DER MANN, DER VON NICHTS GEWUSST HABEN WOLLTE: ERNST KALTENBRUNNERS WEG VON DER MACHT NACH NÜRNBERG

DER MANN, DER VON NICHTS GEWUSST HABEN WOLLTE: ERNST KALTENBRUNNERS WEG VON DER MACHT NACH NÜRNBERG

TEIL I

Bleiben Sie bis zum Ende dieser Geschichte, denn sie beginnt nicht in einem Konzentrationslager und nicht in einem Gerichtssaal, sondern mit einem Mann, der glaubte, seine Unterschriften, Befehle und Besuche könnten im Chaos des untergehenden „Dritten Reiches“ verschwinden. Im Mai 1945 versteckte sich Ernst Kaltenbrunner in den österreichischen Bergen. Wenige Monate später lag vor den Richtern in Nürnberg ein Geflecht aus Dokumenten, Zeugenaussagen und Fotografien. Seine letzte Verteidigung bestand aus einem einzigen Satz: Die anderen seien verantwortlich gewesen.

Kaltenbrunner war kein unbedeutender Funktionär, den der Krieg zufällig an die Spitze gespült hatte. Seit Januar 1943 leitete er das Reichssicherheitshauptamt, kurz RSHA. In dieser Behörde liefen Sicherheitsdienst, Gestapo und Kriminalpolizei zusammen. Sie koordinierte Verfolgung, Deportationen, Terror und Massenmord in weiten Teilen des von Deutschland beherrschten Europas. Wer an ihrer Spitze stand, befand sich im Zentrum eines verbrecherischen Systems.

Geboren wurde Ernst Kaltenbrunner am 4. Oktober 1903 in Ried im Innkreis. Er wuchs in einem bürgerlichen österreichischen Elternhaus auf; sein Vater war Rechtsanwalt. Nach der Schule studierte er in Graz Rechtswissenschaften und promovierte 1926. Äußerlich deutete sein Lebensweg zunächst auf eine konventionelle juristische Karriere hin. Doch unter dieser bürgerlichen Oberfläche radikalisierte sich ein Nationalist, für den Recht bald nicht mehr Grenze der Politik, sondern Werkzeug der Macht war.

Österreich war nach dem Ersten Weltkrieg ein kleiner Staat mit tiefen wirtschaftlichen und politischen Konflikten. Viele Deutschnationale lehnten seine Eigenständigkeit ab und verlangten den Anschluss an Deutschland. Kaltenbrunner teilte dieses Ziel. 1930 trat er der österreichischen NSDAP bei, 1931 der SS. Damit entschied er sich nicht nur für eine Partei, sondern für eine Bewegung, die Antisemitismus, Gewalt und die Zerstörung der demokratischen Ordnung zu ihrem Programm gemacht hatte.

Nach dem Verbot der österreichischen NSDAP im Jahr 1933 arbeiteten ihre Mitglieder im Untergrund weiter. Es kam zu Propagandaaktionen, Sprengstoffanschlägen und gewaltsamen Auseinandersetzungen. Kaltenbrunner wurde zeitweise inhaftiert. Später stellte er sich gern als politisch verfolgten Idealisten dar. Tatsächlich gehörte er zu einem Netzwerk, das einen souveränen Staat von innen destabilisieren und für Hitlers Herrschaft öffnen wollte.

Beim gescheiterten nationalsozialistischen Putsch im Juli 1934 wurde Bundeskanzler Engelbert Dollfuß ermordet. Die Regierung behielt zunächst die Kontrolle, doch der Druck aus dem Deutschen Reich nahm weiter zu. Kaltenbrunner stieg innerhalb der illegalen österreichischen SS auf. Er hielt Verbindungen zu Heinrich Himmler und Reinhard Heydrich und bewegte sich zwischen Österreich und Bayern, um Informationen, Anweisungen und Geld zu übermitteln.

Der entscheidende Moment kam im März 1938. Deutsche Truppen marschierten in Österreich ein, Hitler wurde von großen Menschenmengen bejubelt und der Staat dem Deutschen Reich einverleibt. Für viele begann eine Zeit nationaler Euphorie. Für politische Gegner, Roma und Sinti und besonders für die rund 200.000 jüdischen Menschen in Österreich begann eine Zeit öffentlicher Demütigung, Enteignung, Vertreibung und schließlich Vernichtung.

Jüdische Wienerinnen und Wiener wurden auf Straßen gezwungen, Parolen oder Gehwege zu schrubben, während Zuschauer sie verhöhnten. Wohnungen und Geschäfte wurden geplündert. Vor ausländischen Konsulaten bildeten sich Schlangen verzweifelter Menschen. Der „Anschluss“ war deshalb nicht nur eine territoriale Expansion. Er zeigte, wie schnell staatliche Entrechtung und gesellschaftliche Beteiligung ineinandergreifen konnten.

Kaltenbrunner profitierte unmittelbar. Er wurde Staatssekretär für das Sicherheitswesen und wenig später Höherer SS- und Polizeiführer im annektierten Österreich. Polizei und SS fielen damit in seinen Machtbereich. Er war nicht länger ein Aktivist im Untergrund. Er war nun Teil jenes Apparats, der Gewalt in Verwaltung verwandelte und Verfolgung mit Stempeln, Listen und Transportplänen organisierte.

In Wien entstand unter Adolf Eichmann die Zentralstelle für jüdische Auswanderung. Ihr bürokratischer Name verschleierte Zwang, Erpressung und systematische Beraubung. Jüdinnen und Juden mussten Vermögen abgeben, zahlreiche Stellen durchlaufen und das Land unter immer brutaleren Bedingungen verlassen. Das sogenannte Wiener Modell wurde später auf andere Gebiete übertragen. Es zeigte, wie effizient Täter sein konnten, wenn sie Verbrechen als Verwaltungsablauf behandelten.

Auch das Konzentrationslager Mauthausen wurde kurz nach dem „Anschluss“ errichtet. Es entwickelte sich mit seinen Nebenlagern zu einem der brutalsten Lagerkomplexe des NS-Systems. Gefangene mussten im Steinbruch unter mörderischen Bedingungen arbeiten und schwere Steine über die sogenannte Todesstiege tragen. Hunger, Misshandlungen, Hinrichtungen und systematische Vernichtung kosteten Zehntausende Menschen das Leben.

Kaltenbrunner besuchte Mauthausen. Später sollte er in Nürnberg behaupten, er sei niemals dort gewesen. Fotografien und Zeugenaussagen widersprachen ihm. Diese Lüge war mehr als ein Detail. Sie wurde zum Muster seiner gesamten Verteidigung: Wo Dokumente existierten, bestritt er ihre Bedeutung; wo Zeugen sprachen, zweifelte er an ihrer Erinnerung; wo seine Stellung unübersehbar war, erklärte er sie für rein formal.

Mit dem Überfall auf Polen am 1. September 1939 begann Deutschland den europäischen Krieg. Wenige Wochen später wurde das Reichssicherheitshauptamt geschaffen. Unter Reinhard Heydrich vereinte es Sicherheitsdienst und Sicherheitspolizei. Es war kein gewöhnliches Ministerium. Seine Ämter beobachteten Gegner, organisierten Terror und Deportationen und steuerten Einheiten, die hinter der Front Massenerschießungen durchführten.

Die Einsatzgruppen und andere deutsche Einheiten ermordeten in den besetzten Gebieten der Sowjetunion jüdische Männer, Frauen und Kinder, Roma, politische Funktionäre und weitere Verfolgte. Schluchten, Wälder und Gruben wurden zu Tatorten. Der Mord wurde protokolliert, die Opferzahlen wurden nach Berlin gemeldet. Die bürokratische Sprache der Berichte sollte verdecken, dass hinter jeder Zahl ein Mensch stand.

Im Januar 1942 trafen sich hochrangige Vertreter des NS-Staates am Wannsee, um die europaweite Deportation und Ermordung der jüdischen Bevölkerung zu koordinieren. Heydrich führte die Konferenz. Nach seinem Tod im Juni 1942 leitete Himmler das RSHA vorübergehend selbst. Im Januar 1943 ernannte er Kaltenbrunner zum neuen Chef. Der österreichische Jurist war nun Nachfolger eines der mächtigsten Organisatoren des Holocaust.

Zu diesem Zeitpunkt war der Massenmord längst im Gang. Vernichtungslager arbeiteten, Deportationszüge rollten und Millionen Menschen waren bereits ermordet worden. Kaltenbrunners Ernennung bedeutete daher nicht den Beginn des Verbrechens, wohl aber die Übernahme und Fortführung eines Apparats, dessen Zweck er kannte. Regelmäßige Meldungen, Befehlswege und Besprechungen führten bis in seine Behörde.

Als Chef des RSHA trug er Verantwortung für eine Organisation, die Menschen ohne rechtsstaatliches Verfahren in Konzentrationslager einweisen konnte. Sein Amt befasste sich mit Widerstand, Geheimdienst, politischen Gegnern und der Verfolgung ganzer Bevölkerungsgruppen. Die später behauptete Trennung zwischen „Nachrichtendienst“ und Terror existierte in dieser Form nicht. Beide Bereiche waren institutionell und personell miteinander verflochten.

Kaltenbrunner versuchte dennoch, sich als Fachmann für Spionage darzustellen. Diese Selbstdarstellung passte zu seinem späteren Bild vor Gericht: ein angeblich technischer Leiter, umgeben von mächtigeren Untergebenen und übergeordneten Befehlsgebern. Doch Macht zeigte sich im NS-Staat nicht nur darin, jeden einzelnen Mordbefehl selbst zu formulieren. Sie zeigte sich auch darin, den Apparat funktionsfähig zu halten.

Im Herbst 1943 richtete sich der deutsche Terror verstärkt gegen die