb, wie viele Menschen sie auf dem Weg in die Niederlage mitreißen würde.

Am 16. Januar 1945 zog Hitler in den Führerbunker unter der Reichskanzlei in Berlin.

Es war kein Hauptquartier eines Siegers mehr.

Es war ein Betonloch unter einer sterbenden Hauptstadt.

Am 21. April erreichte die Rote Armee die Außenbezirke Berlins. Die Lage war hoffnungslos. In diesen letzten Tagen wurden Befehle gegeben, die niemand mehr ausführen konnte. Karten wurden betrachtet, auf denen Armeen standen, die längst zerschlagen waren. Hitler tobte über Verrat, Feigheit und Versagen, während draußen Granaten einschlugen.

Und Hermann Fegelein tat, was Opportunisten tun, wenn die Macht kippt.

Er suchte den Ausgang.

Fegelein verließ seinen Posten im Führerbunker. Hitler ließ nach ihm suchen. SS-Männer fanden ihn in einer Berliner Wohnung, betrunken, in Zivilkleidung, offenbar bereit zur Flucht. Es hieß, er habe versucht, in Richtung Schweden oder Schweiz zu entkommen.

Bei ihm fand man Geld und Schmuck. Unter den Wertgegenständen sollen sich Stücke befunden haben, die eindeutig zur Familie Braun gehörten. Noch brisanter: In seinem Gepäck wurden Unterlagen gefunden, die auf Heinrich Himmlers Versuch hinwiesen, mit den Westalliierten über Frieden zu verhandeln.

Für Hitler war das der endgültige Verrat.

Himmler, sein alter Reichsführer SS, hatte hinter seinem Rücken Kontakt zum Feind gesucht. Fegelein, Himmlers Verbindungsmann und zugleich Hitlers angeheirateter Schwager, wurde nun zum lebenden Symbol dieser Demütigung.

Er wurde verhaftet und in den Bunker zurückgebracht.

Eva Braun versuchte, für ihn zu bitten. Gretel Braun war hochschwanger. Fegelein war ihr Ehemann. Vielleicht wollte Eva ihre Schwester vor der völligen Katastrophe bewahren. Vielleicht hoffte sie, dass die familiäre Verbindung noch etwas bedeutete.

Aber im Bunker bedeutete fast nichts mehr etwas.

Hitler war nicht in einer Stimmung der Gnade.

Er ließ Fegelein degradieren und ein Militärverfahren einleiten. Nach Aussagen von Traudl Junge wurde Fegelein am 29. April 1945, im Alter von 38 Jahren, in den Garten der Reichskanzlei gebracht und erschossen.

Sie sagte später, er sei „wie ein Hund“ erschossen worden.

Andere Berichte, besonders die Aussagen, die der Journalist James P. O’Donnell nach dem Krieg sammelte, geben ein noch chaotischeres Bild. Demnach ordnete Hitler an, dass General Wilhelm Mohnke ein Kriegsgericht bilden sollte. Mohnke erinnerte sich, Fegelein sei so betrunken gewesen, dass er weinte, erbrach und auf den Boden urinierte. Er habe sich geweigert, Hitler zu antworten, und erklärt, er sei nur Himmler verantwortlich.

Mohnke soll das Verfahren abgebrochen haben, weil deutsches Militär- und Zivilrecht verlangte, dass ein Angeklagter verhandlungsfähig und bei klarem Bewusstsein sein müsse. Danach sei Fegelein dem Sicherheitsdienst übergeben worden. Mohnke sah ihn nie wieder.

Ob als sofortige Exekution oder nach einem abgebrochenen Verfahren: Das Ergebnis blieb dasselbe.

Hermann Fegelein verschwand im letzten Blutrausch des Regimes, dem er so lange gedient hatte.

Einen Tag später, am 30. April 1945, begingen Hitler und Eva Braun Selbstmord.

Das Reich, für das Fegelein gemordet, gelogen, gestohlen und Karriere gemacht hatte, überlebte ihn nur um Stunden.

Gretel Braun überlebte den Krieg. Am 5. Mai 1945 brachte sie eine Tochter zur Welt: Eva Barbara Fegelein. Das Kind erhielt den Namen jener Tante, die wenige Tage zuvor im Bunker gestorben war.

Doch auch diese Nachgeschichte blieb nicht frei von Schatten. Eva Barbara nahm sich im April 1971 das Leben, nachdem ihr Freund bei einem Autounfall gestorben war. Gretel Braun heiratete später erneut und starb 1987 im Alter von 72 Jahren.

Hermann Fegeleins Ende war kein heroischer Untergang.

Es war das Ende eines Mannes, der immer geglaubt hatte, sich durch Nähe zur Macht retten zu können.

Er hatte sich Himmler angedient. Er hatte von dessen Schutz profitiert. Er hatte trotz Skandalen Karriere gemacht. Er hatte in Polen, Belarus und der Ukraine an Verbrechen mitgewirkt, die Tausende Menschen das Leben kosteten. Er hatte sich durch Heirat in Hitlers private Nähe gebracht. Er hatte gefeiert, während Deutschland in Flammen stand.

Und als die Macht zusammenbrach, versuchte er zu fliehen.

Genau darin liegt die letzte bittere Wendung seiner Geschichte.

Fegelein war dem Regime treu, solange das Regime ihm nützte.

Als es ihn nicht mehr schützen konnte, wollte er weg.

Doch er hatte zu lange in der Nähe des Abgrunds getanzt. Am Ende zog ihn genau diese Nähe hinunter.

Niemand weinte um Hermann Fegelein.

Nicht die Opfer seiner Einheiten.

Nicht die Dörfer, die in den sogenannten Anti-Partisanen-Aktionen zerstört wurden.

Nicht die Familien der ermordeten Juden in Belarus und der Ukraine.

Nicht die polnischen Angehörigen jener Menschen, die in Wäldern erschossen und in Massengräbern verscharrt wurden.

Nicht einmal die Geschichte schenkte ihm Mitleid.

Denn Fegelein war kein tragischer Mann.

Er war ein Beispiel dafür, wie weit ein skrupelloser Opportunist in einem verbrecherischen System aufsteigen konnte. Er zeigte, dass der Nationalsozialismus nicht nur fanatische Ideologen brauchte, sondern auch Karrieristen, Abenteurer, Diebe, Schmeichler und Männer, die Gewalt als Aufstiegsmittel begriffen.

Sein Leben begann in einer Reitschule.

Es führte über SS-Kasernen, Massaker, Orden, Intrigen und eine Hochzeit im Schatten Hitlers.

Es endete betrunken, entehrt, verhaftet und erschossen im letzten Chaos Berlins.

Hermann Fegelein wollte immer auf der Seite der Sieger stehen.

Doch am Ende stand er nur noch auf der Seite der Verlorenen, der Verräter und der Toten.

Und das vielleicht grausamste Detail ist nicht, dass er fiel.

Sondern dass so viele Unschuldige sterben mussten, bevor ein Mann wie er endlich nicht mehr fliehen konnte.