Am 1. Oktober 1946 war der Saal in Nürnberg stiller als sonst. Die Männer auf der Anklagebank wussten, dass dieser Tag nicht nur über ihr eigenes Leben entscheiden würde. Er würde darüber entscheiden, ob die Welt nach dem größten Verbrechen des Jahrhunderts überhaupt fähig war, ein neues Wort für Verantwortung zu finden.

Vor den Richtern des Internationalen Militärgerichtshofs saßen einundzwanzig Angeklagte. Männer, die Ministerien geführt, Armeen befehligt, Gesetze unterschrieben, Fabriken ausgebeutet, Länder überfallen und Menschen in den Tod geschickt hatten. Manche hatten Uniformen getragen, andere Anzüge. Einige wirkten noch immer stolz. Andere starrten auf den Tisch. Wieder andere spielten die Ahnungslosen, als hätte die Geschichte sie zufällig in diesen Gerichtssaal gespült.
Doch einer von ihnen fiel selbst unter den Männern des untergegangenen Regimes auf.
Julius Streicher.
Er war kein General, der Divisionen kommandiert hatte. Kein Außenminister, der Verträge brach. Kein Lagerkommandant, der direkt über Selektionen entschied. Und doch sollte er sterben. Nicht wegen eines Befehls an eine Armee. Nicht wegen eines unterzeichneten Deportationsplans. Sondern wegen Worten. Wegen Zeitungen. Wegen Bildern. Wegen jahrelanger Hetze, die Menschen erst zu Feinden, dann zu Ungeziefer, dann zu Leichen machte.
Als die Richter seine Schuld verlasen, stand im Raum eine Frage, die weit über diesen einen Mann hinausging: Kann ein Mensch wegen Propaganda zum Mörder werden?
Die Antwort von Nürnberg lautete: Ja.
Aber um zu verstehen, wie ein ehemaliger Lehrer aus einem kleinen Ort in Bayern zu einem der berüchtigtsten Hetzer des Nationalsozialismus wurde, muss man weit vor diesen Gerichtstag zurückgehen. Zurück in ein Dorf bei Augsburg. Zurück zu einem Jungen, der in einer Lehrerfamilie aufwuchs. Zurück zu einem Mann, der früh lernte, dass man mit lauter Stimme andere einschüchtern konnte.
Julius Streicher wurde am 12. Februar 1885 in Fleinhausen geboren, als neuntes Kind einer katholischen Familie. Sein Vater war Volksschullehrer. Bildung, Ordnung, Gehorsam, Autorität, all das gehörte zu seiner Kindheit. Später wurde auch Julius Lehrer. Ab 1904 stand er selbst vor Schulkindern, erklärte, befahl, kontrollierte.
Doch schon früh fiel er nicht nur durch Fleiß auf. Menschen, die ihn kannten, beschrieben ihn als hitzig, rechthaberisch, brutal im Ton. Er wollte nicht überzeugen, er wollte dominieren. Was bei einem Lehrer als Strenge erscheinen konnte, wurde später in der Politik zu einer gefährlichen Waffe: die Freude daran, andere herabzusetzen.
1909 kam Streicher nach Nürnberg. Die Stadt sollte sein Reich werden, sein Schauplatz, seine Bühne. 1913 heiratete er Kunigunde Roth, die Tochter eines Bäckers und Bierwirtes aus Bamberg. Zwei Söhne wurden geboren. Nach außen war es das Leben eines bürgerlichen Mannes: Beruf, Ehe, Kinder, Ansehen.
Dann kam der Erste Weltkrieg.
1914 meldete sich Streicher freiwillig. Er diente im Königlich Bayerischen Reserve-Infanterie-Regiment Nr. 6. Obwohl er wegen Disziplinlosigkeit auffiel, stieg er bis zum Leutnant auf und erhielt das Eiserne Kreuz erster und zweiter Klasse. Der Krieg gab Männern wie ihm eine neue Sprache: Opfer, Verrat, Feind, Ehre, Rache.
Als Deutschland 1918 verlor, wurde die Niederlage für viele nicht als militärisches Scheitern akzeptiert, sondern als Demütigung. Die Waffenruhe von Compiègne am 11. November 1918 wurde für Nationalisten zum Symbol eines angeblichen Verrats. In Straßen, Wirtshäusern und Versammlungssälen entstanden Legenden. Man suchte Schuldige. Man suchte Feinde im Inneren.
Streicher fand sie schnell.
1919 trat er dem Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbund bei, einer antisemitischen, extrem nationalistischen Organisation. Dort entdeckte er, dass Hass Publikum brachte. Er war kein feiner Theoretiker, kein kühler Ideologe. Er war ein Schreihals mit Instinkt für die niedrigsten Reflexe. Er verstand, dass Lüge nicht elegant sein musste, wenn sie oft genug wiederholt wurde.
In Nürnberg half er beim Aufbau der Deutschen Sozialistischen Partei, einer extrem rechten Gruppierung, die antikatholisch, antimarxistisch und vor allem antisemitisch war. Doch selbst dort war Streicher manchen zu radikal, zu vulgär, zu besessen. Er wollte den Antisemitismus nicht als Nebenthema. Er wollte ihn ins Zentrum stellen. Alles musste auf den Judenhass zulaufen.
1922 brach die DSP auseinander. Am 20. Oktober desselben Jahres gründete Streicher in Nürnberg eine Ortsgruppe der NSDAP. Adolf Hitler war anwesend. Für Streicher wurde diese Begegnung fast religiös. Er sah in Hitler den Mann, dem er dienen wollte. Hitler wiederum erkannte in Streicher einen nützlichen Fanatiker, besonders in Franken, wo die Partei eine harte, lärmende Stimme brauchte.
Streicher gehörte bald zur „alten Garde“. Er war keiner, der erst kam, als die Macht sicher war. Er marschierte früh mit. Und genau daraus machte er später Kapital.
1923 gründete er die Zeitung, die seinen Namen untrennbar mit der Geschichte der nationalsozialistischen Hetze verbinden sollte: Der Stürmer.
Schon der Titel war Programm. Nicht erklären. Nicht abwägen. Nicht berichten. Angreifen.
Der Stürmer war keine normale Zeitung. Er war ein wöchentliches Giftblatt, roh, obszön, fanatisch. Auf seinen Seiten wurden Juden als Verbrecher, Verführer, Parasiten, Kinderschänder, Volksfeinde dargestellt. Die Karikaturen waren absichtlich widerlich. Die Geschichten waren oft erfunden oder verdreht. Die Sprache zielte nicht auf den Verstand, sondern auf Ekel, Angst und Lust an Erniedrigung.
Streicher hatte ein Talent für etwas Gefährliches: Er konnte komplizierte politische und soziale Krisen in einfache Hassbilder verwandeln. Wenn jemand arbeitslos war, waren angeblich Juden schuld. Wenn Deutschland gedemütigt war, waren Juden schuld. Wenn Moral, Wirtschaft, Familie, Religion oder Nation bedroht schienen, zeigte Der Stürmer auf Juden.
Immer wieder.
Woche für Woche.
Jahr für Jahr.
Am 8. und 9. November 1923 nahm Streicher am Hitler-Ludendorff-Putsch teil, dem gescheiterten Versuch, die Regierung in München zu stürzen. Der Marsch endete in Schüssen. Fünfzehn Nationalsozialisten, ein Zuschauer und vier Polizisten starben. Hitler wurde verhaftet, wegen Hochverrats verurteilt und zu fünf Jahren Haft verurteilt, saß aber nur wenige Monate.
Auch Streicher bezahlte einen Preis. Er wurde vom Schuldienst suspendiert. Doch politisch nutzte ihm die Sache. In der Welt der Nationalsozialisten galt die Teilnahme am Putsch als Beweis der Treue. Als die NSDAP verboten war, arbeitete Streicher mit Tarnorganisationen weiter. Nach Hitlers Entlassung wurde er Gauleiter von Mittelfranken, später Gau Franken.
Nürnberg wurde seine Festung.
Zwischen 1924 und 1932 saß er im Bayerischen Landtag. Er war laut, aggressiv, unberechenbar. Doch mit jedem Jahr wuchs die Bewegung, der er diente. Die Wirtschaftskrise, Arbeitslosigkeit, Angst vor Kommunismus und politische Gewalt trieben immer mehr Menschen in die Arme radikaler Parteien. Streicher stand auf Bühnen, redete sich in Rage und verkaufte Hass als Rettung.
Am 30. Januar 1933 wurde Adolf Hitler Reichskanzler.
Für Streicher war das nicht nur ein politischer Sieg. Es war der Moment, in dem der Hetzer plötzlich Staatsmacht hinter sich hatte.
Schon wenige Wochen später zeigte sich, was das bedeutete. Am 1. April 1933 organisierte das Regime einen landesweiten Boykott jüdischer Geschäfte, Arztpraxen und Anwaltskanzleien. Streicher spielte dabei eine zentrale Rolle. Er wurde Vorsitzender eines Komitees, das angeblich gegen „Greuelpropaganda“ im Ausland vorgehen sollte. In Wahrheit war der Boykott der erste große, sichtbare Angriff des neuen Regimes auf jüdisches Leben in Deutschland.
SA-Männer stellten sich vor Schaufenster. Auf Türen wurden Davidsterne gemalt. Parolen prangten auf Fenstern: „Kauft nicht bei Juden.“ „Die Juden sind unser Unglück.“ Menschen, die seit Jahrzehnten in deutschen Städten gelebt, gearbeitet, Steuern gezahlt, Nachbarn gegrüßt hatten, wurden öffentlich markiert.
Viele Deutsche schauten zu.
Einige kauften trotzdem bei jüdischen Händlern. Andere gingen weiter. Die meisten sagten nichts.
Das Schweigen war Teil des Erfolgs.
Eine Woche später folgte das Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums. Juden wurden aus Schulen, Universitäten, Behörden gedrängt. Was als Boykott begonnen hatte, wurde zu Gesetz. Was als Parole geschrien worden war, stand plötzlich in Akten.
Streicher verstand die Macht dieses Übergangs. Erst beschmutzt man den Namen. Dann isoliert man den Menschen. Dann nimmt man ihm Arbeit, Würde, Rechte. Und wenn niemand mehr laut widerspricht, ist die nächste Stufe leichter.
Der Stürmer wurde in diesen Jahren zu einem Masseninstrument. 1935 erreichte er eine Auflage von Hunderttausenden Exemplaren. In vielen Städten hingen spezielle Schaukästen, sogenannte Stürmerkästen, in denen die neueste Ausgabe öffentlich ausgestellt wurde. Menschen blieben stehen. Kinder lasen mit. Arbeiter, Schüler, Hausfrauen, Beamte, Soldaten sahen dieselben Karikaturen, dieselben Lügen, dieselben Anschuldigungen.
Streicher hatte die Zeitung auf die Straße gebracht.
Sein Hass sollte nicht nur gelesen werden. Er sollte Teil des Alltags werden.
Besonders perfide war, dass er auch Kinder ins Visier nahm. Bücher wie Der Giftpilz stellten Juden als gefährlich, verführerisch und tödlich dar, ähnlich wie giftige Pilze, die harmlos aussehen, aber Menschen vergiften. Andere Kinderbücher zeichneten Juden als „Kinder des Teufels“ und stellten sie den angeblich reinen, gesunden „Ariern“ gegenüber.
Das war keine zufällige Brutalität. Es war Erziehung zur Menschenverachtung.
Ein Kind, das solche Bilder sah, sollte nicht lernen, einen jüdischen Mitschüler als Menschen zu erkennen. Es sollte Angst, Ekel und Misstrauen lernen. Es sollte glauben, Hass sei Vorsicht. Ausgrenzung sei Schutz. Grausamkeit sei Pflicht.
Genau darin lag die wahre Gefahr von Streicher. Er schuf keine Konzentrationslager. Aber er half, eine Gesellschaft daran zu gewöhnen, dass bestimmte Menschen nicht mehr dazugehören sollten.
Und dann kam 1935 Nürnberg.
In jener Stadt, in der Streicher so viel Macht hatte, wurden die Nürnberger Gesetze verkündet. Juden verloren die deutsche Staatsbürgerschaft. Ehen und sexuelle Beziehungen zwischen Juden und „Deutschblütigen“ wurden verboten. Der Staat machte aus rassistischer Ideologie Recht.
Streicher triumphierte. Seine Obsessionen, die viele selbst im NS-Apparat als vulgär empfanden, waren plötzlich Teil der offiziellen Ordnung geworden. Er hielt Reden, schrieb, hetzte weiter. In seinen Texten mischten sich sexuelle Fantasien, Verschwörungsmythen und Vernichtungswünsche. Manchen Nationalsozialisten war er peinlich. Aber Hitler mochte ihn. Hitler nannte Der Stürmer angeblich seine Lieblingszeitung. Und solange Hitler ihn schützte, konnte Streicher sich fast alles erlauben.
Fast.
Denn Macht macht nicht nur gefährlich. Sie macht gierig.
In Franken wurde Streicher zum kleinen Tyrannen. Man nannte ihn „Frankenführer“, „König von Nürnberg“, später auch „das Tier von Franken“. Er liebte die Bühne, die Uniform, die Unterwerfung anderer. Er beleidigte Gegner, bedrohte Beamte, sammelte Feinde. Er mischte politische Macht mit persönlicher Bereicherung.
Während der sogenannten Arisierung wurden jüdische Unternehmer, Hausbesitzer und Händler gezwungen, ihr Eigentum weit unter Wert zu verkaufen. In vielen Fällen profitierten Parteifunktionäre, Geschäftsleute und lokale Machthaber. Auch Streicher und sein Umfeld griffen zu. Häuser, Geschäfte, Grundstücke, Besitz, der Generationen gehört hatte, wurde durch Druck, Angst und Gewalt verschoben.
Für die Opfer war es Raub.
Für das Regime war es Verwaltung.
Für Streicher war es Gelegenheit.
Im August 1938 ließ er die Hauptsynagoge in Nürnberg abreißen. Später behauptete er, sie habe das deutsche Stadtbild gestört. In Wahrheit war es ein symbolischer Angriff. Eine jüdische Stätte wurde zerstört, bevor die reichsweite Gewalt der Pogromnacht kam.
Am 9. und 10. November 1938 brannten in Deutschland Synagogen. Jüdische Geschäfte wurden zerstört. Menschen wurden misshandelt, verhaftet, ermordet. In Nürnberg starben elf Menschen. Die Gewalt, die jahrelang in Worten vorbereitet worden war, stand nun offen auf der Straße.
Doch im Inneren der NS-Führung wuchs gleichzeitig der Ärger über Streicher. Nicht, weil er Juden verfolgte. Nicht, weil er hetzte. Nicht, weil Menschen in seinem Gau terrorisiert wurden. Sondern weil er als unkontrollierbar, korrupt und peinlich galt.
Hermann Göring, mächtiger Luftwaffenchef und einer der führenden Männer des Regimes, verachtete ihn. Streicher wiederum verbreitete schmutzige Gerüchte über Göring. Er behauptete unter anderem, Görings Tochter Edda sei durch künstliche Befruchtung gezeugt worden. In einem System voller Intrigen war das mehr als persönliche Beleidigung. Es war eine offene Kampfansage.
Andere Gauleiter beschwerten sich ebenfalls. Streicher hatte Affären, beleidigte Kollegen, bereicherte sich und benahm sich selbst nach NS-Maßstäben so grotesk, dass man ihn kaum noch kontrollieren konnte.
1940 zog die Partei schließlich die Reißleine. Ein Parteigericht erklärte ihn für unfähig zur Führung. Am 16. Februar 1940 verlor Streicher seine Ämter. Er durfte Nürnberg nicht mehr betreten. Öffentlich war er erledigt.
Aber nicht ganz.
Hitler ließ ihn nicht fallen wie einen gewöhnlichen Funktionär. Streicher durfte den Titel Gauleiter behalten. Er durfte die Uniform weiter tragen. Und vor allem durfte er Der Stürmer behalten. Die Zeitung und der Verlag brachten ihm weiterhin Geld und Einfluss. Er zog sich auf seinen Hof zurück, den Streicher-Hof, etwa zwanzig Kilometer von Nürnberg entfernt.
Nach außen war er nun ein gestürzter Mann.
Doch seine Hetze ging weiter.
Während in Osteuropa Ghettos errichtet, Massenerschießungen durchgeführt und Deportationszüge in Vernichtungslager geschickt wurden, veröffentlichte Streicher weiter antisemitische Texte. Er wusste genug. Er konnte nicht behaupten, in einer unschuldigen Blase gelebt zu haben. Berichte, Gerüchte, Bilder, offizielle Andeutungen, alles lag in der Luft des Regimes. Und selbst als das Morden längst begonnen hatte, schrieb er weiter von Vernichtung, Entfernung, Ausrottung.
Das war der Kern der späteren Anklage: Streicher hatte nicht nur vor der Gewalt gehetzt. Er hetzte weiter, als die Gewalt bereits Wirklichkeit war.
1943 starb seine Frau Kunigunde nach dreißig Jahren Ehe. Deutschland befand sich längst im totalen Krieg. Stalingrad war verloren. Alliierte Bomber zerstörten deutsche Städte. Im Osten rückte die Rote Armee vor. Im Westen bereiteten die Alliierten die Landung vor. Das Reich, das tausend Jahre dauern sollte, begann zu zerfallen.
Streicher aber blieb Streicher.
Als im Mai 1945 alles vorbei war, beging er nicht Selbstmord wie Hitler, Goebbels oder später Göring. Er versuchte zu verschwinden. Er heiratete seine frühere Sekretärin Adele Tappe und floh in die Alpen. Dort gab er sich als Maler aus. Der Name, den er benutzte, lautete Sailer.
Doch sein Gesicht war zu bekannt.
Am 23. Mai 1945 wurde er von amerikanischen Soldaten entdeckt und festgenommen. Zu den Männern, die an seiner Festnahme beteiligt waren, gehörte Major Henry Plitt von der 101. US-Luftlandedivision, ein amerikanischer Offizier jüdischer Herkunft. Die Nachricht verbreitete sich schnell: Der Mann, der sich jahrelang als „Judenhasser Nummer eins“ inszeniert hatte, war ausgerechnet von einem jüdischen Offizier gefasst worden.
Die Geschichte hatte einen ihrer grausamen, fast ironischen Momente geschaffen.
Nach der Verhaftung wirkte Streicher zeitweise verwirrt, exzentrisch, theatralisch. Doch ob das echte geistige Zerrüttung, Angst oder Berechnung war, blieb umstritten. Im Gefängnis von Nürnberg wurde er bald zur verachteten Figur unter den anderen Angeklagten. Selbst Männer, die tief in Kriegsverbrechen und Massenmord verstrickt waren, wollten mit Streicher wenig zu tun haben. Sie hielten ihn für primitiv, peinlich, schmutzig.
Ein amerikanischer Wachmann erinnerte sich später, Streicher habe oft nach Kaugummi gefragt, wenn er aus der Zelle zum Gericht gebracht wurde. Andere beschrieben bizarre Gewohnheiten. Er machte morgens Übungen auf dem Boden und soll sich danach Wasser aus der Toilette ins Gesicht geschüttet haben. Unter den Gefangenen galt er als „dirty old man“, als schmutziger alter Mann.
Aber im Gerichtssaal versuchte er noch einmal, Bühne zu bekommen.
Die Anklage gegen ihn lautete auf Verschwörung zur Begehung von Verbrechen gegen den Frieden und auf Verbrechen gegen die Menschlichkeit. In Bezug auf den Angriffskrieg war seine Rolle schwerer zu beweisen. Er hatte keine Armee geführt und keine Invasionspläne entworfen. Doch beim zweiten Punkt war die Sache anders.
Die Ankläger legten Ausgaben des Stürmer vor. Reden. Artikel. Karikaturen. Bücher. Jahrzehnte des Hasses, ordentlich gebunden, archiviert, nummeriert. Streicher sah sich nicht mit Gerüchten konfrontiert. Er sah seine eigenen Worte.
Und diese Worte waren schwerer, als er erwartet hatte.
Immer wieder versuchte er, aus Antworten Reden zu machen. Er griff die Alliierten an. Er beschwerte sich, das Gericht sei gegen ihn voreingenommen. Er behauptete, Richter und Gegner seien Juden oder von Juden beeinflusst. Er zitierte selektiv religiöse Texte, wie er es in seiner Zeitung getan hatte, um seine alten Vorurteile erneut auszubreiten.
Der Gerichtssaal ließ ihm weniger Raum als die Parteibühne.
Früher hatte er vor Anhängern gesprochen, die jubelten. Jetzt saß er vor Richtern, Dolmetschern, Protokollführern und Überlebenden einer Weltkatastrophe. Jedes Wort wurde festgehalten. Jede Ausflucht traf auf Dokumente.
Streicher behauptete, er habe vom Holocaust nichts gewusst. Er sei nur ein Mann gewesen, der Fremde aus Deutschland habe entfernen wollen. Ein Naturfreund, sagte er sinngemäß, kein Mörder.
Doch die Ankläger zeigten, dass seine Zeitung noch während der Massenmorde zur Vernichtung aufgerufen hatte. Sie argumentierten, Streicher habe den Boden bereitet, auf dem der Völkermord möglich wurde. Er habe die Deutschen nicht nur informiert oder politisch beeinflusst, sondern sie psychologisch an Verfolgung, Entmenschlichung und Mord gewöhnt.
Das war neu.
Nürnberg musste nicht nur über Schüsse, Befehle und Lager entscheiden. Es musste über die Verantwortung von Sprache entscheiden. Über den Moment, in dem Propaganda nicht mehr Meinung ist, sondern Beteiligung an einem Verbrechen.
Streicher verteidigte sich schlecht. Er wirkte nicht reuig. Er wirkte beleidigt. Als hätte die Welt ihn missverstanden. Als sei nicht seine Hetze das Problem gewesen, sondern die Tatsache, dass man sie jetzt gegen ihn verwendete.
Am 1. Oktober 1946 wurde das Urteil gesprochen.
Vom Vorwurf der Verbrechen gegen den Frieden wurde Streicher freigesprochen. Doch wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit wurde er schuldig gesprochen und zum Tode verurteilt.
Die Richter formulierten sinngemäß, Streicher sei über fünfundzwanzig Jahre als „Judenhetzer Nummer eins“ bekannt gewesen. Woche für Woche, Monat für Monat habe er das Gift des Antisemitismus in die Köpfe der Deutschen geträufelt. Als die Juden im Osten unter den schlimmsten Bedingungen ermordet wurden, habe er weiter zur Vernichtung aufgerufen.
Das Gericht erkannte: Worte können eine Mordmaschine nicht allein bauen. Aber sie können Menschen dazu bringen, wegzusehen, mitzumachen oder zu glauben, die Opfer hätten ihr Schicksal verdient.
Für Streicher war das Urteil ein Schock. Vielleicht hatte er geglaubt, dass man ihn im Vergleich zu Generälen und Ministern weniger hart bestrafen würde. Vielleicht dachte er, ein Zeitungsmann könne nicht neben den Architekten des Krieges hängen.
Doch Nürnberg sah es anders.
In der Nacht vor der Hinrichtung geschah noch ein letzter dramatischer Bruch. Hermann Göring, Streichers alter Feind, beging Selbstmord mit einer versteckten Zyankalikapsel. Er entzog sich dem Galgen. Für die Alliierten war das eine Blamage. Für die übrigen Verurteilten bedeutete es, dass die Reihenfolge der Hinrichtungen verändert wurde.
Am 16. Oktober 1946 wurden die Todesurteile vollstreckt.
Der Henker war Sergeant John C. Woods, ein Amerikaner. Später wurde viel darüber diskutiert, ob die Hinrichtungen sachgemäß durchgeführt wurden. Die Fallhöhe war offenbar zu kurz, die Falltüren zu eng. Mehrere Verurteilte starben nicht sofort durch Genickbruch, sondern langsam durch Ersticken. Manche schlugen beim Fall mit dem Kopf an.
Die Justiz, die in Nürnberg über Menschlichkeit gesprochen hatte, vollzog ihre härtesten Urteile in einer kalten, unbeholfenen Mechanik.
Dann kam Julius Streicher.
Er war einundsechzig Jahre alt. Als er zum Galgen geführt wurde, rief er noch einmal: „Heil Hitler!“ Es war kein mutiger letzter Satz, sondern der Reflex eines Mannes, der bis zuletzt an der Rolle festhielt, die ihn berühmt und schuldig gemacht hatte.
Ein amerikanischer Offizier fragte, ob er letzte Worte habe. Streicher antwortete, eines Tages würden die Bolschewiken auch sie hängen. Als ihm die schwarze Kapuze über den Kopf gezogen wurde, rief er nach seiner Frau: „Adele, meine liebe Frau.“
Dann öffnete sich die Falltür.
Der Tod kam nicht schnell.
Der Journalist Joseph Kingsbury-Smith, der die Hinrichtung beobachtete, berichtete, Streicher sei durch die Öffnung gefallen, habe aber offenbar nicht sofort das Genick gebrochen. Aus dem unteren Raum waren Geräusche zu hören. Stöhnen. Bewegungen. Ein Körper, der noch kämpfte. Es soll etwa fünfzehn Minuten gedauert haben, bis Julius Streicher tot war.
Der Mann, der jahrelang den Tod anderer mit Worten vorbereitet hatte, starb selbst einen qualvollen Tod.
Doch in dieser Szene lag keine Erlösung. Keine ausgleichende Gerechtigkeit, die das Geschehene ungeschehen machte. Die Menschen, deren Geschäfte beschmiert wurden, kamen nicht zurück. Die Kinder, die mit Giftbüchern erzogen wurden, konnten ihre vergiftete Kindheit nicht abstreifen. Die Deportierten, Erschossenen, Vergasten, Verhungerten blieben tot.
Streichers Leiche wurde später verbrannt. Die Asche wurde in die Isar gestreut, damit kein Grab zu einem Sammelpunkt für Verehrer werden konnte.
So endete das Leben eines Mannes, der als Lehrer begonnen hatte und als verurteilter Verbrecher gegen die Menschlichkeit starb.
Doch seine Geschichte endet nicht wirklich mit dem Strick.
Denn Julius Streicher war nicht gefährlich, weil er besonders intelligent war. Er war nicht gefährlich, weil er ein genialer Stratege gewesen wäre. Er war gefährlich, weil er verstand, wie man Hass einfach macht. Wie man Menschen nicht mit Beweisen, sondern mit Bildern prägt. Wie man Ekel erzeugt, bevor Nachdenken beginnt. Wie man Opfer so lange entstellt, bis ihre Verfolgung wie eine Notwendigkeit erscheint.
Das ist der eigentliche Schrecken seiner Geschichte.
Ein Mann mit einer Zeitung kann keine Nation allein in den Abgrund führen. Aber er kann mithelfen, die Sprache zu zerstören, in der Mitleid möglich ist. Er kann Nachbarn in Feinde verwandeln. Er kann Kindern beibringen, andere Kinder zu verachten. Er kann Gewalt vorbereiten, bevor der erste Befehl zur Deportation geschrieben ist.
Nürnberg erkannte genau das.
Zum ersten Mal wurde deutlich, dass internationale Gerechtigkeit nicht nur auf jene schauen musste, die den Abzug drückten oder Befehle unterschrieben. Sie musste auch auf jene schauen, die jahrelang erklärten, warum die Opfer angeblich keine Menschen mehr seien.
Julius Streicher wollte sich als Kämpfer darstellen.
Die Geschichte erinnert ihn als Warnung.
Als Warnung davor, dass Worte nicht harmlos bleiben, wenn sie systematisch entmenschlichen. Als Warnung davor, dass Hass nicht erst gefährlich wird, wenn er bewaffnet ist. Als Warnung davor, dass ein Regime seine Morde nicht nur mit Lagern, Waffen und Zügen vorbereitet, sondern mit Zeitungen, Schulbüchern, Karikaturen, Witzen, Parolen und Schweigen.
Am Ende stand Streicher in Nürnberg nicht nur wegen seiner eigenen Zeitung vor Gericht.
Er stand dort für eine Wahrheit, die jede Zeit neu lernen muss: Bevor Menschen vernichtet werden, werden sie oft zuerst in der Sprache vernichtet.
Und wenn eine Gesellschaft lange genug zulässt, dass Lügen wie Wahrheit klingen, kann ein Hetzer irgendwann behaupten, er habe nur geschrieben.
Doch die Toten wissen, wohin diese Worte führten.


